Es hat nichts mit den Genen zu tun

Zur jüngsten Export-Offensive des Westens Viele Araber würden gern am teuren Gut "Demokratie" teilhaben - und das nicht erst seit Saddam, Mubarak oder Gaddafi

Westliches Sendungsbewusstsein hat mit dem Irak wieder einmal ein Objekt gefunden, das Anlass zu beachtlichem missionarischem Eifer gibt. Im Stile eines Erziehungsdiktats wird ein Demokratietransfer verordnet, der im Augenblick schon deshalb grotesk wirkt, weil Wahlen aus Sicherheitsgründen unmöglich sind. Aber auch alle anderen Umstände wie Nationalgeschichte, religiöse Tradition und ethnische Struktur scheinen den gewünschten politischen Transformationen kaum gewogen.

Für unsere großen Führer ist der Irak derzeit ein derart heißes Pflaster, dass sie alles beziehungsweise jeden opfern, nur um sich selbst zu retten. Die BBC, die CIA, den britische Geheimdienst, rebellische Journalisten. Wer es wagt, mit dem Finger auf die Lügen zu zeigen, die Amerikaner und Briten in den Krieg trieben, wird mit weiteren Lügen bombardiert. Und in dem Augenblick, in dem wir sagen, der Irak war nie ein fruchtbarer Boden für Demokratie nach westlichem Muster, wird uns vorgeworfen, wir seien Rassisten. Ob wir denn glaubten, die Araber würden keine Demokratie zustande bringen? Ob wir glaubten, das seien keine vollwertigen Menschen?

Dieser Unsinn kommt aus der selben Quelle, die jede Israel-Kritik als Antisemitismus stigmatisiert. Es genügt, daran zu erinnern, dass die neokonservative Clique um die Pro-Israel-Proselyten Perle, Wolfowitz und wie sie alle heißen, Präsident Bush und Verteidigungsminister Rumsfeld mit der grotesk falschen Prophezeiung - es werde einen neuen Nahen und Mittleren Osten mit demokratischen, Israel-freundlichen arabischen Staaten geben - zum Krieg ermunterten. Erinnern wir uns, wofür die Neokonservativen im Goldenen Herbst 2002 eintraten, als Blair und Bush in Kampfstellung gingen, um den Hitler von Bagdad zu vernichten. Die Landkarte wollten sie neu gestalten und der Region die Demokratie bringen. Deren Diktatoren würden entweder gestürzt oder mit an Bord kommen. Deshalb ist es jetzt auch so wichtig, die Welt davon zu überzeugen, dass der groteske Gaddafi ein "Staatsmann" ist, weil er seine noch in den Kinderschuhen steckenden Nuklearpläne aufgab.

Schon einmal liebte man den jungen Oberst in Tripolis

Es hieß, vom Nil bis zum Euphrat würde die Demokratie erblühen. Die Araber würden sich darauf stürzen. Sie würden uns lieben, willkommen heißen, umarmen - weil wir der Region dieses heißersehnte Gut verschafften.

Die Neokonservativen irrten. Als sie - und mit ihnen Israel - am leidenschaftlichsten für eine Irak-Invasion eintraten, bedienten sie sich einer nur allzu wahren, verheerenden Tatsache, die für weite Teile der Region zutrifft: In den meisten arabischen Staaten herrschen schmutzige, brutale, korrupte Diktaturen. Wen wundert das. Die meisten dieser Diktatoren sind unsere Geschöpfe. Mit Prinzen und Königen haben wir angefangen, und falls diese nicht genügend Kontrolle über die Massen ausübten, unterstützten wir eine heruntergekommene Bande von Obristen, die zumeist eine Art britische Militäruniform trugen, mit einem Adler anstatt der Krone an der Mütze.

Auf diese Weise wurde - indirekt - König Farouk durch Oberst Nasser ersetzt, später kamen dann General Sadat, noch später der Luftwaffengeneral Mubarak in Kairo an die Macht. König Idris musste in Libyen Muammar el Gaddafi weichen - das britische Außenministerium liebte den jungen Oberst. Und König Faisals Monarchie im Irak, die er nach dem Ersten Weltkrieg schuf, wurde nach diversen Militärputschen in den fünfziger und sechziger Jahren schließlich durch die Baath-Partei und Saddam Hussein ersetzt. Also wollten wir doch nie, dass die Araber unter demokratischen Verhältnissen lebten. Die Ägypter haben es in den dreißiger Jahren versucht, als es so aussah, als würden sie König Farouk aushebeln, aber dann sperrten die Briten die Opposition ins Gefängnis.

