Digitale Welt

INFORMATIONSTECHNOLOGIE Der Absturz der Technologiewerte an der Börse erweckt den falschen Eindruck, die digitale Zukunft sei blockiert - tatsächlich aber ist das Internet erst zu einem Zehntel gebaut

Ein Gemeinplatz in der Computer-Branche ist das Moore´sche Gesetz, bekannt nach dem Mitbegründer des Chipherstellers Intel, Gordon E. Moore. Es besagt, dass sich die Speicherleistung pro Flächeneinheit alle 18 Monate verdoppelt, bis in etwa 16 Jahren die maximale Dichte erreicht ist, weil man dann auf der Ebene von wenigen Einzelatomen angekommen sein wird. Im Hinblick darauf hat bereits heute die Arbeit an dreidimensionalen Speichersystemen begonnen. Theoretisch ist die Grenze für die Speicherleistung auf übereinander gestapelten Ebenen von der Dicke weniger Atome offen. Das Moore´sche Gesetz könnte für weitere 16 Jahre bei zweidimensionalen Strukturen wirksam werden, die Speicherdichte noch einmal vertausendfacht werden. Dies bedeutet im Klartext, dass die Preise für Rechenleistungen weiterhin und auf unabsehbare Zeit dramatisch fallen werden. Es bedeutet, dass Rechenleistung für Anwendungen verfügbar sein werden, die sich heute noch nicht rechnen, für die aber bereits die Anwendungen geplant werden.

Sicherheitsdienste und Big Business


Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was staatliche und private Sicherheitsdienste mit billiger unbegrenzter Rechenleistung anfangen werden. Es wird ein Leichtes sein, biometrische Kennzeichen wie Augeniris, Fingerabdruck, DNA-Sequenzen und Gesichtsstruktur für jedes Individuum zu speichern und dezentralisiert verfügbar zu machen. Von der Zugangskontrolle zu heiklen Bereichen in Wirtschaft und Staat und der Überwachung der Bevölkerung im Rahmen der Aufstandsbekämpfung über automatisierten Zahlungsverkehr in allen Geschäften bis hin zur Vernetzung aller Daten im Gesundheitsbereich sind endlos viele Möglichkeiten denkbar.

Überall, wo heute noch Leute langweilige repetitive Tätigkeiten verrichten, wird mit Volldampf die Ersetzung solcher Arbeiten vorangetrieben. Der Detailhandel beispielsweise testet Systeme, die das Scannen der Ware an der Kasse unnötig machen. Möglich werden soll dies durch hauchdünne Folien, die auf der Ware selber angebracht sind und alle benötigten Daten enthalten. Die Kundinnen stoßen den Einkaufswagen - ohne die Waren aus dem Wagen zu nehmen - durch eine Schleuse, wo die Informationen auf den Folien abgelesen und mit den gespeicherten Preisen kombiniert werden. Sind die Kundinnen zudem mit ihren biometrischen Daten registriert, entfällt auch der Zahlvorgang durch fälsch- und stehlbare Karten. Durch automatisierte Warenbewirtschaftungssysteme werden die Waren zum Teil heute schon zur Nachbestellung vorgemerkt.

Umerziehung der Bevölkerung


Natürlich werden sich, wie bei jedem derartigen Eingriff in die Privatsphäre und wie bei jeder Verlagerung von menschlichen Dienstleistungen auf Automaten, Widerstände regen. Und wie immer sollte man die Intelligenz der Leute, die solche Systeme planen, nicht unterschätzen. Wer erinnert sich eigentlich noch daran, dass man früher sein Bargeld am Post- oder Bankschalter bei einer lebendigen Person bezogen hat? Dann kamen die Bancomaten und die Gebühren für den Geldbezug am Schalter wurden drastisch erhöht mit dem unvermeidlichen Resultat, dass auch eingeschworene AutomatenfeindInnen angesichts höherer Kosten und immer kürzerer Schalteröffnungszeiten bald zur Karte griffen.

