Ein Eulenspiegel in Mecklenburg

der G 8-Joker Monty Schädel - mit Klarheit leben, das mögen nicht alle

Es sind aufregende Dinge, von denen er zu erzählen hat. Er ist darauf stolz, aber nicht eingebildet. Niederlagen räumt er ohne Umstände ein, aber sicher erst, wenn er sie emotional ganz hinter sich hat. Seine Offenheit kennt vermutlich eine sehr klare Grenze: So lange seine Unsicherheit anhält, verbirgt er sie - hinter den hellblauen Augen mit den kleinen Bögen der Augenbrauen darüber, hinter der immer breiter werdenden hellen Stirn, die an den kleinen Jungen erinnert, der er gewesen sein muss.

Für den Protest gegen den G 8-Gipfel in Rostock hat er zwölf Monate im Voraus die Demos angemeldet, als noch kaum jemand an diesen notwendigen Akt dachte. Er ist eben pragmatisch und liebt das sinnvolle Organisieren. Es waren am Ende 18 große und kleine Kundgebungen in der ersten Juniwoche, für die er mit der Polizei verhandeln und für die er irgendwie auch gerade stehen musste. Monate vor dem Gipfel hat er ein Informationsbüro für das Rostocker Bündnis eingerichtet, von da aus wurden erhebliche Teile der Aktionen vorbereitet.

"Ich wollte, dass alles rund und koordiniert läuft und dass für uns in Mecklenburg-Vorpommern am Ende auch eine gemeinsame Arbeitsbasis rauskommt. Denn wir sind wenige Leute, seit Jahren. Und bei dieser Gelegenheit sind Leute zusammengekommen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten."

Er hat in der Zeit kaum geschlafen. Man sah ihn mit glasigen Augen am Stadthafen, für den er "zuständig" war. Das große Terrain war die ganze Woche über für Demos, Kundgebungen, Konzerte angemeldet. Am Kai lagen Segelschiffe von Greenpeace und anderen Gruppen. Zwei Pressezelte standen neben der Bühne, täglich liefen morgens Pressekonferenzen ab. Monty war immer anwesend, bleich und übernächtigt: Eine übernommene Aufgabe wird zuverlässig erfüllt, koste es, was es wolle. Es ihm nachzumachen, versucht kaum jemand. Es ist sein Stil, seine Leidenschaft, auch sein Rätsel. Und falls er sich dabei zuweilen einsam vorkommen sollte, klagt er darüber nicht.

"Mit der Klarheit leben - das mögen nicht alle", wie nebenbei hat er den Satz einmal geäußert. Er scheint nicht die Neigung zu haben, schwierigen Folgen seiner Entschlüsse auszuweichen. Woher hat er das?

Nach der 10. Klasse lernte er Koch. Er war bereit, in die NVA zu gehen, hätte, wenn nötig, an der Grenze gestanden, sie bewacht, auch geschossen. Das sagt er mit einem ganz anderen Ton, als er sonst bei solchen Rückblicken angeschlagen wird, ohne Schauder, auch ohne sich zu rechtfertigen. Er ist an der Grenze aufgewachsen, nahe Lübeck. Sein Vater war Kfz-Schlosser, Genosse.

Ein halbes Jahr nach der Wende, im März 1990, wurde er tatsächlich zur NVA einberufen. Sie stand nun unter dem Kommando der Regierung de Maizière, und es war klar, dass sie bald von der Bundeswehr übernommen würde. In der wollte er nicht dienen. Er verweigerte. Im September ´90 traf jedoch unerwartet erneut ein Einberufungsbefehl ein, diesmal direkt von der Bundeswehr: Sein Verweigerungsantrag vom Jahresanfang wurde nicht akzeptiert. Da er eine Ausbildung in Neubrandenburg als Erzieher begonnen hatte, konnte man ihn noch nicht zu den Soldaten holen. "Gute Jahre, eine Zeit im Umbruch, um Dinge auszuprobieren und Menschen kennen zu lernen", sagt er. Der Pazifismus wurde ihm ernst und als ihm aufging, dass er als Verweigerer ebenfalls ein Teilchen im zivil-militärischen Kontext sein würde, zog er seinen Antrag auf Zivildienst zurück. Er erklärte sich zum Totalverweigerer.

Hungerstreik mit Bibel

Die Bundeswehr hatte nach der Wende im Osten eifrig Freiwillige geworben. Mit der Wanderausstellung Unser Heer baute sie auf die Technikbegeisterung, die noch aus der DDR stammte. Sie kam mit Autos, Panzern, Anlagen, alles war zu besichtigen. Monty stellte sich mit Kriegsdienstverweigerern und Antifa-Gruppen vor der Wehrbereichsverwaltung mit Friedenstauben auf, sie blockierten Züge voller Rekruten, und er bekam deswegen eines seiner ersten Strafverfahren. Inzwischen sind es 18 bis 20, er hat nicht mehr genau gezählt.

