Es gibt auch eine Art Verachtung für unsere Anstrengungen

Bilder einer Intensivstation Sabine Knauf ist Anästhesistin und arbeitet mit halber Stelle auf der operativen Intensivstation eines großen Krankenhauses. Von ihren Eindrücken auf ...

Sabine Knauf ist Anästhesistin und arbeitet mit halber Stelle auf der operativen Intensivstation eines großen Krankenhauses. Von ihren Eindrücken auf der Station hat sie visuelle Tagebücher erstellt. Auf achtfach vorgefalteten Bogen Packpapier hält sie nach den Diensten den jeweils stärksten Eindruck den Tages mit verschiedenen zeichnerischen Techniken fest. Diese Bildzyklen, von denen wir hier einen aus dem Jahr 2000 abdrucken und erläutern, geben auf sehr subjektive Weise Aufschluss über eine Welt, die öffentlich meist gar nicht oder nur in sehr technizistischer Weise wahrgenommen wird.

Öfter sagen mir Leute: "Deinen Job könnte ich nicht machen, ich kann kein Blut sehen." Aber Blut ist nicht das Problem. Wirklich manchmal sehr schwer zu ertragen ist das, was hinter den Diagnosen steht, die Patienten als Menschen. Auf dem ersten Bild sieht man die Hand und den Arm einer alten Frau, die für eine kurze Zeit bei uns war. Sie hatte sich ganz in ihren Laken versteckt. Alles, was man von ihr sehen konnte, war dieser eine Arm, sogar der Kopf war fast unter dem Laken verschwunden. Dass der Arm so alt und eingefallen war, die Hände verkrümmt, hat mich in dem Moment sehr berührt. Diese Frau hier hatte keine Schmerzen, die wollte nicht irgendwie behandelt, nur in Ruhe gelassen werden.

Das zweite Bild zeigt einen Migranten aus einem südlichen Land. Er hatte ursprünglich einen Hirntumor, der erfolgreich operiert worden war, doch dann trat eine Reihe von Komplikationen auf. Als wir zur Visite kamen, war gerade die Krankenschwester dabei, ihn zu waschen. Wahrscheinlich hatte er abgeführt oder erbrochen, sonst wird während der Visiten möglichst nicht gewaschen. Er lag dort, in dieser embryonalen Haltung und sah uns an, war aber nicht fähig zu kommunizieren. Oder wir waren nicht fähig ihn zu verstehen. Ich fand das entwürdigend für ihn, sich so vor uns präsentieren zu müssen, in dieser Haltung, die den Wunsch äußerte: "Ich will mich zurückziehen", was er aber gar nicht bewerkstelligen konnte. Besonders beeindruckend war der Widerspruch zwischen dieser Körperhaltung und dem sehr direkten Blick. Wie immer besprachen wir die Therapie und gingen dann weiter. Dass wir der Situation und diesem Menschen nicht gerecht werden konnten, blieb, glaube ich, nicht nur mir als Gefühl zurück.

Danach kommt eine Frau nach einer Lungenoperation. Als ich das Bild einer Kollegin zeigte, sagte die: "Ich weiß genau, wen du meinst, aber sie hatte blondes Haar." Woran sie die Patientin erkannte war, dass sie sie als genauso undeutlich empfunden hatte, wie das Bild sie zeigt. Man konnte keinen Kontakt zu dieser Patientin aufnehmen, man konnte mit ihr reden, aber sie war nicht einzugrenzen. Zwei Tage später war sie dann plötzlich eine Frau mit Namen, wirklich zu erkennen. Dieses Unklare hatte in der Patientin selbst gelegen, ich stelle mir vor, dass sie sich erst mit ihrem neuen Körper auseinandersetzen musste. Sie hatte jetzt nur noch eine Lunge. Es ist überhaupt ein seltsamer Blick, den man auf die Patienten hat, wenn man sie so vor sich liegen sieht. Von Menschen, die stehen oder sitzen gewinnt man häufig einen ganz anderen Eindruck.

