Ein Gefühl der Verlorenheit

Existenzverlust und Erkenntnisgewinn In Sachsen gelten erste Fragen nach der Flut dem Schutz- und Warnsystem. An den Klimawandel denken vorerst nur wenige

Gespenstische Ruhe" herrsche noch immer in den evakuierten Stadtteilen Dresdens, berichten hartnäckig seit Anfang der Woche in ihren Wohnungen ausharrende Bekannte per Telefon. Tatsächlich wirkt die weitgehend autofreie Innenstadt wie ein Vorgriff auf die Zukunft, wäre da nicht ein schrilles Sirenengeheul, das kaum abreißt. Abgase verursachen nur Rettungswagen und die ewig lärmenden Pumpen. Für Eilige wie für Gaffer ist das Fahrrad zum zweckmäßigsten Fortbewegungsmittel geworden. Als habe Dresden auf unbestimmte Zeit aus der Zeit fallen wollen, sind alle öffentlichen Uhren der Stadt symbolträchtig zu unterschiedlichen Zeiten stehen geblieben. "Stündlich Dampferfahrten" verkündet dennoch ein bis zum Scheibenwischer im Wasser stehender Bus der Weißen Flotte.

Als schließe man auch eine Sintflut von 20 Metern nicht mehr aus ...
"Drehorgel-Schalk" hat seinen gewohnten Standort gegenüber der Semperoper verlassen müssen. An der weitgehend verschont gebliebenen Frauenkirche spielt er nun "für die Wasseropfer", wie es auf der Sammel-Büchse heißt. Jeder hilft auf seine Weise. Nicht jeder. Beschauliche Capucchino-Trinker am Rande der Wasserlandschaft sind auch zu beobachten. Und wer helfen will und sich an den Sammelpunkten meldet, hat nicht selten den Eindruck mangelhafter Organisation und Koordination.
Viel mehr als den archaischen Sandsack vermag auch eine selbstgewisse High-Tech-Gesellschaft nicht als Waffe gegen das Wasser aufzubieten. Verloren liegen die Säcke nun zu Zehntausenden inmitten der langsam versiegenden Wasserstraßen einer Stadt, von allen Seiten von einer schmutzigbraunen Brühe umspült. Trocken geblieben ist einzig der Wall aus Säcken, den Übereifrige vor der Tür des Albertinums errichtet haben, als schließe man auch eine Sintflut mit einem 20-Meter-Pegel nicht mehr aus.
Venezianische Verhältnisse in Dresden. Nicht, dass die Barockmeile in der Altstadt überall überflutet gewesen wäre. Aber der Kampf um die Keller ging überall verloren - in den Kaufhäusern, den Restaurants und Cafés, den Hotels, für die historische Bühnenmaschine des Schauspielhauses, in den Depots von Semperoper und Zwinger. Auch wenn sämtliche Gemälde gerettet werden konnten, das Wasser vernichtete das Notenarchiv der Staatskapelle und zwei Steinway-Flügel. Inzwischen dringt Grundwasser auch in Hunderte Meter vom Elbufer entfernten Stadtvierteln an die Oberfläche. Ein Grund, warum leer gepumpte Keller teilweise wieder geflutet werden müssen. Denn die Bodenwannen der oft in Leichtbauweise errichteten Gebäude erhalten durch das Wasser Auftrieb und gefährden die Stabilität.
In Dresden war zu beobachten, wie zwei Phasen einer Flutkatastrophe zusammentreffen können. Zunächst ergoss sich am späten Montagabend die Weißeritz quer durch die Stadt, nachdem sie im Erzgebirge und in dem von Goethe einst so gerühmten Plauenschen Grund schwere Verwüstungen angerichtet hatte. Der sonst kaum fünf Meter breite Nebenfluss suchte sich mit dem Hundertfachen seiner normalen Wassermenge schlichtweg sein altes Bett. 1908 hatte man die Weißeritz künstlich in einem Bogen am Zentrum vorbei zur Elbe geleitet. Betagte Einwohner der Friedrichstadt wissen noch vom alten Delta an der Marienbrücke. Auf dem Weg dorthin lagen nun Hauptbahnhof, Postplatz, Zwinger, Landtag ... - erst danach kam die Elbe.
Doch die alles dominierenden Bilder von Elbe und Elbflorenz verzerren die Perspektive. Weesenstein im idyllischen Müglitztal ist nach wie vor nur auf Waldwegen oder per Hubschrauber erreichbar. Schon immer eines der "vergessenen Täler im Erzgebirge", wie die Weesensteiner sagen. In der Tat gibt es im Osterzgebirge, wo in Zinnwald an einem Tag die halbe Jahresmenge an Regen fiel, keinen Flusslauf, an dem sich nicht eine breite Schneise der Zerstörung finden ließe. Die romantische Müglitz hat zu erkennen gegeben, wie sie in Jahrtausenden das Tal ausgewaschen haben mag. Ihr neues Bett führt nun dort entlang, wo einst eine Landstraße war. Sonst kaum einen Meter breite Bäche haben Bäume entwurzelt und Gärten verwüstet.
Weesenstein, dessen Schloss und Barockgarten für Dresdner Kunstfreunde stets ein Geheimtipp war, ist besonders schwer getroffen. Von 180 Einwohnern haben noch 50 ein Zuhause. Zwei Vermisste bleiben verschwunden und sind wahrscheinlich tot. Heiko Jäpel überlebte gemeinsam mit drei anderen Familienmitgliedern auf der letzten nicht zusammengestürzten Mauer seines Hauses, ehe nach 13 Stunden der Rettungshubschrauber kam. Warum es so lange dauerte, untersucht inzwischen das Polizeipräsidium von Dresden.