Die Erfassung biometrischer Daten ist in dieser Hinsicht viel heikler, aber auch da lassen sich Wege finden. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt treibt die Einführung einer Gesundheitskarte voran. Die Karte soll alle medizinischen Informationen der Versicherten enthalten und ermöglichen, die Verwaltungskosten pro Jahr um etwa eine Milliarde Euro zu senken. Wenn dies als Argument noch nicht reicht, wird man verwirrte Alzheimerpatienten und andere Desorientierte anführen, die dank solcher mobiler Informationssysteme sofort identifiziert und schneller betreut werden können. Jeder Kindsmord mit sexuellem Hintergrund wird die Bereitschaft steigern, zuerst die rechtskräftig Verurteilten und dann bald alle anderen zu erfassen.

Individualisierte Profile


Die Kosten der Informationsspeicherung sind in den letzten Jahrzehnten dramatisch gesunken und werden weiter sinken. Mit der exponentiell wachsenden Informationsmenge stellt sich immer drängender das Problem der Informationsverarbeitung. Wer je versucht hat, im Internet innerhalb einer vernünftigen Frist eine bestimmte Information zu finden, kennt das Problem. Aber je genauer die Datenspuren der Einzelnen bei ihren Einkäufen, Veranstaltungsbesuchen, Kinoeintritten, bargeldlosen Abwicklungen von Reisen, Zeitschriftenabos bis zu Hotelübernachtungen verfolgt und miteinander verknüpft werden können, umso besser wird es möglich, individualisierte Profile anzulegen. Die heute schrotschussartig eingesetzte Werbung mit ihren enormen Streuverlusten wird individuell angepassten Angeboten weichen.

Ob diese Angebote beim Frühstück auf dem Flachfernsehschirm, auf der individuell zusammengestellten elektronischen Zeitung auf einer dünnen Folie, beim Einsteigen ins Auto auf dem Navigationssystem oder beim Bummel durch die Innenstadt auf dem Kombigerät Telefon/Notebook angezeigt werden, ist dabei eher nebensächlich.

Die Steigerung der Rechenleistung wird als Nebeneffekt auch die Steigerung des Schutzes für einige bieten. Bereits heute kann man für 15 Dollar Verschlüsselungssoftware für Daten kaufen, die mehr Verschlüsselungsmöglichkeiten (2448 ) bietet, als unsere Galaxie Atome hat (2228). Einzelne werden also ihre private Post besser schützen können als heute, aber es wird ihnen in Bezug auf ihre Privatsphäre relativ wenig nützen, weil jede Handlung eine Datenspur hinterlässt.

Obwohl die großen Netzwerkhersteller wegen zu schnell aufgebauter Kapazitäten im Moment harte Zeiten erleben, werden noch gewaltige Summen in den Ausbau und die Verknüpfung von Netzen fließen. Denn erst diese Verknüpfung von Rechenleistung und Netzwerk wird den Gesellschaften, die in diese Systeme investieren, die enormen Produktivitätssprünge erlauben, die heute anvisiert werden. Ob das über Kupferkabel, Glasfaser, existierende TV-Verkabelungen, das Stromnetz oder über einen Ausbau drahtloser Netze geschieht, hängt von den Kosten, bereits verfügbarer Infrastruktur und politischen Widerständen gegen weitere Funkantennen ab. Die Erfahrung zeigt aber, dass Organisationen und Strukturen ab einer gewissen Größe fast unsteuerbar und stark fehleranfällig werden, wenn man versucht, sie zentral und hierarchisch zu kontrollieren. Der Zugriff auf billige Rechenleistung wird es aber erlauben, riesige Datennetze als Ansammlung von kleineren, überblickbaren Netzen in einem föderalistischen System zu betreiben. Dies verhindert, dass jeder Programmfehler in einem Subsystem auf das ganze System durchschlägt und dieses schließlich unbrauchbar macht.

