DIN-Formate

A-Z Der Erste Weltkrieg sei der Vater der DIN-Norm, heißt es – im März feiern wir ihren 100. Geburtstag. Unser A–Z
DIN-Formate

Illustration: der Freitag

A

Angriff Der Krieg ist Vater aller DIN-Normen, kann man frei nach Heraklit sagen. Tatsächlich erfuhr das Normenwerk seine Geburt im Ersten Weltkrieg. Einheitliche Standards sollten die Materialbeschaffung erleichtern.

Sommer 1917: Der Normalienausschuss für den deutschen Maschinenbau sollte unterm Dach des Vereins Deutscher Ingenieure die Normierung besorgen. Und wurde erst einmal in Normenausschuss der deutschen Industrie umbenannt. Die erste DIN-Norm definiert den Kegelstift ( Stift), der vielfacher Behauptung nach für das Maschinengewehr 08/15 vorgesehen war. Das sei nicht belegt, kontert das DIN-Institut in Berlin. Wer will schon deutsche Ingenieure in Zusammenhang mit Krieg gebracht sehen? Vom Gewehr leitet sich die Redewendung Nullachtfuffzehn ab, die ihrerseits für etwas Normiertes, nichts Besonderes steht. Tobias Prüwer

B

Beauty, american Von den Polizeiuniformen bis zum Briefformat wirken die Dinge des US-Alltags im Kino auf rätselhafte Weise fotogener und attraktiver. Ein aus einem Umschlag gezogener Scheck, den es dann in einer Bankfiliale einzulösen gilt, hat einen ganz anderen Appeal (C4) als eine C6-Zahlungsanweisung.

Vielleicht liegt es an der schieren Größe des Landes. Als die ersten Städte Mitte des 19. Jahrhunderts bereits Metropolen waren, wunderten sich in Philadelphia angekommene deutsche Einwanderer über die breiten Gehsteige, wo „drei bis fünf Leut’ nebeneinanderher gehen könnten.“ Solche Weitläufigkeit schlägt sich in der Normierung von Gebrauchsgegenständen nieder. Vom handschmeichlerischen Zippo, das auch bei heftigem Wind noch funktioniert, bis zum Spacepen, der für die Raumfahrt entwickelt wurde, scheint amerikanischen Objekten der Gestus des Aufbruchs in unbekannte Weiten innezuwohnen. Das Kino erfand dafür eine Einstellungsgröße: le plan américaine, zwischen Halbnah und Totale zeigt sie die Kontrahenten im Western vom Kopf bis zu den Knien, damit der Colt im Bild ist. Marc Ottiker

C

C4 Gelinggarantie beim Eintüten: Was in den C4-Umschlag hineinkommt, passt, wackelt und hat Luft. C4 sichert als Norm, dass DIN-A4-Blätter einwandfrei im Umschlag untergebracht sind. Wie kein zweites Ding ist das A4-Papierformat die beste Veranschaulichung des gesamten DIN-Normwerks und seiner praktischen Seite im Alltag.

Seit 1922 bestimmt DIN A4 die Seitenlängen von 210 mal 297 Millimeter und räumte mit einem Formatwirrwarr – die hießen zum Beispiel Super-Royal oder Groß Patria – auf. Nach 14 Jahren hatte sich der Standard endgültig durchgesetzt. Davon profitieren nicht nur Bastelfans. Jede Papierflieger- und -hutanleitung ist dadurch verlässlich umsetzbar. Nur Origami baut noch auf das hinderliche Quadratformat, sodass man das rechteckige, praktische DIN A4 vor den Faltfreuden zuerst zurechtstutzen muss. Durch einen Schnitt in der Mitte erhält man das jeweils kleinere A-Format, was einen weiteren hübschen Kniff dieser Bestimmung ausmacht. Und dass auf Arbeit entwendetes Papier in den heimischen Drucker passt, ist sicherlich nicht gewollt, aber durchaus nützlicher Natur. Tobias Prüwer

D

DIN A Testbild Elektronisch, experimentell klang die Berliner Band schon in ihrem Gründungsjahr 1978. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn der West-Berliner Underground weiter entfernt scheint als der Mars (C4). Gegründet von Mark Eins und Gudrun Gut, erschien 1980 das Debüt Programm 1. Danach war die Gruppe substanzieller Teil jener Szene, die sich beim Festival Geniale Dilletanten in die Musikgeschichte eingeschrieben hat. DIN A Testbild musizierten etwa auch beim legendären Mauerbaufestival, den Eröffnungsfeierlichkeiten des S036. Mit dem DIN-Format hat das alles nichts zu tun: Diese Band kannte kaum Normen und Grenzen. Im Gegenteil: hektischer, aber auch freier klang der Berliner Underground selten. All das ist lange her. Kein Grund, DIN A Testbild, diese Band gegen die Norm, nun doch noch zu vergessen. Marc Peschke

