Edles Stückwerk mit Geschichte

Muralismo In Erfurt wird ein Mosaik Josep Renau Berenguers neu erkundbar

Ganz kurz verrutschen Peter van Treeck dann doch die Gesichtszüge: Ein sonniger, aber auf heimtückische Art kalter Herbsttag in Erfurt-Nord. Vorhin waren schon die Arbeiter zu schnell, die haben sie dann zu einem zweiten Frühstück geschickt und die Zeit überbrückt, bis all Journalisten angereist waren. Ein paar Interviews, alle hinter die Absperrung, endlich hebt der Kran die letzte, etwa zehn Tonnen schwere Mosaikplatte in die Luft. Kameras schnappen nervös nach Bildern. Und dann das: Grade als sich die Oberfläche aus in der Sonne funkelnden Glasfliesen millimetergenau schließt, tritt einer vor, Anwohner, Wattejacke, Digitalkamera. Hat eine Frage an Restaurator van Treeck:

„Och un’ düs is’ nu alles neu, oda was?“

Peter van Treeck, Jahrgang 1939, hat die nach seinem Ahn benannte bayerische Hofglasmalerei geführt, deren Wurzeln sich bis in die 1830er Jahre strecken. Hat die Kunst der Restauration auch an der Fachhochschule in Erfurt gelehrt. War jetzt knapp zwei Jahre mit der Arbeit von Josep Renau Berenguer beschäftigt – wobei das Wörtchen beschäftigt wohl nicht einmal selbst eine Vorstellung von all den vielen Fallen, Entdeckungen, Untiefen, Wendungen und Schwierigkeiten hat, die sich so ergeben, wenn man ein in größerer Eile von einer Hauswand heruntergeschnittenes, rund 200 Quadratmeter großes Glasfliesenmosaik aus Containern klauben soll. Es hatte auch schon einige Jahre darin gelegen.

Jedenfalls steht Peter van Treeck jetzt da, allen brennt sich Kälte in die Füße, Nasen werden geputzt, Mützen über Ohren gezogen, sammelt seine Gesichtszüge wieder ein und fragt:

„Wie, neu?“

„Na hamse düs nu alles neü jemacht?“

Fünf Jahre Arbeit

„Es waren rund 20.000 Risse“

Foto: Thomas Wolf/Wüstenrot Stiftung

Ein wenig später erzählt van Treeck dann vom wunderbar vertragsdeutschen Begriff Leistungsbeschreibung. So etwas legt für Ausschreibungen die Grundlagen der Abmachungen fest: wichtig für die Berechnung von Zeit und Aufwand – also Kostenkalkulationen. In Erfurt hatte eine Firma die Container geöffnet und vielleicht – um nicht weitere Schäden zu verursachen – auf den obersten der bei der Abnahme zu palettengroßen kleingeschnittenen Mosaik-Feldern nachgeschaut und geschätzt: Vielleicht 4700 Risse würden zu reparieren sein. „Rund 5000“ sagt van Treeck, dem wichtig ist, dass sich hier niemand angegriffen fühlt, niemand denken soll, dass er Fehler gemacht hätte. Dann holt van Treeck einen Moment tief Luft und sagt: „Es waren dann rund 20.000 Risse.“

Das ist eine grobe Zahl und ein grober Überblick. Denn eine Kachel mit mehrere Risse zählten sie nur einmal. Dazu waren einige Glasstücke kaum noch zu retten, andere abgefallen und all das wurde überhaupt erst sichtbar, nachdem sie die für die Lagerung abgeklebten – van Treeck sagt hier selbstverständlich: kaschierten – Mosaikfelder mit viel Geduld und Chemie freigelegt hatten. Da steht man dann fußkalt und bekommt langsam eine Ahnung, warum so eine Arbeit zusammengenommen sogar fünf Jahre dauern und 800.000 Euro kosten kann, während auf den wieder tonnenschweren Streben der Halterung Arbeiter herumwuseln. Denn auch für solche Betonhalterungen hatte Erfurt-Nord noch in paar Probleme parat: Zum Beispiel Starkstromkabel im Boden, die sich nicht zuordnen ließen. Die Leistungsbeschreibung jedenfalls hatte zum Ziel das Wandmosaik „Die Beziehung des Menschen zu Natur und Technik“ wieder herzustellen und an den ursprünglichen Ort anzubringen.

