Erfurt

Linksbündig Am 1. Mai gibt es eine Westerweiterung

Dass hinsichtlich der Bezeichnungen der Himmelsrichtungen neue Überlegungen angestellt werden müssen, fiel mir auf, als ich im Hafen von San Francisco gemeinsam mit einem Freund das flache Dach seines Hauses bestieg, um von dort einen Blick über die um uns weiß auf- und absteigende Stadt zu gewinnen", schrieb Reinhard Lettau in dem 1988 veröffentlichen Bändchen Zur Frage der Himmelsrichtungen. In den Hochzeiten des Kalten Kriegs, erkannte Lettau, war es durchaus nicht unproblematisch, auf besagtes Flachdach in San Francisco zu steigen, von der westlichen Welt zu reden und dabei über den Pazifik zu schauen. Schließlich begann dahinter der östlichste Osten.

Lettau, der in San Diego als Literaturprofessor gelebt hatte, betrachtete die Lage Amerikas in der Frage der Himmelsrichtungen als einigermaßen hoffnungslos, bestand sie doch in dem Dilemma, an beiden Küsten von Osten umgeben zu sein. Oder, andersrum: "Nun beschreibe man die Verlegenheit eines nach New York verschlagenen Wissenschaftlers, von seinem Pult aus eine Ansprache über die westliche Welt gestisch zu illustrieren! Wie eine Vogelscheuche müsste er in zwei verschiedene Richtungen zugleich zeigen." Den Lösungsort, den Platz auf der Erde, an dem die Identität von Richtungsangabe und Selbstverortung gewahrt wäre, der Punkt, zu dem man aufbrechen müsse, "um die Himmelsrichtungen, wie sie uns überliefert sind, zu bezeichnen, ohne hierbei den jeweiligen geographischen Standort zu leugnen", erblickte Lettau einzig in Erfurt, Thüringen. Von hier aus war die Welt in Ordnung, zumindest im Sinne des imaginären Kompasses: Paris im Westen, Weimar im Osten, Belgrad und Kapstadt im Süden, Nordhausen und Oslo im Norden.

Erfurt ist eine einleuchtende Wahl, aber sie droht mit den eintretenden EU-Beitritten an diesem 1. Mai obsolet zu werden. Tatsächlich, darf man mit Lettau anmahnen, müssen dringlich neue Überlegungen angestellt werden hinsichtlich der Bezeichnungen der Himmelsrichtungen. Unser topographisches Bewusstsein ist der Ohnmacht nahe, was auch daher kommt, das es in den vergangenen 15 Jahren bereits genug gelitten hat. Der Mauerfall war in diesem Sinne ein Wegfall des Ostens - die bleigewichtigen Orientierungsmarken Warschauer Pakt und RGW, die bis dato die Welt in der Waage hielten, sind hinuntergesunken in den Bodensatz der Geschichte. Mit ihnen ist der Osten verschwunden und der Westen nicht mehr das, was er mal war, wie man etwa an den Integrationsbemühungen des deutschen Ostens sehen kann.

Am Berliner Tauentzien nennt sich ein Kaufhaus ungebrochen nach einem Westen, der nur noch nostalgisch zu erklären ist, weil bald kein Mensch mehr lebt, der noch weiß, was man sich einst darunter vorgestellt hat. Ein öffentlich-rechtlicher Sender bastelt sich aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt eine Ortsangabe namens Mitteldeutschland, die das wenn nicht als kompromittierend empfundene, so doch negativ behaftete O-Wort erfolgreich getilgt hat, dafür aber historisch und geographisch keinen Sinn ergibt. Wo wäre der Osten Deutschlands, wenn Sachsen die Mitte beansprucht? Und in Frankfurt an der Oder, offensichtlich eine der östlichsten deutschen Städte, springt man topographisch kurzerhand ein Level höher, um das Alleinstellungsmerkmal Lage für sich ausnutzen zu können, ohne Osten sagen zu müssen, und nennt einfach alles Europa: Europa-Universität, Europa-Garten.

Wie weitsichtig, könnte man meinen, wenn die vielbeschworene Ostgrenze der Europäischen Union sich nun verschiebt. Frankfurt/Oder liegt auf einmal mittendrin im politisch-ökonomischen Europa. Das bedeutet freilich nicht, dass Frankfurt damit würde, was nach Lettau Erfurt war. Vielmehr heißt es, dass die Bestimmung eines solchen Erfurt immer schwerer wird. Europa ist Teil der westlichen Welt, und also ist die Osterweiterung der EU in Wahrheit die Ausdehnung des Westens bis an die weißrussische Grenze. Bis jetzt begann der Osten hinter Frankfurt/Oder, nun zieht er sich um fast tausend Kilometer zurück. Wenn das so weiter geht, kann man eines Tages tatsächlich auf einem Flachdach in San Francisco stehen und problemlos über den Pazifik nach Westen zeigen. Ob es dann noch Himmelsrichtungen geben wird, ist allerdings die Frage.


00:00 30.04.2004

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