Erzählen untersagt

Literatur Seiko Ito schickt uns in eine Welt, in der ein Regime Romane verbietet. Aber warum er das Ende der Imagination beschwört, ist unklar
Erzählen untersagt
Erst der Stift, dann eine Buchstabensammlung, dann eine Geschichte, dann ein Buch

Foto: Nick Veasey/Science Photo Library

Apokalypsen und Dystopien allerorten. Auch der japanische Autor Seiko Ito versetzt seine Leser in dem zügig auf Deutsch erschienenen Band Das Romanverbot ist nur zu begrüßen in eine Unwelt der Unterdrückung und Zensur. Seine Erzählerfigur, ein Literaturkritiker und Schriftsteller, wird auf dem „ostperipheren Archipel“ gezwungen, einen Essay über die Lügen des Romans zu schreiben. Das Jahr 2036, aus dem er berichtet, können wir uns vielleicht noch in Wirklichkeit vorstellen, die Lebensbedingungen aber erscheinen befremdlich unecht. Nach einem „Konflikt in Asien“ lebt er in einem „weißen Mauerkubus“, „praktisch ohne Mobiliar, ohne alle Dinge des Lebens“, zwar mit einem Fenster, das die Jahreszeit preisgibt, aber ohne Ausgang, inhaftiert und isoliert in einer Art von ästhetischem „Reeducation Camp“.

An die Dinge seines Lebens davor erinnert sich der 75-Jährige, und weil er nun die neue Regierung unterstützt, wird ihm das Nötige für die Aufgabe gebracht. In konventionell japanischer Höflichkeit bedankt er sich: für Schreibgeräte, Hefte, Bücher, in denen er nachschlagen kann. Das Romanverbot schildert als Tagebuch einen Schreibprozess, der beschreibt, wie ein Essay geschrieben wird, der schildern soll, warum in der erzählten Welt (k)ein Roman geschrieben werden soll. Das Making-of eines Anti-Roman-Essays wird preisgegeben. Für den Essay selbst, der monatlich nach und nach in den Gefängnisheften abgedruckt wird, zieht der Erzähler sein literarisches Gedächtnis heran, um Beispiele für schädliche „Wirklichkeitsverzerrungen“ zu geben. Die verfemten Romane, fiktive wie gelesene, sind damit in das Schreiben über ihr Verbot eingefaltet, inkludiert, mitgedacht. Um diese Doppelbödigkeit geht es Seiko Ito: um das Müssen wider besseres Wissen, um das Zeigen im Verbergen, um die Ausführung eines Befehls statt der Ausführung von Imaginationswelten und literarischen Fantasien.

Ins Deutsche übersetzt und verlegt hat diesen zweiten Roman von Seiko Ito der Cass-Verlag, der seit zwanzig Jahren existiert und 2020 den Hotlist-Preis der unabhängigen Verlage erhielt. Der Verlag arbeitet mit deutschem Know-how und japanischer Literatur. Seine Gründung kann man sich als ein Start-up vorstellen. Jürgen Stalph und Katja Cassing, beide promovierte Japanologen, suchen einen Weg aus der Sackgasse Wissenschaft und spezialisieren sich auf Übersetzungen handverlesener Krimis und Literatur aus Japan, seit Neuestem auch aus Korea. Beide arbeiten seit Langem mit an dem Japanisch-Deutschen Wörterbuch, einem Jahrhundertwerk.

Bei der Gründung ihres eigenen Projekts lebten sie noch in Tokio, wählten aus unternehmerischen Gründen als Verlagssitz aber Thüringen. Bad Berka liegt heute touristisch, zwischen Erfurt und Jena, an der Klassikerstraße. Als Kleinunternehmer führt das Ehepaar einen erudierten Familienproduktionsverlag, akquiriert, redigiert, übersetzt und druckt à deux. Ein Lektorat von Hans Peter Jugl macht aus vier Augen sechs. Das Ergebnis ist ein stattlich bibliophiles Programm.

