Drei echte Bretter

Musik Dinosaur Jr. klingen auch auf ihrem neuen Album wie Ende der 80er: nostalgiefrei
Marc Peschke | Ausgabe 31/2016

Nein, in den 80ern war es nicht wirklich cool, solche hardrockmäßigen, ellenlangen Gitarrensoli zu spielen wie Led Zeppelin. Joseph Donald Mascis Junior war der Mann, der es trotzdem tat. Der all das, was schon da war, mit einer Prise Neil Young würzte und in so zuckrige Melodien packte, dass man es unter Indie-Rock einsortierte.

Mascis, der 1965 in Massachusetts geborene Großmeister aller Gitarrenschrammler, der charismatisch-phlegmatische Anti-Star mit Hornbrille, gründete Dinosaur 1983. Wegen der alten Hippieband Dinosaurs musste sich die Band später umbenennen, Mascis hängte das „Jr.“ an und wurde (ohne Hit) zum kultisch verehrten Musiker. Alle liebten ihn, allen voran Kurt Cobain, der ihm den Job als Nirvana-Schlagzeuger anbot – den Mascis selbstverständlich ablehnte.

1998 löste sich die Band nach immerhin neun Alben auf. Die Versöhnung von Bassist Lou Barlow, Schlagzeuger Emmet Murphy und J Mascis sowie die folgende Wiedervereinigung von Dinosaur Jr. im Jahr 2005 waren eine veritable Sensation. Doch noch sensationeller sind die Alben, die seitdem erschienen sind. Auf diesen – Beyond, Farm und I Bet on Sky – trat neben Mascis nun auch Barlow gelegentlich als Songwriter aus dem Schatten, mit Songs, die auf vollendete Weise Schönheit mit Störrigkeit verbinden.

Dinosaur Jr. klingen auch auf ihrem ganz neuen Album Give a Glimpse of What Yer Not wie schon Ende der 80er. „Ich habe das Gefühl, wir machen genau da weiter, wo wir aufgehört haben“, sagt Mascis – und es stimmt. Zu hören sind unglaublich schöne, melancholische Songs, verpackt in einen liederlichen, lärmenden Slacker-Sound, der nichts weniger braucht als eine Weiterentwicklung.

Hören wir etwa Tiny, das Stück mit dem Video, in dem sich Mascis mit seiner Bulldogge – beide auf einem eigenen Skateboard – in den städtischen Skatepark begibt. Es ist egal, ob man schon ein bisschen älter ist, weiße Haare hat – oder eben als dicker, schnarchender Hund in die Welt geworfen wurde: Die Halfpipe ist für alle da.

Alles beim Alten, Alter

Der Sound des Albums ist schnell beschrieben: Dieses unglaublich trockene Minimalschlagzeug des Drummers Murph, der durchgespielte Bass von Barlow und die freudig dröhnende E-Gitarre von Mascis. Das Ganze klingt keinen Moment nostalgisch, eher so wie immer.

Die Verlässlichkeit von Dinosaur Jr. ist ihre Stärke. In einer Videobotschaft zum neuen Album lobt Henry Rollins das Trio als extrem gute Live-Band. Davon hat man nichts, wenn man diese elfte Platte der Band kauft, könnte man meinen. Doch so ist es nicht. Denn das Schöne ist bei Dinosaur Jr., dass es immer ein wenig so klingt wie live gespielt. Beinahe-Balladen wie Be a Part oder das Barlow-Stück Love Is zeigen die zweite, romantische Seite von Dinosaur Jr.: Das sind Lovesongs, wie sie – außer vielleicht den Lemonheads – keine andere Band so hinbekommt.

Und kein anderer als Mascis bekommt es so gut hin, gleichzeitig cool und uncool zu sein. Der 50-jährige Golfspieler und Dauernuschler hat jenseits des Pop eine winzige Nische gefunden, in der er tun und lassen kann, was er will. Was sagt uns diese wunderbare Platte? Lass einfach mal alles beim Alten, Alter. Und auch dies: Du musst mit deinem Hund nicht Gassi gehen. Kauf ihm lieber ein Board.

Info

Give A Glimpse Of What Yer Not Dinosaur Jr. Jagjaguwar/ Cargo

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