Er war Rambo

Kosovo Für die einen ist Premier Haradinaj ein heldenhafter Volksbefreier, für die anderen ein skrupelloser Clan-Chef

In einer sterilen, abgedunkelten Lounge-Bar, gelegen im obersten Stock eines Shoppingcenters, sitzt einer, der einmal Soldat war und heute Slim-Fit Anzüge trägt. Ibrahim Selmanaj nippt an einem Mineralwasser und blickt hinaus auf die dunkle, unbeleuchtete Hauptstraße, wo der Platzregen auf den Asphalt trommelt. Die Bar liegt in einem Vorort von Peja, einer Stadt im Westkosovo an der Grenze zu Montenegro, umgeben von schneebedeckten Bergkuppen und schroffen Gebirgszügen. Die Hauptstadt Pristina ist über eine Stunde Autofahrt entfernt. Dort wurde vor einem halben Jahr ein Mann zum Premierminister ernannt, mit dem Selmanaj Seite an Seite im Kosovo-Krieg gekämpft hat und der heute, 20 Jahre später, der vermutlich umstrittenste Politiker des ganzen Landes ist: Ramush Haradinaj (49), Ex-Kommandant der albanischen UÇK-Guerilla, die Ende der 1990er Jahre gegen das Serbien des Präsidenten Slobodan Milošević gekämpft hat.

Im Westkosovo, wo der Krieg die meisten Opfer forderte, ist Haradinaj ein Held, dessen grimmiges Gesicht in verrauchten Bars hängt. In Belgrad sprechen sie von ihm als Kriegsverbrecher, der ins Gefängnis gehört. In seiner Zeit als Gastarbeiter in der Schweiz bekam er den Spitznamen „Rambo“. So rief man Haradinaj in den 1990er Jahren, als er eine Art Doppelleben führte. Im Westkosovo schmuggelte er Waffen über die Grenze, im Westschweizer Skiort Leysin arbeitete er als Türsteher in einem Nachtklub. Nach dem Krieg, als Haradinaj längst vom Kommandanten zum Politiker aufgestiegen war, erhob der Bundesnachrichtendienst 2005 in einem Bericht schwere Vorwürfe gegen ihn. Der BND bezeichnet Haradinaj als Kopf einer etwa hundert Mann großen Gruppe, die in Drogen- und Waffenschmuggel verwickelt sei.

Dieser Verbund wurde 2004 von der internationalen Friedenstruppe KFOR (Kosovo Force) als „mächtigste kriminelle Organisation der Region“ bezeichnet. Haradinaj, der die Vorwürfe stets bestritten hat, setzte seine politische Karriere fort, als wäre nichts geschehen. Heute ist er ganz oben in der kleinen Balkanrepublik angelangt. Als Premierminister schüttelt er ausländischen Spitzenpolitikern die Hand.

Regime der Ausbeutung

Haradinaj hat es vom Bauernjungen eines kleinen, abgelegenen Dorfes zum Regierungschef von Europas jüngstem Staat geschafft, der vor einem Monat seinen zehnten Unabhängigkeitstag feierte. Es ist das Jubiläum eines Landes, das nach wie vor von fünf EU-Mitgliedsländern – Griechenland, Slowakei, Zypern, Spanien, Rumänien – nicht anerkannt wird. Gleiches gilt für den Nachbarn Serbien, dessen autonome Provinz Kosovo einst war. Als sich das überwiegend von Albanern bewohnte Gebiet in den 1990er Jahren lossagen wollte, entbrannte ein Konflikt, der später in einen blutigen Krieg ausartete und 1999 durch NATO-Bombardements gegen Serbien und Montenegro beendet wurde. Kosovo wurde zuerst unter UN-, dann unter EU-Verwaltung gestellt und erklärte 2008 seine Unabhängigkeit. Heute, zehn Jahre später, zeigen sich viele Bewohner über die Lage in ihrem Land enttäuscht. Obwohl die EU Milliarden Euro in den jungen Staat gesteckt hat, gehört Kosovo zu den ärmsten Ländern Europas. Der Osteuropahistoriker Oliver Schmitt von der Universität Wien kritisiert: „Der Kosovo weist ein politisches System auf, dessen Elite ganz überwiegend darauf ausgerichtet ist, die staatlichen Ressourcen maximal auszubeuten. Dafür nimmt sie eine große Armut der Bevölkerung in Kauf.“

