Ein Mann für alle Fälle

Erinnerung Auf Jugendfotos wirkte Markus Wolf wie ein früh vollendeter Dichter

Als er am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz spricht und ausgebuht wird, ist seine kurze Karriere als Wendepolitiker erledigt und sein Altersruhestand in Freiheit und Ehren obsolet. Kurz vor dem 3. Oktober 1990 flieht der einst höchste Geheimdienstler der DDR nach Moskau, der Stadt seiner Jugend und ewigen Verbundenheit, um nach dem Putsch gegen Gorbatschow im August 1991, der das Ende der Perestroika samt der Sowjetunion einläutet, auch dort heimatlos zu werden.

Schließlich erwartet er an einem sonnigen Morgen im September 1991 am Riesenrad des Wiener Praters den obersten Verfassungsschützer Österreichs, um politisches Asyl zu erwirken. Es wird ihm verwehrt, doch der filmreife Auftritt im Stil von Carol Reeds Der Dritte Mann geht durch die europäische Boulevardpresse und findet seine Fortsetzung vor laufenden Kameras an der bayrischen Grenze, als Bundesanwalt Lampe den "Selbststeller" in einem Mercedes der S-Klasse nach Karlsruhe chauffiert. Die mediale Parforcejagd auf den Grand Chef des erfolgreichsten Spionagedienstes des Kalten Krieges, die hysterisch antikommunistische Züge annimmt wie die Verfolgung Otto Johns, des ersten Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, nach seinem Übertritt in die DDR, findet damit ein vorläufiges Ende. Still wird es um den Generaloberst a.D. des MfS mit dem Charme von Gary Grant im Unsichtbaren Dritten.

Markus Wolf liebte große Auftritte und trat während seines Prozesses am Oberlandesgericht Düsseldorf in vielen TV-Kanälen als Zeuge in eigener Sache auf, nie um eine Antwort verlegen, treu seiner politischen Überzeugung und voller Verachtung gegenüber jenen Mitarbeitern der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), die sich durch Verrat ihrer Westagenten vor Gericht freigekauften. Entgegen seiner privaten Erscheinung als scharfsinniger, ironischer Erzähler wirkte er jedoch vor laufender Kamera meist ungelenk und redete substantivisches Funktionärsdeutsch oder meinte, sich nicht erinnern zu können.

Ich lernte Wolf 1993 kennen, als ihn eine Kölner Filmfirma als Berater für eine TV-Serie über Ost-West-Spionage engagierte und mich als Autor. Die Sache ging schief, als die ARD erschreckt feststellte, dass die Erfolge des MfS in der Bundesrepublik durch das Versagen des Verfassungsschutzes und die Bestechlichkeit von Bundesbeamten erst möglich wurden. Wolfs handverlesene, gut ausgebildete, ordentlich bezahlte, mit Privilegien wie Auto, Datsche und Westgeld ausgestatteten und somit hochmotivierten Führungsoffiziere in der Normannenstraße waren aber auch deshalb so effizient und zuverlässig, weil ihr Chef - im Gegensatz zu Erich Mielke - über eine natürliche Autorität verfügte, seine Leute nie anbrüllte und für heikle Operationen die Verantwortung auf sich nahm. Die Top-Spione im Westen traf Wolf persönlich im Ausland oder in einer Loschwitzer Villa in Dresden. Dort ließ er es sich nicht nehmen, ihnen Lichtbildervorträge über die landschaftlichen Schönheiten der DDR zu moderieren, wo sie sich im Falle ihrer Enttarnung oder nach tariflich geregeltem Ende ihrer konspirativen Tätigkeit ins verdiente Privatleben zurückziehen sollten. Wolf kümmerte sich auch in der Not um seine Leute und hielt nichts von dem westlichen Slogan, dass alle den Verrat lieben, aber keiner den Verräter. Als der Kölner Verfassungsschützer Klaus Kuron 1990 durch Verrat seines Führungsoffiziers aufflog, organisierte Wolf über Nacht dessen Flucht nach Moskau. Doch Kuron mochte die Russen nicht und wollte als Triple-Agent im Spionagepoker weiter mitmischen. In seinen Memoiren, die in den USA stark redigiert erschienen, lieferte Wolf eine brillante, wenn auch gönnerhafte Charakterstudie seines besten Mannes beim Verfassungsschutz.

So einer wird mehr gehasst als bewundert im zweitältesten Gewerbe der Welt

1945 war Markus Wolf der jüngste Journalist beim Nürnberger Prozess (seine Rundfunkreportagen gehören zum Besten der ostdeutschen Mediengeschichte), doch dann entschied man 1951 in Moskau, den fließend russisch sprechenden Mann in den DDR-Nachrichtendienst IWF zu lancieren. Nach dem 17. Juni 1953 wurde der dem MfS unterstellt und Wolf stellvertretender Minister für Staatssicherheit. Etwas war wohl schiefgelaufen im Leben der Söhne des Arztes und Dramatikers Friedrich Wolf. Auf Jugendfotos sieht man die beiden Brüder Kopf an Kopf, Jakob und Esau im Moskauer Exil. Konrad, der spätere Filmregisseur und Akademiepräsident, sieht aus wie ein gutmütiger Bauernjunge, Markus wie ein früh vollendeter Dichter. So einer wird mehr gehasst als bewundert im zweitältesten Gewerbe der Welt, wo es nach Meinung von John Le Carré nur Narren, Verräter, Sadisten und Trunkenbold hintreibt, und einem der Makel der Ruchlosigkeit ewig anhaftet. Die Wirklichkeit mag anders aussehen, doch jeder Beruf deformiert den Menschen - besonders, wenn es gilt, Menschen und Mächte zu manipulieren, zu infiltrieren und zu erpressen, überall und unabhängig von Ideologie und Kultur. Wenn einer dann auch noch Kommunist, Jude und Schöngeist war, windet ihm nicht einmal die Nachwelt Kränze.

Markus Wolf lebte in der Gegenwart und seit 1991 in einem vereinten Deutschland, dessen Bürger er nie sein wollte, aber seit seiner Verurteilung zu sechs Jahren Gefängnis wegen Landesverrates und Bestechung notgedrungen wurde. Obwohl die Justiz darauf verzichtete, das Urteil zu vollstrecken. Am Vortag der Urteilsverkündung zeigte mir Wolf ein Fax aus Langley/USA. Darin versicherten Kollegen der CIA und des MI5, sie würden alles tun, um dieses nach der Haager Konvention völkerrechtswidrige Verfahren anzufechten, weil Geheimdienstler eines besiegten Landes nicht nachträglich bestraft werden dürften. Obwohl das Wort Siegerjustiz in einer Demokratie tabu sein sollte, konnte sich die Verfolgung von Offizieren der HVA auf den Mehrheitswillen des deutschen Volkes stützen. Was die alte Bundesrepublik bei hohen Nazis und Kriegsverbrechern versäumt hatte, wollte sie nun bei unbelehrbaren Kommunisten nachholen.


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00:00 17.11.2006

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