Und damit wären wir endgültig bei Josep Renau Berenguer, geboren in Valencia 1907, gestorben 1982 in Ostberlin. Dazwischen liegen derart viele, wilde Etappen, dass man allein für den kursorischer Überblick tüchtig Atem schöpfen sollte: Ausbildung an der Kunsthochschule in Valencia, die Hinwendung zur kommunistischen Partei, grafische Arbeiten, die an John Heartfield erinnern; Aufstieg auch als Kunst-Funktionär, Kampf gegen Franco und Faschismus; Renau organisierte die Evakuation des Prado als Francos Luftwaffe die Stadt bombardierte und sicherte die Arbeiten von Velazquez oder Tizian in Valencia. Plante mit seinen ebenfalls kommunistischen Freunden Luís Lacasa und Josep Lluís Sert den spanischen Pavillon zu Weltausstellung 1937: ein leichtfüßiges Zeichen des spanischen Modernismus, dessen Wurzeln im Bauhaus lagen. Als Teil einer Kommission hatte Renau im Jahr zuvor bei einem Bekannten das zentrale Werk in Auftrag gegeben: Pablo Picasso machte sich also an sein Guernica-Bild.

DDR-Funktionärssozialismus wusste mit Renau wenig anzufangen

Nach Francos Sieg Internierung und Flucht vor dem Todesurteil nach Mexiko. Renau gestaltet Filmplakate und mehr heartfield-ähnliche Arbeiten, steigt um auf Wandgemälde und lernt Muralismo bei David Alfaro Siqueiros und wohl auch Diego Riviera. Weil ihm aber Mexiko nicht kommunistisch genug, es vielleicht zu nah an den USA war und man ihn offensichtlich zwei Mal mutwillig überfahren wollte: 1958 Umzug nach Ostberlin. Trotz der Einladung wusste dann der DDR-Funktionärssozialismus nicht richtig, wie er mit Renau umgehen sollte. Die Auftragslage blieb mau, beim Fernsehen ging es nicht richtig voran, seine kleine Malschule hielt sich, ordentlicher Professor ließen sie Renau nie werden.

Eigentlich könnte man sich denken, dass er nach seiner Ankunft gut in die Szenerie gepasst hätte: Das Sujet des Arbeiterbildes wurde aus der UdSSR übernommen und rückte eine Heros-Figur ins Zentrum, an der Renau sehr interessiert war. Und zumindest bis 1982, als die Mittel erheblich gekürzt wurden, war das Spielfeld „baubezogene Kunst“, salopp Stadtbekunstung genannt, für viele Künstler interessant, weil hier figürliche neben abstrakteren Formen funktionierten und Aufträge eine dauerhafte Sicherheit bedeuten konnte.

Sehr gründlich hat all das Oliver Sukrow in seiner kunsthistorischen Dissertation „Zur Utopie in der bildenden Kunst und Architektur der DDR in den 1960er Jahren“ untersucht und festgestellt, dass für Renau „die Suche nach dem adäquaten Bild des ,Neuen Menschen‘ im Sozialismus ein zentraler Kern“ seines Werkes war: „Renau beschäftigte sich mit dem Menschen-Bild in der sozialistischen Gesellschaft auf zwei unterschiedlichen Ebenen: Zum eine auf der ästhetisch-gestalterischen, zum anderen auf der theoretisch-wahrnehmungspsychologischen Ebene.“

Dazu kam noch, dass Renau zwar den Hut aufbehielt und seine Autorenschaft nie bezweifelte, aber in Kollektiven arbeitete und Arbeitsprozess vorantrieb, die für ihn den Begriff des Kommunismus mit Leben füllte. Es gab also auch Streit, Planungen verzögerten sich und in manchen Kreisleitungen hatte das SED-Personal andere Vorstellungen als mit einem idealistischen Spanier, der in aller Welt herumgekommen war, zusammenzuarbeiten. Immerhin gestaltete Renau 1971 am Konferenzbau des VEB Energiekombinats Halle 1971 die Front mit seinem Mosaik „Der Mensch nutzt die Atomenergie zu friedlichen Zwecken“ und 1974 in Halle-Neustadt drei großartige und von weitschweifigen Titeln umklammerte Wände. Zwei 7x37 Meter hohe kräftig-sozialistische Steinzeugfliesen-Arbeiten sind noch erhalten.

