Duell in den Bergen Tibets

Im Kino Der chinesische "Kekexili - Mountain Patrol" erinnert im besten Sinne an einen klassischen Western

Es ist eines der großen Rätsel, vielleicht nicht gerade der Menschheit, aber doch der Kinogeschichte: Warum lässt sich der Western als Filmgenre nicht wiederbeleben? Oder grundsätzlicher noch: Warum musste er überhaupt untergehen? Eine Beantwortung dieser Fragen fällt denen, die es am besten wissen müssten, nämlich den Kennern, meist besonders schwer, weil sie gleichzeitig das Eingeständnis beinhaltet, dass dem so ist. Lieber hält man sich an die vereinzelten Filme, die in regelmäßigen Abständen versuchen, dem doch so heiß geliebten Genre eine Renaissance zu bescheren. Manchmal kommt die Hoffnung aus entlegenen Ecken: Bereits von den ersten Bildern an gibt es im chinesischen Film Kekexili - Mountain Patrol etwas von jenem Abenteuer-Atem, der die Faszination des Western ausmacht, etwas von dieser einmaligen Verbindung aus opulenten rauen Landschaftsbildern und bedrohlichen Konflikten, aus wortkargen männlichen Helden und einer gerechten Sache, für die es zu kämpfen gilt.

Der Film spielt auf dem cineastisch noch wenig erforschten chinesisch-tibetanischen Hochplateau, aber die Handlung folgt vertrauten Mustern: Ein Mann stellt eine Gruppe von Freiwilligen zusammen, um endlich den Wilderern in der Gegend den Garaus zu machen. Zu eilig aufgebrochen, stellt sich bald heraus, dass die Expedition schlecht vorbereitet war; die Vorräte an Nahrung und Treibstoff gehen schnell zur Neige. Doch der Anführer der freiwilligen Bergpatrouille will von seinem Vorhaben nicht lassen, und das Wissen, dass auch die Kräfte der Gejagten nachlassen, treibt ihn immer weiter voran. Es kommt wie es im Western kommen muss: Ein erbitterter Kampf entbrennt, weniger mit dem fast unsichtbar bleibenden Gegner, der immer einen Schritt voraus ist, als mit den widrigen Lebensbedingungen der Hochgebirgswildnis. Und die menschliche Moral wird auf harte Proben gestellt: Um die verfolgte Spur nicht aus den Augen zu verlieren, müssen Verletzte und Gefangene zurückgelassen werden; ihr wahrscheinlicher Tod wird für den immer unwahrscheinlicher scheinenden Erfolg der Unternehmung in Kauf genommen. Die Spannung kulminiert, wenn es am Ende zum klassischen "shoot out" der Hauptkontrahenten kommt: Auge in Auge stehen sich der Anführer der Bergpatrouille und der Boss der Wilderer gegenüber, und nur einer von ihnen wird es überleben ...

Trotz all dieser Genre-Elemente in Plot und Setting ist Kekexili - Mountain Patrol, eine der Entdeckungen des Forums der vergangenen Berlinale, dann doch kein "wirklicher" Western. Was zum einen daran liegt, dass die Gewalt in diesem Film kein bisschen spielerisch verbrämt wird; sie hat etwas erschreckend Ungeschminktes, die Lebensfeindlichkeit der Fels- und Eiswüste verschärft sie ins unerbittlich Existentielle. Auch vermeidet der Film die Heroisierung der guten Freiwilligen genauso wie die Dämonisierung der bösen Wilderer. Zum anderen aber gibt es den ganz western-untypischen Erzähler: der Journalist einer Pekinger Zeitung, der geschickt wurde, um über den erbarmungslosen Kampf zwischen Bergpatrouille und Wilderern zu berichten. Sein Artikel, so erfährt man aus dem Abspann, führte später dazu, dass das Hochplateau zum Naturschutzgebiet erklärt wurde und der illegalen Jagd auf das wertvolle Fell der tibetanischen Antilope mit Staatstruppen ein Ende bereitet wurde. Deren Artbestand war durch das massenhafte Abschlachten durch Wilderer soweit dezimiert worden, dass ihr Überleben gefährdet war. Selten schöpft man so viel Trost aus der Tatsache, dass ein Film auf einer wahren Geschichte beruht.


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00:00 09.12.2005

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