Entwirklichung der Welt

Fiktion Die erfundene Nachricht über einen toten Migranten haben viele geglaubt. Was erzählt das über den medialen Diskurs?
Georg Seeßlen | Ausgabe 05/2016 32

In den Netzen machte eine Meldung die Runde: Ein syrischer Flüchtling sei nach langem Warten vor dem Lageso, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin, erkrankt und an hohem Fieber gestorben. Diese Meldung, die ein Flüchtlingshelfer mit einem Facebook-Post in die Informationsnetze einspeiste, erwies sich kurz darauf durch die Angaben der Polizei und das Geständnis des Urhebers als frei erfunden. Die Reaktionen auf diesen Fake schwanken zwischen Häme, Mitleid und Beschämung. Die nun also auch! Reicht es nicht, wenn uns Pegida und AfD mit Propagandalügen kommen? Und glauben die einen wie die anderen bereitwillig jede Lüge, wenn es nur zum Weltbild und in die Strategien der Hysterisierung passt?

Es lohnt hier ein Blick auf die Veränderungen im Umgang mit Nachrichten, Informationen, politischen Erzählungen. Technisch gesehen sind diese Veränderungen geprägt durch die Konkurrenz zwischen alten und neuen Medien. Das konservative Bild dazu lautet: Der einst für den Stand von Demokratie und Aufklärung mitentscheidende Qualitätsjournalismus, einem darstellbaren und lehrbaren ethischen Code verpflichtet (weshalb eben doch ein Unterschied zwischen der FAZ und der Bild bestand), wird bedrängt von einer enthemmten, verrohten Dauerhetze aus dem Internet. Das progressive Bild dagegen: Das Monopol der professionellen Meinungsmacher und Welterklärer ist gebrochen durch einen freien Fluss der Informationen von unten. Viel weniger als früher kann unter den Teppich gekehrt werden.

Aus der labyrinthischen Architektur der bisherigen Informationsgesellschaft wurde auf diese Weise der Wellenschlag eines Informationsmeeres. Wo man sich früher zu verlaufen drohte, da meint man nun zu ertrinken in Informationen. Immer schwerer wird es, den Kopf über Wasser zu halten.

Aber etwas Sonderbares geschieht zeitgleich: Man konnte zunächst meinen, aus der so enorm gestiegenen Anzahl von Informationsquellen würde eine Vervielfachung der möglichen Meinungen, Weltsichten und Erklärungsmodelle entstehen. Die Hyperinformationsgesellschaft würde vielleicht durch ihre extreme Unübersichtlichkeit mehr Anstrengungen abverlangen als die auch nicht gerade unanstrengende Informationsgesellschaft, dafür aber eine vorher nie geahnte Vielfalt an Reflexionen und Differenzierungen bieten. Man würde von der Basis mit Wirklichkeitspartikeln versorgt, die immer wieder korrigierend in die traditionellen Meinungsmaschinen eingreifen könnten.

Tatsächlich aber geschah das genaue Gegenteil. Alte und neue Medien verbanden sich zu gewaltigen Mainstream-Bewegungen. Immer weniger Meinungen treffen mit immer weiter ausdifferenzierten Mitteln aufeinander. Selbst in der äußeren Form ist nicht zu übersehen: Alles wird immer gleicher. Und auch die traditionellen Medien – die Zeitungen, Nachrichtenmagazine und seriösen Funk- und Fernsehprogramme – erkrankten an den neuen Verflüssigungs-, Mainstreaming- und Hysterisierungstendenzen. Die Information wechselte nicht nur ihre Medien, sie wechselte auch ihr Wesen.

Mosaike aus Scherbenhaufen

Eine Hyperinformationsgesellschaft entsteht nicht allein durch eine absurd gestiegene Menge von Informationen und eine absurd gesteigerte Geschwindigkeit – immer warten wir auch auf den Moment, der in der fiktiven Welt der Finanztransaktionen längst eingetreten ist, nämlich dass die Nachricht schneller ist als das ihr zugrunde liegende Ereignis, genauer gesagt: Die Fähigkeit, eine Nachricht zu produzieren, ist bereits das Ereignis selber.

Eine Hyperinformationsgesellschaft produziert vor allem Hyperinformationen. Diese Hyperinformationen können wir uns einerseits vorstellen als Bündel, Schleifen, Wolken von Informationen, die sich zu einer größeren Information zusammenballen, einer Hyper-Information eben, die nicht als Nachricht oder Analyse, sondern als Weltbild zu verstehen ist. Für die informationelle Moderne war eine Nachrichtenlage typisch, die Hans Magnus Enzensberger vor einem halben Jahrhundert als „Scherbenhaufen“ bezeichnet hat. Die Welt zerbricht in lauter mehr oder weniger unzusammenhängende, kaum noch bewertbare Informationsteile, die nur noch unter großen Mühen zu einer ursprünglichen Form von Wirklichkeit zusammengesetzt werden könnten.