Haradinaj passt in dieses Bild, das Schmitt zeichnet. So bestand seine erste Amtshandlung als Premierminister darin, das eigene Gehalt auf 3.000 Euro zu verdoppeln. Auf die Frage, warum er so viel Geld brauche, antwortete Haradinaj in einem Interview: „Ich muss auf der Höhe meiner Verantwortung sein. Ich muss eine Krawatte haben, ich kann nicht irgendwie herumlaufen.“ Daraufhin hängten hunderte Demonstranten Krawatten an den Zaun des Regierungsgebäudes. Gekümmert hat Haradinaj das wenig. Kurz darauf hat er einen Urlaub im Schweizer Nobelskiort St. Moritz verbracht, der 80.000 Franken gekostet haben soll.

In Gllogjan, einem praktisch ausgestorbenen Dorf an der Grenze zu Albanien, ist Haradinaj für die Menschen kein abgehobener Politiker aus Pristina, sondern ein bodenständiger Kriegsheld, der in der Nachbarschaft als eines von neun Geschwistern aufgewachsen ist. Ein Bauernjunge, der ein Provinznest zur Hochburg der albanischen Widerstandsbewegung gemacht hat. Auf einem Hügel über dem Dorf thront ein mit Marmorplatten angelegter Heldenfriedhof, auf dem ehemalige UÇK-Kämpfer begraben liegen, unter anderen zwei von Haradinajs Brüdern. Dahinter hat Haradinaj für seine Eltern eine so genannte Kulla bauen lassen, ein Steinhaus, wehrhaft wie eine Festung, auf der die albanische Flagge weht: ein zweiköpfiger, schwarzer Adler auf rotem Grund. Wenn Haradinaj nach Gllogjan reist, macht er hier Halt und legt Blumen vor der Kulla nieder, umringt vom ganzen Dorf. Bei Festen kommt es vor, dass die Männer mit einer Pistole in die Luft feuern. Nicht als Warnung, sondern als Ausdruck von Freude.

In Gllogjan gibt es nur eine einzige Bar und in dieser hängt ein einziges Foto. Es zeigt Ramush Haradinaj, den General, in Uniform. Sobald man eintritt, in das verrauchte Zimmer mit den vorgezogenen Vorhängen, verstummen die Gespräche. Es kommt nicht häufig vor, dass Fremde in Gllogjan zu Besuch sind, Frauen schon gar nicht. „Das ganze Dorf hat sich damals der UÇK angeschlossen“, erzählt der Dorfälteste, ein alter, tauber Mann, der früher Lehrer war. „Die Serben haben uns aus den Schulen gedrängt. Ich musste meine Schüler im Geheimen in Privathäusern unterrichten“, erinnert er sich. „Ramush war unser oberster Anführer. Ihm war es zu verdanken, dass wir begannen, für unsere Rechte zu kämpfen.“ Der Krieg hat die Männer von Gllogjan, die in der verrauchten Bar Karten spielen, zusammengeschweißt und bis auf ewig miteinander verbunden.

Festnahme ohne Folgen

Als der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag 2005 Anklage gegen Haradinaj wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in 37 Fällen – darunter wegen Mordes, Verschleppung und Folter – erhob, fühlte sich das ganze Dorf in seiner Ehre verletzt. Der Vorwurf wog schwer. Haradinaj, damals Premierminister, trat nach hundert Tagen im Amt zurück und stellte sich dem Prozess, der 2008 mit einem Freispruch endete, obwohl Zeugen unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen. 2012 wurde das Verfahren nochmals aufgerollt und Haradinaj erneut aus Mangel an Beweisen freigesprochen. In Serbien wurde dieser Freispruch nie akzeptiert.

