Ein Unbehagen

Neue Nationalgalerie Endlich strahlt Mies van der Rohes Bau restauriert in altem Glanz. Doch nicht alles ist gut
Ein Unbehagen
Damals und heute: Finden Sie die Unterschiede? (Antwort: 25 Jahre und 140 Millionen Euro)

Collage: der Freitag

Wer lange schläft, muss sich beim Aufwachen in einer neuen Welt zurechtfinden. Dieser Aspekt ist einer der spannendsten beim alten Menschheitstraum der Auferstehung. Ludwig Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie, ein architektonisches Manifest der westdeutschen Nachkriegsmoderne, tritt nun nach gut sechs Jahren Tiefschlaf generalüberholt der Gegenwart gegenüber. Am Wochenende wurde der Berliner Kunsttempel von 1968 wieder zum Leben erweckt und für Besucher:innen geöffnet.

Im Untergeschoss ist unter dem Titel Die Kunst der Gesellschaft 1900 – 1945 eine neue Sammlungspräsentation zu sehen, während die Künstlerin Rosa Barba mit ihrer Filminstallation In A Perpetual Now nebenan eine zeitgenössische Antwort auf die Mies-Architektur formuliert. Die monumentale Glashalle – bis zur Farbe der Fensterscheiben an ihren Originalzustand angeglichen – wird mit den mal wuchtigen, mal winzig filigranen Skulpturen des US-Bildhauers Alexander Calder bespielt.

Seit sich Anfang 2015 die Türen der Neuen Nationalgalerie schlossen, ist in der Museumswelt einiges passiert. Es ist aber nicht viel los rund um den Potsdamer Platz. Die Coronapandemie hat den Städtetourismus nachhaltig abgewürgt, was auch die Museen spüren. Blockbuster-Ausstellungen mit Publikumsrekorden sind auf absehbare Zeit eher nicht zu erwarten. Blickt man in Richtung Philharmonie, sieht man die gähnende Baugrube, aus der sich bis 2026 das Museum des 20. Jahrhunderts erheben soll. Ob da gerade eine sinnvolle Ergänzung oder eine Konkurrenz zu den anderen Häusern für moderne Kunst entsteht, muss sich noch zeigen. Eine Studie warf der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der auch die Staatlichen Museen gehören, „strukturelle Überforderung“ vor.

So viel Mies wie möglich

Andere Veränderungen finden sich im öffentlichen Diskurs. Denn auch der Begriff der Moderne, auf dem die Sammlung der Neuen Nationalgalerie aufbaut, hat die letzten Jahre nicht unbeschadet überstanden. Dass die westeuropäische Vorstellung dieser Epoche vor allem Kunst von weißen Männern umfasst, kritisieren längst nicht mehr nur Aktivist:innen. Die Black-Lives-Matter-Proteste des vergangenen Jahres und die Debatte um Raubkunst im Humboldt-Forum haben die Fragen nach den kolonialen Verstrickungen von Museen in den Mainstream gespült. Und auch der Gegensatz zwischen „guter“ Moderne und „böser“ Nazikunst erscheint nach der Berliner Ausstellung zu Emil Noldes NS-Sympathien und der Diskussion um den politischen Ballast der frühen Documenta nicht mehr ganz so klar. Es ist also kein ganz einfaches Erwachen.

Den sich wandelnden Anforderungen an ein Museum begegnet das generalüberholte Haus mit einem Versprechen auf Ursprünglichkeit und einigen Hinweisen darauf, die Signale der Zeit vernommen zu haben. „So viel Mies wie möglich“, lautet der Slogan für die rund 140 Millionen Euro teure Renovierung der Bauikone durch das Büro des Architekten David Chipperfield. Hatte dieser sich beim Umbau der Museumsinsel durch ästhetische Reibung zwischen historischer Substanz und zeitgenössischer Beton-Strenge hervorgetan, sind die Eingriffe in Mies van der Rohes Nationalgalerie minimalinvasiv. 35.000 Bauteile wurden laut den Staatlichen Museen demontiert, restauriert und wieder eingebaut. Neue Technik versteckt sich unter Originaloberflächen, sogar Lichtschalter und die Badezimmerkacheln sehen aus wie 1968. Nur in der vergrößerten Garderobe im Untergeschoss zeugt eine Kassettendecke aus Beton von typisch Chipperfield’scher Handschrift. Der Besuch der Neuen Nationalgalerie ist also einerseits eine Zeitreise. Auch die jahrelang gekappte Verbindung zwischen den unterirdischen Ausstellungsräumen und dem Skulpturengarten ist wiederhergestellt, sodass man dank verbesserten Klimamanagements aus der Sammlungspräsentation in den makellos hergerichteten Außenbereich spazieren kann. Die Aura des Gebäudes ist erfrischt, die zeitlose Eleganz ziemlich unwiderstehlich.

Die originalgetreue Restauration betont jedoch auch die elitäre Anmutung von Mies’ modernistischem Prachtbau. Das Museum ist hier tatsächlich ein Tempel, der nicht mehr so recht zur Forderung nach Kulturzugang für alle passen will. Insofern ist die Frage, was eben nicht im Originalzustand ist, eigentlich interessanter. Auf Brüche im Erscheinungsbild hat das Nationalgalerie-Team um Leiter Joachim Jäger weitgehend verzichtet. Keine neue Außenarbeit stört das harmonische Ensemble auf seinem Sockel, die zeitgenössischen Werke sind räumlich klar von ihren modernen Vorläufern getrennt. Das Risiko eines offenen Epochen-Clashs wollte man offenbar vermeiden.

