Ein David-und-Goliath-Spiel

KOLONIALES ERBE Jahrzehntelang hat die US-Army in der Panama-Kanalzone chemische Waffen getestet, ohne jemals an eine Entsorgung des kontaminierten Geländes zu denken

Als die Amerikaner Ende Dezember Panamas Kanalzone verließen, verabschiedeten sie sich ausgesprochen low key. Weder Präsident Clinton, noch Außenministerin Albright ließen sich blicken. Die Übergabe blieb Jimmy Carter überlassen - dem Präsidenten, der die in den USA wenig populären Rückgabeverträge ausgehandelt hatte. Dass Washington nach 90 Jahren Kanalherrschaft sang- und klanglos verschwand, hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen war man verärgert, einen Stützpunkt zu verlieren, der die Kontrolle des Luftraums über Kolumbien und der Karibik erlaubte. Zum anderen wurde den Panamesen ein Erbe hinterlassen, das niemand anrühren möchte. Tausende Hektar Dschungel und Regenwald an der Kanalzone sind übersät mit nicht explodierter Munition. Die Pazifikinsel San José ist von Blindgängern und Restbeständen chemischer Waffenversuche verseucht - auf dem Eiland wurden Senfgas- und VX getestet - Sarin, und Blausäure. Panama wurde als eine Art Müllkippe missbraucht und einer Umweltkatastrophe ausgesetzt, deren Ausmaß noch längst nicht abzusehen ist .

Eine Insel für 15.000 Dollar im Jahr

1998 hatte der für die Kanalübergabe zuständige Captain David Hunt noch versichert, Washington werde zu seinen Verpflichtungen stehen. Heute heißt es im Pentagon, ein Clean up sei "nicht praktizierbar", und - so erinnert sich Captain Hunt - man habe das Panama von Anfang an klargemacht: "Als wir im Zweiten Weltkrieg während unserer Vorbereitungen auf die Kampfhandlungen im Pazifik ein Testgelände für Chemie-Waffen benötigten, erlaubte uns Panama, diese unbewohnte Insel San José zu benutzen. Sie wussten, einen Clean up würde es wahrscheinlich nicht geben. Das hatten wir ihnen eingehend erklärt."

Doch damit will sich Panama inzwischen nicht mehr abfinden. Die Regierung fühlt sich hintergangen und hat nicht die Millionen, die ein Clean up kosten würde. Deshalb denkt Präsidentin Mireya Moscoso an eine Klage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Washington wird eine Verletzung der Kanalverträge und der 1997 unterzeichneten Chemiewaffen-Konvention vorgeworfen, mit denen die USA wie alle anderen Vertragsstaaten verpflichtet werden, die entsprechenden Arsenale zu beseitigen.

Stattdessen verweigert das Pentagon sogar die Liste, auf der die sogenannten "overseas burial sites" verzeichnet sind, jene Orte außerhalb der USA, an denen chemische Waffen erprobt wurden. Außerdem würde man gern genau wissen, wieviel Tests es in welchem Zeitraum gab, welche Gifte und Gase getestet wurden, wo die Waffen gelagert wurden und last but not least: Wie hoch die Zahl der Blindgänger war, wieviel Granaten und Minen bis heute auf den einstigen Truppenübungsplätzen herumliegen.

Juan Carlos Navarro stellt solche Fragen regelmäßig. Navarro ist der Bürgermeister von Panama-City, er engagiert sich seit Jahrzehnten im Umweltschutz: "Die US-Militärs müssen die Karten auf den Tisch legen. Diese Informationsblockade würde man ihnen im eigenen Land nie durchgehen lassen". - Nach Schätzung der Washington Post könnten auf den ehemaligen Militarbasen in der Kanalzone etwa 110.000 Blindgänger liegen. Doch wie üblich bei solchen Gelegenheiten, wird auf National Security verwiesen.

Washingtons arrogante Geheimhaltung erschwert zwar die Arbeit von Aktivisten, die Panama zu Hilfe geeilt sind, hat ihnen aber nicht die verlässlichste aller Informationsgarantien nehmen können: den Freedom of Information Act - jenes Gesetz, das US-Regierungsstellen zu Auskünften zwingt. Diesen Weg hat vor einiger Zeit die Fellowship of Reconciliation beschritten. Eine christlich motivierte Friedensorganisation, die sich besonders in Lateinamerika engagiert und vor fünf Jahren schon eine "Panama Kampagne" startete. Dank erfolgreicher Recherche hat die Fellowship of Reconciliation eine für Panama äußerst hilfreiche Studie veröffentlichen können: "Test Tube Republic. Amerikas Verantwortung für die Chemiewaffen-Versuche in Panama".

Das Papier beginnt mit einem historischen Überblick und erinnert daran, dass der Kanal kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges vollendet wurde, in dessen Verlauf die Deutschen erstmals Senfgas eingesetzten. Als die USA 1917 eingriffen, waren sie darauf nicht vorbereitet. Doch sie lernten schnell. Bei Kriegsende produzierte Amerika bereits mehr tödliches Gas als alle anderen Kombattanten zusammen.