Der informationelle Scherbenhaufen mochte zwar vom Standpunkt einer linearen Geschichte der Aufklärung durchaus unproduktiv sein, er war indes keineswegs nur verwerflich. Denn es war ebendieser Scherbenhaufen der Nachrichten und Botschaften, der verhinderte, dass aus den Informationen wieder die eine, verbindliche, schließlich dogmatische Welterzählung, kurz gesagt Ideologie wurde.

Aber der Scherbenhaufen war nicht der Endpunkt der Informationsgesellschaft. Es entwickelten sich neue Sortiermaschinen. Die Mainstream-Medien machten aus den Scherbenhaufen Mosaike. Noam Chomskys Idee von einer „Manufaktur des Konsenses“ steigerte sich zu einem bizarren Mainstreaming der Hysterisierungen. In der verflüssigten Form werden Informationen rasch zu „sozialen Skulpturen“ gegossen: Ihr Wert liegt nicht in der Wiedergabe des Wirklichen, sondern in der Teilhabe ihrer Konsumenten. Und nun sind Nachrichten mit einem Mal wieder, was sie in der informationellen Moderne eben nicht sein sollten: Ideologieproduzenten.

Die Hyperinformation schert sich weniger um die Nähe zu einem tatsächlichen Geschehen (das es immer noch gibt: Vulkane etwa brechen ja noch wirklich aus) als vielmehr um ihre Erwartetheit. Die Hyperinformation betrifft nur noch am Rande das, was ist, in der Hauptsache dagegen das, was „in der Luft liegt“.

Was nun die Flüchtlingssituation betrifft, so müsste man sich weit weg oder in die Zukunft denken, um zu erkennen, wie sehr die Hyperinformationen derzeit zum Großteil aus Null- und Nonsense-Nachrichten bestehen. Sie verdichten sich zu drei Erzählsträngen, in die reale und fiktionale Elemente scheinbar gleichberechtigt mit einfließen. Da ist die völkische Erzählung, welche die Flüchtlinge zu Feinden, zu sozialen „Krankheiten“ erklärt und, wie die AfD-Vorsitzende Frauke Petry, in ihren Gewaltfantasien kein Halten mehr kennt. Dann ist da die Erzählung der deutschen Politik, deren Vertreter sich gegenseitig in den markigen Sprüchen über die Behandlung „integrationsunwilliger“ (Andrea Nahles) oder sonst wie krimineller, „das Gastrecht missbrauchender“ Migranten übertreffen. Jeder der unsinnigen bis zynischen Vorschläge wird dabei wieder zu einzelnen Nachrichten.

Mit den gleichen Mitteln

Und dann ist da eine zivilgesellschaftliche Gegenerzählung, die das Merkel’sche „Wir schaffen das“ in eine soziale Praxis umsetzen möchte und der völkischen Erzählung Kritik und Widerstand entgegensetzt. Jede Information – Fantasie oder Nachricht – fließt in eine dieser hyperinformationellen Erzählungen, ob sie nun ursprünglich so gedacht war oder nicht.

Nun stellt sich heraus, dass es nicht nur auf Seiten von Pegida und AfD Lügenmärchen gibt, die als Wahrheiten gehandhabt werden, selbst wenn ihr Wirklichkeitsgehalt unwiderlegbar gleich null und die propagandistische Absicht leicht erkennbar ist. Geglaubt wird in den Erzählungen der Hyperinformation, was in die jeweilige Erzählung passt. So lassen sich ja auch die deutschen Politiker in ihrem Gezänk weder von Wirklichkeiten noch von internationalen Abkommen irritieren. Sie beliefern das Volk. So werden aus den Scherben wieder Bilder, mit Begriffs- und Metapher-Attraktionen wie „Obergrenze“, „Abschiebung“, „Leitkultur“ und „Aufnahmekapazität“. Das meiste davon ist gezieltes Beliefern eines hyperinformationellen Mainstreams.

Aber auch die zivilgesellschaftliche Gegenerzählung hat nun ihre Unschuld verloren. So wie die Rechten nicht müde werden, Übergriffsgeschichten zu akkumulieren, reale mit den fiktionalen vermischend, so stellt sich nun eine Leidensgeschichte als erfunden heraus. Hat da jemand unglücklich genug versucht, mit den gleichen Mitteln zurückzuschlagen, die die Gegenseite bereits perfektionierte? Ist auch hier die Hysterisierung so weit gediehen, dass man in der Tat keinen entscheidenden Unterschied zwischen dem Realen und dem Vorgestellten mehr machen kann? Oder bedeutet unter der Glocke der Hyperinformation zu leben, Teil eines gewaltigen Projektes zu werden: der Entwirklichung der Welt?

06:00 05.02.2016

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