Ein Vergeudungs- und Verweigerungskünstler

Die Pausen so wichtig wie die Dialoge Zum Tod von Marlon Brando

Sein Stil war präzedenzlos, er hat die Vorstellungen dessen, was Schauspielerei auf der Leinwand sein kann, unwiderruflich verändert. Seine Gebärden waren lasziv und gebieterisch, sein Sprachduktus war zögerlich, oft nur ein kaum verständliches Murmeln. Die Pausen, Leerstellen waren diesem Schauspieler ebenso wichtig wie die Dialoge. Seine Figuren konnte man bei nachdrücklich gedankenverlorenen Gesten ertappen, die sich im Kino zuvor niemand gestattet hätte - und man sich selbst im Leben nur in unbeobachteten Momenten. Er vereinnahmte beliebige Requisiten und verlieh ihnen eine ungekannte Ambivalenz, indem er sie zu Werkzeugen der Brutalität oder Objekten einer namenlosen Sehnsucht zweckentfremdete.

Seit dem zerrissenen T-Shirt in Endstation Sehnsucht (1951) erweckte Marlon Brando so den Eindruck einer unterdrückten Kraft und Gewalt, verbreitete eine Aura brütender Erotik, die im Kino das Faustpfand des method acting werden sollte. Diese wuchtige Männlichkeit unterdrückte die eigenen, femininen Züge nicht, besaß eine rohe Noblesse, der immer wieder Gesten von bestürzender Sanftheit unterliefen. Sein Körperspiel in Der letzte Tango in Paris sollte 1972 zu einer Beichte des Fleisches werden.

Der am 3. April 1924 in Omaha, Nebraska (wo seine Mutter eine Schauspieltruppe leitete) geborene Brando hatte in New York bei Stella Adler und im Actors´ Studio die Lehren Stanislavskijs aufgesogen. Spielen sollte Wahrheitssuche sein, die dargestellten Emotionen durch persönliche Erfahrung beglaubigt werden. Seine Figuren schöpfte er aus den Tiefen der eigenen, verschütteten Erinnerungen, aus dem unverstellten Zugriff auf Verletzungen, Zorn und Begierden. Im Hollywood der frühen fünfziger Jahren erschien er als ein unbefleckter Idealist: Mit einem Mal waren die Entscheidungen eines Schauspielers zu einer Angelegenheit von hoher Moral geworden. Auf seine erste Kinorolle, die eines querschnittsgelähmten Soldaten in Die Männer (1950), bereitete sich Brando mit einem monatelangen Aufenthalt in einem Veteranenhospital vor.

Vier Jahre in Folge wurde er für den Oscar nominiert, den er schließlich 1954 für Die Faust im Nacken erhielt. Auch jenseits der Leinwand verkörperte er die Integrität des Rebellen, gab den entfremdeten Nonkonformisten, der sich von der etablierten Ordnung nicht domestizieren ließ. Gegen die Anfechtungen und Gereimtheiten der Unterhaltungsindustrie schien er imprägniert; eine Hoffnung, die er bald zu enttäuschen drohte. Denn dem Impuls der Wahrheitssuche widersprach ein anderer, der mit den Jahren die Oberhand gewinnen sollte: der Impuls, sich zu verbergen. Brando erwies sich als einer jener Schauspieler, denen der eigene Beruf peinlich war, unmännlich und nutzlos erschien. Was war seine spätere Korpulenz anderes als ein grotesker Verrat an der eigenen Schönheit?

Hochmütig und verächtlich lieh er seit den spätern fünfziger Jahren seine Präsenz an zusehends unwürdige Projekte aus, strafte Produzenten und Regisseure mit unerhörten Extravaganzen, bestand auf einer bis dahin ungekannten künstlerischen Kontrolle: Zwölf verschiedene Enden ließ er 1961 für Meuterei auf der Bounty drehen. Die sechziger Jahre gerieten ihm, beinahe im Sinne F. Scott Fitzgeralds, zu einem grandios verlorenen Jahrzehnt: Von seinem exzentrischen Regiedebüt Der Besessene (1961) an wurde jeder seiner Filme ein Verlustgeschäft, gleichwohl gelang ihm eine faszinierende Galerie von Charakterrollen.

Sein triumphales Comeback mit Der Pate und Der letzte Tango in Paris war Anfang der Siebziger noch einem rückhaltlosen Engagement für die Rollen zu verdanken. Danach hatte man indes kaum je mehr den Eindruck, Brando würde sich in den Dienst eines Films stellen: Die letzten drei Jahrzehnte seiner Karriere waren ein mit Rekordgagen dotierter Abglanz. Er, der nie ein großzügiger Mitspieler war, schien nur mehr sich selbst Gesellschaft zu leisten. Längst lehnte er es ab, noch Dialoge zu lernen - die mussten von nun an auf die Kamera oder die Stirn seiner Partner geheftet werden. Der frühe Nonkonformismus mündete in bizarren öffentlichen Auftritten und familiären Tragödien. Dennoch blieb sein Mythos trotz unausgesetzter Vergeudung erstaunlich ungebrochen. Rätselhafterweise gelang es ihm, die Illusion aufrechtzuerhalten, sein Talent verkaufen zu können, ohne dabei seine Seele zu verlieren. Er hatte sich, ohne wie James Dean jung sterben zu müssen, eine rätselhafte Reinheit bewahrt: die des unberechenbaren Verweigerungskünstlers.


00:00 09.07.2004

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