Elsa befreit sich selbst

Oper Wie Richard Wagners Held Lohengrin in Bayreuth an den Frauen scheitert – eine politische Interpretation
Elsa befreit sich selbst
Auf, auf! Rauch im Rausch: Alles ward in grauendes Blau getaucht, Piotr Beczala auch

Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Als eine „Abfolge von Schlagern“ beschreibt Musikdirektor Christian Thielemann diese rezeptfreie Einstiegsdroge in den berauschenden Klangkosmos Richard Wagners. Das macht die Story nicht leichter verständlich. Wieder hilft der Maestro: „Da kommt irgendwas vom Himmel herunter und geht wieder weg.“ Ja, so ungefähr ließe sich das Geschehen zusammenfassen.

Nicht bloß das auf der Bühne. Auch das Spektakel vor dem von Wagner errichteten Operntempel auf dem grünen Hügel. Dort werden die Zuschauer selbst zu Mitwirkenden, jene nur einmalige Mischung von Pilgern aus aller Welt, die einmal im Jahr ins Mekka des Wagnerkults strömen, eventsüchtigen Adabeis und Promis, die gegen Freikarten dem Ereignis Aufsehen verleihen. Es gibt ja auch in dieser Saison nur eine Premiere, und so muss die Festspieleröffnung den ganzen Wirbel allein liefern.

Es ist dramatisch heiß

Auch dieses Stück benötigt Zeit. Zum Glück sind nirgends auf der Welt die Pausen zwischen den stets drei Wagnerischen Aufzügen länger. Den gut drei Stunden Musik des Lohengrin stehen mehr als zwei Stunden Pausen gegenüber. Ein Hauch von Stimmung wie bei Filmfestspielen zieht auf, was nicht nach dem Geschmack des Religionsgründers Wagner wäre. Aber so bekommen die langen Pausen ihren Sinn. Es ist dramatisch heiß vor und im nicht temperierten Festspielhaus. Die Herren schälen sich aus Smokingjacken, zeigen zur Fliege passende schwarze Hosenträger. Sogar Bermudashorts zum Dinnerjacket sind zu sehen. Das ist günstig, weil lange Hosenbeine kleben bleiben beim Hinsetzen auf die härtesten und schmalsten aller Theaterklappsitze; sie gehören zum Mythos Bayreuth wie die Pausen-Bratwurst.

Die Damenmode hat Luftigeres zu bieten. Nur nicht die der Kanzlerin. So klimaresistent wie ihre Politik, widersetzt sich auch ihr giftgrünes bodenlanges, hoch geschlossenes Ensemble Hitze- wie Kältewellen gleichermaßen. Man sollte nicht versuchen, mit ihr über die Aufführung zu diskutieren. Lieber denkt sie hier mit dem Bauch und fühlt mit dem Kopf. Dazu laden Wagners Opern ja ein, und genau das macht sie unwiderstehlich. Dabei gäbe es über diesen Lohengrin viel zu debattieren. Man muss dieses Stück auch politisch interpretieren. Hans Neuenfels hat es in Bayreuth zuletzt getan. Das Volk von Brabant waren bei ihm Labormäuse. In der Neuinszenierung sind dessen Führer Motten und tragen Insektenflügel. Sie umschwirren das Licht – aber es bleibt erst einmal finster. Lohengrin, der Retter, ist kein glänzender Ritter, sondern Elektriker im Blaumann.

Als wolle er an Lenin erinnern, der Russland elektrifizieren wollte, setzt er im verwahrlosten Brabant ein altes Umspannwerk wieder in Betrieb. Das muss Elsa ausbaden. Erst rettet er sie zwar vor dem Scheiterhaufen, dann aber verlangt er blinden Gehorsam. Sie darf nicht einmal fragen, wer er ist. Nie sollst du mich befragen – das große Leitmotiv. Bedingungsloser Glaube statt Aufklärung: Die Sprache des liebenden Gatten entpuppt sich als die eines Tyrannen aus dem Männerbund der Gralsritter. Wagners Text erzählt zwar etwas anderes, aber so kann, so soll man das heute interpretieren. Religion im Verbund mit dem Thron ist eine Unterdrückungsmacht. Das Märchenhafte sei bei Wagner im Lohengrin nur eine romantische Maske, mit der er seine Gesellschaftskritik verkläre, behauptet der Regisseur.

Wagner stand bekanntlich auf den Barrikaden der gescheiterten 48er-Revolution, freundete sich mit dem Anarchisten Bakunin an und wurde ins Exil gezwungen, als sein Lohengrin fertig, aber noch nicht aufgeführt war. Der war sein Abgesang auf die romantische Oper, aufs deutsche Belcanto. Danach erhob er seine Kunst zum Religionsersatz und revolutionierte bloß noch die Oper. Er gründete zu diesem Zweck Festspiele, für die er das Bühnenweihfestspiel Parzifal schuf. Lohengrin ist Parzifals Sohn. „Bayreuther Narrenfest des Staatsmusikanten Wagner“, spottete Marx.

Wer nicht schon ganz beschwipst ist von Wagners Wonneschauern und flüssigen Pausenerfrischungen, kriegt den genius loci nicht aus dem Kopf. Die Festspielpremiere 1936 zum Beispiel. Wegen der Olympischen Spiele wird sie verschoben, aber dafür besonders pompös. Hitler präsentiert sich auf dem Gipfel seiner Popularität. Auf Wunsch des Führers wird Lohengrin gegeben, und aus seiner Privatschatulle gesponsert. Furtwängler dirigiert, lässt die Heil-Gesänge um König Heinrich den Vogler, den zufällig vor exakt 1.000 Jahren verstorbenen König Heinrich I., besonders heroisch tönen. Als sei der Ostfrankenkönig Gründer eines tausendjährigen Reichs gewesen. Lohengrin, der Erlöser, dient als Hitler legitimierender Mythos.

