Ein Abschlachten kolonialen Ausmaßes

Amerika bleibt in Vorkriegsstimmung Hollywood interessiert sich für die Story einer 19-jährigen Schönheitskönigin und Kriegsgefangenen - Donald Rumsfeld für Syrien und Iran

Aus Washingtoner Sicht hat der Krieg im Irak etwas länger gedauert als erhofft - »shock and awe« war auf die Infanterie angewiesen. Eine Minderheit in der USA protestiert weiter, und die Weltöffentlichkeit entsetzt sich angesichts der blutigen Bilder. Aber die Geschichte wird vom Sieger geschrieben. Technologische Übermacht bestimmte den Ausgang, und nicht wenige irakische Soldaten nutzten anscheinend jede Möglichkeit, ihren Vorgesetzten zu entkommen. Auch wenn man dankbar sein will für ein rasches Ende des Gemetzels: Donald Rumsfeld und George W. Bush fühlen sich nun bestätigt. Wie beim Krieg gegen die Taleban hätten die ewiggestrigen Kritiker wieder einmal das Boot verpasst. Ein Abschlachten kolonialen Ausmaßes.

Die Nachkriegszeit, die Zeit nach dem Krieg im Irak, wird somit wohl auch zur Vorkriegszeit, zur Vorbereitungszeit auf den nächsten Waffengang, abhängig allerdings von der Länge und den Problemen, die es mit der Besatzung an Euphrat und Tigris gibt. In dieser neuen Epoche der Weltgeschichte setzt die militärisch mächtigste Nation die Wünsche ihrer Regierenden mit Waffengewalt durch. Der ehemalige CIA-Direktor James Woolsey, Mitglied der offiziellen Beratungskommission des Vereidigungsministeriums, plauderte kürzlich vor Studenten in Los Angeles aus dem Nähkästchen. Der Vierte Weltkrieg habe begonnen; dieser habe den Dritten - den Kalten Krieg mit seinen zahlreichen internationalen Konflikten - abgelöst. Feinde seien neben Irak auch die religiösen Herrscher in Iran, die »Faschisten« in Syrien und islamische »Extremisten« wie al Qaida. Die US-Nahostpolitik werde in den kommenden Jahren und Jahrzehnten »viele Leute sehr nervös machen«, versprach Woolsey, zur Zeit Vizepräsident der Beraterfirma Booz Allen Hamilton, die vergangenes Jahr Aufträge vom Pentagon im Wert von 688 Millionen Dollar bekam.

Auch die USA selber werden neu gestaltet. Der Krieg gegen den Irak, gegen den Terrorismus, dient nebenher zur Begründung eines rapiden Sozialabbaus (inklusive der Ausgaben für Veteranen). Es geht zu wie bei Ronald Reagans Hochrüstungsprogrammen. Überall fehlt das Geld, die Amerikaner werden das zu spüren bekommen, wie auch die Repressionsmechanismen der Regierung, die Verfechtern bürgerlicher und individueller Rechte Angst und Schrecken einjagen. Der Justizminister träumt von einem Ordnungsstaat, in dem auch US-Staatsbürger ohne Anklage und Prozess unbegrenzt lang eingesperrt werden dürfen. In Oakland - Bürgermeister dort ist der liberale Demokrat und Präsidentschaftskandidat Jerry Brown - setzt die Polizei Gummigeschosse gegen Demonstranten ein, in San Francisco werden mehr als tausend Menschen bei Antikriegs-Kundgebungen festgenommen. In New York geht die berittene Polizei gegen Protestierende vor. In Oregon liegt allen Ernstes ein Gesetzesentwurf vor, Blockadeteilnehmer als Terroristen zu klassifizieren.

Größtenteils freilich wird die Nation in sanfter Weise mit dem Thema Krieg behandelt - mit Fahnen, vor allem rührenden oder gar ergreifenden Geschichten über im Irak eingesetzte junge Männer und Frauen. Fernsehzuschauer von San Diego bis nach Boston erleben einen anderen Irak-Krieg als die Deutschen, die sich das Programm der ARD ansehen, beobachtete kürzlich selbst die Washington Post: Auf deutschen Bildschirmen gäbe es Skepsis und Leichen - auf amerikanischen Bush und Rumsfeld. Allgegenwärtig bleiben ständige Warnungen vor Anschlägen, obwohl selbst das neue Heimatschutzministerium in Washington einräumt, es lägen keine konkreten Hinweise vor.

Auf Autobahnen warnen Leuchtschriften, man solle »Verdächtiges« melden. Was »verdächtig« ist, bleibt dem Beobachter überlassen. Ein Hinweis im Washingtoner Hauptbahnhof, versehen mit nicht weniger als sechs Ausrufezeichen: »Vergessen Sie nicht, unsere Streitkräfte stehen im Krieg!« Statt drogenschnüffelnden Schäferhunden jetzt Bombenschnüffler. Die Kriegsstimmung verdrängt naheliegende Fragen nach dem Charakter einer Nation, die hochtrainierte Spezialeinheiten eine 19-jährige Kriegsgefangene befreien lässt, die sich »freiwillig« zum Militär gemeldet hat, um so ihre Ausbildung zur Kindergärtnerin zu finanzieren. Die Aktion wird von einem Militärflugzeug aus gefilmt und life in die militärische Kommandozentrale übertragen. Hollywood-Firmen klopfen nun angeblich an, bei den Eltern der jungen Frau aus West Virginia. Blond ist sie und die ehemalige Schönheitskönigin ihres Landkreises. Happy End.

Für die Männer an der Macht sind der Unilateralismus und die internationale Isolierung der USA in den Augen der Weltöffentlichkeit kein Problem. Eher das Gegenteil: Können sie machen, was sie wollen, müssen sie auf niemanden hören, höchstens noch auf Tony Blair, der inzwischen freilich nicht mehr abspringen kann vom rollenden Zug. Geht es nach Rumsfeld und wohl auch Bush, soll Europa nicht viel mehr sein als Zaungast beim Neuordnen der Welt, die UNO wenn möglich Feigenblatt und sonst eine Art Rotes Kreuz mit Hauptquartier in New York. Rumsfeld hat ja schon Syrien und Iran »gewarnt«. Bob Woodward schreibt wohl bereits an seinem nächsten Buch.

00:00 11.04.2003

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