Ein ungebetener Gast

Schlussstrich Patrick Modianos Erinnerungsbuch "Ein Stammbaum"

Der französische Schriftsteller Patrick Modianao, Jahrgang 1945, hat sich zum 60. Geburtstag ein autobiographisches Buch geschenkt: die Geschichte seiner Kindheit bis zum 21. Lebensjahr. Die Vielfalt der Lebensläufe ist schier unerschöpflich. Allein die Rhetorik des Autobiographischen wiederholt sich. Doch so etwas wie die Kindheitsgeschichte Modianos hat man kaum je gelesen. In gewisser Weise befindet sich Modiano mit diesem Buch auf der Suche nach der verlorenen Zeit, doch sicher nicht in der Absicht, sie wiederzugewinnen. "Ich wurde am 30. Juli 1945 geboren, in Boulogne-Billancourt, Alleé Marguerite Nr. 11, als Kind eines Juden und einer Flämin, die sich im Paris der Okkupationszeit kennengelernt hatten. Ich schreibe Jude, ohne zu wissen, was das Wort für meinen Vater wirklich bedeutete, und weil es damals in den Personalausweisen vermerkt war. Bewegte Zeiten führen oft riskante Begegnungen herbei, so dass ich mich niemals als legitimer Sohn gefühlt habe und noch weniger als Erbe."

Die Mutter entstammt bescheidenen Verhältnissen und wird Tänzerin und Schauspielerin. Die Familie des Vaters war ursprünglich in der Toskana ansässig, bevor sie sich an verschiedenen Orten des ottomanischen Reiches ansiedelte. Teile der Familie zog es nach Venezuela, Spanien, Alexandria und Budapest. Sein Vater wurde früh Waise, schlug sich als Jugendlicher durch mit allerlei Geschäften und Schmuggel, später gründete er verschiedene Gesellschaften, die rätselhaften Handel betrieben. In der Zeit der Okkupation Frankreichs durch die Deutschen war er als Jude doppelt gefährdet, er wurde auch verschiedentlich festgenommen, konnte sich aber immer wieder der Deportation entziehen.

Nach dem Krieg kommt er kurzfristig zu einem gewissen Wohlstand mit zwielichtigen Geschäften aller Art. Seine Mutter hat Engagements an verschiedenen Bühnen, oft auch außerhalb von Paris. Der kleine Patrick kommt ins Internat und wird seine ganze Jugend in irgendwelchen Internaten verbringen. Manchmal parkt ihn die Mutter bei Freunden, Bekannten oder der Concierge. Der Vater hält sich den Jungen vom Leib. Die Ehe der Eltern scheitert bald. So könnte man die Kindheitsgeschichte von Patrick Modiano zusammenfassen. Eine Geschichte von Vernachlässigung, Verwahrlosung, von Einsamkeit - der ganz normale Familienroman des 20. Jahrhunderts.

Doch Modiano erzählt die Geschichte nicht so, genau genommen erzählt er überhaupt nicht, wenn Erzählen denn bedeutet, einen Zusammenhang herzustellen. Modiano gibt seiner Jugend ihre Disparatheit, ihr ratlos Fragmentarisches zurück. Es ist eine Aufzählung von Namen, Orten, Anekdoten und Details. Ein Rosenkranz der Fakten, die seine Jugend möbliert haben, ein Katalog des Gedächtnisses, ein Requisitenmagazin von Figuren, Orten, Räumen, die nichts bedeuten. Gestalten, die irgendwann schemenhaft seine Kindheit gekreuzt haben, bevor sie wieder verschwanden oft im Gefängnis, manchmal im Tod, meist im Vergessen: "Ich schreibe diese Seiten so, wie man ein Protokoll oder einen Lebenslauf verfasst, aus dokumentarischen Gründen und wahrscheinlich auch, um einen Schlussstrich zu ziehen unter ein Leben, das nicht meines war. Es handelt sich nur um eine dünne Schicht von Fakten und Gesten. Ich habe nicht zu bekennen, nichts zu erhellen, und ich verspüre keinerlei Neigung zu Introspektion und Gewissenserforschung."

Bis zu seinem 21. Lebensjahr war Patrick Modiano der ungebetene Gast im Leben seiner Eltern, eine Fundsache, auf die nie jemand Anspruch erhoben hat. Doch er beschreibt nicht seine Gefühle, er macht Inventur, zählt die Bestände und fesselt den Leser mit einer atemberaubenden Lakonie. Mit der Lakonie eines Schriftstellers, der sein Schweigen zu setzen versteht. Un pedigree heißt das Buch im französischen Original. Pedigree heißt zwar Stammbaum, aber gemeint ist der Abstammungsnachweis eines Tieres zu Züchtungszwecken. Modianos Ahnengalerie lässt keinen Zweifel: es ist ein Bastard, ein Straßenköter, und man hat den Eindruck, mit diesem Herkommen verbindet ihn eine leicht bittere Dankbarkeit.

In einer Hinsicht ist Modiano den Prägungen seiner Jugend treu geblieben: Wer seine Bücher kennt, wird den Bericht seiner ersten 21 Jahre wie einen seiner Romane lesen. Es ist die gleiche rätselhaft distanzierte, magische Welt voller Schattenspiele, fremd und verführerisch zugleich. Wenn man so will, liefert Modiano mit seinem Stammbaum den Schlüssel zu seiner Poetik: die Welt als Fahndung nach ihrem Zusammenhang. Das macht jeden seiner Romane immer auch zu einer Art Kriminalroman, verleiht seiner Prosa eine sonderbare Spannung.

In diesem Fall besteht das Personal seiner Lebensgeschichte sogar fast ausschließlich aus Vertretern der Halbwelt, der Bohème, Spekulanten, Schieber und Betrüger jeglichen Kalibers, einige dieser Namen haben sich sogar in die Chronik der großen Skandale des 20 Jahrhunderts eingeschrieben. Modiano beschwört das völlig versunkene Paris der fünfziger und sechziger Jahre, magisch, gefährlich und noch von keiner Mythe geschützt. Keine Irma la Douce weit und breit. Mit Sicherheit keine heile Welt, sondern eine Welt abenteuerlicher Improvisationen. Modiano hat sie besucht, um sich von ihr zu verabschieden.

Patrick ModianoEin Stammbaum. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser, München 2007, 127 S., 12,90 EUR

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