Es waren überhaupt nur Enthusiasten, die hier investierten ...
Einwohner und Hilfskräfte in Weesenstein reagieren gespalten, als am Sonntag EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und Außenminister Fischer auftauchen, der aus verhandlungstaktischen Gründen die halbe EU-Kommission zum Lokaltermin nach Sachsen geladen hat. Bei Frank Dittes verbinden sich Schmerz und Politikerfrust. Er arbeitet als Pendler in Westdeutschland. Als er vor wenigen Tagen von dort eiligst zurückkehrte, war sein Heimatort kaum wiederzuerkennen. An Hilfe erwarte er überhaupt nichts, stößt er wütend und unter Tränen noch in Hörweite der Politiker aus. "Das sind doch selbst Leute, die nur beiseite schaffen!"
Ein Gefühl der Verlorenheit herrscht auch entlang der Bundesstraße 170 nach Zinnwald. Dort hat die Rote Weißeritz das Tal verheert. Die Straße ist mehrfach unterbrochen, das Gleisbett der idyllischen Schmalspurbahn nach Kipsdorf bietet ein jammervolles Bild. Niemand kann sagen, ob dieses Liebhaberstück - ohnehin ein teures Zuschussobjekt der Bahn - je wieder fahren wird. Die Bewohner helfen sich selbst und den Nachbarn, von Bundeswehr oder schwerer Technik ist nichts zu sehen. Wenigstens wird das Technische Hilfswerk eine provisorische Pontonbrücke über den Fluss bauen.
In der mittelsächsischen Kreisstadt Döbeln wimmelt es hingegen von Helfern und Räumfahrzeugen. Die Freiberger Mulde, die das Stadtzentrum wie mit zwei Armen umschließt, hat hier bis zur Deckenhöhe alles verschlungen und weggerissen, was in den Erdgeschossen der Häuser von der Flutwelle erfasst wurde. Geblieben sind stinkende Schlammschichten und Berge grau überzogenen Hausrats. Manchen Fassaden wirken wie gesprengt. In drei Wochen sollte hier der jährliche "Tag der Sachsen" mit voraussichtlich 300.000 Besuchern stattfinden. Die Stadt hatte sich darauf mit der weiter restaurierten Altstadt, Investitionen für ein modernisiertes Schwimmbad und einem Kulturprogramm vorbereitet.

Mit stoischer Gelassenheit stiegen sie um, als einst der Bergbau zusammenbrach ...
Ins Mark getroffen sind neben den Einwohnern Döbelns vor allem die etwa 300 Handwerker, Restaurant- und Ladeninhaber. Als die Fensterscheibe seines Küchen-Elektro-Geschäftes eingedrückt wurde, konnten sich Thomas Arnold und seine Frau gerade noch schwimmend retten. Materiell stehe er jetzt vor dem Nichts, und über das Angebot eines neuen Sonderkredits zum Existenzaufbau könne er nur lachen: "Ich habe schon eine Million Schulden am Arsch!" Es seien doch überhaupt nur Enthusiasten gewesen, die hier investierten, und die seien nun so gründlich bestraft worden. Viele Döbelner sind überzeugt, dass es so schlimm nicht hätte kommen müssen, wäre die Bevölkerung rechtzeitig gewarnt worden. Diese Warnungen habe es gegeben, gerichtet an alle Kommunen, beteuert Landrat Manfred Graez und muss erleben, dass in Döbeln viele auf einen jungen Bürgermeister zeigen, der Hinweise von Bürgern ignoriert haben soll. Nicht er allein. Auch in der Landeshauptstadt und anderenorts gibt es Geschichten, die den Eindruck von Wetter-Entertainer Jörg Kachelmann bestätigen: Man sei trotz der Katastrophenvorhersagen in Sachsen bei der am meisten optimistischen Auslegung geblieben.
Auf einen anderen, weniger oder gar nicht fahrlässigen Optimismus trifft man inzwischen bei manchen Betroffenen. Von Galgenhumor spricht ein Döbelner. Es ist aber wohl eher ein fatalistischer Zug, der den Sachsen eigen ist. Mit stoischer Gelassenheit stiegen sie einst auf Spielzeug, Weihnachtspyramiden, Räuchermänner und Musikinstrumente um, als der Bergbau zusammenbrach, und konnten wirtschaftlich überleben. Ob die große, hinter der Flutkatastrophe stehende Warnung auch verstanden wird, scheint eher fraglich. Wer um die pure Existenz kämpft, hat keine Zeit für einen Gedanken über unsere extensive Lebensweise.

00:00 23.08.2002

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