Weil Panamas tropisches Klima ideale Bedingungen für Giftgasversuche bot, wurde die Kanalzone ab 1923 zum Trainingsplatz für entsprechende Manöver auserkoren. Straßen und Wege, die von Pazifik und Atlantik zur Kanalzone führten, wurden so Jahr für Jahr mit Senfgas bombardiert, und die Strände mit flüssigen Gasen besprüht. Der Zweite Weltkrieges brachte schließlich die alliierten Kanadier und Engländer ins Spiel. Gemeinsam suchte man nach einem größeren Terrain zum Test chemischer Waffen, nach einer möglichst unbewohnten Insel, ohne direkte Nachbarn, mit Dschungel und gutem Wasser, ohne Seuchen und Giftschlangen. Gebiete in Costa Rica, Nicaragua und Peru sowie die Galapagos Inseln standen zur Debatte, doch die Wahl fiel auf San José. Für 15.000 Dollar im Jahr ließ sich die Insel mieten. Danach wurde besonders ihr nördlicher Teil zwischen 1944 und 1947 von 130 Testreihen heimgesucht - mit Senfgasbomben aus der Luft und Phosgen-Granaten am Boden.

Ein kürzlich freigegebener Lehrfilm der Army erklärt, wie und warum damals getestet wurde: "Unser eigener Chemical Warfare Service hatte bei chemischen Waffen wenig Erfahrung - vor allem wenn es darum ging, Substanzen und Schutzanzüge unter tropischen Bedingungen zu testen. So entstand die Idee, eine vollständig koordinierte Testreihe zu entwickeln."

Einen Präzedenzfall vermeiden

Monströse Zahlen offenbart nicht zuletzt das Kapitel "Waffenlagerung". 1940 seien auf den US-Basen in Panama bereits 84 Tonnen Senfgas, zehn Tonnen Phosgen, 800 Phosgen Geschosshülsen und 2.377 schwere Senfgas-Panzergeschosse gelagert worden, heißt es im Report der Fellowship of Reconciliation.

Erstmals wurde 1969 das Problem der Entsorgung offiziell angesprochen, als der Kongress in Washington ein Gesetz verabschiedete, mit dem es fortan verboten war, Chemie-Waffen außerhalb der Vereinigten Staaten anzuwenden oder zu lagern. Zehn Jahre später traten die Kanalverträge in Kraft. Seitdem durften US-Truppen in Panama nur noch mit Simulationsstoffen trainieren.

Als das Ende der US-Kanalpräsenz näherrückte, schickte das Pentagon ein Experten-Team nach Panama. Munitionstechniker, die eine Bestandsaufnahme vorlegen sollten, um den Umfang notwendiger Aufräumungsarbeiten abschätzen zu können. So jedenfalls hatte man es Sprengmeister Rick Stauber mitgeteilt, als der sich 1995 dem Team anschloss. Stauber wollte sich auf verschiedenen Militärbasen umsehen und dachte auch an eine Inspektion des Testgeländes San Jose - doch dafür hatte man ihn nicht engagiert. Stauber ließ nicht locker, und seine zwanzigjährige Erfahrung als Sprengmeister verschaffte ihm den Durchblick, genau das zu entdecken, was seine Vorgesetzten vertuschen wollten: die jahrzehntelange Geschichte der Chemiewaffen-Tests in Panama. Er ignorierte die strikte Anweisung, darüber zu schweigen und wurde vom Pentagon postwendend gefeuert.

Derzeit arbeitet Stauber als geschätzter Berater der Regierung Panamas. Die Frage, warum das Pentagon bis heute den Clean up so kategorisch verweigert, beantwortet er mit einem Satz: Man will nicht zahlen, um keinen Präzedenzfall zu schaffen. Staubers ehemaliger Vorgesetzter, Captain Hunt, gibt eine andere Erklärung, indem er behauptet, unbewaldete Gebiete würden rekultiviert, aber die Tausende Hektar Dschungel wären off limit. Es gäbe keine Technologie dort nach Blindgängern zu suchen. Es sei denn, man würde die gesamte Vegetation entfernen - und das käme einer ökologischen Katastrophe gleich. Sprengmeister Stauber ist anderer Auffassung - es gäbe Technologien, die sich auch anwenden ließen.

Die Frage, wer in Panama am meisten gefährdet ist, wenn die Altlasten nicht beseitigt werden, beantwortet Stauber ohne zu zögern: Es seien vorrangig in der Umgebung der Militärbasen spielende Kinder, die ein Stück Schrott für einen großen Fang halten - bis der ihnen die Hände abreißt. Auch Bauern auf dem Feld würden immer wieder tödlich verletzt.

Wie gefährlich die Reste chemischer Waffen auf San José sein könnten, kann oder will Stauber nicht sagen. Niemand wisse, was da herumliege - zu Wasser oder zu Lande. Aufklären könne nur das Pentagon, die Regierung Clinton aber mache keinerlei Anstalten. Robert Pastor, Top-Berater von Präsident Carter bei der Aushandlung der Kanalverträge, ist diese Haltung erkennbar peinlich. Die USA versuchten, sich bei Nacht und Nebel fortzuschleichen, ohne auch nur den kleinen Finger zu rühren: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auch nur einen Gouverneur in Amerika gibt, der erlauben würde, in seinem Bundesstaat einen Truppenübungsplatz zu schließen, auf dem soviel nicht explodierte Munition liegt wie auf den Basen in Panama."

Präsidentin Moscoso hat sich rechtliche und diplomatische Schritte vorbehalten. Sie scheut sich nicht vor der David-und-Goliath-Konfrontation und wurde für ihren Mut schon belohnt: eine der renommiertesten Washingtoner Anwaltskanzleien hat ihr einen ersten Sieg beschert. Arnold Porters mit 60 Fotos versehene Analyse straft Washingtons Behauptung Lügen, dass außerhalb der Hauptzielgebiete ein akzeptabler Clean up bereits stattgefunden habe. Die Recherchen von Arnold Porters wie der Fellowship of Reconciliation beweisen das Gegenteil.

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