So sind auch die Veränderungen im Museumsselbstverständnis so behutsam ausgeführt wie die architektonische Renovierung. Um die Ausstellung des Skulptur-Erneuerers Alexander Calder interaktiver zu machen, werden seine Mobile-Skulpturen in regelmäßigen Abständen in Bewegung versetzt. An Repliken von Calders Schachspiel-Entwürfen können sich die Besucher:innen zu spontanen Partien niederlassen. Im Museum wird jetzt also gespielt – umso unverständlicher, dass der Blick in die Glashalle auf der Eingangsseite durch eine riesige Stellwand versperrt ist.

Neue Nationalgalerie

Rosa Barba. In a Perpetual Now
22.8.2021 bis 16.1.2022

Die Kunst der Gesellschaft1900 – 1945. Sammlung der Nationalgalerie
22.8.2021 bis 2.7.2023

Ihr Architekt und ihre Baugeschichte
22.8.2021 bis 2.7.2023

Alexander Calder. Minimal / Maximal
22.8.2021 bis 13.2.2022

In der Sammlungspräsentation Die Kunst der Gesellschaft sind die Werke lose nach Themen gruppiert. Ernst Ludwig Kirchners berühmtes Gemälde Potsdamer Platz hängt in einem Raum mit dem Titel „Stadtsplitter“, die Neue Sachlichkeit wird unter dem Schlagwort „Scharfe Blicke“ vorgestellt, und in der Ecke zu „Trauma und Zerstörung“ finden sich künstlerische Bewältigungen des Ersten Weltkriegs und der Gräuel der NS-Herrschaft. Dieser kuratorische Ansatz will ziemlich viel: schnell und ohne große Einstiegshürden einen Einblick in die wichtigsten Strömungen der Zeit geben, die politische Relevanz der Kunst betonen und nebenbei ein wenig 1920er-Jahre-Glamour versprühen, der in der Popkultur gerade so hervorragend funktioniert.

Vor allem aber zeigt die Ausstellung ein gewisses Unbehagen gegenüber ihren eigenen Inhalten. Immer wieder unterbrechen Infotafeln den Streifzug, die auf problematische Aspekte der Bilder hinweisen. Was hat der Expressionismus mit Kolonialismus zu tun? Würde man das Verhältnis der Künstlergruppe Die Brücke zu minderjährigen Modellen heute Missbrauch nennen? Welche Künstlerinnen wurden von der Kunstgeschichte vergessen?

Das Thema NS-Ballast

Zwar wird mit Werken von Lotte Laserstein, Alice Lex-Nerlinger, Irma Stern oder Ruthild Hahne der Männerclub der Moderne ein wenig aufgebrochen. Doch vor einer radikalen Umgruppierung der Sammlung, wie sie beispielsweise das New Yorker MoMA vollzogen hat, indem es blinde Flecken des Museums anhand von zeitgenössischen Positionen vorführt, ist die Neue Nationalgalerie weit entfernt. Es scheint, als wolle man zwar den Kanon hinterfragen, aber nicht die eigene Entscheidung, ihn zu zeigen. Man signalisiert, verstanden zu haben, will aber das eigene Selbstverständnis nicht zu sehr erschüttern. Die „Greatest Hits“ der deutschen Moderne, die noch immer weiß und männlich sind, sind versammelt zu sehen. Den Rest, so wirkt es, soll die Vermittlung regeln.

Wie sehr die vielbeschworene politische Relevanz von Kunst auf die Inhalte von Werken beschränkt ist, zeigt sich vor allem am Umgang mit den neuen Erkenntnissen zu ihrem Gründungsdirektor Werner Haftmann (1912 – 1999). Zwar ist erst seit Kurzem bekannt, dass der Kunsthistoriker und Documenta-Kurator SA-Mitglied war und in Italien als Kriegsverbrecher gesucht wurde, doch schon seit 2019 wird über seine NSDAP-Mitgliedschaft und seine Rolle bei der Verklärung der deutschen Moderne als Werk von Künstlern in der „inneren Emigration“ diskutiert – was in vielen Fällen nachweislich nicht stimmt.

Während seiner siebenjährigen Amtszeit war Haftmann für die Ankaufpolitik des Museums zuständig und hat als angesehener Kunsthistoriker gleichzeitig seine eigenen Entscheidungen legitimiert und den deutschen Kanon mitgeprägt. All das schreit nach umfassender Aufarbeitung. Doch die Causa Haftmann wird nur in einer Texttafel abgehandelt. Derzeit werde dessen Biografie „kritisch beleuchtet“, heißt es – als habe man selbst damit nichts zu tun. Beim Thema NS-Ballast, das alle aktuellen Museumsdebatten berührt, scheint die Nationalgalerie noch im Halbschlaf zu liegen.

Saskia Trebing ist Kunsthistorikerin und Redakteurin beim Monopol-Magazin

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06:00 27.08.2021

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