Am 4. Januar vergangenen Jahres wurde Haradinaj aufgrund eines von Serbien erwirkten internationalen Haftbefehls in Frankreich festgenommen. Die serbische Staatsanwaltschaft forderte seine Überstellung nach Belgrad, doch ein Gericht in Colmar lehnte den Auslieferungsantrag ab. Haradinaj kehrte als Held in den Kosovo zurück. Schon wieder. Ein halbes Jahr später war er Regierungschef. Jetzt lautet die Frage: Wie lange noch? Denn Haradinaj könnte erneut ein Strafprozess drohen. In Den Haag nimmt gerade ein Sondergericht seine Arbeit auf, das sich mit mutmaßlichen Kriegsverbrechen der UÇK befasst. Es beschädigt das Bild des Volksbefreiers, das viele von Ramush Haradinaj haben. Ein Held, der unschuldige Zivilisten gefoltert und getötet haben soll?

Das Regierungsgebäude von Pristina, in dem heute Haradinajs Büro liegt, ist das genaue Gegenteil der steinernen Kulla in Gllogjan: ein moderner, schlanker, spiegelverglaster Turm. Gleich um die Ecke, keine fünf Minuten entfernt, liegt der UÇK-Boulevard. Er kreuzt eine Straße, die nach Haradinajs verstorbenen Bruder Luan benannt ist. Im Kosovo ist die Vergangenheit omnipräsent. Fußballstadien und Flughäfen tragen die Namen ehemaliger Kämpfer. Veteranenverbände haben in jeder größeren Stadt ein Büro eingerichtet. Der Mann, der von den einstigen Kämpfern als Held gefeiert wird, tritt jetzt in den Empfangsraum seines Büros im dritten Stock des Regierungsgebäudes. Haradinaj – er kommt gerade von einer Besprechung – ist auffallend leger in Jeans und Hemd gekleidet, sein Händedruck unerwartet sanft. Beim Gehen federn seine Schritte. Man weiß nicht, ob es an den Schuhen mit Plateau-Sohle liegt, die Haradinaj größer wirken lassen, als er eigentlich ist, oder an Kriegsverletzungen, die er sich einst zugezogen hat. Beim Sprechen nuschelt er, bewegt die Lippen kaum. Haradinaj ist perfekt gebrieft. Er lächelt freundlich, nickt höflich und hält die Fingerkuppen aneinander wie Angela Merkel. Der Rambo von einst ist heute ein Staatsmann.

„Es gibt viel zu tun“, teilt Haradinaj mit, „in der Bildung, Umwelt, Energie und Landwirtschaft. Die Flüsse des Kosovo sind voller Müll. Darum müssen wir uns kümmern.“ Haradinaj verspricht, den Serben im Land, gegen die er einst gekämpft hat, eine Heimat bieten zu können. Er versichert, dass es für den Kosovo keinen anderen Weg geben wird als jenen in die EU. Nach 20 Minuten lässt Haradinaj einen ratlos zurück. Dieser Mann soll Kopf der organisierten Kriminalität im Kosovo gewesen sein?

Haradinajs Kritiker vermuten, dass die internationale Gemeinschaft deswegen mit ihm kooperiere, weil ihn seine Verstrickung in kriminelle Machenschaften erpressbar macht. „Für die EU und USA ist Haradinaj eine Puppe, die alles umsetzt, was man von ihr verlangt“, sagt etwa Fitore Pacolli, Abgeordnete der Oppositionspartei Vetëvendosje. Haradinaj, der ehemalige Warlord, sollte nach dem Krieg für Stabilität sorgen. „Anstatt Demokratie zu bringen“, kritisiert Paccolli, „hat die EU Autokratie gebracht. Im Kosovo wird alles von der Regierung kontrolliert.“ Die Frage, die sich der ganze Kosovo derzeit stellt: Wird es das Haager Kosovo-Tribunal wagen, Hardainaj, einen jahrelangen Protegé des Westens, anzuklagen?

Ibrahim Selmanaj, der Mann aus der Bar im Shoppingcenter, glaubt fest an die Unschuld seines Freundes. Im Krieg war er Haradinajs Vizekommandant. Heute legt er seine linke Hand auf den Tisch, an der ein Finger fehlt, und sagt: „Gestern war er bereit, sein Leben für dieses Land zu geben. Deswegen ist er heute der Richtige, um es zu regieren.“ Fast 20 Jahre nach dem Krieg scheint das im Kosovo noch immer ein Argument zu sein.

Franziska Tschinderle ist Reporterin aus Wien und berichtet regelmäßig aus dem Kosovo

06:00 29.03.2018

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