Endlich geisterfahren!

Dystopie In Ulrich Köhlers „In My Room“ wird ein Loser zum stolzen „Last man on earth“
Endlich geisterfahren!
Vielleicht der letzte Mensch, aber nicht allein auf der Welt: Armin (Hans Löw)

Foto: Pandora Film

Abschied kann so banal und dabei so schmerzhaft sein. Wenn zum Beispiel die Kaffeemaschine vor sich hin blubbert und röchelt, während im Nebenzimmer die Oma ihren letzten Atemzug tut. Ihr Tod ist der vorletzte Schritt auf dem Weg zur Selbstauslöschung, die der Protagonist von In My Room erleidet, ohne zu wissen, wie ihm geschieht, und die Autorenfilmer Ulrich Köhler verkehrt rum erzählt, als Negativbild: Sein Armin (Hans Löw), den die Kamera in keiner Szene des Films aus den Augen lässt, oft in suchenden Schwenks, als hätte sie Angst, er würde irgendwann tatsächlich noch abhanden kommen, wird über Nacht zum letzten Mann auf der Welt. Und damit zugleich natürlich zum ersten. Die restliche Menschheit ist spurlos verschwunden. Es dauert, bis Armin seine Rolle als Adam in diesem Weltendszenario begreift und annimmt. Und als er es tut, ist es zu spät.

In My Room zeigt zunächst, wie sich jemand stufenweise aus der Welt verabschiedet. Erst verkackt Armin beim Job – er ist Kameramann im Berliner Medienprekariat – so gründlich, dass an weitere Beschäftigung kaum zu denken ist. Als nächstes versemmelt er den Sex mit einer flüchtigen Bekanntschaft, bevor es überhaupt richtig losgeht. Dann verlässt er Berlin, um zu Hause in einem Kaff in Ostwestfalen die Großmutter ein letztes Mal zu sehen. Die Beziehung der Eltern ist kaputt, ohne Tschüss stiehlt er sich aus dem Haus der Mutter. „Im wunderschönen Monat Mai ...“, schallt es ihm hinterher, Heinrich Heine, vertont von Robert Schumann. Armin wirft die Winterjacke über, es ist finster, es fängt an zu pissen, er fährt los, irgendwohin, Hauptsache, bald eine Dose Bier an der Tanke. Von Schönheit keine Spur. Am nächsten Morgen ist er allein in einer gespenstischen Welt. Die Autobahn gehört ihm. Endlich sorglos geisterfahren!

Ulrich Köhler legt großes Gewicht auf die soziale Verortung seiner Figur. Man folgt ihm gern bei dieser langen, betont glanzlosen Exposition, die mehr als einmal so dermaßen aus dem Alltag gegriffen wirkt, dass es vor Wiedererkennbarkeit wehtut. Und man brennt darauf, zu erfahren, was passiert, wenn diese Allerweltsloser-Story sich ins Metaphorische wandelt und man die Apokalypse durch die Berliner-Schule-Brille sieht. Köhler geht es damit am Ende allerdings ähnlich wie seiner Hauptfigur am Anfang. Er versemmelt es und verabschiedet sich etwas unrühmlich aus einer vielversprechenden Idee.

Allein mit sich selbst wird Armin/Adam zum Macher und Cowboy, der er vorher nie war. Er zeigt seinen sehnigen Körper, reitet mit Gewehr im Anschlag durch sein Reich, sät und erntet. Und er darf seine Männlichkeit an einer doch noch auftauchenden Eva (Elena Radonicich) erproben. Immerhin schneidet er sie nicht aus seiner Rippe – sie findet ihn, nicht umgekehrt –, die Beziehung zwischen den beiden kriegt aber so gar kein Fleisch. Dem Dialogschreiber fällt für das Aufeinandertreffen der letzten und ersten beiden Menschen in einer Welt voller Rätsel wenig mehr ein als: Die Hühnersuppe schmeckt gut. Das Drehbuch verlagert sein Hauptinteresse auf die Frage, wann endlich ohne Kondom gevögelt wird.

In Sci-Fi-Filmen wird das Last-man-on-earth-Szenario als Dystopie erzählt, die TV-Sender Fox und Pro7 Fun machten eine Sitcom draus, im Western und im Weltall wird aus der umgedrehten Konstellation – erster Mann in der neuen Welt – eine Pioniergeschichte. In My Room zeigt seinen Helden deutlich unheroischer, bleibt sonst aber unentschlossen, wie er sich dazu verhalten soll. Aus MacGyver-Survival-Kram in einer Welt ohne Infrastruktur wird ein Blaue-Lagune-Melodram ohne Schmackes. Sobald die Menschheit und das Soziale aus dem Film verbannt sind, findet er keine stringente Sprache mehr. Es bleibt nur ein weiterer Abschied, ohne Tschüss und auf Wiedersehen.

Info

In My Room Ulrich Köhler Deutschland, Italien 2018, 120 Minuten

06:00 10.11.2018

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