K

Küche Viereinhalb Quadratmeter war das Maß für das „Laboratorium“ Küche (➝ Zentrum), das Bauhaus-Architekten in den 1920er Jahren den Nutzern einer Kleinwohnung zustanden. Dem Zeitgeist folgend und mit tätiger Unterstützung von Hausfrauenverbänden und Industrie sollten Hausfrauen darauf getrimmt werden, sich darin möglichst effizient zu bewegen. Parallel zogen vermehrt technische Gerätschaften in die Küche ein und damit die Standardisierung und Normierung im Privaten, bis hin zum Melitta-Filter. DIN EN 61591 beispielsweise schreibt die Eigenschaften von Dunstabzugshauben vor. Ulrike Baureithel

T

TGL Technische Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen (TGL) nannten sich die Standards, die in der DDR die DIN-Normen ersetzten. 1954 wurde nach sowjetischem Vorbild das Amt für Standardisierung gegründet. Ab 1955 legte dieses Amt die TGL für alle wichtigen Standards fest. Eine ganze Weile existieren DIN und TGL noch in friedlicher Koexistenz. Aber, mit dem Mauerbau wurde es eindeutiger. Der Kalte Krieg wurde Standard. Die DDR-Außenstellen des gesamtdeutsch organisierten DIN-Instituts wurden geschlossen. Es galten nur noch die TGL. Übernommene DIN-Normen erhielten eine 0 vor der Kennziffer. DIN A4 wurde zu TGL 0-476. Der Volksmund verkürzte zu A4.

Im Unterschied zu den DIN-Normen, die empfehlenden Charakter hatten und so Innovationen erleichterten, waren die TGL strikt einzuhalten und hatten Gesetzeskraft. Nach dem Mauerfall beendete das DDR-Amt für Normierung (DIN A Testbild) seine Arbeit und das DIN-Institut übernahm das Ruder. Die „Normenunion“ zwischen DDR und BRD trat am 4. Juli 1990 in Kraft – drei Tage nach der Währungsunion. Magda Geisler

Treppen Der deutsche DIN-Wahn bietet bisweilen Anlass für gemeinen Hohn und Spott, aber wie wichtig eine solche Norm ist, zeigt sich da, wo sie fehlt. Man denke nur an Treppen! Wer glaubt, ein Architekt könne hierzulande mal eben eine Treppe nach Gusto (Küche) einbauen, der irrt ganz gründlich.

Die DIN 18065 regelt Treppenmaße. Zu beachten ist nicht nur das Einhalten der korrekten Auftrittsbreite (a), die wiederum der mittleren Schrittlänge entspricht, sondern auch die adäquate Steigerungshöhe (s). Eine allzu steile Steigung in Verbindung mit schmalen Treppenstufen bringt den arglosen Treppentreter rasch aus dem Gleichgewicht, wie es sich leicht feststellen lässt, wenn man einmal ein Kirchengebäude, das Jahrhunderte vor der Einführung der DIN-Norm gebaut wurde, besteigt. Bang taumelt man dem sich ganz unerwartet steil auftuenden Abgrund (Wahn) entgegen, klammert sich an die nachträglich, gemäß moderner Bauverordnungen verschraubten Wandgeländerchen und hofft aufs Beste – einen sicheren Abstieg also. Heil unten angekommen, empfiehlt sich dann ein Stoßgebet: Gott sei Dank gibt’s die DIN! Marlen Hobrack

S

Stift Unter der Bezeichnung DI Norm 1 erschien am 1. März 1918 die erste DIN-Norm. Sie bestimmt Werkstoffe und Maße für Kegelstifte. Die konischen Verbindungselemente halten Maschinenteile zusammen, wofür sie in entsprechende Bohrungen eingepresst werden. Zum Teil dienen sie auch für wieder lösbare Verbindungen. Rüttel- und schüttelfest sind sie aber keinesfalls, was die These, die Norm sei fürs Maschinengewehr gemacht ( Angriff), nun ja: erschüttert. Eine solche Verbindung wäre unterm Ratatatat-Rückstoß der Waffe sicher schnell perdu. Im zivilen Leben haben sich Kegelstifte bewährt und die Norm hat als DIN EN 22339 bis heute Gültigkeit. Tobias Prüwer

