"Erfolg ist eine schöne Sache"

Ergreifend wehrlos Frank Castorfs Inszenierung der "Erniedrigten und Beleidigten" in Berlin zeigt frei nach Dostojewski die Versöhnung eines Autors mit seinen Protagonisten und des Theaters mit dem Kino

Als eine Art Panzerkreuzer unter der Flagge des vieldeutigen Schlachtrufs "Ost!", mit diesem schönen Image zwischen Avantgarde und Nostalgie, Revolution und Partisanenkampf versucht seit Jahren die Volksbühne unter der Leitung von Frank Castorf sowohl Notwendigkeit wie Unverwechselbarkeit zu behaupten. Anders als in anderen Theatern legt man hier keinen Wert darauf, "richtiges" Theater zu machen, sondern stellt gewollt Hybride her, Fabelwesen aus lauter auseinanderstrebenden Dingen wie Kult und Geschichtsforschung, Piraterie und Stalinismus, Dostojewski und Kabarett. Aus dieser Strategie des konsequenten Kreuzens ist auch das Genre "Castorf-Regie" hervorgegangen, für Theatergänger mit verbundenen Augen am bloßen Tonfall der Schauspieler erkennbar: laut, tiradenhaft, hervorgepresst aus dem unschönen Innern fiktiver Splitterpersönlichkeiten, stets mit dem urbanen Substrat des Berliner Dialekts unterlegt.

Obwohl also zu Beginn der Erniedrigten und Beleidigten kein Schauspieler auf der Bühne zu sehen ist, sondern nur eine mikrophonverstärkte Stimme aus irgendwelchen Lautsprechern ertönt, wissen wir sofort, wo wir uns befinden: "Seit dem Morgen fühlte ich mich schon nicht gut, aber jetzt geht es mir richtig schlecht." Für einen Castorf-Abend kann es keine schöneren Einleitungssätze geben, zumal sie von Dostojewski stammen, somit einer doppelten Verheißung gleichkommen: Vier Stunden und 45 Minuten lang werden hier die kläglichen Kehrseiten der menschlichen Existenz im Spätkapitalismus im wahrsten Sinne des Wortes zur Sprache kommen, werden das tiefe männliche Gekränktsein und die Kapricen weiblicher Zickigkeit ihren Ausdruck finden, und das frei nach Dostojewski ganz ohne Sozialromantik oder Randgruppenheroismus. Kapitalismus Depression, das selbstgewählte Dramaturgenmotto der Volksbühne ist griffig bis zur Unbrauchbarkeit.

Es ist Dostojewskis Erzählerfigur Wanja (Martin Wuttke), ein passabel erfolgreicher Schriftsteller, den wir am Anfang über seine Gesundheit klagen hören. Pelzbemützt á la russe gibt Wuttke das Unikum einer zentralen Figur, die am Rande steht; eine Übergangsgestalt zwischen Autor und Protagonist, ebenso erniedrigt und beleidigt wie die Menschen, von denen er erzählt und doch sozusagen ein Kriegsgewinnler, ein Aktienpakethalter an der Börse ihrer Katastrophen. Doch davon später mehr.

Zunächst erkennen wir auf der Bühne den winterfest gemachten Bungalow aus der vorherigen Castorf-Dostojewski-Inszenierung Dämonen wieder, jenes Container-Gebäude, das wundersamerweise zugleich an eine Ost-Datscha und eine West-Neubauvilla der frühen siebziger Jahre gemahnt, Ausdruck des sprichwörtlichen "bescheidenen Wohlstands" mit diesem Quäntchen Knappheit: zu mehr hat es doch nicht gereicht. Der Swimming Pool ist zugefroren. Bald werden hier einige mit Schlittschuhen über die weiße Fläche gleiten - für eine Theaterbühne ein so irritierender wie bezaubernder Anblick, der ein bisschen an Zirkus erinnert.

Zuvor noch aber wird man sich der anderen prägenden Eigenart dieses Abends bewusst: Wir sitzen im Theater und schauen auf eine Leinwand. Lange schon, so scheint es, hat das Theater dem Kino jene Unterscheidung von Außen und Innen geneidet, die für die Natürlichkeit der Darstellung besonders von Konflikten zwischen Mensch und Welt so elementar geworden ist. Nach Experimenten in diversen Inszenierungen mit Videomonitoren und weiterem technischen Gerät haben Castorf und sein Bühnenbildner Bert Neumann nun eine Lösung gefunden: Auf dem Container-Bungalow ist eine Projektionsfläche befestigt, die die Aufnahmen verschiedener Videokameras aus dem Innern der Villa wiedergibt, zwischendurch aber auch Werbespots, Fernsehschnipsel, Berliner S-Bahnfahrten und Ausschnitte aus dem Dämonen-Film zeigt. Was erstaunlich wenig stört, hat man die erste Irritation überwunden, dass hier mit der Konvention gebrochen wird, die man bislang für eine Grundbedingung des Theaters hielt: der sichtbaren und unmittelbaren Anwesenheit des Schauspielers auf der Bühne. Auf das erste Gereiztsein darüber, dass man sich hier ungewohnterweise auf einen indirekten Blick einlassen muss (und die "Sequenzen", in denen sich der Großteil der Figuren im nicht einsehbaren Innern des Bungalows aufhält, sind lang), folgt schnell ein regelrechtes Bedürfnis danach, jeden der Schauspieler mal in Großaufnahme zu sehen. Die Aufnahmen sind live und in ihnen ist nicht immer die Figur, sondern manchmal auch ein erschöpfter Schauspieler zu sehen. Der Wechsel von Innen und Außen, von Nahaufnahmen und Bühnen-"Totale" ermöglicht Nuancierungen, die der Castorf-Regie, die zum Schmuddelgenre zu verkommen drohte, neues Leben einhauchen.

