Ein gutes Gift

Gothic Der große HR Giger wird jetzt endlich ein richtiger Künstler. Mire Lee hilft ihm dabei
Ein gutes Gift
Mire Lee und ihr Kunstwerk „Carriers“ (2020): Kreaturen zwischen Hoffnungslosigkeit und Macht

Foto: Yonje Kim

Für das Ausstellen dieser explizit sexuellen Zeichnungen HR Gigers würden sie vermutlich gecancelt werden, sagt die Kuratorin des Schinkel Pavillons, Agnes Gryczkowska, am Telefon, aber das sei okay. Die 32-Jährige, die seit 2019 als Kuratorin bei dem Berliner Kunstverein tätig ist, hat bereits zwei viel beachtete Gruppenausstellungen im oktagonalen Bau präsentiert und nun etwas Bemerkenswertes zu berichten: Es wird die überhaupt allererste institutionelle Schau mit Werken des berühmten Schweizer Künstlers in Deutschland geben. Auch international wird dieser sonst fast ausschließlich im kommerziellen Umfeld platziert. Selbst in seinem Heimatland fanden nur zwei Ausstellungen in offiziellen Institutionen statt. Denn HR Gigers Arbeiten mussten sich nicht nur immer wieder dem Sexismus-Vorwurf stellen, weil zu viel nackte Frauenkörper und zu viel Gewalt ihnen gegenüber. Sie gelten auch als nicht, oder eher, als falsch – nämlich im Unterhaltungssektor – etabliert. Kunsthistorisch also zu vernachlässigen, Kitsch aus der Bahnhofsbuchhandlung. Zu viel Fantasy. Zu explizit. Wer Frauenkörper mit Peniskopf und Brustwarzen-Spikes entwirft, dem ist nicht zu trauen.

Decancelling Culture

Mit dieser Ausstellung aber, die immerhin in einer der avanciertesten Kunst-Institutionen Deutschlands eröffnet, könnte der 2014 verstorbene Giger nun sozusagen „de-cancelled“, also zeigbar gemacht werden. Und zwar auch gerade deswegen, weil seine Zeichnungen, Ölgemälde und Skulpturen gepaart werden mit Arbeiten der 1988 in Südkorea geborenen Künstlerin Mire Lee, die man wohl als feministisch beschreiben kann, denn in ihrem Werk geht es unter anderem um den Frauenkörper und die Ambiguität von Unterwerfung und Dominanz. Und dann hat diese Ausstellung, die den Schinkel Pavillon zu einer Art Mutterleib werden lassen möchte, in dem Positionen ausgestellt werden, die an die Brachial-Zustände des Menschen erinnern – Geburt und Tod –, auch noch eine ganz friedliche Botschaft: Wer sich das Leid einverleibt, kann es besser verdauen. Der zeigt sich hypersensibel, und das kann doch in einer Zeit, in der der Mensch sich selbst und andere so sehr fürchtet, nur zur allgemeinen Verständigung beitragen.

So dialogisch machen es auch Mire Lee und die Kuratorin, die in Gigers Arbeiten keinen Sexismus sehen, keine Unterdrückung. „Als ich Mire Lee eingeladen haben, war sie begeistert, weil Giger einer ihrer liebsten Künstler ist. Das erste Buch über Kunst, das sie als Kind bekam, war über ihn.“ Die Kuratorin Gryczkowska sieht in ihm sogar einen Feministen, weil er fasziniert gewesen sei von der weiblichen Kraft. Wenn man seine Arbeiten heute betrachte, scheinen sie eine ganz andere Bedeutung zu haben, sagt sie. Das Genderlose seiner Arbeit habe ihm viele Fans in der queeren Szene beschert, sie beobachtet, dass gerade Trans-Menschen seine Werke schätzten.

Lee und Giger haben zwar ganz unterschiedliche Hintergründe, aber durchaus ähnliche Themen, so die Kuratorin: Ängste, Krankheit, Geburt, Sex und wie das alles zusammenhänge mit Tod und Erotik. „Es geht um unsere Einstellung gegenüber Körper und Krankheit“, sagt die Kuratorin, und das klingt doch sehr zeitgemäß. Von Mire Lee, die zwischen Seoul und Amsterdam lebt, werden erstmals in Deutschland Skulpturen und sich bewegende Objekte zu sehen sein. Sie spritzen, tropfen, zucken, schleimen. Und sie gehen einen Dialog mit Giger ein. Im unteren Geschoss zum Beispiel werden sie angestarrt von Necronom (Alien) einer Skulptur Gigers, die inspiriert ist von seinem Bild Necronom IV von 1976, die Arbeit, die Ridley Scott dazu brachte, ihn mit dem Set-Design für den Film Alien zu beauftragen, für das er dann vor allem bekannt wurde und einen Oscar verliehen bekam.

Die Kuratorin Gryczkowska findet es schade, dass Giger eher als Hollywood-Set-Designer denn als surrealistischer Künstler gesehen werde, der er sei. Er habe es sicher oft schwer gehabt, als Außenseiter in der Kunstwelt. „Aber er hat dieses verrückte Universum kreiert, das liebe ich.“

Deswegen hat sie sich zwar für die ikonischen Alien-Werke entschieden, zeigt aber auch sein Gesamtkunstwerk, frühe Tuschezeichnungen, Ölgemälde, die er malte, bevor er auf Airbrush umstieg. Etwa Hommage to S. Beckett, ein Autor, der Giger neben Edgar Allen Poe und H. P. Lovecraft inspirierte. Auch ein Notizbuch von ihm wird gezeigt.

