Georg Seeßlen
Ausgabe 0516 | 05.02.2016 | 06:00 32

Entwirklichung der Welt

Fiktion Die erfundene Nachricht über einen toten Migranten haben viele geglaubt. Was erzählt das über den medialen Diskurs?

In den Netzen machte eine Meldung die Runde: Ein syrischer Flüchtling sei nach langem Warten vor dem Lageso, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin, erkrankt und an hohem Fieber gestorben. Diese Meldung, die ein Flüchtlingshelfer mit einem Facebook-Post in die Informationsnetze einspeiste, erwies sich kurz darauf durch die Angaben der Polizei und das Geständnis des Urhebers als frei erfunden. Die Reaktionen auf diesen Fake schwanken zwischen Häme, Mitleid und Beschämung. Die nun also auch! Reicht es nicht, wenn uns Pegida und AfD mit Propagandalügen kommen? Und glauben die einen wie die anderen bereitwillig jede Lüge, wenn es nur zum Weltbild und in die Strategien der Hysterisierung passt?

Es lohnt hier ein Blick auf die Veränderungen im Umgang mit Nachrichten, Informationen, politischen Erzählungen. Technisch gesehen sind diese Veränderungen geprägt durch die Konkurrenz zwischen alten und neuen Medien. Das konservative Bild dazu lautet: Der einst für den Stand von Demokratie und Aufklärung mitentscheidende Qualitätsjournalismus, einem darstellbaren und lehrbaren ethischen Code verpflichtet (weshalb eben doch ein Unterschied zwischen der FAZ und der Bild bestand), wird bedrängt von einer enthemmten, verrohten Dauerhetze aus dem Internet. Das progressive Bild dagegen: Das Monopol der professionellen Meinungsmacher und Welterklärer ist gebrochen durch einen freien Fluss der Informationen von unten. Viel weniger als früher kann unter den Teppich gekehrt werden.

Aus der labyrinthischen Architektur der bisherigen Informationsgesellschaft wurde auf diese Weise der Wellenschlag eines Informationsmeeres. Wo man sich früher zu verlaufen drohte, da meint man nun zu ertrinken in Informationen. Immer schwerer wird es, den Kopf über Wasser zu halten.

Aber etwas Sonderbares geschieht zeitgleich: Man konnte zunächst meinen, aus der so enorm gestiegenen Anzahl von Informationsquellen würde eine Vervielfachung der möglichen Meinungen, Weltsichten und Erklärungsmodelle entstehen. Die Hyperinformationsgesellschaft würde vielleicht durch ihre extreme Unübersichtlichkeit mehr Anstrengungen abverlangen als die auch nicht gerade unanstrengende Informationsgesellschaft, dafür aber eine vorher nie geahnte Vielfalt an Reflexionen und Differenzierungen bieten. Man würde von der Basis mit Wirklichkeitspartikeln versorgt, die immer wieder korrigierend in die traditionellen Meinungsmaschinen eingreifen könnten.

Tatsächlich aber geschah das genaue Gegenteil. Alte und neue Medien verbanden sich zu gewaltigen Mainstream-Bewegungen. Immer weniger Meinungen treffen mit immer weiter ausdifferenzierten Mitteln aufeinander. Selbst in der äußeren Form ist nicht zu übersehen: Alles wird immer gleicher. Und auch die traditionellen Medien – die Zeitungen, Nachrichtenmagazine und seriösen Funk- und Fernsehprogramme – erkrankten an den neuen Verflüssigungs-, Mainstreaming- und Hysterisierungstendenzen. Die Information wechselte nicht nur ihre Medien, sie wechselte auch ihr Wesen.

Mosaike aus Scherbenhaufen

Eine Hyperinformationsgesellschaft entsteht nicht allein durch eine absurd gestiegene Menge von Informationen und eine absurd gesteigerte Geschwindigkeit – immer warten wir auch auf den Moment, der in der fiktiven Welt der Finanztransaktionen längst eingetreten ist, nämlich dass die Nachricht schneller ist als das ihr zugrunde liegende Ereignis, genauer gesagt: Die Fähigkeit, eine Nachricht zu produzieren, ist bereits das Ereignis selber.

Eine Hyperinformationsgesellschaft produziert vor allem Hyperinformationen. Diese Hyperinformationen können wir uns einerseits vorstellen als Bündel, Schleifen, Wolken von Informationen, die sich zu einer größeren Information zusammenballen, einer Hyper-Information eben, die nicht als Nachricht oder Analyse, sondern als Weltbild zu verstehen ist. Für die informationelle Moderne war eine Nachrichtenlage typisch, die Hans Magnus Enzensberger vor einem halben Jahrhundert als „Scherbenhaufen“ bezeichnet hat. Die Welt zerbricht in lauter mehr oder weniger unzusammenhängende, kaum noch bewertbare Informationsteile, die nur noch unter großen Mühen zu einer ursprünglichen Form von Wirklichkeit zusammengesetzt werden könnten.

Der informationelle Scherbenhaufen mochte zwar vom Standpunkt einer linearen Geschichte der Aufklärung durchaus unproduktiv sein, er war indes keineswegs nur verwerflich. Denn es war ebendieser Scherbenhaufen der Nachrichten und Botschaften, der verhinderte, dass aus den Informationen wieder die eine, verbindliche, schließlich dogmatische Welterzählung, kurz gesagt Ideologie wurde.

Aber der Scherbenhaufen war nicht der Endpunkt der Informationsgesellschaft. Es entwickelten sich neue Sortiermaschinen. Die Mainstream-Medien machten aus den Scherbenhaufen Mosaike. Noam Chomskys Idee von einer „Manufaktur des Konsenses“ steigerte sich zu einem bizarren Mainstreaming der Hysterisierungen. In der verflüssigten Form werden Informationen rasch zu „sozialen Skulpturen“ gegossen: Ihr Wert liegt nicht in der Wiedergabe des Wirklichen, sondern in der Teilhabe ihrer Konsumenten. Und nun sind Nachrichten mit einem Mal wieder, was sie in der informationellen Moderne eben nicht sein sollten: Ideologieproduzenten.

Die Hyperinformation schert sich weniger um die Nähe zu einem tatsächlichen Geschehen (das es immer noch gibt: Vulkane etwa brechen ja noch wirklich aus) als vielmehr um ihre Erwartetheit. Die Hyperinformation betrifft nur noch am Rande das, was ist, in der Hauptsache dagegen das, was „in der Luft liegt“.

Was nun die Flüchtlingssituation betrifft, so müsste man sich weit weg oder in die Zukunft denken, um zu erkennen, wie sehr die Hyperinformationen derzeit zum Großteil aus Null- und Nonsense-Nachrichten bestehen. Sie verdichten sich zu drei Erzählsträngen, in die reale und fiktionale Elemente scheinbar gleichberechtigt mit einfließen. Da ist die völkische Erzählung, welche die Flüchtlinge zu Feinden, zu sozialen „Krankheiten“ erklärt und, wie die AfD-Vorsitzende Frauke Petry, in ihren Gewaltfantasien kein Halten mehr kennt. Dann ist da die Erzählung der deutschen Politik, deren Vertreter sich gegenseitig in den markigen Sprüchen über die Behandlung „integrationsunwilliger“ (Andrea Nahles) oder sonst wie krimineller, „das Gastrecht missbrauchender“ Migranten übertreffen. Jeder der unsinnigen bis zynischen Vorschläge wird dabei wieder zu einzelnen Nachrichten.

Mit den gleichen Mitteln

Und dann ist da eine zivilgesellschaftliche Gegenerzählung, die das Merkel’sche „Wir schaffen das“ in eine soziale Praxis umsetzen möchte und der völkischen Erzählung Kritik und Widerstand entgegensetzt. Jede Information – Fantasie oder Nachricht – fließt in eine dieser hyperinformationellen Erzählungen, ob sie nun ursprünglich so gedacht war oder nicht.

