Diplomatie

A–Z Warum der Westen an diplomatischen Urtugenden festhalten sollte, eine Schalmei ein Affront sein kann, Ping-Pong entspannt und Christian Schwochows neuer Politthriller sehr sehenswert ist. Unser Lexikon

A

Aachen Nachdem Napoleon bezwungen war, machten sich die Siegermächte an die Neuordnung Europas und wollten sich Territorien wie Kuchenstücke zuteilen. Auf dem Wiener Kongress von 1814/15 kamen 200 Vertreter fast aller europäischen Staaten zusammen, um die neuen Grenzziehungen mit einem dauerhaften Friedensschluss (➝ München) zu legitimieren. Es wurde das erste Europa umspannende diplomatische System begründet. Dagegen wirkte der Aachener Kongress 1818 wie ein Sieg der Restauration: Es trafen sich nur die Köpfe der Großmächte auf diesem „Monarchenkongress“. Sie besprachen unter anderem Maßnahmen, um die revolutionären Bewegungen zu stoppen. Frankreich wurde wieder in den monarchischen Bund geholt, der Europas Geschicke bestimmen sollte: Fünf Mächte sollt ihr sein. Die diplomatisch errungene Friedensordnung hielt fast 100 Jahre. Tobias Prüwer

G

Geheim Laut New York Times schloss Ursula von der Leyen, als sie wegen fehlender Covid-19-Impfstoffe in der Kritik stand, mit Pfizer-Konzernchef Albert Bourla einen Deal, der seine Firma zum Hauptlieferanten der EU machte. Die entsprechenden Handy-Daten sind gelöscht. Machenschaften hinter verschlossenen Türen – wenn Medien sie uns als Skandal verkaufen, liefern sie die Illusion einer ansonsten transparenten Demokratie gleich mit. Ob gewinnbringende Geschäfte oder außenpolitische Aktivitäten, meist erfährt die Öffentlichkeit nur, was sie erfahren soll. „Geheimdiplomatie“ ist wie ein „weißer Schimmel“. Zu schwierigen Verhandlungen gehört die Übereinkunft, was verlautbart wird und was nicht. Der diplomatische Erfolg, durch Kompromisse Konfrontation zu verhindern, stünde infrage, wenn Zugeständnisse später in die Kritik geraten und mindestens einer der Partner sein Gesicht oder das Vertrauen anderer Staaten verliert. Da kann jede Rhetorik ein Täuschungsmanöver sein. Irmtraud Gutschke

H

Honey „Honey, ich glaub, du bist doch eigentlich auch ganz locker / Ich weiß, tief in dir drin, bist du doch eigentlich auch ’n Rocker“, sang Udo Lindenberg 1983 im Song Sonderzug nach Pankow. Und was ein Rocker braucht, ist eine Lederjacke. Die war, in echtem Panik-Style, in der DDR schwer zu haben, worauf Lindenberg dem „Oberindianer“ Honecker ein Exemplar aus dem eigenen Fundus schenkte. Das war 1987. Schon lange wollte Lindenberg durch die DDR touren. 1983 hatte er ein Konzert im Palast der Republik vor ausgewähltem Publikum aus Funktionären und FDJ gegeben. Doch Lindenbergs Ansagen bei dem Konzert waren nicht nach Honeys Geschmack – die eigentlich vereinbarte Konzertreise wurde abgesagt. Und auch die Lederjacke vier Jahre später konnte Honecker nicht erweichen: Statt einer Auftrittsgenehmigung schenkte er Lindenberg eine Schalmei – das Instrument der Bergmannsreviere, der Arbeitermusikvereine und des Roten Frontkämpferbundes – wo er einst selbst mit dem Instrument musiziert hatte. Drei Monate später trafen sich die beiden in Wuppertal vor dem Engels-Haus, wo Lindenberg ein weiteres Geschenk (➝ Ping-Pong)überreichte, eine E-Gitarre mit dem Spruch: „Gitarren statt Knarren“. Marc Peschke

