Eigentümer aus dem Trockeneisnebel

Die nicht-konturierte Form des Eigentums Rifkins Analyse provoziert ein "Weißbuch des Spätkapitalismus"

Dass im Hyperkapitalismus das Eigentum einfach verschwinde, wie der deutsche Untertitel von Jeremy Rifkins Buch "Access" verkaufsfördernd suggeriert, ist ein Irrtum, der resultiert aus Rifkins isolierter Betrachtung von Eigentum und Arbeit. Wenn Rifkin die neuen Eigentumsverhältnisse zutreffend nach den zugangsbedingten Möglichkeiten definiert, liefert er nämlich noch keine Erklärung dafür, weshalb die neokapitalistische Arbeits- und Eigentumsordnung bislang konkurrenzlos existiert. Das liegt, wie Mario Scalla in dieser dritten Folge unserer Debatte darlegt, unter anderem an Rifkins mangelnder Unterscheidung zwischen bürgerlicher und marxistischer Bestimmung des Eigentums, in denen zwei unterschiedliche Erzählungen von kapitalistischer Dynamik und gesellschaftlicher Produktivität zum Ausdruck kommen. Die Frage lautet deshalb: Ist das als "Zugang" beschriebene System hinreichend attraktiv, um die kulturellen und kreativen Eigenschaften des Menschen zu binden, oder lediglich alternativlos?

Vor sechs Jahren diagnostizierte Jeremy Rifkin ein "Ende der Arbeit", jetzt, gemäß des Untertitels von Access, das Verschwinden des Eigentums. Wer bei solchen Prognosen von utopischen Gefühlen überwältigt wird, sollte sich allerdings den englischen Untertitel, der in der deutschen Ausgabe unterschlagen wird, vergegenwärtigen: The New Culture of Hypercapitalism - Where All of Life Is a Paid-For Experience. Was alle geahnt und gefürchtet haben, wird zur Gewissheit. Die bürgerlichen Erfindungen Arbeit und Privateigentum bleiben auch im Hyperkapitalismus das Nonplusultra. In Rifkins Buch über die Arbeit kommt das Eigentum nicht vor, in "Access" - abgesehen vom Thema der internationalen Arbeitsteilung, derzufolge Konzerne die Fertigung ihrer Waren auslagern und unter frühkapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen in Sweatshops abwickeln lassen - nicht die Arbeit.

Isolierte Betrachtung von Eigentum und Arbeit

Dabei liegt die Kombination beider in der Natur der Sache. Gegenüber der feudalen Herrschaft legitimierte sich das Bürgertum durch den Hinweis auf die Herkunft dessen, was es besaß. Die Aristokraten konsumierten parasitär, wohingegen der Bürger seine Arbeitskraft herausstellte, mit der er ein aktives Verhältnis zu den Naturgegenständen einging. Das bürgerliche Eigentum war verdient worden, aber das hieß nicht nur, dass hier eine Leistung vorlag, die den Anspruch rechtfertigte. In dem Augenblick, in dem man es in Relation zur Person und ihrer Arbeit stellte, wurde auch die Grenze des Eigentums bezeichnet. John Locke, der als erster die Definitionen vorgab, schrieb wie selbstverständlich, dass dort, wo die Persönlichkeitsentfaltung Anderer bedroht ist, das Eigentum seine Legitimität verliert. Sagenhafter Reichtum galt folglich lange als anrüchig. Die Verbindung zur jeweiligen Person war fragwürdig, Millionen lassen sich vielleicht noch fleißig herbeischaffen, Milliarden aber nicht mehr.

Es ist immer wieder erbaulich, sich die jugendlichen Flausen des Bürgertums zu betrachten, zudem die Differenz zur heutigen Situation beträchtlich ist. Zum einen ist der gesellschaftliche Reichtum gigantisch angewachsen, andererseits die Frage nach der Grenze des individuellen Reichtums tabuisiert, wobei gerade die neuen Technologien, die in der Warenproduktion eingesetzt werden, auch dazu dienen, Gedanken an eine Gesellschaft jenseits der (hyper-) kapitalistischen Arbeits- und Eigentumsordnung zu marginalisieren. Die Frage ist seit den Anfängen der nationalen Kapitalismen die gleiche: Wie lässt sich die private Aneignung gesellschaftlichen Reichtums so legitimieren, dass Widerstände begrenzt und beherrschbar bleiben, oder anders gefragt: wie müssen Arbeit und Eigentum beschaffen sein, damit nicht allzu viele auf dumme Gedanken kommen? Rifkins These des zugangsdefinierten Kapitalismus sollte also nicht nur zutreffend die bislang entwickeltste Form bürgerlichen Eigentums beschreiben, sondern auch erklären, warum sie weitgehend konkurrenzlos ist.

