Durch vermintes Gelände

Von Rathenow nach Sedet el-Hindiye Irak-Hilfe aus Deutschland - im Container und unter dem Peace-Zeichen

Es mag vorstellbar sein, dass eine Werbeagentur auf die Idee kommt, der US-Army zu empfehlen, Hilfsgüter unter dem Peace-Zeichen zu verteilen und das Sternenbanner einmal beiseite zu lassen. In Zeiten der Abnutzung von Symbolen könnte es passieren, aber es ist ganz unwahrscheinlich. Wenn also im November ein großer LKW mit Friedenstauben und arabischen Friedenssprüchen 700 Kilometer durch den Irak fährt, wird die politische Botschaft unverkennbar sein: Wir handeln aus eigener Verantwortung, so weit es geht ohne die Institutionen, die am Krieg beteiligt waren. Die wollen wir nicht nachträglich bestätigen. Dass die Mission deshalb ungefährlicher wäre, glauben die Beteiligten aber nicht. Trotzdem wollen sie persönlich ihre Spende begleiten, auch um weitere ähnliche Touren vorzubereiten. Noch keiner der sieben Männer, die mitfahren wollen, hat sich zurückgezogen.

Der Chirurg Mahmood el-Hakim und viele Helfer in Rathenow - einer Stadt von 27.000 Einwohnern, eine Zugstunde von Berlin entfernt - haben Hilfsgüter gesammelt, vorrangig medizinisches Gerät und Material, die nun in einen 60-Kubikmeter-Container geladen werden. Einer der nebligen Morgen dieses Herbstes, aber die Arbeit verläuft beinahe festlich, vielleicht weil sich in diesem Augenblick die Idee so sichtlich konkretisiert. Alle ahnen, die nächsten Stationen werden komplizierter sein.

Zuerst geht der Container zum Hamburger Hafen, da übernimmt ihn ein Schiff, in drei Wochen soll er im jordanischen Hafen Akaba ankommen. Und dort werden ihn die sieben Leute aus Rathenow in Empfang nehmen: Der Doktor und sein Bruder, mit ihnen ein Hersteller vor Prothesen, Georg Friedenberger, der an Ort und Stelle Maß nehmen will für Stützen und Gehhilfen, die er stiften wird. Außerdem fahren Frank, ein Sohn des Chirurgen, und seine Freunde Daniel, Roman und Tommy, alle Ende 20, für drei Wochen mit, um eine Ambulanz auszubauen.

Mit ersten unberechenbaren Schwierigkeiten müssen sie sowohl beim Transit durch Jordanien als auch an der irakischen Grenze rechnen, wo nervöse und sich autoritär gebärdende Amerikaner das Regime führen. El-Hakim, der Chirurg, kennt diesen Übergang schon. Die US-Verwaltung hat versichert, an der Grenze werde ein Offizier sein, der für den Schutz solcher Transporte zuständig sei. El-Hakim erzählt davon, während in seinen Händen die mehrfach kopierten Transportlisten flattern, er verbirgt die Zweifel nicht, aber auch nicht seinen Willen, alles ans Ziel zu bringen. "Es gibt viele Gefahren: kriminelle Banden, aufgebrachte Saddam-Anhänger oder GIs, die sich bedroht fühlen und sofort schießen." El-Hakim hat auf seiner Reise im Mai eine Kontrolle durch eine amerikanisches Kommando mitten auf der Strecke erlebt, da zitterten alle, am meisten ein junger englischer Mitreisender.

Auf den Schutz durch US-Militärs, die manche eher als Provokation ansehen könnten, wollen sie auf jeden Fall verzichten, auch das Angebot eines privaten Sicherheitsdienstes nehmen sie nicht an. "Damit", sagt El-Hakim, "wollen wir nichts zu tun haben, unsere Aktion muss friedlich bleiben."

Die Hilfsladung soll die kleine Stadt Sedet el-Hindiye, 50 Kilometer südlich von Bagdad, erreichen, wo sich Euphrat und Tigris sehr nahe kommen. Eine Gegend mit vielen Kanälen und einem großen Stauwehr, an dem die Stadt entstanden ist. Dort wird el-Hakims Schwester die Gruppe erwarten. Sie ist Ingenieurin der Wasserwirtschaft, hat Kontakte zu Ärzten am Ort aufgenommen und kann auch Lagerräume für die Hilfsgüter zur Verfügung stellen. Aus dem provisorischen irakischen Gesundheitsministerium wurde Interesse bekundet, aber keine Unterstützung zugesagt. In Sedet el-Hindiye steht auch die Ambulanz, deren Ausbau vor allem für die armen Dörfer der Umgebung wichtig wäre. Die jungen Männer wollen in den drei Wochen, die sie dort Zeit haben, anfangen sie zu erweitern, bis sie als Poliklinik, wie sie in der DDR entwickelt wurde, funktionieren kann. El-Hakim selbst ist nach 40 Jahren Exil im Mai zum ersten Mal wieder in den Irak gefahren. Nun, auf der zweiten Reise, ist einer seiner Söhne dabei, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und bedauert, kaum Arabisch zu sprechen.

Am trüben Vormittag machen wir Fotos von ihnen allen vor dem beladenen Container. Wenn sie zurück kommen, soll es wieder Fotos geben, um zu sehen, ob sich die Erlebnisse und Strapazen in den Gesichter abzeichnen. Sie sind einverstanden mit der Idee und lachen: Vorher und Nachher. Wir werden über ihre Erfahrungen berichten.

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00:00 17.10.2003

Ausgabe 38/2020

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