Durchdrungen von heißer Liebe

Dokument der Woche I Eingabe von Industriellen, Bankiers und Großagrariern an Reichspräsident von Hindenburg vom 19. November 1932

Vor 75 Jahren - am 30. Januar 1933 - wurde Adolf Hitler durch Reichspräsident von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Bei den Reichstagswahlen am 6. November 1932 hatte die NSDAP zwei Millionen Stimmen verloren, war aber mit 196 Mandaten stärkste Partei geblieben, während KPD und SPD zusammen auf 221 Sitze kamen.

Als Hindenburg am 3. Dezember 1932 zunächst ein Präsidialkabinett unter Kurt von Schleicher berief, verstärkten sich hinter den Kulissen die Bestrebungen, Hitler an die Macht zu bringen. Vor allem Industrielle waren aktiv, wie sich einer Eingabe an Hindenburg vom November 1932 sowie einer Erklärung des Bankiers Kurt Freiherr von Schröder im Nürnberger IG-Farben-Prozess (1947) entnehmen lässt.


Exzellenz, Hoch zu verehrender Herr Reichspräsident!

Gleich Eurer Exzellenz durchdrungen von heißer Liebe zum deutschen Volk und Vaterland, haben die Unterzeichneten die grundsätzliche Wandlung, die Eure Exzellenz in der Führung der Staatsgeschäfte angebahnt haben, mit Hoffnung begrüßt. Mit Eurer Exzellenz bejahen wir die Notwendigkeit einer vom parlamentarischen Parteiwesen unabhängigen Regierung, wie sie in dem von Eurer Exzellenz formulierten Gedanken eines Präsidialkabinetts zum Ausdruck kommt. Der Ausgang der Reichstagswahl vom 6. November d. J. hat gezeigt, dass das derzeitige Kabinett, dessen aufrechten Willen niemand im deutschen Volk bezweifelt, für den von ihm eingeschlagenen Weg keine ausreichende Stütze im deutschen Volk gefunden hat, dass aber das von Eurer Exzellenz gezeigte Ziel eine volle Mehrheit im deutschen Volk besitzt, wenn man - wie es geschehen muss - von der staatsverneinenden Kommunistischen Partei absieht. Gegen das bisherige parlamentarische Parteiregime sind nicht nur die Deutschnationale Volkspartei und die ihr nahestehenden kleinen Gruppen, sondern auch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei grundsätzlich eingestellt und haben damit das Ziel Eurer Exzellenz bejaht. Wir halten dieses Ergebnis für außerordentlich erfreulich und können uns nicht vorstellen, dass die Verwirklichung dieses Zieles nunmehr an der Beibehaltung einer unwirksamen Methode scheitern sollte.

Es ist klar, dass eine des öfteren wiederholte Reichstagsauflösung mit sich häufenden, den Parteikampf immer mehr zuspitzenden Neuwahlen nicht nur einer politischen, sondern auch jeder wirtschaftlichen Beruhigung und Festigung entgegenwirken muss. Es ist aber auch klar, dass jede Verfassungsänderung, die nicht von breitester Volksströmung getragen ist, noch schlimmere wirtschaftliche, politische und seelische Wirkungen auslösen wird.

Wir erachten es deshalb für unsere Gewissenspflicht, Eure Exzellenz ehrerbietigst zu bitten, dass zur Erreichung des von uns allen unterstützten Zieles Eurer Exzellenz die Umgestaltung des Reichskabinetts in einer Weise erfolgen möge, die die größtmögliche Volkskraft hinter das Kabinett bringt.

Wir bekennen uns frei von jeder engen parteipolitischen Einstellung. Wir erkennen in der nationalen Bewegung, die durch unser Volk geht, den verheißungsvollen Beginn einer Zeit, die durch Überwindung des Klassengegensatzes die unerlässliche Grundlage für einen Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft erst schafft. Wir wissen, dass dieser Aufstieg noch viele Opfer erfordert. Wir glauben, dass diese Opfer nur dann willig gebracht werden können, wenn die größte Gruppe dieser nationalen Bewegung führend an der Regierung beteiligt wird.

Die Übertragung der verantwortlichen Leitung eines mit den besten sachlichen und persönlichen Kräften ausgestatteten Präsidialkabinetts an den Führer der größten nationalen Gruppe wird die Schwächen und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften, ausmerzen und Millionen Menschen, die heute abseits stehen, zu bejahender Kraft mitreißen.

In vollem Vertrauen zu Eurer Exzellenz Weisheit und Eurer Exzellenz Gefühl der Volksverbundenheit begrüßen wir Eure Exzellenz

mit größter Ehrerbietung

Unterzeichnet wurde dieser Brief u. a. von:

Dr. Hjalmar Schacht (Bankier / Berlin, ab März 1933 Präsident der Reichsbank),
Kurt Freiherr von Schröder (Bankier / Köln),
Fritz Thyssen (Unternehmer/ Mülheim),
Eberhard Graf von Kalckreuth (Vorsitzender des Reichslandbundes / Berlin),
Friedrich Reinhart (Direktor der Commerz- und Privatbank / Berlin),
Kurt Woermann (Aufsichtsrat der Commerzbank / Hamburg),
Kurt von Eichborn (Bankier / Breslau),
Carl Vincent Krogmann (Bürgermeister von Hamburg)

Ihre Zustimmung zum Inhalt des Briefes, ohne ihn zu unterzeichnen, erklärten:

Albert Vögler (Vorstandsvorsitzender Vereinigte Stahlwerke AG / Essen),
Paul Hermann Reusch (Vorstand der Oberhausener Gutehoffnungshütte / GHH),
Fritz Springorum (Aufsichtsrat der Hoesch AG)

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