Drehscheibe für Dschihadisten

Belgien Zum wiederholten Mal kommen islamistische Attentäter aus dem Brüsseler Stadtviertel Molenbeek. Eine Suche nach Erklärungen
Tobias Müller | Ausgabe 47/2015 2
Drehscheibe für Dschihadisten
Eine Hochburg fundamentalistischer Muslime

Foto: Dirk Waem/AFP/Getty Images

Molenbeek, natürlich. Kein anderes Stadtviertel in Europa ist in den Tagen nach dem dschihadistischen Terror von Paris derart in den Fokus der internationalen Medien gerückt. Und nach den Verbindungen zu all den anderen Anschlägen, zu Charlie Hebdo und dem koscheren Supermarkt in Paris, zum jüdischen Museum in Brüssel und zu dem verhinderten Massaker im Schnellzug Thalys scheint es beinah logisch, dass Molenbeek auch diesmal wieder eine Rolle spielt. Oder laufen dort in Person des mutmaßlichen Mörders Salah Abdeslam und in Person von Abdelhamid Abaaoud, dem vermeintlichen Kopf hinter den Attentaten, gar die Fäden zusammen?

In Belgien steht Molenbeek schon länger im Ruf, eine Hochburg fundamentalistischer Muslime zu sein. Bereits 2005 erschien eine Undercover-Reportage der Journalistin Hind Fraihi, die dort nicht nur auf die damals heftig diskutierten Parallelgesellschaften traf, sondern auch auf expandierenden militanten Islamismus. Wie Belgien bei den europäischen Syrienkämpfern überproportional vertreten ist, gilt das innerhalb des Landes für Molenbeek. Auf dem Höhepunkt der Ausreisewelle im Frühjahr 2013 wähnte man zwölf junge Muslime aus dem Bezirk in Syrien, bei einer Bevölkerung von knapp 100.000 Menschen – einer der höchsten Werte des Landes.

Das Viertel, das durch den Charleroi-Brüssel-Kanal vom Zentrum Brüssels getrennt wird, gilt mittlerweile europaweit als Sicherheitsrisiko. Der belgische Innenminister Jan Jambon nannte noch vergangene Woche just Brüssel als Zentrum der EU ein schwaches Glied in der Verteidigungskette gegen den Terrorismus. Am Tag nach den Anschlägen begannen in Molenbeek die Razzien, die sich bis zu der erfolglosen Jagd auf Salah Abdeslam am Montag hinzogen. Darin zeigt sich die Umsetzung von Jambons Ankündigung, er werde „Molenbeek aufräumen“. Dahinter steht aber auch ein Eingeständnis. „Wir haben die Dinge in Molenbeek nicht unter Kontrolle”, sagte der Innenminister am Sonntag nach den Anschlägen.

Angesichts des Pariser Blutbads benennt diese Aussage das Offensichtliche – und ist doch frappierend nach der langen Vorwarnzeit. Das Stereotyp der belgischen Schlampigkeit, des schulterzuckenden Laisser-faire und uneffektiver Behörden mischen sich dieser Tage in mancher Analyse zu einer Erklärung zusammen. Wie sonst soll man begreifen können, dass wenige Kilometer von den EU-Institutionen entfernt sich scheinbar ungestört dschihadistische Strukturen entwickeln können?

Der Politologe Dave Sinardet von der Freien Universität Brüssel, Spezialist für das komplexe Thema des belgischen Föderalismus, sieht die politischen Strukturen der Hauptstadt in der Verantwortung. Die Einteilung in sechs unterschiedliche Polizei-Zonen, „die vielleicht nicht gut kommunizieren“, und 19 Gemeinden, von denen Molenbeek eine ist, führe zu eingeschränkten Befugnissen. „Diese sind nicht gerade förderlich für eine integrale Politik in Brüssel – ob es nun Sicherheit, Integration oder Bildung betrifft.”

Hauptgrund dafür ist allerdings weniger die vermeintliche Schlampigkeit, sondern die komplizierte Verfasstheit der „Hauptstadt-Region Brüssel“, die erst 1989 als eine Art gemeinschaftlicher Puffer entstand: zwischen den konkurrierenden Sprachgruppen der frankofonen und niederländischsprachigen Belgier. Die politischen Zuständigkeiten und Verhältnisse zwischen den Gremien der Sprachgruppen in Brüssel sind nach zahlreichen Runden der belgischen Regionalisierung für Außenstehende kaum noch zu durchschauen.

