Du bist ein schwacher Mensch

Innere Fülle, innere Leere Der Berliner Schriftsteller Bodo Morshäuser über die Post-68er, die Traumwelten der Drogengesellschaft und ihre neuen Tabus

FREITAG: In Ihrem neuen Roman erzählen Sie, wie aus gut gemeinten post-68er Landkommunen totalitäre Sekten werden. Schlagen Ideale zwangsläufig in Terror um?

BODO MORSHÄUSER: Das sind keine Post-68er, sondern Esoteriker, allerdings hauptsächlich die Verlierer der Esoterik. Mit Idealen ist sehr schwer umzugehen, wenn die Ziele nicht mehr realistisch sind. Dann finden sich Leute mit dem Wunsch, anders zu leben, am äußersten Rand der Gesellschaft wieder. Was dort geschieht, kann man in dem einen oder anderen Fall auch Terror nennen.

Die Generation der "78er", um die es bei Ihnen geht, hat von den Durchbrüchen profitiert, die ihre großen Schwestern und Brüder 1968 errungen hatten. War das zuviel der Freiheit?

Ich würde das nicht verallgemeinern für die ganze Generation, auch wenn es für einen beträchtlichen Teil zutrifft. Die Generation in meinem Roman ist eine, die erst lernen musste, mit Freiheit umzugehen. Das war ja wirklich ganz neu, gerade erkämpft. Die Freiheitserfahrung war eine von ständig wechselnden Aggregatzuständen: innere Fülle und innere Leere. Man musste das zunächst austarieren. So geht es zumindest meinen Figuren. Das Spezifische ist gerade der aufreibende Wechsel zwischen den beiden Zuständen in ein und derselben Person.

Sollte der säkularisierte Westen gegen Heilsversprechen nicht gefeit sein?

Im Gegenteil. Heilsversprechen pflastern die Medien. Gerade die säkularisierte Welt ist voll davon. Es geht darum, dieses Leben zu ertragen, das für viele einfach schäbig ist. Und die Medien, heute vor allem das Fernsehen, sind dazu da, diese Schäbigkeit zu kolorieren und der realen Aussichtslosigkeit medial vermittelte Heilsversprechen hinzuzusetzen.

Braucht eine Gesellschaft, in der es hauptsächlich um hellwache Effizienz geht, ein gewisses Quantum an mentalem Dope, um ihr Gleichgewicht zu halten?

Offenbar. Das hellwache Dasein wird ja da vorausgesetzt, wo Entscheidungen getroffen werden, wo Menschen in Arbeit sind. Es sind aber sehr viele Menschen überhaupt nicht in Arbeit und weit weg von zu treffenden Entscheidungen. Die werden nicht mit den Programmen zur Effizienz abgefüllt, sondern mit Tranquilizer-Programmen und stellvertretenden Traumwelten: Hier können Sie eine Million gewinnen, da ein Auto. Dort können Sie Ihrem Freund im Zimmer nebenan ein multimediales Ereignis aufs Handy schicken. Das sind für mich alles Bestandteile dieses Gesellschafts-Dopes, also Bestandteile der Drogengesellschaft, in der wir leben.

Nach Ihren politischen Essays zum Rechtsextremismus Mitte der neunziger Jahre haben Sie sich nun intensiv mit Sekten beschäftigt. Ist das nur folgerichtig?

In gewissem Sinne schon. Auch die Rechtsextremisten rekrutieren Leute, die - wie die "Gebildeten" sagen - orientierungslos sind. Aber das sind sie gar nicht. Die lehnen nur die eine oder andere Orientierung ab. Rechtsextremisten rekrutieren Leute, die eine Antwort auf die Sinnfrage suchen. Im Sektenmilieu geschieht das auch. Nur fast ohne ein Thema. Das einzige Thema heißt: Du bist ein schwacher Mensch, du bist unvollkommen, du hast Probleme. Komm zu uns, es wird dir besser gehen! Die Ähnlichkeiten zwischen Nazis und Sektenbetreibern besteht darin, dass sie Sinn anbieten.

Und beide jagen der Schimäre einer zweifelsfreien Identität nach ...

Identität ist ja nur das Ziel. Wenn die Identität tatsächlich erreicht wird, dann ist Ende der Veranstaltung, und zwar jeglicher. Dann ist es aus, es wird schwarz, der Vorhang geht runter. Leben heißt, Identität anzustreben. In der Gruppe, für sich, als Staat, als ökologisches Weltgebilde. Wenn es dann aber so weit ist, ist auch das Lebensspiel beendet. Wer identisch ist, der tut mir leid.