Nun stellt sich heraus, dass es nicht nur auf Seiten von Pegida und AfD Lügenmärchen gibt, die als Wahrheiten gehandhabt werden, selbst wenn ihr Wirklichkeitsgehalt unwiderlegbar gleich null und die propagandistische Absicht leicht erkennbar ist. Geglaubt wird in den Erzählungen der Hyperinformation, was in die jeweilige Erzählung passt. So lassen sich ja auch die deutschen Politiker in ihrem Gezänk weder von Wirklichkeiten noch von internationalen Abkommen irritieren. Sie beliefern das Volk. So werden aus den Scherben wieder Bilder, mit Begriffs- und Metapher-Attraktionen wie „Obergrenze“, „Abschiebung“, „Leitkultur“ und „Aufnahmekapazität“. Das meiste davon ist gezieltes Beliefern eines hyperinformationellen Mainstreams.

Aber auch die zivilgesellschaftliche Gegenerzählung hat nun ihre Unschuld verloren. So wie die Rechten nicht müde werden, Übergriffsgeschichten zu akkumulieren, reale mit den fiktionalen vermischend, so stellt sich nun eine Leidensgeschichte als erfunden heraus. Hat da jemand unglücklich genug versucht, mit den gleichen Mitteln zurückzuschlagen, die die Gegenseite bereits perfektionierte? Ist auch hier die Hysterisierung so weit gediehen, dass man in der Tat keinen entscheidenden Unterschied zwischen dem Realen und dem Vorgestellten mehr machen kann? Oder bedeutet unter der Glocke der Hyperinformation zu leben, Teil eines gewaltigen Projektes zu werden: der Entwirklichung der Welt?

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 05/16.

Kommentare (32)

denkenundhandelnbitte 04.02.2016 | 12:29

Guten Tag , Herr Seeslen ,

als Ihre Leserin möchte ich eigentlich nicht , daß Sie meine Differenzierungsfähigkeiten infrage stellen .

Entwirklichung ? Wer wäre denn da Projektleiter ? Philosophierende Journalisten ? Und wenn die Wahrheit WEG ist , wovon wollen die dann leben ?

" Alte und neue Medien verbanden sich ... " WAS SOLL DAS ?

Dank der neuen Medien kann sich heute jeder so umfassend wie nie zuvor informieren.

Das ist sehr gut , sogar die bild lügt weniger als früher .

Kann das mal bitte jemand erforschen : Presselügen vor dem WWW & heute im Vergleich ?

Es gibt viel zu tun, zum Jammern ist echt keine Zeit .

LG

THX1138 05.02.2016 | 06:25

"(...) Wir beschäftigen uns mit Bruchstücken von Ereignissen aus aller Welt, weil wir über eine Vielzahl von Medien verfügen, die sich ihrer Form nach zum Austausch bruchstückhafter Botschaften eignen.

Bestimmte Formen von Medien begünstigen ganz bestimmte Inhalte und vermögen dadurch eine Kultur ganz entscheidend zu prägen (...)

Ich gehe so weit, zu behaupten, dass dem surrealistischen Rahmen der Fernsehnachrichten [Medien] eine Theorie der Anti-Kommunikation zugrunde liegt, die einen Diskurstypus propagiert, der Logik, Vernunft, Folgerichtigkeit und Wiederspruchslosigkeit preisgegeben hat. In der Ästhetik bezeichnet man diese Erscheinung zumeist als Dadaismus, in der Philosphie als Nihilismus, in der Psychiatrie als Schizophrenie. Die Theatersprache kennt sie unter dem Namen Varietė."

Aus: "Wir amüsieren uns zu Tode", Neil Postman (1985)

na64 05.02.2016 | 09:10

Wie verhält sich das bei dem Thema Bargeld abschaffen? Erzählt man uns da auch Metapher-Attraktionen und es geht um ein neues Geschäftsmodell an dem die Banken riesige Unsummen verdienen werden. Auch waren alle Medien mit diesem Thema beschäftigt, nur hier im Freitag gab es gar nichts. Ist das die neue Welt die gebaut wird? Wie verhält sich das mit Sprache und Texte über Bots, bzw. Fremdschreiben lassen in Onlineportalen ohne das ich was dazu tun muss schreibt das von allein? Das ist schon jeden Tag eine neue Herausforderung und oft hilft nur die Ignoranz weiter und persönliche Gespräche. Am End darf ich mir sogar selber eingestehen das meine Meinung ein Konstrukt aus all diesen Informationen darstellt und keiner Wahrheit entspricht. Was ist dann Wahrheit? Was sind ehrliche Aussagen. Ich komme der Wahrheit am nächsten, wenn ich ein Geschäft daraus mache, da sich ja alles was wir tun im Geschäftssinn gelebt wird.

Richard Zietz 05.02.2016 | 09:38

Man hat das Internet als das Große, Neue ausgerufen, das Ende der Geschichte erklärt und das neue Utopia dergestalt, dass sich die Monaden quasi aus freien Stücken in Bits und Bytes transferieren. Wer den Einwand wagte, dass der Mensch – rein körperlich gesehen – essen und trinken muß und auch die Kupferleitungen für die Netzverbindungen sich nur schwer ohne menschliche Kraftanstrenung verlegen lassen, der wurde als ewig Gestriger hingestellt.

Nun haben wir den Salat.

Ob sich die aktuelle Medienlandschaft (beziehungsweise die gegenwärtige fragile Mischlandschaft aus »alten« und »neuen« Infokanälen) mittels einer (umgedrehten, gegen die Technik gewandten) Technikkritik auf den Punkt bringen lässt, würde ich persönlich bezweifeln. Richtig ist, dass die »Alternativmedien« nach wie vor nicht das Know-How haben, das Informationsmonopol der »alten« Medien zu brechen. Dass die aktuelle Massenteilnahme an den »Neuen« nicht nur das Edelste im Menschen zum Vorschein bringt und darüber hinaus eine hochungesunde, in manchen Aspekten hysterische Beschleunigung zeitigt – geschenkt. Als Grundursache dafür festmachen würde ich allerdings nach wie vor den neoliberalen Rahmen, in dem das stattfindet – nicht die Technik. Um die Brötchen etwas kleiner zu backen: das Killen (respektive Einsparen) kompetenter Information, die Bildungsmisere (bzw. Abrichtung/Reduzierung von Bildung auf unmittelbar verwertbare wirtschaftliche Fertigkeiten) und die generelle Beschleunigung des neoliberalen Lebens, in der sowieso kaum noch jemand Zeit hat, sich Informationskompetenz anzueignen.

Lethe 05.02.2016 | 10:24

Das Konzept der Medien beinhaltet per se die Überantwortung der eigenen Informationsgewinnung in fremde Hände. Von der ersten zaghaften Wandinschrift bis hin zu den Informationsgewinnungsstrategien des Internetzeitalters wabert der Aspekt des Vertrauens durch die Mediengeschichte, und damit auch der Aspekt des getäuschten Vertrauens, denn natürlich hat sich noch nie irgendein Medium dazu durchringen können, der Versuchung standzuhalten, bei der Vermittlung von Ereignissen im Sinne des angelegten Deutungshintergrundes "korrigierend" auf die Darstellung einzuwirken. Und natürlich hat nie ein Medium darauf bestanden, Kommentar und Bericht so deutlich getrennt zu halten, dass beides deutlich zu unterscheiden wäre.

Von daher im Westen nichts Neues. Neu ist bestenfalls die Strategie, unangenehme Nachtrichten nicht mehr zu verbergen sondern im Informationsrauschen untergehen zu lassen. Könnte man für riskant halten, aber da das Bewusstsein für Wichtigkeiten immer mehr abhanden kommt, ist das kein sehr hohes Risko.

Filou Sophia 05.02.2016 | 12:08

"Aber auch die zivilgesellschaftliche Gegenerzählung hat nun ihre Unschuld verloren."

Was spannen denn Schuld/Unschuld für einen diskursiven Erwartungshorizont? Meiner ist es jedenfalls nicht. Auch die Linke oder zivilgesellschaftlichen Gruppen vertreten Positionen und Interessen. Beide haben als diskursives Vermittlungsmoment doch wohl ziemlich wenig mit den am Diskurs beteiligten Individuen und deren persönlichen Absichten zu tun. Entscheidend ist doch die konkrete Folge. Dort arbeiten tagtäglich Menschen für andere Menschen. Und nun hat die zivilgesellschaftliche Erzählung ihre Unschuld verloren? Bei allem, was ich zu dem Fall gelesen habe, fiel mir nur eines schmerzlich ins Auge: Dass hier die Kirche nicht im Dorf gelassen wird, weil das Beispiel von unterschiedlichen Seiten aus vereinnahmt wird. In der taz schreib ein Leser, dass der über den hier verhandelt wird, psychisch krank sein müsse. Sie attestieren ihm und dem medialen Gefolge den Sündenfall gegenüber einer großen Erzählung. Als nächstes steigt noch weißer Rauch aus dem Vatikan auf und die heiligen drei Könige pilgern nach Dresden...

karamasoff 05.02.2016 | 12:35

Mir erzählt das, daß man als Medium Informationen an der Quelle überprüfen sollte. Dann wäre daraus gar keine Nachricht geworden. Der Empfänger sollte auch überprüfen, was er da an Informationen empfängt.