Maler spürt Energie

Heute inszeniert erstmals ein amerikanisch-israelischer Jude dieses Hauptstaatsstück. Ist vom Fluch auf der Bühne irgendetwas zu spüren? „Für mich als jüdischer Regisseur bedeutet eine Arbeit hier eine Art Versöhnungsversuch“, beteuert Yuval Sharon. Der Maler Rauch spürt am kontaminierten Ort sogar „positive Energie“ und sieht in seiner Arbeit eine Art der Wundheilung.

Wie wird sein „Exorzismus“ betrieben? Sharon zeigt eine Regiearbeit wie aus dem Museum. Statische Massenszenen mit symmetrisch aufgestellten Chören, paarweise Blüten streuende Frauen. Dann aber die Kampfszene zweier schwebender Fantasyhelden: Lohengrin und Telramund, die das Gottesurteil ausfechten wie Comicfiguren. In diesem Stil hätte der ganze Lohengrin tatsächlich Sehgewohnheiten zerfetzt und parodiert, im Stile Hollywoods, das Wagners Musik bis heute unendlich viel verdankt.

Bayreuth produziert Mythen und bricht sie. Auch der Mythos vom jahrelangen Warten auf Karten ist bereits gebrochen. Sogar Premierentickets waren mit etwas Glück noch kurzfristig erhältlich. Der Weg der Kommerzialisierung ist wohl auch am Wagner-Wallfahrtsort nicht aufzuhalten. Je exklusiver sich die Festspiele geben, desto weniger exklusiv sind sie. Wer wollte, konnte sich die Festspieleröffnung live im Pay TV oder in einem Kino ansehen, das Free-TV folgte.

Man kann die langen Pausen nicht nur zur Erholung nutzen, sondern auch wie Christian Lindner, der seine neue Freundin präsentiert wie eine edle Araberstute im Führring der Galopper. Es ist ja zu verstehen, dass er den gedeckten Tisch meidet, der den Ehrengästen vorbehalten ist. Ganz vorn die Politiker mit Merkel und Söder, ganz hinten die Künstler, womit zum Beispiel Thomas Gottschalk gemeint ist, oder auch der bayerische Tatort-Kommissar Franz Leitmayr alias Udo Wachtveitl. Der findet ein schönes Wort, spricht vom sehr eigenen Bayreuther „Rezeptionsaroma“. Man benötigt die Pausen nicht bloß, um Fotografen und Schaulustigen zur Verfügung zu stehen, sondern auch zum Rätseln.

Zum Beispiel über die Bühnenbilder des Malers Neo Rauch, ganz in Delfter Blau getaucht, wie er es auf Kacheln fand. Warum auch das Volk von Brabant wie Zeitgenossen Rembrandts herumlaufen muss, erschließt sich nicht. Es sind die Wolkenbilder, die grandios gemalten nachtblauen Rundhorizonte, die auch Thielemann inspirieren, der den Lohengrin nach eigener Auskunft völlig anders dirigiere als zuvor, fast französisch impressionistisch, wie den Nachmittag eines Fauns, also zart, sinnlich. Die heroisch schmetternden Vorspielmusiken des 3. Aktes kommen mit der nötigen Strahlkraft, doch fast beschwingt daher.

Einig sind sich Publikum wie Kritik über den Rang des Sängerwettstreits. Es gibt nur Sieger. Ein herrlicherer Heldentenor als der polnische Bayreuth-Debütant Piotr Beczala, als „Einspringer“ von Weltrang kurzfristig verpflichtet, ist gegenwärtig nicht zu finden. Sein Pianissimoschmelz ist unerhört. Anja Harteros, Bayreuth-Debütantin auch sie, sang die Elsa schon mit klarerer Stimme, aber niemals zupackender im Ausdruck. Und Waltraud Meier, schon vor Jahrzehnten eine Bayreuth-Legende, feiert ein großes Comeback als Emanze Ortrud.

Elsa durchschaut endlich ihren Ritter-Handwerker. Ortrud, eigentlich die Schurkin im Stück, wird ihr zur rebellischen Gefährtin. Am Ende taucht eine stumme Gestalt auf, der von seiner Schwester Elsa ermordet geglaubte Gottfried. „Zum Führer sei er euch ernannt“ sind Lohengrins letzte Worte, ehe er, im ersten Aufzug einem Rauchschen Stealthbomber entstiegen, nun gottlob umweltschonend per Schwan verduftet. Lohengrin, der Gralsritter, ist an diesem Abend gescheitert. An den Frauen. Das ständige Heil-Geschrei, der furchtbare Slogan „Für deutsches Land das deutsche Schwert“, das ganze Pathos hat seine Wucht und seinen Sinn eingebüßt. Nicht Elsa sinkt wie in Wagners Libretto vorgeschrieben tot zu Boden, sondern das Volk von Brabant, die Motten-Gesellschaft. Elsa hat sich selbst befreit. Ist das ein Happy End? Der neue Herzog erscheint von Kopf bis Fuß ins selbe giftige Grün getaucht wie die Kanzlerin in ihrer Loge. Als hätten sie sich abgesprochen.

Elsa: Ach.

König, Männer und Frauen: Weh!

Vorhang. Jubel.

06:00 05.08.2018

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