Ein Regiestreich!

Ring Zeitgemäße Ästhetik, Pathos und Parodie: Unser Autor ergötzt sich an Stefan Herheims „Götterdämmerung“

Dieser Koloss ist wahrlich nicht nach jederfraus Gusto: brünnhildenbrünstiges Gebrüll, tobende Tuben. Was VerächterInnen als sechseinhalbstündige Tortur empfinden mögen, gilt erfahrenen Verehrern als Überwältigungsmusik. Auch der neue Ring an der Deutschen Oper berauscht und bewegt – und erscheint doch zugleich irritierend unernst, verspielt statt mythenmächtig. Etwa, wenn Brünnhilde ihren Helden statt auf schroffem Fels auf einem Konzertflügel empfängt. Ein Wunderinstrument, das auch als Lift dient und später als Sarg. Da ist Meister Wagner symbolisch präsent. Und ironisch. Das macht in dieser Inszenierung die vollfette Kost erst verdaulich. Dieser Regiestreich ist ein gelungenes Exempel dafür, wie das Gewaltigste, Bildmächtigste, das je für die Oper geschaffen wurde, anregend und, ja, warum nicht, unterhaltsam sein kann.

Da ist dieser Inbegriff des deutschen Helden. Wie eine Comicfigur stapft der beleibte amerikanische Heldentenor Clay Hilley über die Bühne: Asterix und Siegfriedelix. Mit kernigem Timbre – aber dieser Held ist nicht bloß kraftvoll und furchtlos, sondern auch furchtbar beschränkt. Stolpert in jede Intrige und lässt sich dann auch noch vom Zaubertrank verwirren! Das ist tragisch, aber eben auch zum Lachen. Der Mann wird in dieser Inszenierung nicht nur sagengemäß von hinten mit dem Speer entleibt, sondern vom wahnsinnigen Hagen in Sakko und Krawatte auch noch enthauptet.

Wie schafft es Stefan Herheim, der norwegische Regiemeister, dass sich auch Nichtwagnerianer zu Hause fühlen in dieser Germanengötterwelt, die im letzten der vier Ringabende zur Todeszone wird? Zunächst ganz einfach: Der Vorhang öffnet sich und zu sehen ist das Foyer der Deutschen Oper mit Premierenpublikum. Wir sind gemeint! Und die kinetische Riesenskulptur aus sich gegeneinander drehenden Bronzescheiben dort an der holzgetäfelten Wand hängt auch auf der Bühne. Vervielfacht ballen diese Schilde sich mal zum wilden Gewölk, mal zum wogenden Gewässer, mal zum sattgrünen Wald. Wie die Musik schafft dieses Bühnenbild (von Stefan Herheim und Silke Bauer) großen Bühnenzauber. Die Frage lautet also generell, wie der Schwulst von Wagners Gesamtkunstwerk mit zeitgemäßer Ästhetik so überschrieben werden kann, dass er auch neues Publikum anspricht. Das haben schon viele versucht, indem sie Wagners Intention ignorierten, ihn für ihre Regiekonzepte bloß ausschlachteten, das Götterepos auf Spießermaß verkleinerten oder grundsätzlich das Gegenteil dessen zeigten, was die Musik transportiert – sei es aus Prinzip oder aus Scheu vor der Gewalt und Größe der Stoffe. Nicht so Herheim. Er nimmt die Partitur akribisch genau und findet trotzdem eine Balance zwischen Pathos und Parodie. Er gibt dem Unerhörten eine Leichtigkeit, ohne es ins Lächerliche zu ziehen. Das ist das wahre Kunststück. Die Länge ist ohnehin kein Argument. Im Gegenteil. Vier Opern – der ganze Ring – nehmen die Erzählweise und den langen Atem von Netflix-Serien vorweg.

Das Beschwingte im Schweren zu finden ist harte Präzisionsarbeit, ist doch die Götterdämmerung das denkbar pessimistische Ende der Geschichte vom Untergang der Welt. Zwar gibt es, wie bei einem Tennismatch, bis zum letzten Aufschlag noch die Chance zur Ergebnisumkehr. Der fatale Ring müsste nur zurückgeworfen werden in die Fluten des Rheins. Doch Held und Heldin, Siegfried und Brünnhilde kapieren es nicht. Und Wotan hat längst verspielt. Mit seinen Mitgöttern und Mitgöttinnen thront er auf Walhall, was hier aus zum Gebirge aufgetürmten alten Koffern besteht. Es ist das Schlüsselsymbol dieses Rings: Unbehaust sind alle, auf der Flucht vor dem eigenen Versagen. Die Macht ist dahin: Den Speer von Wotan hat dessen Enkel Siegfried zerbrochen, die Weltesche ist gefällt und zum Scheiterhaufen aufgeschichtet. Wagners Götterwelt ist sterblich, weil sie die dekadente Gesellschaft spiegelt. Bei Herheim sind es nur noch Statisten, die am Ende ihren Prunk ablegen und im Negligé und letzten Hemd dastehen. Und dann auch noch mit Armen, Händen, Fingern das Lodern des Feuers darstellen müssen, das die rachsüchtige Brünnhilde entfacht hat. Den Bierernst des Weltenbrands nicht zu verulken und ihn zugleich zu dekonstruieren – das ist der Trick.

Selig in Lust und Leid

Musikalisch bleiben kaum Wünsche offen. Die schwedische Schwerathletin Nina Stemme bringt die Brünnhildenmonsterpartie gelenkig über die Runden. Stimmlich übertroffen nur von ihrer prachtvollen Walkürenschwester Waltraute (Okka von der Damerau), die für ihre kurze Partie noch mehr Beifall einheimst. Musikdirektor Donald Runnicles siegt als Wagnerheld im Graben und lässt das opulente Orchester gepflegt brüllen und traumverloren schweben. Nicht zu vergessen der Chor, der endlich wieder die Bühne bevölkern und die Wände beben lassen darf, wenn Finsterling Hagen (Gidon Saks, stimmlich leicht indisponiert, doch in glänzender Spiellaune) martialisch zu den Waffen ruft.

Der Ring beginnt damit, dass Alberich die Harmonie der Natur zerstört. Zum Gold greift er, weil ihn die Rheintöchter veralbern. Das Gold gibt ihm Macht. Das ist die, zugegebenermaßen nicht sonderlich komplexe, Gesellschaftskritik des Achtundvierziger-Revolutionärs Richard Wagner. Das Bürgertum zerstört die eigene Welt. Um endlich doch nur wieder am Anfang zu stehen. „Selig in Lust und Leid lässt die Liebe nur sein.“ Am Ende schwelgt nur noch das Orchester. Im atemberaubenden Nachspiel, mit dem Wagner sein Mammutwerk schließt, leuchten noch einmal die wichtigsten Leitmotive auf. Bei Herheim ist das Bühnenbild schon abgeräumt, eine Reinigungskraft kehrt besenrein. Das ist nicht das Ende der Welt, nur das Ende eines furiosen Spiels.

Info

Der Ring des Nibelungen Regie: Stefan Herheim Deutsche Oper Berlin, 31.10., 04.11, 05.11., 06.11.2021

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06:00 29.10.2021

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