Allerdings wäre dann auch der Profit des Mediums keiner geworden. Und darum gehts doch letztendlich nur noch, aus einem Euro zwei zu machen. Nachrichten sind verpackte Waren, die verkauft werden. Wenn sich herausstellt, daß nur Scheisse oder garnix in der Verpackung war, scheint es obendrein noch heisser Trend zu sein über die Verpackungsform gesellschaftsweit zu diskutieren, sprich es interessiert nur die Warenästhetik im Diskurs. Und wenn das nix mehr bringt macht man halt einen politischen Diskurs draus.

schna´sel 05.02.2016 | 13:22

"Was nun die Flüchtlingssituation betrifft, so müsste man sich weit weg oder in die Zukunft denken, um zu erkennen, wie sehr die Hyperinformationen derzeit zum Großteil aus Null- und Nonsense-Nachrichten bestehen. Sie verdichten sich zu drei Erzählsträngen, in die reale und fiktionale Elemente scheinbar gleichberechtigt mit einfließen."

Und wo bleibt innerhalb Ihrer Erzählung das konkret und real erlebte Leben der Flüchtlinge? Oder habe die keines, weil sie keinen Erzählstrang haben und somit nicht wirklich existent sind im Sinne unserer virtuellen Realität? Bis auf eine solche Leidenslügengeschichte, die natürlich konsequent ausgebeutet werden kann? Reduziert sich Ihre Analyse damit nicht genau auf die Ebene, die diese als analytischen Befund erstellt? Eine Erzählung, die Position bezieht, Teil der Erzählungen wird, aber die Entwirklichung von der Sie schreiben nur voran treiben kann weil sie den Existenzen, die wir für unsere Erzählungen ausbeuten, im historisch existenziellen Sinn gar keine eigene Geschichte zugesteht? Aber vielleicht kann es eine wirkliche Gegenerzählung ja nur dort geben, wo diese nicht erzählt wird, sondern konkret stattfindet. Natürlich ist das dann kein "Futter" für ein virtuelles Medium und sein Publikum, das die Situation der Flüchtlinge in erster Linie als Abstraktion wahrnimmt. Wie auch sonst? "Dokufiction" mit einem Drehbuch, das das Leben selbst geschrieben hat. So, wie wir es in der Regel nicht mehr erleben und an uns ran lassen. Mit richtigen Toten, brennenden Unterkünften, guten und weniger guten Menschen und allem, was "großes Kino", wenn es wirklich authentisch ist, in unseren Köpfen eben so auszeichnet. Nicht so spannend, wie die Live Berichterstattung bei Terroranschlägen, dafür aber mit Seriencharakter. Das soll keine Verurteilung dieses Beitrags sein. Ich frage mich nur: Ist das die Botschaft, die dieses Medium ausmacht? Kann man überhaupt etwas anderes produzieren, wenn man innerhalb solcher Medien produziert? Oder ergibt das automatisch etwas, das zwar irgendwie auch "echt" sein kann, dem aber auf der anderen Seite genau das fehlt, was die erleben, die wirklich in der "Flüchtlingssituation" drin stecken. Oder in der Situation anderer lebendiger Opfer, jenseits aller Erzählstränge? Für die wir aber viel mehr von diesen Opfern benötigen, als wir uns das jemals eingestehen könnten, so leid uns das tut?

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Ehemaliger Nutzer 05.02.2016 | 14:27

zu "Entwirklichung der Welt als Projekt" Beispiele für einzelprojekte gibt`s genug, leider keine guten:

1. Die Entwirklichung ist immer dann eine Tatsache, wenn eine Lüge verbreitet wird. Das ist zum Beispiel immer vor Kriegen der Fall. (Brutkasten, Giftgas; scheinbar in Syrien Giftgas, das Assad eingesetzt haben soll, was aber wohl so nicht sein konnte (Studie des MIT, USA)

2. Schauen Sie sich die Produktwerbung an: Konsumenten werder stundenlang täglich mit Halbwahrheiten, also entwirklichten Aussagen solange drangsaliert, bis ihr Unterbewusstsein ihnen den Einkaufszettel diktiert (oder das der Kinder).

Also unterm Strich findet eine Entwirklichung statt dadurch, dass uns allen immer mehr und für jedes Ereignis/zu treffende Entscheidung mindestens Halbwahrheiten kommuniziert werden: eben die, die uns dazu bringen, der Meinung zu folgen und ein Produkt zu kaufen - und eben nicht die, die dagegen sprechen.

DvW fragt ja, ob es früher mehr oder weniger davon gab. Das kann ja keiner wissen, es wäre eine riesige Herausforderung, das herauszufinden, da die alten Quellen tot sind bzw. die Artikel nebst verantwortlichen nicht mehr aufzufinden.

Heutzutage ist es einfach, sich zu informieren, ob das im Mainstream Gesagte/Geschriebene denn auch stimmen kann, sich eine 2. Meinung einzuholen. Aber ob diese 2. Meinung denn stimmt, tja, whose nose?

Um Ihre Frage zu beantworten: es gibt sehr viele Projektleiter dafür, Sie selbst sind z.B. einer, immer dann, wenn Sie andere von etwas überzeugen wollen, das für Sie richtig ist. Die anderen sitzen in Werbeagenturen, Marketingabteilungen, Kommunikationsberatungen für Politik, und ich bin auch einer davon.

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Ehemaliger Nutzer 05.02.2016 | 14:37

Unterstreiche ich so. Wahrheit ist doch in der Tat nur dann tragfähig, wenn ich ihr im wissenschaftlichen Sinne modellhaft begegne, also bestimmte Restriktionen hart definiere. Nur dann kann sich Wahrheit ergeben. Wasser kocht bei 100°c. Das ist wahr. Allerdings nur bei 1013 mbar Druck. Sonst eben nicht.

Einaussagen z.B. als Wahrheit zu beschreiben, ist dann legitim, wenn man sich auf die Tatsache "Aussage" beschränkt, also auf den Fakt, dass eine Aussage getätigt wurde. Geht es aber um den Inhalt der Aussage, so kann man es schon nicht mehr, weil man nicht weiß, was damit bezweckt werden soll.

Beispiel: Angela Merkel hat gesagt: "Wir schaffen das." Es ist die Wahrheit, das sie das gesagt hat. Aber inhaltlich lässt sich vortrefflich streiten. Man könnte sagen, der Satz steht fast außerhalb der Kritikfähigkeit: Wer ist wir? nicht definiert. Was schaffen wir? nicht definiert. Voller Hoffnung aber planlos.

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Ehemaliger Nutzer 05.02.2016 | 14:45

"Die erfundene Nachricht über einen toten Migranten haben viele geglaubt. Was erzählt das über den medialen Diskurs?"

Es gibt ein schlechtes Bild ab: denn der mediale Diskurs ist grundsätzlich ideologisch geprägt, in Schranken verwiesen, deren Übertreten unverzüglich zu Schmerzen führt.

In Ihrem Beispiel haben wir es immerhin mit einer positiven Problemsensibilisierung zu tun, macht es uns doch auf die Verhältnisse des LaGeDo in Berlin aufmerksam. Wenn der Twitter-Autor das erreichen wollte, hat er es geschafft, alle schauen hin. Hier führt eine Lüge dann zu entwas "Gutem". Anders eben (wie oben schon im Kommentar genannt) als die Kriegslügen dieser Welt, die das Gegenteil bewirken.

Wenn also schon, wie Sie richtig feststellen, überall nur mit Lügen gearbeitet wird, ist das hier ein positives Beispiel im verbotenen Lügenraum.

Danke für den Artikel.

Comparse 05.02.2016 | 15:38

Herr Seeslen,

eine Ideologie ist keine dogmatische Welterzählung. Wo haben Sie derartiges her?

