Es ist eine Egoshow, und sie sieht gut aus

Bühne Narzisstische Nabelschau und eine Selbstmörderin ohne Todessehnsucht: Christian Petzold inszeniert Schnitzlers Drama "Der einsame Weg" am Deutschen Theater

Es klang nach einem Perfect Match: Arthur Schnitzler und Christian Petz­old, der Autor, der im Wien des Fin de Siècle die Grenze zwischen Realität und Traum auf die Probe stellte und der Filmemacher, bei dem sich selten mit Gewissheit sagen lässt, auf welcher Seite des Jordans er gerade dreht. Ein Jahrhundert nach der Erst­aufführung des Stücks am Deutschen Theater inszeniert Petzold jetzt also Schnitzlers Drama Der einsame Weg. Ein Schauspiel in fünf Akten über eine Gruppe von Menschen, die, wie es im Stück heißt, „doch voneinander nichts wissen, kaum ihre Beziehungen zueinander kennen und dazu bestimmt scheinen, auseinanderzuflattern, weiß Gott wohin“. Am Ende wird einer seinen Freitod ankündigen und eine andere tot im Gartenteich treiben. Der ideale Stoff für Petzold, sollte man meinen, in dessen Filmen oft einer ins Wasser geht (oder gehen muss).

Im Deutschen Theater liegt Wien in Berlin, genauer: in Kreuzberg am Landwehrkanal. Die Bühne ist ein weißer Kasten, der perspektivisch auf ein Panoramafenster zuläuft. Im Fenster sieht man die Urban-Klinik, Petzolds ständiger Kameramann Hans Fromm hat sie so gefilmt. Warum, wird im Programmheft erklärt: Das Panorama habe eine frappierende Ähnlichkeit mit Alfred Böcklins Gemälde Toteninsel. Es sieht gut aus, wie Professor Wegrat, seine Familie und ihre Künstlerfreunde da mit den Füßen noch auf dem Boden stehen und mit dem Kopf längst in der Krankenanstalt stecken.

Schöne Menschen vor schönen Tableaus

Überhaupt ist der weiße Raum mit Aussicht wie gemacht, um schöne Tableaus zu zeigen. Schöne Bilder, schöner Menschen in schönen Kostümen. Selbst Gabriele Wegrat, die sich im ersten Akt auf den Arm ihres Doktors stützt und im zweiten bereits begraben ist, trägt unterm Morgenmantel ein kurzes Seidenkleid mit transparentem Dekolleté.

Schnitzlers Text kennt zwei Welten: Den sicheren Hafen des Akademiedirektors Wegrat und die freie Existenz seiner Jugendfreunde, die „aus einer andern Welt kommen, nach der man sich sehnt und die man doch fürchtet“, wie Wegrats Sohn Felix weiß. Bei Schnitzler kommen diese Bohemiens tatsächlich immer „von sehr weit“, stellt Wegrats Tochter Johanna fest, die „solche Menschen“ sehr schätzt. Petzold dagegen legt den Schwerpunkt auf die narzisstische Selbstbeobachtung aller Personen, dadurch kappt er das Sehnsuchtsmotiv.

Es ist eine Egoshow und sie sieht gut aus, doch sie trägt das Stück nur soweit, bis das komplexe Beziehungsgeflecht in Schnitzlers Text zu Johanna Wegrats Selbstmord führt. Nina Hoss spielt die Johanna mit erhobenem Kinn und herausforderndem Blick, ohne eine Spur von Todessehnsucht. Ihre Selbsttötung in Salas Gartenteich, über den bei Schnitzler der Familien- und Freundeskreis nur spricht, muss im Deutschen Theater auf die Bühne verlegt werden, damit sie einigermaßen greifbar wird. Hoss tänzelt rückwärts, die Toteninsel fest im Blick, dann fällt sie wie ein nasser Sack. Man denkt an Tonis leises Verschwinden aus Petzolds Film Gespenster, an Yellas unvermittelte Todesfahrt in den Fluss, denkt daran, wie Ali und sein Geländewagen in Jerichow über einer kleinen Ostseeklippe explodieren; und man kann sich nur wundern über diesen Theatertod. Für den Rest des Abends, er ist dann nicht mehr sehr lang, wird die Tote Nina Hoss wie ein vergessenes Requisit den anderen Personen im Weg liegen.

Der einsame Weg Regie: Christian Petzold, Darsteller: Nina Hoss, Ulrich Matthes, u.a. Aufführungen: 20. u. 22.3., 05., 11., 12. u. 19. 4., Deutsches Theater, Berlin

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