Zwölf Tage, bevor er seine Erzieher-Ausbildung 1994 beendete, lag prompt wieder eine Einberufung auf dem Tisch. Auch die konnte er noch abwehren, er kandidierte für den Landtag, im Wahlkampf war er aus dem Schneider. Nur noch einige Monate, und er hätte die Altersgrenze von 25 Jahren erreicht. Aber die Bundeswehr ließ nicht locker. Mit Polizei wurde er aus dem Kindergarten, wo er als Praktikant arbeitete, zur Musterung geholt. Der Arzt erklärte ihn nach Augenschein für tauglich, weil er sich nicht auszog und untersuchen ließ.

Jenen Sommer über hat er sich "aus dem Blickfeld" begeben - als Koch in einem Ferienlager, wo er nur unter einem Spitznamen bekannt war. Doch dann entschied er, sich zu stellen. Am 1. September 1995 zelebrierte er mit Freunden und seiner Frau - sie hatten am Vortag geheiratet - ein großes Frühstück auf dem Marktplatz in Neubrandenburg. Feldjäger standen an allen Ecken. Sie griffen nicht ein, auch nicht, als er mit seiner Frau, einer Lehrerin für behinderte Kinder, gefolgt von einem Autokorso ins Wochenende abzog.

Als er am Montag in die Kaserne ging, kam er sofort in den Arrest, für 21 Tage mit Bibel und Dienstvorschrift. Er trat bald in den Hungerstreik, allein schon, um die drohenden dreimal 21 Tage Arrest "abzukürzen", nach denen er - den gesetzlichen Vorschriften entsprechend - vor ein ziviles Gericht kommen würde. Von außen erhielt er Unterstützung, "von Leuten, mit denen ich zusammengearbeitet hatte, im Jugendbereich, gegen rechts und so. Auch von Kriegsdienstverweigerern, weil sie anerkennen, wenn einer ganz persönlich seine Entscheidung gegen den Krieg gefällt hat und die Konsequenzen trägt. Der geht einen Schritt weiter als andere. Den darf man einfach nicht allein lassen."

Nach einer Woche Hungerstreik wurde er in der Neurologischen Abteilung der Bundeswehrklinik untersucht. "Aber ein Knall konnte nicht festgestellt werden." Also kam er in eine Kaserne in Prenzlau, in eine Zelle im Tower, still, dunkel, Milchglas vorm Fenster, uraltes Eisenklappbett. Bedrückend. Berliner Freunde warfen "Kasernenkonfetti" - Papierschnipsel. Die Wachleute mussten sie aufsammeln. Sonderschichten wurden nötig, MG´s waren aufgestellt.

Diesmal angekettet

Er war schon 26 Tage im Hungerstreik, hielt es durch, "weil ich die Verantwortung fühlte, und weil ich ein Zeichen setzen wollte". Zur Untersuchung brachte man ihn periodisch in die Charité Berlin. Eines Tages schickte man ihn ohne Bewachung los, und er fuhr nach Hause. Man ließ ihn. Als er aber am Volkstrauertag 1995 bei der ersten öffentlichen Vereidigung auf dem Soldatenfriedhof in Neubrandenburg mit protestierte, packten ihn die Feldjäger.

Diesmal wurde er angekettet in der Dienststelle, dann in die Arrestzelle gesteckt, wieder Hungerstreik, Charité in Berlin. Dort sprang er aus dem Fenster und tauchte unter. Bis zum 25. Geburtstag. Die Bundeswehr schickte ihm reguläre Entlassungspapiere über zehn Monate abgeleisteten Wehrdienst.

Es scheint zu Monty Schädel zu gehören, dass er die Dinge bis zu ihren Grenzen ausreizt. Er beharrt auf Rechten, auf die andere verzichten. Scheinbar naiv. Ähnlich verhielt er sich auch im letzten Jahr der DDR. Seine erste Stelle als Koch fand er in der Opern- und Theaterkantine Leipzig. Dort hatte er bald eine FDJ-Gruppe in Gang gebracht: Die Mitspracherechte waren im Grunde groß, sagt er, und er versuchte, sie zu nutzen. Erlebte in SED-Versammlungen heftige Debatten und fand das ein ehrliches Streiten. Mit einem Kumpel ging er ein paar Mal zu Jugendstunden der Adventisten, sie gefielen ihm, aber es war nicht sein Denken.

Für ihn war die DDR nicht "sprachlos". Er habe kein "Unterdrücktsein" erlebt. Noch während der Berufsschule machte die Staatssicherheit einen Versuch, ihn anzuwerben, das fand er nicht dramatisch. Er hat es abgelehnt mit der einfachen Begründung, er wolle seinem Vater den Besuch der Schwester im Westen nicht vermasseln. Das wurde akzeptiert. Er habe sich auch nicht eingesperrt gefühlt. So sei es mit ihm nun mal gewesen, sagt er, und er wolle sich dafür nicht nachträglich für blöd erklären lassen.