Sie benutzen hier das Wort in abwertender Weise und nicht neutral. Denn neutral gesehen, ist eine Ideologie nichts verwerfliches, sondern nur die Art und Weise, wie man die Welt anschaut.

Und schaut man sich an, was die Geflohenen vor dem Lageso ertragen müssen, dann erschien die Geschichte von einem verstorbenen Flüchtling in diesem Zusammenhang mehr als wahrscheinlich.

Dass sie am Ende doch nicht wahr war, macht die Zustände vor dem Lageso auch nicht besser.

Es reicht bei der Informationsflut aus, zum einen die Dinge erst mal in Ruhe nachzuprüfen und erst dann eine Anschauung dazu zu äußern.

Diese Option hat jeder von uns.

janto ban 05.02.2016 | 18:12

|| Man konnte zunächst meinen, aus der so enorm gestiegenen Anzahl von Informationsquellen würde eine Vervielfachung der möglichen Meinungen, Weltsichten und Erklärungsmodelle entstehen. ||

Ist denn der erste Teil richtig..? Haben wir es überhaupt mit einer enorm gestiegenen Anzahl von Informationsquellen zu tun..? Nicht alles, was aussieht wie eine Informationsquelle, ist ja eine. Meinungsquellen und Seiten, die Informationen auf-, ab- und umarbeiten gibt es hingegen noch und nöcher. Det stümmt.

Eine echte Quelleninformation ist es, wenn ich der Welt mitteile, dass ich in Unterhosen vor'm Rechner sitze, Kaffee trinke und rauche. Sowas erfährt man - weltexklusiv - nur in der dFC..

Hagen 05.02.2016 | 18:14

Ein in der Warteschlange gestorbener Flüchtling wäre eben die ideale Projektionsfigur geworden:

Vom Kriege geflüchtet in den bösen Westen (der ist sowieso an allem schuld).

Und dann durch die deutsche Bürokratie umgebracht.

Das Bild ist einfach zu verlockend gewesen.

Das absolute Opfer!

Das wusste auch der (bedauernswerte) Verursacher des Medienhypes, der ja direkt aus der Mitte der hilflosen Helfer (Schmidbauer) des LAGESO stammt.

Die Medien haben diese Phantasie universalisiert, ja!

Sie hätte sich aber wahrscheinlich auch ohne die Massenmedien verbreitet, von Mund zu Mund.

Es wäre (meiner Meinung nach) sehr viel produktiver darüber nachzudenken, welche psychologischen Mechanismen entscheiden, welche Nachricht genau eine Hysterisierung auszulösen vermag. Und bei wem.

Ganz unabhängig vom Medium.

Ansonsten schöner Artikel. Danke!

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Ehemaliger Nutzer 05.02.2016 | 21:16

Es ist einfach krank, sich den Tod eines Flüchtlings zu wünschen. Um das "Gute" zu befördern.

Und diesen Wunsch dann auch noch zu verbreiten ...

Es ist einfach krank, sich die Vergewaltigung eines 13jährigen Mädchens zu wünschen.

Um die "Panik" zu befördern.

Und diesen Wunsch dann auch noch zu verbreiten ...

Es ist einfach krank, sich den Arm zu zerstümmeln.

Um die "Hetze" gegen den politischen Gegner zu befördern.

Und diese Hetze dann auch noch zu verbreiten ...

Die Beispiele sind endlos.

Das führt hin bis zum Verwünschen anderer Länder.

Um die Kriegshetze zu befördern.

Und diese Kriegshetze auch noch zu verbreiten, z.B. gerade erst gestern:

http://www.huffingtonpost.de/2016/02/03/nato-baltikum-krieg-russland_n_9155592.html

schna´sel 06.02.2016 | 19:36

"In diesem Zusammenhang ist der nachfolgende Artikel interessant."

In der Tat. Interessant und erschreckend, jedenfalls für mich. Nicht, dass ich mich potentiell nicht mehr einklinken könnte in diesen interaktiven erklärenden Journalismus und die Tools, die im Zusammenhang damit entstehen. Ich stelle nur fest, dass ich kein wirkliches Interesse mahr daran habe. Es ist ganz spannend, sich das mal anzuschauen, am spannendsten der Hinweis auf die Sozialwahltheorie und das (Un)Möglichkeitstheorem von Arrow. Aber irgendwie stößt es mich ab. Und ich glaube, das hängt damit zusammen, dass diese Formen allesamt Herrschaftswissen sind, das vielleicht adäquat ist, was die vernetzten Möglichkeiten und auch den Bedarf unserer Hi-Tech Zivilisation betrifft, das aber auch für diese anscheinend unaufhaltsame Entwirklichung steht, der immer größere Teile der Bevölkerung einfach nur ausgesetzt sind. Oder glaubt der Autor dieses interessanten Artikels, dass das der Standard sein wird, auf dem sich Entscheidungsbildung und sogar der aktive Aufbau eigener politischer Communities (à la nation building) für die Masse der Menschen zukünftig vollzieht? Ich glaube vielmehr, dass diese Technologien und Tools die Teilung der Welt in "Gewinner" und "Verlierer" weiter vertiefen werden: Auf der einen Seite prozentual wenige Menschen, für die diese virtuellen Realitäten Wirklichkeit bedeuten. So wie sie auch heute schon virtuelles Geld als Möglichkeit akzeptiert haben, ihre persönlichen Interessen offensiv zu vertreten und daraus einen Vorteil gegenüber all denjenigen gewinnen, die das nicht können, oder nicht tun. Auf der anderen Seite all diejenigen, die sich gegen diese Entwirklichung zur Wehr setzen, einfach nicht mit können, vielleicht mit schwimmen, häufig aber auch Opfer werden: Ausgegrenzte, Abgeschobene, Hartz IV Empfänger, Flüchtlinge. Und wenn ich mir all die ungelösten Probleme anschaue, die Kriege, Krisen, Umweltprobleme, in denen sich ja keine globalen Lösungen abzeichnen, dann glaube ich persönlich, dass der Innovationsschub, der in diesem Artikel beschrieben wird von ganz anderen Phänomenen begleitet sein wird, die den Nutzen all dieser neuen technologischen Möglichkeiten für die Gesellschaft wieder zunichte machen wird. Ich glaube, das ist die Form, in der die Wirklichkeit zu uns zurückkommen wird. Oder vielmehr: Durch diese unangenehmen, bis katastrophalen Erscheinungen werden wir wahrnehmen, dass diese virtuellen Realitäten eben nur ein kleiner Ausschnitt aus einer Wirklichkeit sind, die sich als Ganzes gar nicht entwirklichen lässt; und die wir auch nicht durch unsere Konstruktionen von Wirklichkeit ersetzen können. Weder durch von den Medien von oben herab transportierten "General Will", noch durch Spieltheorie. Die Flüchtlinge helfen uns, und hoffentlich auch den zukünftigen Journalisten dabei, das zu verstehen und akzeptieren zu lernen.

schna´sel 07.02.2016 | 12:12

Ich empfinde genau so. Die Kaltschäuzigkeit mit der "die Sichtweise, dass diese Partizipation der Massen gelenkt und vorstrukturiert werden muss" offenbar schon seit Jahren zum journalistschen Selbstverständnis gehört hat mich ehrlich gesagt geschockt. Auch wenn das in aufgeklärten Kreisen vielleicht als naiv gelten mag. Medien, die ihrem demokratischen Auftrag im Sinne einer mengentheoretischen Ableitung gerecht werden müssen und die individuellen Präferenzen ihrer Mitbürger vorstrukturieren: Ich möchte das böse "L Wort" jetzt nicht ins Spiel bringen, aber irgendwie hat es sich sich mir spontan schon aufgedrängt, obwohl ich die Bedeutung dieses Arrow Theorems durchaus (an)erkenne. Das Problem ist, wenn Journalismus im politischen System die Rolle zukommt, für Stabilität zuständig zu sein, dann müsste dieser Journalismus finanziell unabhängig sein, im Sinne von "nicht bestechlich"und für jedermann zugänglich. Das Argument, dass sich durch die neuen Medien ja genau das im Moment ereigne halte ich für eine Täuschung, weil all die Blogs, all die alternativen Tools niemals die Medienmacht erreichen werden, die den etablierten Massenmedien zur Verfügung steht.

dos 07.02.2016 | 13:24

" ... die Organisation wirtschaftlicher Tätigkeiten, die vor der Industriellen Revolution noch weitestgehend dezentral und flach organisiert war ..."