I

Institut Ein Setting à la Stromberg: ein Kulturinstitut, das die deutsche Sprache und Literatur in dem erfundenen Land Kisbekistan verteidigt. Es bietet viel Spielraum für die Auseinandersetzung der Deutschen mit sich selbst und ihrem Platz in der Welt. Das ist wider Erwarten komisch – zumindest in der Sitcom „Das Institut – Oase des Scheiterns (2017)“. Solch subversiven Humor sieht man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen selten.Die beiden – je achtteiligen – Staffeln schonen weder wohlmeinende, aber ratlose Vermittler deutschen Kulturguts noch die wenig interessierten Einheimischen. Letztere debattieren auf Arabisch über den Monotheismus in Lessings Nathan der Weise, während sich die deutschen Institutsmitarbeiter überlegen, wie viele Tampons man in dem Stück unterbringen kann, um für die Schleichwerbung eine Finanzspritze zu kassieren. Elke Allenstein

M

München Mit dem Stichwort „München“ lässt sich heute noch eine diplomatische Verhandlung in Verruf bringen. „Peace for our time“, so pries der britische Premier Chamberlain das am 29. September 1938 getroffene Abkommen, in dem Teile der Tschechoslowakei Hitler-Deutschland zugeschlagen wurden. In dem historischen Roman „München“ versuchte Robert Harris 2017 eine weniger höhnische Bewertung von Chamberlains Diplomatie. Christian Schwochow hat den Roman für Netflix verfilmt, als nervenaufreibenden, packenden Thriller. Barbara Schweizerhof

N

Norpois Der Marquis de Norpois ist ein französischer Diplomat, den Marcel Proust in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Urteile über prosaische Kunst erteilen lässt. Der fiktive Schriftsteller Bergotte wird abgetan. Kaum Handlung, rügt der Diplomat: „Niemals trifft man in seinen molluskelhaften Werken auf ein festes Gerüst.“ Dagegen bewundert er einen fiktiven König dafür, die Beziehung seines Staates zu Frankreich mit Goethes Romantitel eine „Wahlverwandtschaft“ genannt zu haben. Das sei zwar kein diplomatisches Wort, aber „Sie sehen, Literatur kann nichts schaden“, belehrt er den jungen Marcel des Romans. Der hat sich freilich nicht abhalten lassen, „molluskelhaft“ – wie ein Weichtier – zu schreiben. Michael Jäger

P

Ping-Pong Als 1971, während der Weltmeisterschaften im japanischen Nagoya, der US-amerikanische Spieler Glenn Cowan aus Versehen in den Mannschaftsbus des chinesischen Teams steigt, ist das der Auftakt der sogenannten Ping-Pong-Diplomatie. In der hintersten Reihe des Busses besinnt sich der dreimalige Einzelweltmeister Zhuang Zedong seiner guten konfuzianischen Erziehung, die besagt, allen Menschen gegenüber freundlich aufzutreten, und überreicht Cowan ein auf Seide gemaltes Bild. Beide steigen gemeinsam vor den Augen der Weltpresse aus dem Bus, was beträchtliche Nervositäten in beiden Lagern auslöst. Als Cowan dem Kollegen seinerseits ein T-Shirt mit dem Friedenszeichen als Gegengeschenk überreicht (➝ Honey), scheint der Damm gebrochen. Unmittelbar nach dem Turnier lädt China die US-Mannschaft nach Peking ein. Infolge des Treffens bereitete Henry Kissinger im Sommer 1971 Richard Nixons historischen Besuch in China im Februar 1972 vor. Marc Ottiker

R

Rhetorik Stereotyp des Diplomaten als intriganten Strippenziehers war Kardinal Richelieu (1585 – 1642). Der Katholik paktierte schon mal mit Protestanten, wenn es nützlich war. Französisch galt seinerzeit als Sprache der Diplomatie, was vor allen Dingen am Status der Großmacht (➝ Aachen) Frankreich lag, die überall ihre diplomatischen Vertreter hatte. Das bedeutet nicht, dass französische Politiker sich stets vorsichtig ausdrücken. Sie können drastisch formulieren, dient es dem Zweck. Präsident Emmanuel Macron bemerkte jüngst, er habe „große Lust, den Ungeimpften auf die Eier zu gehen“. Diese als „spalterischer Wutausbruch“ skandalisierte Attacke war Kalkül: 90 Prozent der Franzosen sind geimpft, die Mehrheit für eine Impfpflicht, Macron hat sich zu ihrem gefühltem Sprachrohr gemacht. Zu diplomatischer Deeskalation im französischen Wahlkampf rief die Firma Kärcher auf. Wieder geht das Wort um, „Vorstädte mit dem Kärcher zu reinigen“, das Innenminister Nicolas Sarkozy prägte. Der deutsche Reinigerhersteller aber möchte neutral bleiben. Tobias Prüwer