Eine vertrackte Exposition wird hier geboten: Noch hören wir die Figuren nur reden, während die Leinwand uns in Ausschnitten Gesichter zeigt. "Erfolg ist eine schöne Sache, aber was, wenn er mal ausbleibt", spricht Henry Hübchen als Fürst das zentrale Thema des Romans an, die Frage nach den richtigen Verbindungen auf allen Ebenen, denen des Herzens und des Geschäfts beziehungsweise, was sein Spezialgebiet ist, den besten Kombinationen daraus. Dass die Figuren zuerst nur fragmentarisch sichtbar werden, lässt die Erwartung steigen, fast schon freut man sich auf die Konflikte, die sich da andeuten. Dann aber, nach der sich hinziehenden Eröffnung, die mit längeren Passagen Original-Dostojewski lockt, schlägt die Castorf-Version doch noch in die Dostojewski-Simulation um, die trotz des langsamen Beginns und der Länge des Abends überraschend schnell in den Epilog mündet. Eh man sich versieht, sind die Konflikte alle in einer Sackgasse gelandet. Dazwischen liegt der Erlebnisraum Theater mit Eislaufen, Bühnenregen, weiteren Wasserschlachten und Menschen, die sich im Schlamm wälzen, als wollten sie zurück in den Schoß von Mutter Erde, kurzum der ganze Kosmos der zwiespältigen Gefühle, theatergerecht aufbereitet, die Dostojewski haben groß werden lassen - leicht vom Wahnsinn gestreift, ungeheuer archaisch und ungeheuer modern und vor der grauslichen Mischung erschaudernd.

So monoton wie eh und je bei Castorf sind die Frauenfiguren. Ob es sich um die herzensgute Natascha (Jeannette Spassowa) handelt, die den armen Wanja aufgibt zugunsten des willensschwachen, doch begüterten Aljoscha, oder um das Waisenkind Nelly (Kathrin Angerer), das der menschlichen Gesellschaft durch die langen Jahre am sozialen Abgrund ganz entwöhnt ist oder schließlich um Katja (Irina Potapenko), jenem wunderbaren Wesen aus reichem Hause, die eben kein Dummchen, sondern eine Idealistin ist und mit kindlicher Unschuld und Jungmädchen-Grazie die Herzen im Sturm erobert, auch die des Publikums. Sie alle bewegen sich auch hier wie Barbiepuppen, ziehen Schmollmünder und reden schrill. Wirklich ansprechbar sind sie nicht, dafür besonders deutlich in einer anderen Problemwelt als die Männer angesiedelt, in der allerdings scharfe Konkurrenz herrscht: Castorf ist ein Liebhaber der Frauenfehde. Und Dostojewski legt ihm hier ein Schmankerl dieser Gattung vor: Katja, die vom Vater für Aljoscha bestimmte Braut, erobert diesen durch ihren ehrenvollen Verzicht, nicht ohne der verlassenen Natascha im Anschluss zu versichern, Aljoscha würde sie, Natascha nie vergessen und wenn er es doch täte, könnte sie, Katja, ihn nicht mehr lieben. So viel Gutherzigkeit, so viel Treue und Moral, dass sie von Niedertracht nicht mehr zu unterscheiden sind.

Anders die Männer: angefangen von Bernhard Schütz, der meist im Hintergrund den Erniedrigten gibt, über Henry Hübchen, den Fürsten, der das Böse verkörpern soll, dem es aber dazu eigentlich auch zu schlecht geht, bis zum abseitigen Schriftsteller Wanja springen ihre Darstellungen von der Karikatur immer wieder zurück zu einer ergreifenden Verkörperung von Wehrlosigkeit, besonders in den Szenen in Unterwäsche. Kein Wunder, dass sie wieder und wieder die Wärme des Kollektivs suchen und sei´s in einem über die Bühne geschleiften Zelt.

Zwischen all diesen Versatzstücken aus "Castorf-Regie", den Slapstickeinlagen und den Musikeinspielungen in fremden Sprachen und teilweise absonderlichen Stilen, inmitten all der Aufregung erfolgt unauffällig die Geburt eines neuen Helden durch Martin Wuttke. Wuttke, der bei Castorfs Bühnenfassung von Michel Houellebecqs Elementarteilchen fast nur noch bellen durfte, erobert sich hier eine ganze Klaviatur an Tonlagen im Sprachausdruck zurück. Und er hört zu - wie ein Magnet richtet er das Bühnengeschehen so nach sich aus, eine raffinierte Lenkung des Zuschauerblicks. Wir werden Zeugen einer wundersamen Wandlung: Bei Dostojewski in erster Linie eine Erzählfunktion, entsteigt Wanja-Wuttke dem Theaterabend als einzig vollwertige Figur; als Erzähler fühlt er mit seinen Protagonisten und kann sich doch über sie erheben. Rauchend steht er am Ende auf der Bühne und berichtet von den Stunden im Morgengrauen, in denen er seinen Roman fertig stellte, wider der ärztlicher Begutachtung hat er es überlebt, und nun freut er sich auf seine bescheidene Entlohnung und eine neue Wohnung; über ihm auf der Leinwand sieht man epochenmachende Beispiele des sozialen Wohnungsbaus. Und obwohl schon spät am Abend lacht das Publikum unweigerlich auf, leise zustimmend, komplizenhaft, ironisch.

Er müsse Interpretationen der Realität anbieten, dafür erhalte er Subventionen, hat Castorf in einem Interview mal geäußert. Wenn sie so zwielichtig schillernd, so düster und krell zugleich ausfallen, erscheinen sie allerdings unbezahlbar.n

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00:00 19.10.2001

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