Das ist ziemlich falsch:
1. Fugger, Welser, Venedig usw., - siehe auch, daß die über Jahrhunderte VOR der Neuzeit (Columbus/Vespuccci) wesentlich(e) Anteil(e) an europ. Staatsfinanzierung(en) hatten,

2. die wirtsch. Tätigkeit war von den Zünften über Transportwege bis zur den Markt- u. Abgabenordnungen für Händler/Kaufleute hochkompliziert GEREGELT und "flach" und "dezentral" nur aus heutiger Sicht: wo eine Reise nach Venedig, Florenz, Rom, Palermo, Athen, Barcelona usw. nicht einige Stunden wie heute, sondern mindestens einige Tage in Anspruch nahm, waren die Regelwerke durchaus von einiger Zentralität und Tiefe. (Entspricht im Hindernischarakter vlt. heutiger Situation, wenn z. B. überseeische Hilfsgüter von einem afrik. Hafen durch mehrere Staaten ins Kontinentinnere gelangen sollen, - NICHT in der relativen Regularität, die war im europ. Mittelalter vermutlich etwas besser als in Afrika heute, obgleich man sich auch über die damalige Korruption und Schummelei auch keine Illusionen machen sollte.)

"Diese Vereinnahmung der Technologie durch die Hierarchie – ... " - gab es also durchaus auch schon früher!

Sonst hätte es "die Neuzeit" dieser Form, nämlich die Portugiesen mit ihrem Weg um Afrika nach Indien, sowie A.V., Columbus usw. so nie gegeben, wenn nicht ZENTRALE (d.h. staatlich-monarchisch-aristokratisch-finanzelitär verankerte) HERRSCHAFT die Hervorbringung und umgehende Aneignung der Technik/emp. Wissenschaft auf dem Panier gehabt hätte.

"Diese Vereinnahmung der Technologie durch die Hierarchie – ... wurde zunächst auch durch die rasanten Fortschritte in der Informationstechnologie oder Robotik nicht aufgehalten."
Nanü, wer hätte denn DAS gedacht?

" Zu groß war die Sorge, dass komplexe und arbeitsteilige Gesellschaften nicht mehr steuerbar sein könnten. "

Ja WER sorgte sich denn da, und hatte man auch die Mittel dazu, die "Demokratisierung" der Technik zu verhindern? Und waren denn die Gesellschaften des 20. Jh. ÜBERHAUPT "steuerbar" ?
Konnte wirklich ein SteuerungsVERLUST als Risiko aufscheinen?

Ist es nicht vielmehr so, daß die, - z. T. ja ausgesprochen schrägen -, Entwicklungen u. Entscheidungen der höchst ungesteuerten Gesellschaften des.20. Jh. sich in den von liberal bis idealistisch reichenden Narrativen, Schemata und den kaum als solche reflektierten Zirkularsemantiken retrograd wie auch zeitdiagnostisch "rationalisieren" liessen?
Wobei der Rationalisierungswettbewerb mit deutlichem Vorteil für konservativ-liberale Ansätze ausgeht, weil die den je Gegebenen Irrsinn "as it is" leichter in Weltbild/Zirkularsemantik einfügen können/wollen, als z. B. telotisch-teleologisch aufgestellte Wichtigtuer des "Fortschritts".

" ... Kenneth Arrow ... prägte mit seinem (Un)Möglichkeitstheorem die Sichtweise, dass diese Partizipation der Massen gelenkt und vorstrukturiert werden muss."

Das war und ist eine These, die bei weitem nicht erst o./u. nur seit Arrow im Schwange ist, und für die sich noch reichlich andere synth. Probleme im Rahmen von Diskurs- u. Entscheidungstheorie(n) stellen, als nur/erst die von ihm beschriebenen.

"Diese Sichtweise basierte auf der Erkenntnis, dass eine reine Aggregation von individuellen Präferenzen Paradoxien und Verletzungen von Rationalitätsannahmen mit sich bringt. "

Aber "Rationalitätsannahmen" werden doch entweder sowieso verletzt (vergl. Unmöglichkeit konsequentialistischer Doxa ( & ihrer Anwendungen) ohne Para-Doxien , siehe auch arist. Mesotis-Lehre, oder/und die Auflösung der Kategorien und damit der Doxa an den Polen der kateg. Ambivalenzen usw., weshalb Ying/Yang zwingend ist oder "es ist nicht(s)" (mehr) als Denk- u. Diskurierbares anzufinden) oder sie sind schon a priori obsolet:
z. B. wenn es um Subjektives geht, das sich quasi schon per definitionem als keineswegs restlos in Rationalität Auflösbares der völligen inneren Widerspruchsfreiheit und anderer Rationalitätszeichen, wie z. B. ausschließlich interessengeleiteten Handelns (rational choice usw. aber auch bei Dominanz altruistischer Interessen) entzieht.

Selbstverständlich schlagen die grundsätzlichen, synthetisch-kategorialen Grenzen von Kategorien auch bei der Kategorie der "Rationalität" irgendwann auch auf der synthetischen Ebene zu, nicht nur praktisch-empirisch.

||Sinnvoll sei eher eine Abstimmung über einen vorstrukturierten "Willen", der über die persönlichen Präferenzen hinausgehen sollte: "Voting, from this point of view, is not a device whereby each individual expresses his personal interests, but rather where each individual gives his opinion of the general will." ||

So zügig kommt man aus den Aggregationen der individuellen u. subjektiven Präferenzen als Ziel sinnvoller, allgemeiner Willenserklärungen nicht hinaus, um sich unter den Mantel eines 'volonte general' zu begeben, dessen Findung von wem auch immer "vorstrukturiert" werden muß und unter dem sich zunächst mal ja die eher genuin/formal/ursprünglich generellen Fragen, z. B. von anderen Systemen/Staaten mit v. g./g.w. an einen Staat u. a. fangen, von denen wiederum je die Frage ist, ob sie durch Präferenzaggregation von Individuen entschieden/beeinflußt werden sollen/können.
(Wieso gibt man diese 'Vorstrukturierung' nicht an die Präferenzträger selbst?
WENN es eine belastbare Doxa dazu gibt, WIE die Alternativen eines general will 'vorstrukturiert' werden sollten/müssten, wieso gibt es dann soetwas nicht auch für die Aggregationen der individ. Präferenzen? Wieso sollte die Vorstrukturierung des 'general will' von deutlich weniger bzw. keinen "Verletzungen von Rationalitätsannahmen" geprägt sein, als die Aggregation indiv. Präferenzen?
Und: wenn es denn eine solche Doxa gäbe, wieso lesen wir nichts Schlüssiges darüber?

Also das riecht schon heftig nach bloßen, unbegründeten Herrschaftsinteressen, wenn so argumentiert wird!
Denn ohne eine solche belastbare Lehre dazu gibt es auch KEINE LEGITIME Gruppe der Vorstrukturierer, Erklärer & Versteher eines general will, - auch nicht die der Journalisten, auf die der Ex-Accenturer den Fortgang der Überlegungen zuspitzt/verengt:

|| Journalismus schaffte im politischen System Stabilität

Um die Regierbarkeit einer Gesellschaft sicherzustellen braucht man also einen General Will, ... ||

erneute Verengung: es geht bei weitem nicht nur um "Regierbarkeit"
|| ... der dann zur Abstimmung gebracht wird. Nun mag man anmerken, dass es ja unterschiedliche ideologische Positionierungen gibt, die trotz dieser Einschränkungen eine große Bandbreite an Meinungen fördern.

