Ein Dreyfus in der Bundeswehr

Kommentar 2 Michael Wolffsohn klagt an

Gibt es in der Bundesrepublik Deutschland politische Tendenzen, die ein "J´accuse!" rechtfertigen? Michael Wolffsohn, Zeithistoriker an der Universität der Bundeswehr, glaubt es jedenfalls und hat der deutschen Gesellschaft seine Anklage entgegen geschleudert (s. FAZ vom 25. Juni). Zur Erinnerung: 1894 wurde Albert Dreyfus, Hauptmann der französischen Armee, aufgrund seiner jüdischen Herkunft wegen Hochverrats zu lebenslanger Verbannung verurteilt. Der Schriftsteller Émile Zola sah sich damals veranlasst, seinem Land in Form eines "J´accuse!" den Spiegel vorzuhalten. Wolffsohn will nun Dreyfus und Zola in Personalunion sein - eine beachtliche Hybris. Sollte man von einem Historiker mehr Differenzierungsvermögen erwarten dürfen?

Wolffsohn hatte bei "Maischberger" in einem ntv-Interview Folter im Kampf gegen den Terrorismus gerechtfertigt, und dies auf Nachfrage der verdutzten Interviewerin auch in seiner Rolle als Hochschullehrer bei der Bundeswehr bejaht. Verteidigungsminister Struck, sein Dienstvorgesetzter, bat ihn daraufhin zu einem Gespräch, das folgenlos blieb. Nach dem Gespräch legte Wolffsohn nach: Er sehe sich als Opfer einer "manipulativen Treibjagd", zu der angeblich von regierungsamtlicher Seite geblasen worden sei.

Nichts von alledem trifft zu. Weder wurde er wegen eines dienstrechtlichen Fehlverhaltens disziplinarisch verfolgt, noch wurde er als deutscher Staatsbürger jüdischer Herkunft angegriffen. Mit diesem Vorwurf wird eine Ebene der Auseinandersetzung ins Spiel gebracht, die fatale Folgen haben kann.

Der Kläger hat ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und geht mit seinen Gegnern nicht zimperlich um. Er klagt nicht nur alle deutschen "Nichtjuden" an, sondern auch die "nicht-antisemitischen nichtjüdischen Entscheidungsträger" der rot-grünen Bundesregierung. Dabei wird Außenminister Fischer die fragwürdige Ehre eines neuzeitlichen Globke zuteil. Ein wirklich paradoxer Vergleich, ausgerechnet Fischer in dieser Weise anzugreifen, der sich in seinem Pro-Israelismus von kaum einem anderen Politiker überbieten lässt. Selbst die kleine FDP und die PDS bekommen ihr Fett ab. Auffällig ist, dass die CDU/CSU ungeschoren bleibt. Von dieser Seite befürchtet der Historiker absolut nichts, was Anlass zu einem "J`accuse" sein könnte, auch keine Reden von Martin Hohmann.

Was Wolffsohn völlig ausblendet: Nicht auf ihn findet eine "Treibjagd" statt, sondern auf alles Arabische und Muslimische, besonders seit dem 11. September 2001. Nicht Michael Wolffsohn ist als jüdischer Mitbürger "regelrecht zum Abschuss" freigegeben, sondern die Palästinenser in den von Israel besetzen Gebieten, und das im wörtlichen Sinne. Diesen Umstand hätte der Professor kritisieren und nicht legitimieren sollen. Der kulturelle und politische Schaden für das deutsch-jüdische Verhältnis, den er durch sein ahistorisches "J´accuse" angerichtet hat, ist noch gar nicht abzusehen.





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00:00 09.07.2004

Ausgabe 39/2020

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