Das vierte Bild habe ich gezeichnet, nachdem ich einem Schwerkranken mit Gehirnblutung mittels einer Punktion am Hals einen zentralen Venenkatheter (also einen Schlauch in ein herznahes Gefäß) gelegt hatte. Angesichts seines jungen, kräftigen Körpers fiel der Widerspruch besonders auf, die absurde Situation eines scheinbar über einen blühenden Körper verfügenden, aber todkranken Menschen. Für die Collage habe ich das Bild meines Freundes verwendet und meine eigenen Hände und die Spritze dazugemalt. Eigentlich hatte ich nach dem Foto einer Männerparfümwerbung gesucht, nach einem strahlenden Jüngling in der Gischt des Meeres.

In der nächsten Szene ist ein alter Mann zu sehen - mit Gelbsucht, wie man erkennen kann -, der schwer krank war und später auch auf der Station gestorben ist. Diesen Mann habe ich in der Situation gezeichnet, in der er zum ersten Mal nach der Operation wach wurde und anfing, sich umzuschauen, mich anzuschauen. Er weiß, wie schwer krank er ist und er weiß, dass der das nicht überleben muss, das strahlt er aus. Es gibt auch eine Art von Verachtung für uns, für unsere Anstrengungen, da noch etwas verlängern wollen. Ich hatte das Gefühl, er schaut mich an, und es ist eine Anklage darin.

Das sechste Bild ist wie ein Comic. Im Bett liegt ein armer, alter Mann, der während der Nachtschicht von einer Normalstation zu uns geschickt wurde, weil die Krankenschwester fürchtete, er würde einen Herzinfarkt bekommen. Es stellte sich dann heraus, dass er o.k. war, aber furchtbare Angst hatte und wollte, das sich jemand um ihn kümmert. Allerdings nicht in der Weise, in der wir das tun können. Er ist am nächsten Morgen wieder auf die Normalstation zurückgekommen.

Das vorletzte Bild zeigt den Patienten mit der Gelbsucht (von Bild Nr. 5) einen Tag vor seinem Tod. Ich habe mich bemüht, ihn so durchscheinend und in Auflösung begriffen darzustellen, wie ich ihn wahrgenommen habe. Eine seiner Zehen war nicht mehr durchblutet und faulte tatsächlich ab, sodass der nahe Tod noch stärker wahrnehmbar war. Schwerstkranke Patienten tragen oft keine Nachthemden. Eigentlich bemühen sich Pfleger und auch wir Ärzte, darauf zu achten, dass sie zugedeckt sind. Doch häufig ziehen sie sich selber die Laken weg, daher kommt es immer wieder zu Situationen, in denen Patienten ungewollt nackt vor uns liegen. Ich empfinde das sehr unterschiedlich, beim Patienten auf Bild zwei hat es mich beschämt, vielleicht wegen seines Blicks. In vielen Situationen wiederum fällt mir Nacktheit kaum auf. Manchmal finde ich sie abstoßend, manchmal auch anziehend. Ein heikles Thema.

Beim letzten Bild geht es für mich tatsächlich um das Abgestoßensein von einem Körper. Es war ein sehr unangenehmer Patient, auf diesem Bild im Alkohol- und Medikamentenentzug. Er hat uns unflätigst beschimpft und das wechselte mit Versuchen, die Frauen anzugrabschen und zu belästigen. Wie viele Alkoholiker hat er sehr stark geschwitzt. Während wir sorgsam darauf achteten, dass das kleine Tuch über seinen Genitalien liegen blieb, war er darauf bedacht, es immer wieder weg zu ziehen und seinen Penis zu präsentieren. Der Patient war Mitte dreißig, bei einem Sturz im alkoholisierten Zustand hatte er sich schwere Gehirnblutungen zugezogen, derentwegen er hatte operiert werden müssen. Es ist nicht unüblich, dass Patienten in Entzugssituationen an den Handgelenken fixiert werden müssen, weil sie sonst versuchen, ihre Katheter zu entfernen oder das Bett zu verlassen. Sobald jemand im Zimmer ist, nimmt man die Fesseln ab. Gerade bei solchen anstrengenden Patienten, die bei uns negative Gefühle auslösen, muss man sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass das ja Kranke sind, abhängig von uns. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viel Geduld die Krankenschwestern aufbringen. Sie sind ja mit den einzelnen Patienten viel länger konfrontiert als wir.

Aufgeschrieben von Andrea Roedig

00:00 25.10.2002

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