Ein Funke Anstand

Kino Oliver Haffner erzählt in „Wackersdorf“ von den politischen Kämpfen der 80er
Ein Funke Anstand
Galionsfigur an Tafel

Foto: Erik Mosoni/Alamode Film

Der oberpfälzische Landrat Hans Schuierer kommt gar nicht auf die Idee, das „Geschenk“ zu hinterfragen, das die bayrische Staatskanzlei dem Landkreis Schwandorf und damit auch ihm in Aussicht stellt. Dafür ist der Plan, den ihm der Umweltminister im Rahmen eines geheimen Treffens bei Weißwurst, die er natürlich aus München mitgebracht hat, und Weißbier vorstellt, viel zu verlockend. Mit dem Ende der Braunkohleförderung ist die Oberpfalz in eine wirtschaftliche Krise gerutscht, die Anfang der 80er Jahre ihren Höhepunkt erreicht. Die Arbeitslosenquote ist hoch. Immer mehr Menschen verlassen Schuierers Landkreis, weil sie dort keine Zukunft für sich sehen. Eine atomare Wiederaufbereitungsanlage, kurz WAA, könnte diesen Trend nicht nur aufhalten, sondern umkehren. Schließlich würde sie mehr als 3.000 neue Arbeitsplätze in die Region bringen. Also glaubt der Landrat dem Minister und später auch einem Lobbyisten der „Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen“, als sie ihm versichern, dass die Anlage keinerlei Risiko für die Menschen und das Land darstellt.

Oliver Haffner konzentriert sich in Wackersdorf ganz auf diesen Landrat, der erst Feuer und Flamme für die Wiederaufbereitungsanlage war und später zur Galionsfigur des Widerstands gegen sie wurde. Biopic und Politdrama vermischen sich in Haffners äußerst kenntnisreicher und bewundernswert detailgetreuer Rekonstruktion eines gesellschaftlichen Konflikts, der in den 80er Jahren weit über die Grenzen Bayerns hinaus für Irritationen und Zweifel an der demokratischen Verfasstheit des Freistaats gesorgt hat. Das klingt nach Hollywood oder zumindest nach einem Film von Oliver Stone. Doch Haffner und sein Hauptdarsteller Johannes Zeiler unterlaufen die fürs US-Kino typischen Personalisierungsstrategien.

Zeilers Hans Schuierer ist weder ein strahlender Held noch ein gebrochener Antiheld. Er versucht nur, die richtigen Entscheidungen für seinen Landkreis und dessen Bevölkerung zu treffen. Und das ist ein schwieriger, von Fehleinschätzungen und Kehrtwenden geprägter Prozess, in dem stille Gesten der Selbstbehauptung vielleicht sogar eine nachhaltigere Wirkung zeitigen als große Protestreden. Aber auch die gehören natürlich dazu. Einmal stellt Schuierer angesichts der Rechtsbeugungen von Seiten der bayrischen Staatsregierung, die ihre Ziele mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln durchsetzen will, ganz lapidar fest: „Hier entscheidet sich die Zukunft eines demokratischen Bayerns.“ Dieser Satz ist heute so aktuell wie vor etwa 35 Jahren. Schließlich waren die Worte, mit denen amtierende CSU-Politiker die Demonstranten verunglimpft haben, die im Sommer in München gegen das Polizeiaufgabengesetz auf die Straße gegangen sind, ein Echo der Reaktionen von Franz Josef Strauß. Für den damaligen Ministerpräsidenten waren die Familien und Rentner, die Geistlichen und Beamten, die SPD- und CSU-Wähler, die friedlichen Widerstand gegen die WAA in Wackersdorf geleistet haben, nichts als „Chaoten“, die keinen „Funken Anstand“ besitzen.

Auf welcher Seite des Konflikts noch Anstand herrscht, daran lässt Schuierers Haltung keinen Zweifel. Eine Regierung, die auf den Protest der Bürger nur mit Denunziationen und Polizeigewalt antwortet, untergräbt die Grundpfeiler der Demokratie. Aber es sind nicht nur seine Worte, die nachhallen. Auch sein unaufgeregter, aber doch sehr nachdrücklicher Tonfall hat etwas zutiefst Demokratisches. In Zeiten einer von den sozialen Medien befeuerten Empörungskultur, bei der alle Seiten immer nur am lautesten schreien wollen, aber nicht bereit sind, zuzuhören, erinnert einen der Landrat daran, was es wirklich heißt, für die Demokratie zu kämpfen.

Info

Wackersdorf Oliver Haffner Deutschland 2018, 123 Min.

06:00 23.09.2018

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