In belgischen Medien plädiert der Politologe Sinardet dieser Tage gleichsam dafür, die Situation in Molenbeek nuanciert zu analysieren. Dazu gehöre nicht zuletzt auch die langjährige Unterschätzung der Entwicklungen seitens des Parti-Socialiste-Bürgermeisters Philippe Moureaux. „Jedes Signal eines Problems tat er ab als Kritik an der multikulturellen Gesellschaft.“ Zugleich kritisiert Sinardet aber auch, dass sich im aktuellen Diskurs jeder diejenigen vornähme, die ihm ins politische Konzept passten: „Wer mit der PS nicht übereinstimmt, hat nur den Ex-Bürgermeister im Fokus. Wer die aktuelle Mitte-Rechts-Regierung kritisiert, richtet sich eher auf das Versagen der Geheimdienste.“

Die Transitkommune

Im Gespräch mit dem Freitag betont Sinardet, hinter der Situation in Molenbeek stehe „ein Cocktail von Faktoren“. Die fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, die völlige Abwesenheit von Chancen und die soziale Ausgrenzung nennt er „notwendige Faktoren“. Sie seien aber noch keine hinreichenden. Der Publizist Montasser Alde’emeh, selbst in Molenbeek wohnend und Experte auf dem Gebiet belgischer Homegrown-Dschihadisten, bringt vor allem die hohe Konzentration von Muslimen ins Spiel. Die liegt in Molenbeek bei rund 40 Prozent. Das unterscheide das Viertel selbst von anderen belgischen Kommunen mit vielen Syrienkämpfern. „Wenn sich in einer solchen Gemeinschaft jemand radikalisiert, hat das Auswirkungen auf sein Umfeld. Daneben kann man in dieser Umgebung gut untertauchen.“

Jan Gypers, als liberaler Kommunalpolitiker in Molenbeek Dezernent für Mobilität, weist dagegen noch auf einen anderen Faktor hin: die hohe Fluktuation der Bevölkerung. „Wir sind eine Transitkommune. Migranten kommen aus dem Ausland nach Molenbeek und so schnell es geht, ziehen sie wieder weg. Das ist eine permanente Rotation.“ Grund für diesen ständigen Wechsel ist, dass Molenbeek eine der ärmsten Gemeinden des Landes ist. Das Viertel habe schon immer ein Image als „Sozialamt von Belgien“ gehabt, sagt Gypers.

Diese Beschreibung führt zu einer erweiterten Sicht auf Molenbeek als Knotenpunkt dschihadistischer Ströme: Bewohner wie der jetzige Hauptverdächtige Abdelhamid Abaaoud waren jahrelang im IS-Gebiet, einige sind von dort wohl nach Molenbeek zurückgekehrt, wieder andere werden vielleicht noch gehen. Wer sich die Profile der mutmaßlichen Attentäter von Paris anschaut, findet unter ihnen Vertreter der unterschiedlichen Gruppen. „Eine Drehscheibe“, nennt Sinardet das. „Es geht nicht nur um Menschen, die in Molenbeek geboren wurden oder aufwuchsen, sondern auch solche, die en passant dorthin kommen. Die Möglichkeit, dort Unterschlupf zu finden, macht den Bezirk interessant.“

Als ersten Schritt kündigte der Ministerpräsident der Region Brüssel nun eine engere Zusammenarbeit der verschiedenen Polizei-Zonen an. Zudem bekommt die Hauptstadt-Polizei 2016 eine 125-Millionen-Euro-Spritze sowie zudem noch personelle Unterstützung der föderalen Polizei. Unterdessen beschäftigt das Thema Molenbeek Belgien auch in dieser Woche weiter: Weil man den flüchtigen Salah Abdeslam weiter in Brüssel vermutet, wurde das für Dienstag geplante Fußball-Länderspiel zwischen Belgien und Spanien abgesagt und die zweithöchste Stufe des vierstufigen Terror-Warnsystems verhängt.

Im Zentrum von Molenbeek wurden am Mittwochabend Kerzen angezündet und der Opfer von Paris gedacht. Unter dem Slogan „Molenbeek gibt Licht“ hatte eine lokale Initiative dazu aufgerufen, Solidarität und Zusammenhalt auszudrücken. Mehrere hundert Menschen folgten dem Aufruf und zeigten so, dass Molenbeek für sie für etwas anderes steht. Den Ruf des Stadtteils wird das aber erstmal nicht retten.

Weitere aktuelle Berichte und Analysen zu den Anschlägen von Paris und ihren Folgen finden Sie online unter: freitag.de/paris

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