"Zugang": Real und metaphorisch betrachtet

Die Metapher des "Zugangs" ermöglicht zwei unterschiedliche Interpretationen. Zuerst ist sie wörtlich, also räumlich zu verstehen. Rifkin beschreibt Communities in den Vereinigten Staaten, in denen sich Geldbesitzer verschanzen. Der streng reglementierte Zutritt zu den exklusiven Wohngemeinden hat jedoch erstaunliche Tücken. Die Auswertung zahlreicher Hausordnungen fördert Grotesken zutage, wie sie im Frühkapitalismus allenfalls einem Jonathan Swift hätten einfallen können: "In Fort Lauderdale, Florida, befahl ein Wohnungsmanager einem Paar, das Haus nicht mehr durch die Hintertür zu betreten oder zu verlassen, weil sie einen Pfad auf den Rasen trampelten. Communities regeln sogar, welche Möbel die Bewohner in der Nähe der Fenster aufstellen dürfen und in welcher Farbe sie ihre Wände zu streichen haben. Andere setzen Grenzen für die Dauer von Besuchen und verhängen zu bestimmten Stunden Ausgehverbote für Treffen mit den Nachbarn." Diese eingeschränkte Verfügung über erworbene Immobilien ist nicht mehr mit den emphatischen Vorstellungen industrieller Gesellschaften über Grundbesitz vereinbar.

Zugegeben, in diesen Communities wohnen nur die Reichen. Die Superreichen, die für die Hausordnungen der Reichen verantwortlich sind, haben solch erstklassige Verstecke, daß auch Rifkin sie nicht aufspüren konnte. Offensichtlich ist jedoch, dass die Grenze zwischen Eigentum und Nicht-Eigentum unklar geworden, oder besser: unklar gemacht worden ist. Zur neuen Form des Eigentums gehört also wesentlich, dass die Frage ›Wem gehört was?‹ bedeutend schwerer zu entscheiden ist als zu seligen Grundherrenzeiten.

Die zweite Bedeutung gewinnt die Metapher des "Zugangs" natürlich im Cyberspace, denn dort hat sich paradigmatisch das durchgesetzt, was zunehmend auch andere Industriezweige beherrscht. Rifkin schreibt viel über Netzwerke, die an Stelle der Märkte treten, die Bedeutung von Leasing oder Franchising in der Wirtschaft, und das, was er "Erfahrungsindustrien" oder "kulturellen Kapitalismus" nennt. Tatsächlich können die neuen Arkanbereiche in den neuen Technologien verortet werden. Der Zugang zum Quellcode von Microsoft oder den Gencodes von Monsanto ist eine "Mission impossible". Nur Hollywoodfilmer dürfen so tun, als käme man dran. Die Heiligtümer des Kapitalismus sind weniger sicht- und greifbar geworden - und deshalb haben die Patentanwälte das Wachpersonal als Schutztruppe abgelöst -, aber Rifkins Klassifizierung der neuen Eigentumsform als ›kulturell‹ ist zu allgemein, als dass sie die Veränderungen erfassen könnte.

Nach bürgerlicher Bestimmung ist Eigentum ein juristischer Begriff, nach der marxistischen ein Ausdruck des Produktionsverhältnisses. Rifkin unterscheidet nicht, und insofern ist seine Formel vom ›kulturellen Kapitalismus‹ eine Notlösung. In den beiden Definitionen stecken zwei unterschiedliche Erzählungen: zum einen die von der Innovationskraft des Kapitalismus, der aus sich heraus immer wieder eine neue, unwiderstehliche Dynamik hervorbringt; mit dieser konkurriert die marxistische, der zu Folge das Niveau der Produktivität und damit der Grad an Vergesellschaftung der Arbeit derart angewachsen ist, dass neue, alternative oder revolutionäre Formen sozialer Kooperation möglich sind.

