Es wäre die eigene Schuld

Im Gespräch Ignacio Ramonet, Direktor der Monatszeitung "Le Monde Diplomatique", mit Fidel Castro über die kommende Generation der kubanischen Revolution

IGNACIO RAMONET: Wenn es Sie aus irgendeinem Grund nicht mehr geben sollte, wird dann Ihr Bruder der unwidersprochene Nachfolger sein?
FIDEL CASTRO: Wenn mir morgen etwas geschieht, wird mit aller Sicherheit die Nationalversammlung einberufen und ihn wählen, da gibt es nicht den geringsten Zweifel. Das Politbüro wird sich versammeln und ihn auch wählen. Aber er kommt mir in den Jahren nach, damit wird das Ganze eigentlich zu einem Generationsproblem. Es war ein Glück, dass diejenigen, denen die Revolution zu verdanken war, drei Generationen vertreten haben. Da waren zunächst einmal die, die uns vorangegangen sind, die Kader des Partido Socialista Popular, damals die marxistisch-leninistische Partei Kubas. Dann kam mit uns eine neue Generation und auf die wiederum folgte die Generation der Alphabetisierungskampagne, des Kampfes gegen die US-Blockade, gegen den Terrorismus und des Kampfes in Playa Girón, es war die Generation, die unsere internationalen Missionen miterlebt hat. Viele Menschen mit vielen Verdiensten. Dieses Land hat einen enormen Schatz an Talenten! Zählen Sie all jene dazu, die heute die Jugend sind, Studenten, Akademiker und Sozialarbeiter ...

Sie glauben also, dass Ihr wirklicher Nachfolger - jenseits einer konkreten Person und jenseits von Raúl - eher eine ganze Generation sein wird, die gegenwärtige Generation.
Ja, es werden Generationen sein, die andere ersetzen. Ich habe Vertrauen, auch wenn wir uns dessen bewusst sind, dass es viele Risiken gibt, die einen revolutionären Prozess gefährden könnten. Da gibt es die subjektiven Irrtümer und Fehler, die gemacht wurden. Wir tragen die Verantwortung dafür, nicht rechtzeitig bestimmte Fehleinschätzungen als solche erkannt zu haben. Heute sind einige überwunden, andere werden bekämpft. Ich habe große Hoffnung, weil ich deutlich erkennen kann, dass diejenigen, die ich als vierte Generation bezeichne, auch vier Mal mehr Wissen und Kenntnisse haben als wir. Was ich Ihnen sagen will: Es werden mehr Personen nach Kuba kommen, um die soziale Entwicklung dieses Landes zu sehen und nicht seine Strände.

Ein kleines Land wie das unsere hat das geeignete Personal, das die Vereinten Nationen für ihre Kampagne zur Bekämpfung von AIDS in Afrika brauchen. Heutzutage sind solche Hilfsaktionen ohne die kubanischen Ärzte einfach nicht mehr machbar. Wir haben der UNO 4.000 Mediziner angeboten - inzwischen sind schon 3.000 davon im Einsatz. Ein Grund zur Genugtuung für ein Land, das seit mehr als 40 Jahren unter einer Wirtschaftsblockade leben muss. Kuba hat Humankapital geschaffen. Und Humankapital schafft man nicht mit Egoismus und der Förderung des Individualismus in der Gesellschaft!

Ich sehe, Sie sind nicht besorgt über die Zukunft der kubanischen Revolution - dennoch sind Sie in den vergangenen Jahren Zeuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion und Jugoslawiens gewesen. Nordkorea befindet sich in einer traurigen Verfassung - und selbst in China hat die Revolution eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Hinterlässt das alles bei Ihnen keine Angst?
Ich finde, dass die Erfahrung mit der UdSSR als dem ersten sozialistischen Staat sehr bitter war - diesen Staat hätte man reparieren können, aber niemals untergehen lassen sollen. Glauben Sie ja nicht, wir hätten nicht oft über dieses unglaubliche Phänomen nachgedacht, dass einer der mächtigsten Staaten der Welt, der es geschafft hatte, so stark zu werden wie die andere Supermacht, so zerfallen konnte, wie es geschehen ist. Es gab Menschen, die glaubten, dass man mit kapitalistischen Methoden den Sozialismus aufbauen könne - einer der großen historischen Irrtümer. Um so mehr brauchen wir jetzt klare Ideen und Fragen, wie man den Sozialismus bewahrt oder in Zukunft bewahren kann. Was China betrifft - das ist eine andere Sache. Es handelt sich um eine große Macht, die im Kommen ist und von der Geschichte nicht zerstört wurde. Dort blieben bestimmte grundlegende Prinzipien erhalten - und man hat die Kräfte nicht zersplittert. Es ist schon seltsam, dass es Kuba, dieses "blockierte" Land, geschafft hat, mit anderen Ländern zu teilen, ihnen zu helfen und Tausende von Akademikern der Dritten Welt auszubilden, ohne einen einzigen Cent von ihnen zu verlangen - während all die Mächte, die Sie aufgezählt haben, zerstört worden sind.

Einige fragen sich, ob die Revolution auf Kuba nicht auch in sich zusammenfallen könnte.
Ist es eine Eigenschaft von Revolutionen abzustürzen? Oder sind es Menschen, die Revolutionen zusammenbrechen lassen? Anders gefragt: Können Menschen verhindern, dass Revolutionen zusammenbrechen oder nicht? Können Gesellschaften verhindern, dass Revolutionen zusammenstürzen oder nicht? Ich habe mir solche Fragen oft gestellt. Hier meine Antwort: die Yankees können diese Revolution nie zerstören, weil unsere Bevölkerung gelernt hat, mit Waffen umzugehen; das ganze Volk hat, trotz unserer Irrtümer, einen solchen kulturellen Standard, ein solches Wissen und Bewusstsein, dass es niemals erlauben würde, wieder eine Kolonie der Amerikaner zu werden.

Aber dieses Land kann sich selbst zerstören. Diese Revolution kann sich zerstören. Wir - ja, wir können sie zerstören. Es wäre unsere eigene Schuld, sollten wir unfähig sein, unsere Irrtümer zu korrigieren. Wenn wir es nicht fertig bringen würden, Abhängigkeiten abzulegen wie Ausbeutung, Unterschlagungen und die unbekannten Geldflüsse der neuen Reichen. Deshalb sind wir auf dem Weg zu einer totalen Veränderung unserer Gesellschaft. Wir müssen wieder vieles ändern, denn wir hatten sehr schwierige Zeiten. Es haben sich Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten herausgebildet. Das werden wir ändern, ohne den leisesten Hauch von Missbrauch.


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00:00 11.08.2006

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