Gryczkowska spricht vom dunklen Existenzialismus, Angst und Mutation in den Werken der beiden Künstler, und man hört das Lächeln deutlich in ihrer Stimme. Die in Polen geborene und in England Studierte, ist auch Sängerin der Band NAKED, ein experimentelles Noise-Neo-Hightech-Gothic-Projekt mit von der Avantgarde gefeierten Veröffentlichungen auf Warp Records oder Rough Trade. Bisschen Sex, bisschen Romantik. Intensive Bühnenshow, zwischen aggressiv und verwundbar. Die Themen der Ausstellung sind auch ihre Themen als Sängerin: der Wechsel zwischen dem Gefühl von Geborgenheit und Angreifbar-Sein.

In Gefahr und unbesiegbar

So bringt sie ihre eigene zeitgenössische Goth-Kultur mit in diese Ausstellung. Was früher als krudes Gläserrücken in der Bravo-Lovestory verpönt war, aus dem ist in den letzten Jahren eine sowohl avantgardistische als auch angekommene ästhetische Praxis geworden, die sich ubiquitär in Grafikdesign, Mode, Pop und auf Instagram findet. Ob es die Vampir-artigen Models bei Gucci, YSL oder Balenciaga sind oder Schriftzüge in Goth-Font in gehypten Agenturen und Magazinen. Warum es sich dabei um die Kultur unserer Zeit handelt? Agnes Gryczkowska sagt: „Weil wir verschiedenen Tragödien ausgesetzt sind. Das kollektive Trauma durch Katastrophen der letzten Jahre macht diese Haltung sehr zeitgemäß.“ Es gehe nicht um Horror und Romantik, sondern um eine Sensibilität dem gegenüber. Seine Empfindungen wie eine Außenhaut zu tragen. Emotionen Ausdruck verleihen können, Hexe sein dürfen, ohne verbrannt zu werden. So Machtstrukturen verhandeln.

Das obere Stockwerk der Ausstellung, die zum Zeitpunkt unseres Telefonates noch nicht fertig aufgebaut ist, stellt sich die Kuratorin als eine Art Gebärmutter vor. Hier hängt Gigers Zeichnung Birth Control, auf der eine Pistole abgebildet ist, die mit Embryonen geladen ist. Daneben eine an Eier erinnernde Skulptur Lees, die sich auf eine japanische Erzählung bezieht, die von einer Frau handelt, deren ganze Haut so empfindlich wie eine Klitoris ist und sie hypersensitiv werden lässt. Eine paradiesische wie horrorartige Vorstellung. Immer wieder thematisiert Lee in ihren Arbeiten auch ihren Fetisch Vorarephilie, also die Vorstellung, von einem Wesen verschluckt zu werden oder ein anderes Wesen zu verschlingen, was sexuelle Erregung auslöst. Und wer muss da nicht an Gigers Kreaturen denken?

Sowohl bei Giger als auch bei Lee wirkt der Körper gleichermaßen in Gefahr als auch unbesiegbar. In einem anderen Raum wird Gigers Entwurf für das Harkonnen-Reich ausgestellt, die der Künstler im Auftrag für den Regisseur und Wahrsager Alejandro Jodorowskys und seine Pläne der Verfilmung des Science-Fiction-Romans Dune Mitte der 1970er anfertigte – bevor der Roman dann von David Lynch verfilmt wurde. Dem gegenüber steht die Arbeit Carriers von Mire Lee. Bauchartige Gefäße, die Flüssigkeiten durch sich durch leiten. Lee arbeitet für ihre Objekte mit milchigem Schleim, PVC, Silikon, Pumpen und Motoren. Sie schafft Kreisläufe, Knotenpunkte, angegriffene Systeme. Lees Arbeiten wirken oft, als schlucke sie damit das Negative und bringe es mit Schleim zur Metamorphose. Die Kreaturen beider Künstler befinden sich zwischen Hoffnungslosigkeit und Macht.

Das sei, glaubt die Kuratorin, symbolisch für unsere Gefühlswelt in der pandemischen Zeit, wo alles giftig sein kann. Wo wir uns selbst giftig werden. Und der Mensch der größte Feind seines Lebensraumes ist, Schutz und Gefahr zugleich bietet. Kuratorin Agnes Gryczkowska plädiert dafür, diese Gefühle anzunehmen. Emotionen gegenüber offen zu sein. Kein Verwehren vor Kitsch, Romantik und Angst. Sie glaubt, alle sollten ein bisschen mehr Goth sein, denn das könnte sie zu besseren Menschen machen. HR Gigers Kunst anders zu deuten, in Kontext zu setzen, anstatt sie gar nicht erst zu betrachten, ist ein guter erster Schritt.

HR Giger & Mire Lee wird am 17. September im Rahmen der Berliner Art Week im Schinkel Pavillon eröffnet. Bis 2. Januar 2022

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06:00 11.09.2021

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