Ein Lächeln fürs Klo

Die Kosmopolitin Kulturelle Unterschiede verstecken sich oft in Details, findet unsere Kolumnistin

Helsinki, Flughafen, ich suche die Toilette. Die Toilette ist oben, eine Wendeltreppe führt hin. Vor der Wendeltreppe ist eine Wand aufgebaut, eine Art einzelnes Supermarktregal mit Wasserflaschen gefüllt. Am Regal wiederum hängt eines dieser Geräte, durch die man seine Kreditkarte ziehen kann. Skandinavien, denke ich und sehe meine norwegischen Freunde vor mir, die mich vor mehr als zehn Jahren in Frankfurt besuchten und sich wunderten, dass man hierzulande die Kaugummipackung am Kiosk nicht mit Kreditkarte bezahlt. Das Bargeld drehten sie, beinahe wie kleine staunende Kinder, in den Händen hin und her. Die fallen mir ein, und auf halber Treppe denke ich, wie schnell das dann geht mit dem Wasserkauf, im Vorbeigehen einfach nur die Karte durchziehen, aber auch mit dem anderen: dem Geldausgeben, ohne etwas, einen Schein, eine Münze in den Händen zu halten, Geld, das nur in der Vorstellung existiert, und dass da niemand mehr ist, der einem lächelnd oder unwirsch die Wasserflasche reicht, egal wie, und dennoch ein menschlicher Kontakt eben. Dieser eine Moment der Begegnung, en passant im wahrsten Sinne des Wortes, aber eben das, was Gesellschaft ausmacht und prägt: Die Entscheidung, bestimmte Höflichkeitsformeln zu wahren oder eben nicht; dieses berühmte geschenkte Lächeln; der Ungeduldige, der hinter einem steht, die erzwungene Reaktion auf das Verhalten Fremder – die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass man nicht alleine im Leben ist, das soziale Umfeld eben. Die Tür zur Toilette geht rechts von der Treppe ab.

Links neben den Waschbecken hängt ein weißes Gerät, das ich so noch nie gesehen habe, mit zwei Tasten und einem Zähler bestückt: Auf einer Taste ist ein lächelnder Smiley, auf der anderen ein enttäuschter. Lassen Sie uns wissen, wie Sie unsere WC-Räume fanden, lädt ein Schild neben dem Automaten ein, ich bleibe kurz stehen und drücke nichts, und weiß nicht, die Treppe wieder hinuntersteigend, was mit der Installation dieses sicher nicht gerade günstigen Befragungsautomaten bezweckt werden soll: den Reisenden das Gefühl vermitteln, ihre Zufriedenheit sei – wem? Dem Flughafen? Dem Betreiber der Toiletten – ein echtes Anliegen von Herzen? Wer macht sich die Mühe, eine dieser beiden besmilten Tasten zu drücken, Kinder vielleicht, die gerne Tasten drücken und Smileys mögen? Oder schlecht gelaunte Reisende gar, die ein enttäuschtes Meeting hinter sich oder einen anstrengenden Transatlantikflug vor sich haben und jemandem eins auswischen wollen und deshalb das Gesicht drücken, das der eigenen Gefühlswelt am ehesten entspricht?

Die Wendeltreppe ist schmal, und als mir eine Frau entgegenkommt, blond, groß, Handy am Ohr und offensichtlich in Eile, muss ich ausweichen und lehne mich ans Geländer; und bin mir nicht sicher, ob sie oder ich die Zielgruppe dieser Toiletten-Zufriedenheits-Umfrage ist, und auch was das für eine Welt ist, in der wir immer zufrieden sein müssen, mit jedem und allem. Und was die Konsequenzen dieser auf gar keinen Fall repräsentativen Umfrage sein könnten, nämlich, dass mehr Putzkräfte eingespannt werden, oder – was wahrscheinlicher und trauriger ist – dass die Putzkräfte Ärger bekommen? Ich steige die Treppe hinunter, ich habe keine Antwort und weiß nicht, warum ein Gang zur Toilette so viele gesellschaftliche Fragen aufwirft. Ich schüttle den Kopf, als schüttle ich sie ab, diese ewigen beobachtenden Gedanken.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin für den Freitag. Zuletzt erschien von ihr der Roman Mehr Schwarz als Lila

06:00 30.03.2018

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