Im Cass-Verlag weiß man, dass Bücher mehr sind als ein Buchstabenhaufen, der eine Geschichte ergibt. Ähnlich wie der Dichter, Philosoph und Essayist Paul Valéry auf Grafik und Drucksatz als eine unerlässliche Kunst des Buches hingewiesen hat, will der Cass-Verlag ausschließlich schöne Bücher machen. So hat auch Das Romanverbot ist nur zu begrüßen einen individuellen Schmuckeinband. Auf dem transparenten Schutzumschlag steht ein ganz anderer Titel, der verspricht: So einen seltsamen Roman haben Sie noch nie gelesen, glauben Sie mir. Im Wort „Roman“ überlagern sich die gedruckten Schriften des eigentlichen Titels auf dem Cover – für den Buchhandel – und des wahren Titels auf dem durchsichtigen Schutzumschlag – für das Publikum – auf fast gleicher Höhe. Lesbar ist das nur für denjenigen, der ohnehin dazu neigt, alles zu entziffern, jede noch so verborgene Schriftspur, also für Leser.

Die besondere Nische nicht nur fremdsprachiger, sondern auch fremdschriftlicher Belletristik hat sich der Cass-Verlag für das Japanische mit Qualitätsarbeit erobert.

Auch Das Romanverbot ist ein schönes und spannendes Buch geworden. Jedoch gerät man inhaltlich ins Grübeln. Welches Interesse sollte ein politisches System, asiatisch, europäisch, japanisch, deutsch, heute oder zukünftig, demokratisch oder autoritär, daran haben, ausgerechnet den Roman als solchen zu verbieten? Welche Gefahr ginge von ihm aus?

In der wissenschaftlichen Theorie der Gattungen gilt er als die langweiligste und wurde oft als antiquiert bezeichnet und verworfen. Sollte es sich bei diesem neuen Seiko Ito vielleicht doch um eine Utopie handeln? Eine augenzwinkernde postmoderne Dystopie? Stets bereit, in ihr Gegenteil zu kippen, ins andere, ins Gemeinte, aber nicht Gesagte? Damit sich die Leser im Setting zurechtfinden? Immerhin fühlt sich der Erzähler wohl in seinem Kubus, „geistig jung wie je“. Recht zufrieden sei er mit seinem Leben, schreibt er, trotz Erfrierungen und schwindender Sehkraft. Sein vergangenes Leben in der Kulturbranche sehnt er nicht zurück. Offen bleibt, ob das geäußerte Wohlbefinden auf eine japanische Bescheidenheit zurück geht oder auf eine universelle Eigenschaft von Autoren, denen das Schreiben noch in widrigsten Situationen gelingt.

Auch die äußerst unüblichen Schwärzungen im Text haben eine seltsam doppelte Bedeutung, zeigen an, dass das Schreibtagebuch des gefangenen Autors bereits gelesen – und zensiert – wurde, wie sie auch als Augenbalken gesehen werden können, die nun überhaupt nicht in eine Text-, sondern in eine Bilderwelt gehören.

Es darf auch bezweifelt werden, dass es sich beim Romanverbot um einen Oulipo-Roman handelt, wie das Nachwort es behauptet. Sich „Schreibfesseln anzulegen“, ist kein hinreichendes Kriterium für die Zuordnung zu dieser im Frankreich der 1960er gegründeten, sprachlich experimentellen Bewegung, die gerne mit den Buchstaben spielte. Die Romane von Autoren der Gruppe Oulipo aber erschöpften sich nicht in der Jonglage mit Fiktionsebenen und in Problemen eines Autors, es ging um die Reflexion von Sprache, Formen und Zwängen.

Die Beschwörung des Endes jeder Imagination in einer Welt ohne Romane ist hingegen wenig überzeugend. Historisch sind Romane immer wieder verboten worden, und sie werden es auch heute. Der Grund dafür liegt jedoch kaum in ihrer imaginativen Energie. Entweder ist es ein Regime mit einer lächerlichen Ideologie, das im Jahr 2036 den ostperipheren Archipel regiert und ein Romanverbot durchsetzen will, oder es überschätzt die Literatur und ihre Formen.

Info

Das Romanverbot ist nur zu begrüßen Seiko Ito Jürgen Stalph (Übers. und Nachwort), Cass 2021, 156 S., 22 €

Großes Japanisch-Deutsches Wörterbuch Jürgen Stalph, Irmela Hijiya-Kirschnereit, Wolfgang Schlecht, Kōji Ueda (Hrsg.), Bd. 1 (A-I) und Bd. 2 (J-N), Iudicum 2009 und 2015, 2.544 und 2.469 S., jeweils 278 €

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06:00 08.08.2021

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