Er war loyal der DDR gegenüber und - das fällt besonders auf: Er kennt kaum Berührungsängste, bis heute nicht, auch nicht gegenüber der Polizei, mit der er wegen G 8 so viel zu verhandeln hatte. "Ich wusste, wenn es am Tag der Demo zu Auseinandersetzungen kommt, sind Absprachen mit der Polizei keinen Heller mehr wert. Sie macht dann, was sie will, um ihre Ordnung durchzusetzen, und es wird erst hinterher geguckt, was Recht war und was nicht. Dennoch bin ich beim Gipfel in die Gespräche mit der Polizei in dem Glauben gegangen: Was ich mit ihnen bespreche, hat zunächst Bestand. Viele aus der Protestbewegung hingegen sehen von vornherein nur negative Absichten. Das ist nicht meine Art. Als gewaltfreier Mensch habe ich meine Sicherheit und mein Selbstbewusstsein. Ich bin ja bereit, mich den Konsequenzen zu stellen."

Ein wunderbares Erlebnis

Seine vielen Verfahren bekam er wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz, das Ausländergesetz, wegen Landfriedensbruch und Beleidigung. Das Verfahren wegen seiner Totalverweigerung zog sich über vier Jahre hin. So konnte es die Staatsanwaltschaft immer wieder herausholen: Halt, gegen den Mann liegt ein Haftbefehl vor, er ist kriminell. Bis hinein in seinen Wahlkampf 1998 ging das so. Und als er gewählt war, hat der Landtag in Schwerin gleich seine Immunität aufgehoben. Doch auch das fand irgendwann sein unspektakuläres Ende.

Er wurde Landtagsabgeordneter auf der offenen Liste der PDS, ohne Mitglied zu sein. Ganz geheuer war es der Partei, die eine Koalition mit der SPD einging, mit ihm nicht. "Ich war nicht regierungskonform, ich wollte Sprachrohr für außerparlamentarische Gruppen sein und ihre Belange ins Parlament bringen - für Jugend- und Flüchtlingsgruppen, für die Antifa. Man kann als Abgeordneter viel mehr erreichen als sonst, auch Öffentlichkeit schaffen. Das habe ich ausgenutzt." Es ging eine Legislaturperiode lang, 1998 bis 2002.

Es folgte eine Phase des Rückzugs und der Stille. Auch solche Wechsel gibt es in seinem Leben. Zwei Söhne kamen auf die Welt, aber die Ehe ging auseinander, das war ein großer Kummer. Inzwischen ist Monty nach Waren zu seiner Freundin, einer Kindergärtnerin, auf deren Bauernhof gezogen. Seine Arbeit kann er von dort aus machen, so weit sie am Computer passiert: als Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft und des Verbandes für Kriegsdienstverweigerer. Das macht er in den Nächten bis drei oder vier Uhr, "wenn niemand hinter meinem Rücken etwas Interessantes macht, was ich dann - neugierig, wie ich bin - sehen will".

Wegen G 8 ist er wieder aktiv geworden. Als sich bei der großen Demo am 2. Juni Polizei und Demonstranten Gefechte lieferten, hat er im Fernsehen seine Wut auch über die Demonstranten rausgelassen: Nun seien doch wieder ähnliche Gewalt-Bilder aus Rostock in die Welt gegangen wie 1992, als ein rechter Mob ein Haus mit Asylbewerbern in Brand setzte und belagerte. "Für den Vergleich musste ich viel Kritik einstecken. Mir ist das unterlaufen, weil wir so oft darüber gesprochen hatten, weil es unser Grundkonsens war: Schäuble wartet nur auf solche Bilder. Es ist richtig, man kann diese Dinge nicht vergleichen, da habe ich Mist geredet. Das zuzugeben, fällt mir nicht schwer, aber mich monatelang damit auseinander zu setzen, immer wieder aufs Neue, mit völlig hirnrissigen Reaktionen, das war hart."

Insgesamt war der G 8 Protest ein wunderbares Erleben: So viele haben gemeinsam gehandelt, ohne Direktiven, konstruktiv und phantasievoll. Tausende haben es gewaltfrei geschafft, bis zum Zaun vorzudringen und den G 8 Gipfel zu blockieren. Seit diesen Ereignissen ist Monty bekannt in unzähligen Gruppen und in den Medien. Er wird eingeladen und gefragt.

Wo hat er eigentlich den Spitznamen Monty her? "Das ist kein Spitzname. Den habe ich von meinen Eltern. Sie fanden ihn im Namensbuch. Es sollte etwas Besonderes sein. Mein Bruder heißt Remo. Monte Carlo und San Remo, für die Geschichten schwärmte unsere Ur-Oma! Gar nicht so unpraktisch, einen einprägsamen Namen zu haben, wenn man in der Öffentlichkeit zu tun hat."

00:00 21.12.2007

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