Allerdings zeigte sich, dass es durchaus gewisse Übereinstimmungen zwischen konservativen und liberalen und sogar sozialistischen Perspektiven gab (technologischer Fortschritt, Wohlfahrtsstaat, Stimmrecht) und so groß die Unterschiede oft nicht waren. Oder wie es der Soziologe Niklas Luhmann treffend bemerkte: "Das Geheimnis der Alternative ist: dass sie gar keine Alternative anzubieten habe." Betrachtet man den Beruf des Journalisten unter dieser Perspektive, besteht dessen Aufgabe darin, diesen Volonté générale bzw. seine Ausprägungen zu erklären, zu kommentieren und zu kritisieren. ||

Nun ja, Luhman hätte recht, wenn alle denkbaren Optionen eindeutig und objektiv in ein besser/schlechter zu hierarchisieren/zu rationalisieren wären, - aber das sind sie eben in aller Regel nicht (widerspruchsfrei). Und empirisch macht schon die potentielle Existenz eines 'unknown unknown' (Rumsfeld, siehe A. Brie et al.) zumindest jede prospektive Entscheidung non-rational (beim retrograden Auffüllen der zunächst viel zu großen Schuhe des Irrsinns mit Vernunft sieht es zunächst ganz leicht besser aus mit der Validität & Belastbarkeit von "Vernunft").
Nach Ayad Al-Ani's deratigem Vorbringen bleibt den Journalisten gar nichts anders übrig, als den in aller Regel pseudo-rationalen Rankings, die zur "einzigen Alternative" (Para-Doxa, ick hör' dir trappsen ..., wa?) Luhmans führen, Erklärung, Vermittlung & Werbung dafür zur Seite zu stellen, - "Kritik" inclusive, schon aus "Verständnis-" (= Rationalisierungs- ) Gründen.

|| Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Ayad Al-Ani lehrte an der Hertie School of Governance in Berlin, war er Partner bei Accenture, Geschäftsführer Accenture Österreich und Rektor an der ESCP Europe Wirtschaftshochschule Berlin. Heute beschäftigt er sich vor allem als Zukunftsforscher mit dem digitalen Wandel und hat mit Tebble ein Beratungsunternehmen gegründet, das Unternehmen dabei hilft, die Chancen des digitalen Wandels für sich zu nutzen. Al-Ani forscht am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) auf dem Gebiet der internetbasierten Innovationen und lehrt am Institut für Wirtschaftsinformatik und Electronic Government der Universität Potsdam. Er ist ao Professor an der School of Public Leadership der Universität Stellenbosch, Südafrika.||

Nun, ich hab' ja im (Siemens ) Center of Excellence am Mü. Flughafen, gegenüber der Wasserstofftankstelle, das höchst zweifelhafte Vergnügen gehabt, an einem CRM-Project ("Siebel") von Accenture für Fujitsu-Siemens "mitzuarbeiten". (Alles sehr nett, Kempinski, Sport-Scheck usw.) Doch das Problem war a), daß das fachliche Niveau des Leitungspersonals (Accenture/Unamite-IT-"Äggsbäddn" & Fuj.-Siem.-Marketingler) die Level der hiesigen beruflichen Mindest-Bildung für Mechatroniker bis zu den Bürokaufleuten in Sachen Informatik um etwa 60-80% unterschritt, OHNE sich dessen bewußt zu sein (USA u. ca. 15 weitere Nationen aus allen 5 Kontinenten) und ohne jede Bereitschaft, dem gemieteten "Guru" auch nur zuzuhören, geschweige irgendetwas anzunehmen und b), daß auch das strategische Niveau unterirdisch war, die "Ethik", die Ziele, bar jeder Vernunft/Semantik/Logik durcheinanderpurzelten, - selbst für eine fast nur egoistisch ausgerichtete Handlungsweise war man schlicht zu blöd, von soetwas schwierigem wie Unternehmenszielen (sowohl für Fuj.-Siemens, als auch für Acc. oder deren 100%ige Tochter Unamite) noch LANGE gar nicht zu reden.
Wenn dann einer wie er aussteigt, hat das in aller Regel den Grund, daß er über 3 Jahre o. länger das "grow-or-go"-Prinzip verletzt hat, und ein Ausscheiden DORT liegt in der Regel nicht/weniger an inhaltlichen oder moralischen Fragen:
wer über einen längeren Zeitraum nicht wächst, d. h. nicht mehr Umsatz/Aufträge u. Ertrag herbeischafft, als in den Jahren zuvor, MUSS nach den Regeln nahezu ALLER großen UB'en früher o. später GEHEN.
Accenture ist die Nachfolgeorganisation jener UB (A.C.), die die Regie bei den Enron-Betrügereien führte, und die infolge dieses Skandals (500 Mrd $) sich selbst formal erledigte, um als 'accenture' das Spiel von neuem zu beginnen.

Doch zurück zu den Journalisten und deren "Entwirklichungs"-Potenzial im ZEIT-Artikel des nunmehrigen "Zukunftsforschers", der offenbar auf allen möglichen Hochzeiten tanzt, um Ressourcen aufzusaugen:

|| Die Präferenzen des Individuums spielen hierbei keine große Rolle und letztendlich wirkt diese Art der aufklärerischen Kommunikation und Information stabilisierend, weil Positionen, die auf Unwissenheit beruhen, geschwächt werden. ||

Soso, die Journaille kann Unwissenheit ausschließen/wesentlich verringern? Möglich, aber DAS könnten die Subjekte, die sich damit zufrieden geben sollen, den Saldo ihrer Erwerbstätigkeit zu jedem Werkmorgen im Auschütten von 50 bis 200 Mille aus dem Fenster zu erschöpfen, doch viel besser? Warum schmeist man dann solche Infos raus (ZEIT, ND, SPIEGEL, TP u. v. a. mehr) oder gibt sich wie Richard Zietz/Zeitz (?) genervt von solchen, auch "biografisch" geprägten Beiträgen?

Der Term "Regierbarkeit erinnert an Foucault u. a. und das GANZE Thema rührt auch an wertanalytische Verfahren, z. B. nach VDI, an 360°-Feedbacks (vergl. auch dazu den Beitrag zu den 360°-Verfahren im Büchlein zur Foucault-Konferenz 2001 in Frankfurt, Suhrkamp, ich glaube von Seel) usw., die theoeretisch zu den Kernkompetenzen moderner UB-Performance gehören sollten, aber von deren ideellem Verrat gerade auch durch Accenture, man sich allenthalben, wo große UB'en auftreten, sehr zügig überzeugen kann.

|| Die ideologische "Vielfalt" allerdings bröckelte dann allerdings mit dem Kollaps des sozialistischen Lagers. ||

Und dieses kollabierte aufgrund von "Entwirklichung" der dispositiven Sphäre par excellence, und diese Entwirklichung ist vom Freitag (fc-ler wissen angeblich automatisch, wann mit "jedem Zweiten" in Wirklichkeit jeder 5. bis 4. gemeint ist, unwirkliche Sensationen wie IBMs letzte große NeuroNet-Entwicklung habe das Binär-Paradigma verlassen, obwohl nach wie vor die üblichen Basiswerte des Binären als 2-hoch-n-Werte durch den Artikel rasseln und ein paar andere Dinge darin alles Mögliche, bloß keine Wirklichkeit sind, mischen sich mit richtigen Kern-/Basisfakten: 1. variable Gatterbildung/-anordnung nach Lernalgorithmik, bei 2. energiefreier Persistenz der Gatter(-anordnungen), wenn nicht gebraucht, vergl. mögl. Hirnleistungslimits durch 30% E.-Verbrauch usw.) über die gesamte Palette der Medien bis hin zu den Großprojekten a la BER, S21 usw. nicht erst seit den ost-sozialistischen Wackeleien & späteren Zusammenbrüchen spätestens seit 1978/80 auch "bei uns" virulent.