Digitale Spaltung


Obwohl Rechenleistung immer billiger wird, wird sie nicht so billig sein, dass sich die Investition in einen PC überall lohnt. Was heute als digitale Spaltung bereits beklagt wird, wird sich eher verschärfen als verkleinern. Wie jede neue Technologie werden auch die großen Digitalnetze mit ihrer unvorstellbaren Datenmenge und Rechenleistung diejenigen bevorzugen, die diese Werkzeuge am produktivsten einsetzen können. Und das werden nicht diejenigen Gesellschaften sein, die bis heute noch nicht einmal eine halbwegs funktionierende technische und politische Infrastruktur aufgebaut haben. Prospekte, die afrikanische Schulkinder zeigen, die dank Handy Anschluss an die große Welt finden, machen sich zwar gut, täuschen aber über das wahre Problem hinweg.

Auch in den westlichen Hochtechnologiezonen werden die Vor- und Nachteile der digitalen Welt sehr ungleich verteilt sein. Der eher mäßig qualifizierte Teil der Bevölkerung wird durch die Verdrängung aus automatisierbaren Tätigkeiten steigendem Druck ausgesetzt, die Hochqualifizierten werden in einem System, das sie selber schaffen, bestens leben können. Schon heute sind die Unterschiede innerhalb der OECD-Länder sehr groß.

Im Vergleich zu Ländern außerhalb dieses Raumes ist das Gefälle gewaltig. Wo große Teile der Bevölkerung noch AnalphabetInnen sind, elektrischer Strom nur sporadisch fließt und flächendeckende Korruption rationales Planen fast unmöglich macht, wird außer in einigen Hauptstadtquartieren niemand in die Digitalisierung investieren, weil Rechenleistungen und Datenflüsse nicht zu produktiven Zwecken verwertet werden können.

Kanalisierung des Verhaltens


Eine Welt allgegenwärtiger Sensoren, enormer strukturierter Datenflüsse, zielgenau zugeschnittener Informationsangebote und fast lückenloser Übersicht über die Handlungen aller Einzelnen mag Orwells Visionen als beunruhigend nahe erscheinen lassen. Nur wird die Entwicklung nicht so wahrgenommen. Allgegenwärtige Videoüberwachung und Identifizierung, perfektionierte Zugangskontrollen durch biometrische Daten und umfassende Bewegungsprofile werden als Erhöhung der Sicherheit angepriesen. Die Klaglosigkeit, mit der nach dem 11. September 2001 der Ausbau staatlicher Kontrollen und Überwachung hingenommen wurde, zeigt, dass die technischen Möglichkeiten auch zum Einsatz gelangen werden.

Die umfassende Ansammlung persönlicher Daten durch kommerziell Interessierte wird nicht als Durchlöcherung der Privatsphäre erlebt, sondern als Verbesserung der Informationslage: sei es die persönlich zugeschnittene Stauwarnung vor der Abfahrt, sei es das personalisierte Werbeangebot oder der Hinweis des persönlichen Digitalassistenten, im Kleidergeschäft, das man gerade passiert, seien noch die letzten drei Ausverkaufs-Manchesterkittel in passender Größe zu haben.

Die Kanalisierung des Verhaltens entlang den Datenströmen mächtiger Anbieter - von der Auswahl von Verkehrsträgern über die Auswahl von Reisezielen bis zur Wahl von Wohn- und Arbeitsort - wird als größere Wahlmöglichkeit und Erweiterung der persönlichen Freiheit empfunden und nicht als Konditionierung. Ähnlich wie die Gentechnik schafft sich die Digitalisierung keine mächtigen und symbolträchtigen Bauwerke wie AKWs oder Autobahnen, sondern strukturiert unser Leben durch unsichtbare Chips, Datenleitungen und die mit ihnen verknüpfte Logik.

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00:00 11.01.2002

Ausgabe 38/2021

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