Paul Bremer sprach plötzlich nicht mehr von Demokratie

Der Westen ist im Übrigen auch für die Grenzziehung der meisten arabischen Nationen verantwortlich, er schuf die Staaten und setzte fügsame Führer ein, um sie sofort zu bombardieren, wenn sie den Suezkanal nationalisierten oder in Kuwait einmarschierten. Aber selbstverständlich wollten die Neokonservativen und Mister Bush - und damit unweigerlich auch Mister Blair -, dass diese Nationen demokratisch würden.

Viele Araber hätten inzwischen wirklich gern ein Stück vom teuren Gut "Demokratie" abbekommen. Wenn Araber in den Westen emigrieren, wenn sie einen amerikanischen, britischen oder französischen Pass erhalten und sich in diesen Ländern niederlassen, sind sie nicht minder zur "Demokratie" befähigt als alle anderen. Die Iraker aus Dearborn in Michigan sind so wie alle Amerikaner, nur dass sie in dieser Gegend mehrheitlich die Demokraten wählen; bei der Arbeit oder in ihrer Freizeit verhalten sie sich nicht anders als jeder andere freiheitsliebende Bürger der USA. Es hat also nichts mit den Genen zu tun, dass die arabische Welt es einfach zu keiner Demokratie bringt. Das Volk ist nicht das Problem.

Das Problem besteht im Aufbau patriarchalischer Gesellschaften und in der Künstlichkeit der Staaten, die der Westen für sie schuf. Derlei Staaten bringen keine Demokratien hervor, sie können es nicht. Die Diktatoren, die wir bezahlten, bewaffneten und hätschelten, regierten mit Folter, gestützt auf ihren Stamm. Und angesichts einer Nation, an die sie vielfach nicht glaubten, setzten und setzen die arabischen Völker ihr ganzes Vertrauen in ihren Stamm. Die Könige waren Stammeskönige - das Haschemiten-Geschlecht etwa stammt aus dem Nordosten des Landes, das wir heute Saudi-Arabien nennen. Saddam Hussein - das wurde der Welt bekanntlich ständig erklärt - ist ein Tikriti. Diese ruchlosen Männer konnten sich durch ein Netzwerk an Stammesbünden und religiösen Allianzen an der Macht halten. Natürlich sagten wir den Irakern, wir würden ihnen Demokratie und freie Wahlen bringen, als wir in ihr Land eindrangen. Ich erinnere mich noch des Augenblicks, als mir klar wurde, wie unehrlich dieses Versprechen war: Paul Bremer, der gescheiterte US-Prokonsul in Bagdad, sprach plötzlich nicht mehr von Demokratie, sondern von einer "repräsentativen Regierung", die man zu installieren gedenke. Und Leute vom Schlage Daniel Pipes, eines rechtsgerichteten Vetters der Neokonservativen, fingen damit an, nicht mehr für "die Demokratie" im Irak einzutreten, sondern für einen "demokratisch gesinnten Autokraten".

Bremer sagt heute, vor der "Übergabe" der "Souveränität" im Juni könne es keine Wahlen geben. Diese "Übergabe" an sich ist schon eine Lüge, da sie die mythische "Souveränität" des Irak an eine Gruppe Iraker delegiert, die zuvor von Amerikanern und Briten ausgesucht wurde. Diese Männer und Frauen werden zu einem späteren Zeitpunkt jene demokratischen Wahlen abhalten, die wir dem irakischen Volk fälschlicherweise versprachen - und die Iraks Schiiten jetzt so lautstark fordern. Aber selbst wenn es zu dieser Abstimmung kommt, die meisten Iraker werden im Sinne ihres Stammes und ihrer Religion wählen. So hat ihr politisches System seit hundert Jahren funktioniert, und so funktioniert derzeit auch der von den Amerikanern verlesene "Interimsrat".

Keine Massenvernichtungswaffen, keine Verbindung zwischen Saddam und dem 11. September. Und keine Demokratie. Gebt der Presse die Schuld, der BBC, den Panikmachern - nur nicht Bush und Blair und auf keinen Fall den Neokonservativen, die mithalfen, die USA ins Desaster zu stoßen.

Übersetzung: Andrea Noll

00:00 26.03.2004

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