S

Staatsjagd So nannte sich in der DDR ein Ereignis im Herbst oder Winter, das anderswo Diplomatenjagd genannt wurde. Beide Namen verlocken zu Scherzen über die Frage, wer wen da hetzt und jagt. In Reinhard Meys Spottlied von 1975, das die Eitelkeiten der Prestigejagd weiter westlich von Magdeburg oder Erfurt aufs Korn nahm, findet der „Außenminister den Tod“, weil ein Jäger „das Wort Diplomatenjagd etwas zu wörtlich genommen hat“. Als 2015 der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier den Brauch wieder aufnahm, gab’s Protest. Einst in der DDR also lud der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker (Honey) zum Schuss, und so fanden sich Repräsentanten akkreditierter Staaten mit Büchse ein. Es gab Fernsehberichte über das staatstragende Treiben, Drücken und Schießen. Dann bliesen die Jäger ins Horn und Honecker rief „Horrido“. Das erlegte Wild lag ihm zu Füßen. Vielerlei Legenden kursierten darüber, auf welche Weise der Jagderfolg gesichert wurde.

Ich wüsste gern, ob bei solchen gemeinsamen Schüssen auch Abschlüsse vorbereitet wurden. Die Rede geht, dass Honecker beim Jagen mit Breschnew an Ulbrichts Abschuss gearbeitet hätte. Ich fand die Jagdinszenierungen peinlich. Das devote Zelebrieren feudaler Bräuche – es war wenig souverän. So als würden kleinbürgerliche Emporkömmlinge allzu eifrig ihren Aufstieg feiern. Der Kampf um Anerkennung betraf eben nicht nur das Land DDR, sondern auch sein Personal. Magda Geisler

W

Wasserstoff Abgeschlossenes Studium etwa der Politik- oder Geowissenschaften, Fachkompetenz im Bereich Energiepolitik, hohes diplomatisches Geschick, ausgewiesene Repräsentationskompetenz, Ukrainisch- und Russischkenntnisse von Vorteil: Im Internet ist die Stellenanzeige noch zu finden für die Leitung jenes „Büros für Wasserstoff-Diplomatie“ in Kiew, dessen Eröffnung Außenministerin Annalena Baerbock bei ihrem Antrittsbesuch in der Ukraine angekündigt hat. Der Cicero spottete über „Baerbocks lächerliche ,Wasserstoff-Diplomatie‘“. Dabei wurde diese bereits von der vorherigen Bundesregierung angestoßen. Deutschland muss jede Menge Wasserstoff importieren, soll der hier wirklich Schmiermittel der Transformation werden. Heutige Exporteure fossiler Brennstoffe sind dafür gute Ansprechpartner, mitunter verfügen sie über Infrastruktur, wie Pipelines, die man umwidmen kann: „Hydrogen Diplomacy Offices“ eröffnet Deutschland auch in Saudi-Arabien, Angola, Nigeria – und Russland. Sebastian Puschner

Z

Zugriff Die erzieherische Anmaßung, ohne die westliche Politik kaum mehr auskommt, verschont auch die Diplomatie nicht. Exemplarischer Fall war im Herbst die Erklärung von zehn Botschaftern, darunter des deutschen, in Ankara. Darin verlangten sie von der türkischen Regierung, den Kulturmäzen Osman Kavala aus der Haft zu entlassen. Wo Diskretion geboten schien, um Einfluss auf die türkische Politik zu nehmen, erhielt ein medial unterfütterter Zugriff den Vorzug. Statt Urtugenden der Diplomatie auszuschöpfen (➝ Richelieu), wurde die Untugend ausgereizt, die Souveränität eines Gastlandes zu missachten, was mit angedrohter Ausweisung quittiert wurde. Die Botschafter ruderten zurück. Lutz Herden

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