Und: Man hat den Eindruck, als würde das Publikum mit Lust sich jetzt den gleichen Unsinn rausnehmen, wie es zuvor nur die Journalisten, UBerater, Schriftsteller ("Transatlantik - Journal des Luxus und der Moden") oder höchsten Wirtschaftschargen usw. un- bzw. selten-entdeckterweise taten.
Soeben, im Lit-Club auf 3sat, ist die OXFAM-Meldung zu nunmehr "61 Leuten, die soviel besitzen wie die 99%(!) anderen"
widerspruchslos mutiert.


|| Medien, die bislang die unterschiedlichen Blickwinkel des General Will vertraten, waren nicht nur auf Grund der Auflagenhöhe gezwungen, eine inhaltlich entideologisierte Stellung in der – wie auch immer definierten – Mitte der Gesellschaft einzunehmen, wobei dies – gemeinsam mit einer Schwächung des Staates durch neoliberale Ideologien – zu einer spürbaren "Entpolitisierung" und ihren Konsequenzen führte, ... ||

Warum nicht umgekehrt:
Erst die Entpolitisierungen, - von der RAF über coop, Neue Heimat, Bank für Gemeinwirtschaft usw. bis zum Privathedonismus, der völlig "entwirklicht" glaubte, es gälte für ihn NICHT, die Bedingungen seiner Persistenz stets erhalten und je neu konstruieren zu müssen (vergl. Autopoetik, u. a. bei Maturana/Varela) erlaubten erst "eine inhaltlich entideologisierte Stellung" unter "Schwächung des Staates durch neoliberale Ideologien" (in deren Folge die Soz-Staaten in INDIVIDUELL wesentlichen Parametern ("Wirklichkeit"?) wie Lebenserwartung u. ä. den neu als Neolibs aufgestellten Staaten nicht mehr hinterherkamen.

|| ... wie die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe bemerkte: "Das Ergebnis ist leider, wie wir in vielen Ländern mitansehen müssen, keine reifere, versöhnte Gesellschaft ohne scharfe Trennungslinien, sondern es besteht ein Anwachsen anderer kollektiver Identitätstypen, die sich um religiöse, nationalistische oder ethnische Identifikationstypen bilden. Die Entwicklung eines moralistischen Diskurses und die obsessive Enthüllung von Skandalen aus allen Lebensbereichen sind, wie auch das Anwachsen verschiedener Formen des religiösen Fanatismus, allzu oft Konsequenzen aus der Leere, die im politischen Leben durch die Abwesenheit demokratischer, durch konkurrierende politische Werte informierter Identifikationsformen erzeugt wird." ||

Nee, die Subjekte sind da ganz gut "informiert", - schließlich waren sie ja i. d. R. die Träger "primärer" Welterfahrung, sofern sie nicht dem früher kleineren Teil der Meta-(also "Über-") Sphären wie Journalismus, Kultur, Bildung u. ä. angehörten, die heute zur Beherbergung von Mehrheiten tendieren -, und sie sind ALLE die Konstituenten von Wirklichkeit, die sich sehr wohl vorstellen können, wie die korruptive, wenn auch oft corporatistisch verbrämte Fälscherei in ihrem Auschnitt der Wirklichkeit nicht auch anderswo im Prinzip wirksam ist, - aber unter "Abwesenheit" von ethisch-strategischen Werten auf den mittleren und höchsten Positionen, - wie gesagt, oft kann nicht mal simpelster Egoismus aufgerufen werden, von Allgemeinzielen oder gar sinnvollem Altruismus ganz zu schweigen, so "entwirklicht" sind die Strukturen -, gibt es kein Ordnungsgefüge mehr, das solche Blasenwürfe, wie C. M. sie hier zurecht anführt, aber die es seit je in allen Phasen von Politk usw. gegeben hat, immer wieder glatt streichen könnte.
Und C. M. gehört von der Fachlichkeit über die ethisch-strategische Ebene, die Taktik und die Praxis ganz genau ebenfalls zu diesen dispositiven Truppen, bei denen der Deutungs- u. GestaltungsANSPRUCH in krassestem Gegensatz zur Deutungs- u. GestaltungsKOMPETENZ steht.

Aus Lesern wurden Blogger

|| Eine Demokratisierung der Arbeitswelt – dies zeigten die Konflikte der sechziger und siebziger Jahre – war etwa nicht möglich.||

Quark, sie war möglich, wurde z. T. Wirklichkeit und wurde i. d. R. bzw. zu oft verspielt, indem man konsequent auf die schlechtesten Nummern setzte: corp. Fakeism, betonte Gesinnungshuberei vor Fachlichkeit, mafiöser Unionismus, Anpassung, Schleimkarrieren usw.

|| Und so mag es nicht verwunderlich sein, dass sich laut weltweit durchgeführten Studien nur noch ein Drittel der Mitarbeiter als engagiert bezeichnen. ||

Jou, - wie gut, daß die einzige angeführte Studie (weitere StudIEN wie sonst/wissenschaftlich üblich, sind darin erst gar nicht aufgeführt) erst gar keine Zeitreihen enthält, die das freie Fabulieren von einem "nur noch", - das vermutlich noch nie wesentlich besser war, vergl. J. Piepers (u. a. "Muße und Kult") Anmerkungen zu seinen Erfahrungen in der Arbeitswelt, Video im Rahmen des Jahres der Philosophie auf 3sat u. a. Sendern -, stören könnten, stattdessen auf eine "normative database" von "Towers Watson" für einen einzigen survey-snapshot ohne Zeit-/Veränderungsbezüge in den Fragestellungen verwiesen wird.
Wie war das nochmal mit der Fachlichkeit von U.-Beratern?

Finally the schna'sel-special:
Wenn das "Herrschaftswissen" (Arrow/A. Sen) ist, was ich auch so sehe, dann mag es scheußlich sein, sich damit zu beschäftigen/auseinanderzusetzen, aber das rechtfertigt nicht den Totalrückzug/die Totalresignation, die Sie andeuten.
Bitte tragen Sie mit Ihren, hinsichtlich Journalismus u. ä. offenbar eher einschlägigen als rand- oder j.w.d.-ständigen, Kenntnissen zur Kompetenz Aller bei, ohne die die Autopoetik des Guten (mit einem zumindest minimalen Schlechten notwendig im Schlepptau!) für (fast) Alle nicht gelingen KANN.

schna´sel 07.02.2016 | 23:33

Hallo DOS, vielen Dank für die umfassende Analyse! Was die Kritik oder die Anregung betrifft, verstehe ich das zunächst auch erst einmal als eine Art Kompliment und bedanke mich dafür. Allerdings ist ein Totalrückzug für mich kein erstrebenswertes Konzept und von Resignation kann aus meiner Sicht keine Rede sein. Wenn Sie mich so verstehen, verstehen Sie mich falsch, während ich an die Autopoiesis des Guten sehr wohl glauben kann und anknüpfen möchte soweit mir das möglich ist. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, die seine Wahrnehmung aber auch die Antworten bestimmt, die er versucht zu geben. Und auch wenn Sie mir freundlicherweise "einschlägige Kompetenzen hinsichtlich Journalismus o.ä." attestieren, ist für mich beides, also sowohl das, was ich analytisch wahrnehme, als auch die Antworten die ich zu geben versuche häufiger spiritueller oder seelisch inspirierter Natur. Vielleicht interpretieren Sie das als Rückzug, was es aber definitiv aus meiner Sicht nicht ist und auch nicht sein soll. Es führt ja auch manchmal offenbar zu ganz ähnlichen Befunden. Also: Für mich ist das ok so, und ich freue mich darüber, dass es ab und zu auch von Menschen wie Ihnen positiv angenommen wird, die einen sehr viel stärker politisch geprägten Ansatz haben, als ich. Ansonsten ist meine Begegnung mit der Freitag Community ja noch nicht so langer her und ich überlege natürlich auch, wie ich das Verhältnis von meiner Seite möglichst fruchtbar oder interessant gestalten könnte. Ich werde sicher noch den ein oder anderen "Testballon" starten und mich ansonsten weiter so an den Debatten beteiligen, wie ich das in der letzten auch Zeit getan habe. Mal schauen, was sich entwickelt... Herzlichen Dank nochmal für Ihr Feedback!

dos 08.02.2016 | 10:48

gänng'schehn!

Spiritualität und Bloggen, FC u. ä. ?

Das' vermutlich nicht so meins, - aber tun Sie sich kein' Zwang an ..., - mit Sicherheit aber können FC, Bloggerei usw. im Politischen und womöglich sogar Gesellschaftlichen auch eine positive Rolle spielen, wenn man das WILL.

(Spirit.: Michael Blomert, to guuuchel, war von '70 bis ca. '75 mein wichtigster Philosophie- & Polit-Äktschn-Partner, da waren wir so 12, 13, 14 Jahre, 1970 ff)

Dabei sehe ich mich, AUCH als Kritiker der Kritiker, in der blöden Situation, daß man mit der vermehrten Selbstgener-ierung u. Vervielfältigung, Rezeption, Besprechung, Rezension von Informationen usw. täglich um die 100 Einsprüche formulieren müsste, wo früher 2 pro Woche gereicht hätten, - wenn es denn früher schon eine prinzipiell publikative Form gegeben hätte.
Daß sich unter den neuen Verhältnissen nicht nur die positiven Möglichkeiten mitentwickeln, war jederzeit eine Binse, von der man nicht wußte/wissen konnte/nicht genug gefragt hat?/ in welcher konkreten Ausformung sie wohl stattfinden würde.

