Eisenfresser von Shaheen Dill-Riaz

Kino Der Untergang der Titanic war - und davon zeugte die letztgültige Version von James Cameron für das Kino - der Untergang der Klassengesellschaft des ...

Der Untergang der Titanic war - und davon zeugte die letztgültige Version von James Cameron für das Kino - der Untergang der Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts. Im Untergang geht etwas zu Ende, sinkt hinab auf den Grund der Zivilisation, von wo es nur mehr als Erzählung geborgen werden kann, die einen Stoff perpetuiert als Mythos der Menschheitsgeschichte.

Was nicht untergeht, was immer noch da ist als ungelöste Herausforderung für die Gegenwart, strandet. Schon an der Horizontalen, die in Eisenfresser die Stoßrichtung der Bewegung ist, lässt sich erkennen, dass hier eine Geschichte mit offenem Ausgang erzählt wird. Und das Medium dafür ist nicht das Gesellschaftspanaroma aus Hollywood, sondern der im Ausland - hier: von deutschem Fernsehen und Filmboards - finanzierte Dokumentarfilm.

Eisenfresser spielt am Umschlagpunkt der globalen Ökonomie. Im Süden von Bangladesh, in der Nähe von Chittagong, ist der Meerausgang zum Wiedergewinnungsmarktplatz für Rohstoffe geworden: Reeder kaufen ausrangierte Schiffe, steuern sie auf den Strand, wo sich mehrere Werften angesiedelt haben: Die riesigen Schiffe werden zerlegt, das Eisen abtransportiert, verkauft, wieder verarbeitet. Drei Millionen Menschen leben von diesem Geschäft. Die meisten schlecht.

Der Film erzählt aus der Perspektive derer, die in dem Ablauf zum Verlieren gezwungen sind, weil sie nichts anderes gewinnen können. Reisbauern aus dem Norden des Landes, denen jährlich nach der Überschwemmung die Dürre den Anbau und die Selbstversorgung unmöglich macht. Sie reisen in den Süden, in dem sie schon ob ihrer Herkunft unterprivilegiert sind, um sich für einen Stundenlohn von 12 Taka, das sind nicht mal 10 Cent, zu verdingen. Als Seilzieher, Plattenträger, vielleicht noch als Schweißer. Arbeitsschutz sucht man vergeblich, die Tagelöhner ruinieren ihre Gesundheit, wenn sie in die stinkenden Schiffsbäuche hinabsteigen, in denen Fäkalien die Rohre verstopfen, oder wenn sie die just geschnittenen, heißen Platten auf ihren Schultern zu den Lkws schleppen. Sie riskieren ihr Leben, wenn sie schweißen neben ungebundenen Ölresten oder wiederholt ein Seil reist, an dem sie watend durch den Schlamm die Schiffe ans Land zu ziehen versuchen.

PHP heißt die Werft, für die Regisseur Shaheen Dill-Riaz nach langem Insistieren schließlich eine Drehgenehmigung bekommen hat, und PHP steht für Peace, Happiness und Prospertiy (Frieden, Glück und Wohlstand), wie der religiös verehrte Chef , erklärt, der sich nur noch selten blicken lässt. Diese Szene zählt zu den bizarrsten in einem an - aus der Perspektive einer wohlständigen, gewerkschaftlich organisierten westeuropäischen Arbeitswelt - bizarren Szenen nicht armen Film. Eisenfresser dringt ein in das Gefüge einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die sich am Rande des Wohlstands ereignet, wo die Arbeitswelt sich nicht aufhübschen muss mit Mitarbeitermotivation und Mitbestimmung, da Abhängigkeit und kalte Macht genügen. Die Arbeiter warten mitunter Jahre auf ihren Lohn, der ihnen dann großzügig um Vorschüsse und Schulden, die sie in der Zwischenzeit bei lokalen Lebensmittelhändlern gemacht haben, gekürzt wird auf ein Nichts, mit dem sie weder ihre Familien versorgen noch den unwürdigen Tätigkeiten auf der Werft entkommen können. Sie sind verdammt zum Bleiben im Vakuum der Ausbeutung, weil es in Bangladesh nirgendwo besser ist, als wo sie gerade sind. Den einzigen Fluchtpunkt, auf den der Film beinahe unmerklich weist, bildete die Rebellion, die nicht stattfindet.

Das Verdienst von Regisseur Shaheen Dill-Riaz, der, in Bangladesh geboren, in Deutschland studiert hat, besteht in der Sichtbarmachung der Verhältnisse. Eisenfresser ist eine journalistische Recherche, die beeindruckt durch ihr Material, und von diesem Beeindrucktsein kündet auch die Stimme des Off-Erzählers Dill-Riaz, die an die von Werner Herzog erinnert und deren naive Verwunderung. Was sich Eisenfresser vergibt, ist die Verortung von Chittagong im Zirkel der globalen Ökonomie oder nur in der Industriegeschichte Bangladeshs. Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Hierarchien des 19. Jahrhunderts, um soziale Besserungshoffnungen herabgemindert, nur gestrandet sind in unserer Gegenwart.

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00:00 13.06.2008

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