Es ist alles gesagt

GOTTESFÜRCHTIGER NIHILIST Andrzej Szczypiorskis letzter Roman "Feuerspiele"

In Bad Kranach, im Hotel "Astoria", kommt es zum Finale: Ein Großfeuer tötet alle dort Versammelten. Keiner entkommt den Flammen, und keiner der großen Geschichte, die auch seine eigene, persönliche ist: Jan, der Pole, der ehemalige SS-Mann Baron Kugler, der polnische Jude und Geschäftsmann Joel Weiss, Graham Wilson III., Kapitalist aus den Vereinigten Staaten mit seinem intriganten Sekretär Dr. Kovács aus Ungarn, Fürst Kyrill, von allem russischem Adel, trifft auf Semjaschin, einst Soldat der Roten Armee und später KGB-Mann.

Alle diese Personen haben ihren Part gespielt, im Krieg, im Ghetto, im KZ. Ihre Geschichten sind miteinander verwoben, ob als Täter oder Opfer, und sie, die Überlebenden dieses zerstörerischen vergangenen Jahrhunderts wissen voneinander oder ahnen zumindest, wer wem was angetan hat. Und sie wissen auch, dass nichts vom Einzelnen bleiben wird im Weltgedächtnis.

Doch was die Welt eint, sind die Geschäfte. So trifft man sich im Nobelort Bad Kranach mit Kunstsammlern aus aller Welt zu einer großen Ausstellung und einem ebenso großen Versicherungsbetrug, den man durch Brandstiftung erreichen will. Doch die Natur ist schneller. Ums Hotel brennen die Wälder, und der ganze Kurort, noch bevor die Brandstifter ans Werk gehen können.

Als hätte eine höhere Moral eingegriffen, vielleicht Gott selbst, werden all die Geschichten von Krieg, Mord, Barbarei und Liebe dem Feuer übergeben. Die Touristen des Kurortes aber überleben: "Es gab unter ihnen jedoch auch solche, die weinten, die Mitgefühl und Anteilnahme zeigten."

Mitgefühl und Anteilnahme kamen unter den handelnden Personen des Romanes zwar selten vor, aber "nie wird es Beweise dafür geben".

Andrzej Szczypiorski erzählt uns die verworrenen Lebensgeschichten seiner Figuren in großer Gleichmütigkeit, einfacher Sprache, mitunter ausschweifend. Er ist der allwissende Erzähler, der vorgreift, andeutet und vertröstet - ein aus der Gattung bekanntes, etwas abgenutztes Spiel, das ich als Leser oft nur unwillig mitmache. Es teilt mir das Entsetzliche nicht wirklich mit, weil es der Publizist und nicht der Erzähler geschrieben hat.

Vielleicht ist es aber gerade dieser Gegensatz, der dann wieder Szenen von so bestürzender Eindringlichkeit ermöglicht, wie wir sie beispielsweise vom Möbelpacker Mäuserich lesen, der im Warschauer Ghetto bei der Ankunft auf der KZ-Rampe einen SS-Mann erwürgte. (Der Autor nahm 1944 am Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung teil und kam ins KZ.)

Oft nehmen die Figuren aber schwer Gestalt an. Sie beginnen weitläufig zu räsonieren, alle in ähnlichem Tonfall, der bei Gedanken über Geschäfte und Ethik ins Simple hineinrutscht. Schmal ist auch der Grat zwischen wirklicher Tiefe und Pseudophilosophie, wenn man zum Beispiel einen Satz lesen muss wie: "Alle rauchten Zigaretten ... vielleicht war das auch eine Spur des Krieges, denn der Krieg war eine große Rauchwolke und ein großes Feuer gewesen, und jetzt, als er bereits zu Ende war, blieb den Menschen nur die kleine Rauchwolke und das kleine Feuer der Zigaretten." Zwischen diesen für meinen Geschmack etwas zu ältlich-hehren Tönen stehen aber auch sehr sinnliche und genaue Situationsschilderungen aus dem Leben des in diesem Jahr verstorbenen Autors, und für diese müssen wir ihm danken.

Szczypiorski entlässt den Leser ohne Hoffnung. Es ist alles gesagt, nichts ist gesühnt, Gott ist tot. "›Ich suche keine Gerechtigkeit‹, sagte Jan. ›Dafür ist es wirklich zu spät. Aber es lohnt möglicherweise zu beten.‹" Szcypiorski ist ein gläubiger Nihilist, dessen Wissen um die Tatsachen in Resignation mündet, dessen Beobachtungen ich nicht immer folgen will, der aber dem entschwindenden Gedächtnis der Geschichte einige Augenblicke ergreifender Literatur bewahrt hat.

Andrzej Szczypiorski: Feuerspiele. Roman. Aus dem Polnischen von Barbara Schaefer. Diogenes-Verlag, Zürich 2000, 362 S., 39,90 DM

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00:00 11.05.2001

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