W

Wahn DIN-Normen – der helle Wahnsinn (Treppen)! Es gibt sie sogar für die korrekten Türmaße. Ich sage, gut so, muss man nicht jedes Mal den Kopf einziehen. Nach nunmehr 100 Jahren DIN-Normalität möchte man sich ein gänzlich unnormiertes Leben gar nicht mehr vorstellen. Wussten Sie, dass es einen normativen und nicht normativen Teil der DIN-Norm gibt? Ein normatives Normelement beschreibt beispielsweise den Anwendungsbereich einer Norm. DIN-Normen sind übrigens nur Empfehlungen. Wie wahnwitzig wichtig wir Deutschen sie nehmen, zeigt sich darin, dass es unzählige Auslegestellen gibt, in denen die Normen eingesehen werden können. Eine davon ist, wie könnte es auch anders sein, die Deutsche Nationalbibliothek. Kein Wunder, wird die DIN doch durchweht vom Geiste des Deutschtums (Beauty, american). Nicht mit der Kontrolle der Normeneinhaltung beschäftigt ist – entgegen der namensinduzierten Vermutung – der Normenkontrollrat. Tatsächlich soll er durch die Kontrolle und Durchsicht von Regelungen und Normen sogar zum Bürokratieabbau führen. Na, wenn da kein Normenkontrollverlust droht! Marlen Hobrack

Welt Täglich gleitet es durch unsere Hände, gefaltet, geknüllt, glatt oder geknickt, aber immer in den gleichen Maßen, stets seine Proportionen wahrend. Selbstähnlich beim Hälfteln oder Entfalten, fasst es die ganze Welt der Buchstaben, Zahlen und Zeichen auf papierenem Grund, dessen mathematische Gesetzmäßigkeit seiner Maße sich bis zu einer Notiz von G.C. Lichtenberg von 1796 zurückverfolgen läßt. Es ist die sichtbarste und zugleich gewöhnlichste Errungenschaft des DIN, die 1921 etablierte Norm für metrische Flachformate, DIN 476, seit 1961 fast weltweit akzeptiert als ISO-Norm 216. Als offizieller „geistiger Vater“ gilt Walter Porstmann, der sich jedoch der Ideen des Chemienobelpreisträgers Wilhelm Ostwald bediente, der sich unterdessen der Ideen des Schweizer Projektemachers Karl Wilhelm Bührer bediente. Die Väter des Formats gehen auseinander hervor wie seine Größen, A4, A5, A6, (C4) aus den drei Prinzipien: Ähnlichkeit, Hälftung, Ausgangsgröße.

Den größten Anspruch formulierte Ostwald, indem er das Papierformat schon 1911 global zu standardisieren vorschlug unter dem sprechenden Titel „Weltformat“. Auch wenn die Welt vor dem Weltkrieg noch nicht bereit war: Am Ende setzte sich sein ehemaliger Sekretär Porstmann durch mit „seinen“ Konzepten. Ostwald blieb nichts als der Eigensinn, am Weltformat festzuhalten. In seinem Landhaus „Energie“ bei Großbothenhaben alle Merkzettel und Brieftaschen, Visitenkarten und natürlich das Briefpapier, aber auch die Sofakissen und nicht zuletzt Tischdecken und Handtücher Weltformat. Markus Krajewski

Z

Zentrum Nur was wichtig ist für die kollektive Identität, dem wird ein Denkmal im Zentrum einer Stadt errichtet. So wie der DIN-Platz im Berliner Stadtteil Tiergarten. Ein Ort entsprungen wie aus der deutschen Sehnsucht nach Normalität. Dort ist nichts Sehenswertes. Es ist ein Platz wie jeder andere. Dem Besucher sagt ein weißes Schild: Das hier ist der „DIN-Platz“. Er ist der „normalste Platz Deutschlands“, befand die Berliner Morgenpost. Und das im Zentrum der Hauptstadt, in der sonst vor allem die Extreme ausgestellt sind. Wo sonst wird die Normalität in den Mittelpunkt gerückt? Museen, Geschichtsbücher, Denkmäler, sie alle widmen sich dem Außergewöhnlichen. Marlene Brey

06:00 17.03.2018

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