Heute zeigt sich

a), daß das ehemalig passive Publikum gern auch den schrägsten/'seriösesten' Journalismus an Dichtung noch toppen möchte, und da Knallerei und Drüsendrücken im klass. Journalismus durchaus auch ein standing hatten, ... muß man sich da auf einiges gefaßt machen.

b) Zeigt sich eine sehr alte Neigung zum Gerücht, wobei Quellen u. Rezipienten 1. in ein gegenseitig-zirkulares Legitimationsver- hältnis sowie 2. in einen Rollenwechsel eintreten, wo in Zentren wie Friseur o. Facebook (vergl. kürzl. ostdt.? Jugendliche/Junge Erw. in die Öff.-R-Kamera, wonach die Ausländer ein Kind gegessen hätten - lebend!, stünde auf fb.) komplexe Selbstreferenzen relativ mühelos überleben können,
sowie

c) , daß viele nicht gelernt haben, das, was sie sagen bzw. worauf sie hinweisen wollen, auch auf das zu beschränken, was sie sagen können, ohne zu fabulieren oder gar tendenziös zu fälschen, - auch schon leicht durch das Unterlassen von Information möglich, das bei der physisch schlechteren Behandlung von Informationen in Qualität u. Menge anfängt, wobei dazu noch die Neigung tritt, Gültigkeits- u. Wirkungskreise eines "Aspektes" wie Sie schreiben, bzw. einer These durch synthetische Mittel wie z. B. (unbedachte) Verallgemeinerungen (vergl. "Kant und das Schnabeltier" von U. Eco) im Anspruch irre zu erweitern, - oft merkt man das selbst erst gar nicht. [in d. Zus. muss ich darauf hinweisen, daß die "500 Mrden $" vom Enron-Skandal deutlich höher als die letztlich überführte/verurteilte Betrugssumme liegen, - die 500 Mrden reflektierten das maximal anzunehmende Feld dubioser Praktiken aus Ermittlersicht ca. ein paar Wochen/wenige Monate nach Aufn. d. Erm.]
Sowie zeigt sich

d), daß die Kompetenzen des Publikums für die letztlich notwendige digitale Selbstverwaltung einer Massen-Selbstinformierung (und womöglich von Massenentscheidung( en)) nicht ausreichen, was
1. am herrschenden Digital-Analphabetismus (s. u.) und
2. am Fehlen staatlicher Absicherung geradezu hoheitlicher Bürgerrechte in der Informationsverarbeitung
liegt, - wobei die staatl. Absicherung vor allem durch sinnvoll/belastbar geprüfte Systeme und abgestimmte Sicherheitsstrukturen bis hin zur G10-Kommission zu geschehen hätte, - und weniger durch Selbstbeschränkung auf OpenSource (das beschränkt die Publikumsseite & den Staat und lässt den finanzstarken Eliten, Hasardeuren und Dummköpfen den Vortritt) und ähnliche Piraten- & Linken-Forderungen, die sie selbst nicht einhalten, - wohl aber auch durch Förderung von OpenSource.(Wobei ja relevantere OpenSource-Tools wie PGP stets auch nichtöffentliche Kerne haben und Compiler, Linker, Binder usw. auch die sauberste Source verschmutzen können usw.)

Dabei ist ein gewisser digitaler Analphabetismus auch bei zunächst kompetenten Protagonisten konstant seit 20, 30 Jahren genau dort zu beobachten, wo eigene bzw. auch vermeintliche materiell-berufliche Interessen potentiell negativ berührt werden u./o. naive Problem- u. Lösungsvorstellungen in Frage gestellt werden. Beispiel Peer-/Home-Based-Systeme/-Netze wie Diaspora: wozu sich damit beschäftigen, wenn schon ein simpler Mailserver zuhause A PRIORI von der Telekom im service-layer für die ISP geblockt wird, weil von ihr als Konsumenten-IPA klassifiziert, und sowas überhaupt nicht von den Prot'en und Prof'llen adressiert wird? Das könnte man dann einzeln aufheben lassen, aber da man ja dynamisch etwa täglich eine neue IPA aus dem Pool des ISP erhält, müsste dann der ganze Pool eines ISP, den er zur dyn. Verteilung an seine Kunden einsetzt, von der Blockade befreit werden. Aber solche Dinge, die STUNDEN, TAGE, WOCHEN kosten können, um sie überhaupt erstmal rausanalysiert zu haben- erst recht wenn man nicht viel überschüssige Zeit & Kraft hat -, machen jeder hochgradigen Flexibilität, die für den sinnvollen Betrieb von Peer-Netzen extrem wichtig ist, den Garaus. Hintergrund ist dann eben auch, daß diejenigen, die das KÖNNEN dazu hätten, weil sie sich z. B. im Mailserver-Betrieb eh gut auskennen (es gibt ja noch einige weitere Hürden ...), kein berufl./geschäftl. Interesse daran haben können, solche Systeme zu Allerweltsdingen zu machen, mit denen man Funktional-Flips in ("logischen") Laien-Peer-Netzen realisieren könnte. Sowas gilt letztlich für alle heimbasierten Server-/Service-Leistungen über alle Anwendungsbereiche und Toolklassen hinweg, daß irgendein "Block", auf den sich einsam hinter unbekannten Türen tagende Telekomler geeinigt haben, plötzlich ganze Strukturen lahmlegt. (Auch: Schwachstelle von bitcoin, im Zweifel kann man deren streams/packets ebenfalls schlicht blockieren, notfalls unter Kollaterschäden, wenn man sie schon nicht knacken kann/will.)

Den Chancen positiver Ver- statt Ent- Wirklichungen stehen also ZUNÄCHST weniger die evtl., - besonders nach nachträglichen Veränderungen wie Wegfall von Alternativen - , schrägen outcomes von massenhaften Präferenzaggregationen entgegen, sondern neben den o. g. Punkten, die sich mit fachlicher und persönlich-ethischer Bildung unter Verabschiedung von der Illusion beheben liessen, es gäbe unter bloß "neutraler" Technik und "wertfreiem Wissen" soetwas wie ein dauerhaftes Funktionieren von Mensch u. Gesellschaft in positiven, sich verbessernden Bereichen, gehört noch ein Mindestmaß an Bereitschaft und der Einsicht in die Notwendigkeit, für das, was man sein/leben will, langfristig und hartnäckig auch die Bedingungen zu überwachen und immer wieder neu zu schaffen.
Wie sehr Proportionalitätsabsichten auch bei ganz klassischen Systemen wie dem Parlamentarismus schnell aus der Spur kommen, sieht man ja an den Erfahrungen mit kleinen Parteien, die im Falle einer Groß-Klein-Koalition einen vervielfachten Einfluß erlangen können, siehe Israel, Ukraine, BRD-FDP 1969 u. v. a. m.


p.s.: Entwirklichung
Wenn Tlacuache Abi-Feiern erwähnt, auf denen der künftige Mittelbau und die prädestinierten Kinder der Hocheliten gemeinsam grölend ihrer kommenden Volksverarschung
entgegenfiebern, dann sieht man, daß die Entwirklichung, die sich oft als besonders harter Realismus tarnt (Zynismus), schon so früh einsetzt, daß es womöglich plausibel wird, warum viele Leute am Ende nichtmal mehr einen rationalen Egoismus für sich selbst zusammenkriegen.
Und: Entwirklichung muß man sich leisten können, und dafür, für die täglichen BERs und andere Verschleuderungen, Fehlentscheidungen und Fehlumsetzungen/-arbeiten usw., haben die Gesellschaften scheinbar seit je eine ungeheure Luft, was auf eine, im Vergleich zur hohen Produktivität WENIGER, im Grunde bescheidene Lebenshaltung der allermeisten hinweist.

Und wenn Linke wie z. B. Schramm darauf bestehen möchten, ihnen unbedingt die Möglichkeit zur gutbezahlten Erwerbsarbeit VOR einem höheren H4-Anspruch auch ohne Arbeit zu gewähren, dann geht es solchen H4lern offenbar noch so gut, daß sie sich auch diese Entwirklichung (noch) leisten können.