Zwei Arten von Eigentum: Lebenszeit und Eigensinn

Michael Hardt und Antonio Negri etwa erklären in ihrem Buch Empire, dass die Modernisierungen des Kapitalismus lediglich durch eine Plünderung alternativer, an sich systemfeindlicher Arbeits- und Lebensformen möglich werden, das heißt, dass die Innovationen und kreativen Energien unabhängig von Kapitalverhältnissen existieren und das an sich unkreative System sie lediglich assimiliert. Jeremy Rifkin liefert hier ein schönes Beispiel. Die US-amerikanische Firma Cadillac taxiert den "Lebenszeitwert" jedes Kunden, der eines ihrer Geschäfte betritt, auf 322 000 Dollar. Diesen Betrag möchte das Unternehmen von seinen Käufern haben. Käufer kann man aber nicht kaufen wie Arbeitskräfte. Für den ganzen, sinnlichen Menschen, über den der junge Marx so gerne geschrieben hat, und der zum Leitbild des Spätkapitalismus geworden ist, braucht man die Kultur.

In Alexander Kluges Chronik der Gefühle war zu lesen, dass die Menschen zweierlei Arten von Eigentum besitzen: Ihre Lebenszeit und ihren Eigensinn. Das Kapital will aus der Lebenszeit einen Tauschwert machen. Der Konsument verdrängt den Produzenten, die Lebenszeit verweist die Arbeitszeit auf den zweiten Rang. Der sinnliche, kulturbewusste Mensch muss sich entscheiden, ob er seine eigensinnige Kreativität systemkompatibel einsetzt oder sich verweigert. Ist also das als "Zugang" beschriebene System hinreichend attraktiv, um die kulturellen und kreativen Energien, die durch soziale Beziehungen geschaffen werden, zu assimilieren, oder lediglich alternativlos? Letzteres hätten die Eigentümer und ihre Pförtner gerne, allerdings gelang es bisher jedem Empire immer nur für begrenzte Zeit, glaubhaft diesen Anschein zu erwecken.

Das Phänomen der Attraktivität ist schwieriger zu verhandeln. Natürlich ist nach wie vor der Zwang ein wirksames Mittel, Alternativen zu verhindern. Die Privatisierung von Fernsehfrequenzen, die Patentierung (natürlichen und) kulturellen Eigentums sind nur zwei Beispiele dafür, wie die Exklusivität des Zugangs auf der politisch und juristisch abgesicherten Aneignung sozialer Ressourcen beruht.

Eine Regel, die in den Kulturindustrien gilt, lautet, dass vor allem das attraktiv erscheint, was nicht erreichbar ist. Die Form des Eigentums, die Rifkin nicht theoretisiert, aber unermüdlich mit Beispielen umschreibt, ist ohne feste Konturen, und deshalb nicht nur besonders anpassungsfähig, sondern auch nur undeutlich wahrzunehmen. Wer am Ende von Rifkins Buch auf den neuen Eigentümer wartet, der wie ein Popstar endlich dem Trockeneisnebel entsteigt, wird natürlich enttäuscht. Die Enttäuschung darüber, dass ebenso die Gegenkräfte und Widerstände nicht benannt und identifiziert werden, ist so legitim wie fragwürdig, denn da diese ebenfalls heterogen sind und mitunter ohne klar umrissene Konturen auskommen, wäre ein eigenes Buch zu ihrer Darstellung nötig. Doch vorerst, das belegt auch der Erfolg von Naomi Kleins Bestseller No logo, interessiert die Beschreibung eines sich ins Nebulöse verkrümelnden, zugangsdefinierten Kapitalismus. Ein Alternativ-Buch hätte alle relevanten, individualistischen wie kollektiven Strategien zu versammeln, die es ermöglichen, dem System möglichst viel an Lebenszeit zu entziehen - eine Art Weißbuch des Spätkapitalismus, verfasst von einem internationalen Autorenkollektiv unter der Leitung von André Gorz.n

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00:00 20.07.2001

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