Entpolitisierung der Politik

Medientagebuch Das Geburtstagsgeschenk: Wie Günther Jauch, der seine Popularität einer aus England übernommenen Quizsendung verdankt, zur Sonntagabend-Talkshow in der ARD kam

Es war, als wolle die ARD in den Tagen ihres 60-jährigen Bestehens allen Kritikern einmal zeigen, dass sie doch sich zu bewegen imstande ist. Sie verkündete, dass der lang ge­hegte Wunsch, Günther Jauch für eine wöchentliche Talksshow im Ersten gewinnen zu können, nun in Erfüllung gegangen sei. Der Moderator werde ab Herbst 2011 am Sonntagabend eine eigene Gesprächsrunde präsentieren und diese – so steht zu vermuten – mit seiner Firma I U selbst produzieren.

Schon 2006 hatte man sich in der ARD um Jauch bemüht – als Nachfolger für Sabine Christiansen. Damals drangen früh Details der Verhandlungen nach außen, so dass in den Rundfunkräten der ARD-Sender angesichts der Produktionskosten eine Diskussion um die Verpflichtung entbrannte. Enttäuscht ob der öffentlichen Erörterung brach Jauch die Verhandlungen ab und mokierte sich in Interviews über die „Gremlins“, also die schon etwas älteren Gremienmitglieder, die in der ARD das Sagen hätten. Als Ersatz für den Ersatzmann Jauch kam es zu einem für die ARD typischen Kompromiss: Da sich weder der NDR mit seinem Vorschlag Anne Will noch der WDR mit Frank Plasberg durchsetzen konnte, wurden beide verpflichtet. Anne Will läuft seitdem wie Sabine Christiansen am Sonntag nach dem Tatort. Für Plasbergs Hart aber fair wurde am Mittwoch nach dem Fernsehfilm ein Platz frei geräumt.

Diesmal liefen die Verhandlungen mit Jauch heimlich, still und leise. Dass die ARD ausgerechnet die Firma von Jauch verpflichtet hatte, um ihre Jubiläumssendung zu produzieren, mag da ebenso geholfen haben wie der pflegliche Umgang der Intendanten mit dem RTL-Moderator. Doch das Engagement von Jauch kostet Opfer. Zuerst Anne Will, deren Sendung auf den späten Donnerstagabend verpflanzt wird, wo sie dann die letzte im Reigen derjenigen ist, die sich um Gäste und Themen aus dem innenpolitischen Umfeld bemühen. Einen Grund für diese Degradierung gibt es in der Logik der ARD-Hierarchie nicht, denn Anne Will war erfolgreich. Zudem unterschied sie sich vom Vorgängermodell Christiansen, in dem das hohe Lied des Neoliberalismus angestimmt worden war. Anne Will thematisiert durchaus auch soziale Fragen, auch wenn die jeweils Betroffenen auf einer Extrabank außerhalb des Gesprächskreises Platz nehmen müssen.

Ombudsmann des Bürgertums

Anne Will wird also nicht durch ein besseres Modell ersetzt, sondern nur durch den bekannteren Namen. Seine heutige Popularität erreichte Jauch, als ihm RTL die Moderation des englischen Quiz-Formats Wer wird Millionär? anbot. Die zunächst dreimal die Woche ausgestrahlte Sendung wurde schnell erfolgreich, und Jauch fand als kenntnisreicher, mal freundlicher, meist ironischer, zuletzt oft nur noch sarkastischer Moderator zur Rolle seines Lebens.

Seitdem scheint es, als verkörpere der heute 54-Jährige so etwas wie den gesunden Menschenverstand, den man deshalb zu allen nur denkbaren Dingen und Problemen, ob Sport, Kindererziehung oder Finanzkrise, befragen kann und der auf diese aus der Sicht des ökonomisch abgesicherten Bildungsbürgers, also aus einer hohen und lebensfernen Warte, antwortet. Seine Prominenz spielt auf der Ebene, auf der auch die Bundespolitiker zu agieren meinen. Man sieht ihn schon zwischen Merkel und Westerwelle sitzen, wie er mit sanfter Ironie die Probleme der Koalition seziert und diese mit Sprichwörtern und Weisheiten aufzuheben trachtet: als bebrillter Ombudsmann eines konservativ gewordenen Bürgertums.

Die Personalisierung der Politik im Fernsehen erreicht mit Jauchs Bestallung ihre extreme Ausformung. Die Politik im Fernsehen wird entpolitisiert – als Gegenstand für das Parlando der Talkshow, und nicht für Diskurs oder Analyse.

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10:05 23.06.2010

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