Um kollektive Identität und Sinngebung von Geschichte ging es zumindest in ihrer Selbstbeschreibung auch der RAF. Hat ihr aktuelles Revival noch irgend etwas mit Sinnsuche und Befreiung zu tun?

Das glaube ich nicht. Den kleinen RAF-Boom würde ich damit erklären, dass es immer noch einen Nachholbedarf gibt, über Erscheinungen rund um die RAF unzensiert reden zu dürfen. Das war lange Zeit tabu. Ein Film wie Blackbox BRD hat viel zur Aufweichung dieses Tabus beigetragen. Einerseits kann man nun endlich darüber reden, andererseits ist es ganz einfach eine Mode. Vergleichbar mit den Che-Guevara- Postern. Das ist eine kleine Welle von Motiven, die wir noch nicht hatten. Damit können wir ein paar Mark machen. Die RAF ist jetzt schon lange her. Man kann sagen, zeitgleich mit den Begnadigungen waren auch die Sprechverbote über den Terrorismus vorbei.

Gibt es neue Tabus?

Ja natürlich! Der 11. September ist das größte Tabu. Insofern, als man nicht vernünftig darüber reden kann oder darf.

Wer verbietet das?

Das verbietet der Diskurs im Moment: Entweder du siehst das so wie wir alle oder du bist ein Amerikafeind. Oder gar ein Opfer von Verschwörungstheorien. In den Siebzigern gab es den Diskurs: Entweder du stehst zu hundert Prozent auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung oder du bist ein Sympathisant der Terroristen. Solange es eine solche aufgeladene, bipolare Situation gibt, solange gibt es keine freie Meinungsäußerung. Statt dessen schnappen regelmäßig die Reflexe ein und man wird einer der beiden Kategorien zugeordnet.

Wandelt sich das Selbstverständnis der Bundesrepublik jetzt grundlegend?

Ich denke, das ist alles schon passiert. Wenn man sich heute die Bundesrepublik anschaut, dann frage ich mich: Wer war eigentlich dagegen, dass das Postgeheimnis, das Telefongeheimnis und auch das Reisegeheimnis, falls es das gibt, außer Kraft gesetzt wurden? Niemand war dagegen. Nicht einmal die FDP, die Kohl sechzehn Jahre lang daran gehindert hat, Lockerungen im Bereich des Datenschutzes und Verschärfungen im Bereich des rechtsstaatlichen Zugriffs durchzusetzen, nicht einmal diese FDP hat sich jetzt gemeldet.

Die Fluggesellschaften müssen ihre Passagierlisten aufbewahren, die Telefongesellschaften müssen ohne einen Anfangsverdacht Auskunft geben über Telefonnummern, die jemand anwählt. Diese Gesetzesänderungen aus dem "Otto-Katalog" sind einschneidende juristische Veränderungen. Was an Taten daraus folgt, das werden wir irgendwann erfahren. Wir werden sehen, dass mit diesen Daten etwas gemacht wurde, woran niemand gedacht hat, als die Änderungen verabschiedet wurden. Im Moment interessiert das einfach keine Sau. Wahrscheinlich haben viele Menschen den Eindruck, es habe das Telefon- und Postgeheimnis vor dem 11. September gar nicht gegeben. Und deswegen braucht man auch nicht gegen ein Gesetz protestieren, das noch einmal aufschreibt, was man sowieso vermutet hat.

Ihr Gespür für das Unsichtbare, das eine Gesellschaft vor sich verbirgt, speist sich das aus dem jahrelangen Umgang mit virtuellen Realitäten in der medial vernetzten Stadt?

Nein, das geht viel weiter zurück. Ich weiß, dass das, was man sieht, nicht die Wahrheit ist. Und zwar von Kindesbeinen an. "Alles erschien ganz normal, wie immer wenn man die Wahrheit nicht weiß", sagt Julio Cortázar. Es gibt zumindest mehrere Wirklichkeiten in einer Wirklichkeit. Und der moderne Mensch muss sich da ein bisschen auskennen, wenn er überlebensfähig sein will. Ich bin da nichts Besonderes. Vielleicht habe ich schon früh, etwa mit der Berliner Simulation in den achtiziger Jahren, diese Sachen thematisiert. Aber im Grunde gehört das Durchschauen zum Überlebensinventar. Da merkt man schnell: Es gibt eben nicht nur eine "Achse des Bösen".

Das Gespräch führte Steffen Richter

00:00 05.07.2002

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