Sozialismus höchstens als Anspielung

Die Arbeit in Erfurt-Nord ist deutlich anders. Kann damit zusammenhängen, dass, wer eine DDR-Karte nach politischem Prestige und Relevanz malt, Erfurt in äußeren Ringen eintragen muss: Die collagierten Motive spielen mit der Verfremdungstechnik, die Renau seit der Zwischenkriegsavantgarde treu gewesen ist. Sozialismus gibt es hier höchstens als Anspielung. Viel mehr Raum nehmen wild wuchernde Natur ein, die der menschlichen Kulturleistung gegenübersteht. Der Zirkel als Hinweis auf Intelligenz, Planung, Rationalität (und vielleicht auch auf das DDR-Wappen) vor der domestizierten Umwelt. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau sind gegenwärtig, wenn man es pathetisch lesen will spielt das Wandbild auf eine ideale Gesellschaft an, die Kräfte und Früchte der Natur zum Wohle der Gesellschaft nutzt. Renau hat in einem Gespräch 1980 erzählt, dass es „etwas sympathisch, deutlich und optisch“ sei, und „eine Sache mit großem politischen Inhalt, auch wenn es nicht so scheint.“

Renau kalkulierte Blickachsen, Bewegungen, Distanzen

Anders als in Halle wirkt das Mosaik motivisch freier, lieblicher; die Glasfliesen lassen die Farben kräftiger wirken. Und wieder ist die Fläche als Raster aufgebaut, Renau hat die Pixelstruktur des Computerzeitalters vorausgesehen oder vorweggenommen. Außerdem dehnte sich das Mosaik um die Ecke des Kultur- und Freizeitzentrums, das auch die Mitte der Neubausiedlung war. Menschen, die vorbeifuhren, liefen öffneten sich die Farbflächen, die Nahansicht vermittelte einen ganz anderen Eindruck als ein Blick von weitem. Renau hatte intensive Studien zu den Blickachsen gemacht, Bewegungen und Distanzen kalkuliert. Zwischen all den einheitlich grauen Plattenbauten war „Die Beziehung des Menschen zu Natur und Technik“ ein bunter, fröhlicher eyecatcher. Ein Identifikationssymbol, erzählen Nachbarn, Stolz in der Stimme, etwas, das ihre Nachbarschaft ausgemacht habe. Josep Renau hat sein Wandbild nicht mehr in Erfurt-Nord sehen können, er starb 1982, zwei Jahre später wurde das Mosaik aufgehängt.

Nachbarschaftsinitiative wollte „unseren Renau“ zurück

Die Geschichte des Kultur- und Freizeitzentrums nach der Wiedervereinigung besteht dann noch aus zwei Teilen. Einer kurzen Periode mit wechselndem Betrieb. Und einer langen, in der das Gebäude zur Ruine zerfiel. Um ein Haar wären die 70.000 Teile des Mosaiks den Weg etlicher als „SED-Propagandakunst“ verlachter Wandbilder gegangen. Schließlich griff die Wüstenrot-Stiftung ein, traf sich mit der Stadtverwaltung, hatte aber auch finanzielle Mittel, organisierte die Restauration, überwachte: alter Mörtel ab, neuer drauf, Reinigen in einigen Schritten, Schwund Ersetzen, neue Fugen, hunderte Schritte. Dann musste das Mosaik wieder auf die exakte Höhe gebracht werden. Schließlich erlaubten die Betreiber des Einkaufszentrums Betonträger, Wegerecht, die Möglichkeit, die Renau-Welt zu pflegen. Der neue Baukörper mit den Billigangeboten duckt sich dahinter. Mag daran liegen, dass eine Nachbarschaftsinitiative jahrelang für Erhalt und Wiederaufbau getrommelt hat. Peter van Treeck hat es anders formuliert: „Diese Arbeit in Erfurt rührt einen an.“

Das Renau-Mosaik hängt in Erfurt Nord am Moskauer Platz

Baubezogene Kunst der DDR. Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990 Martin Maleschka (Hrsg.) DOM Publishers, 504 S., 500 Abbildungen, 48€

Arbeit. Wohnen. Computer: Zur Utopie in der bildenden Kunst und Architektur der DDR in den 1960er Jahren Heidelberg University Publishing, 524 S.n, 44,90€

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15:10 04.12.2019

Ausgabe 44/2020

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