Etwas, das im Westen fehlt

Realität und Handwerk Der Leiter der Akademie der Künste in Kiew, Andrej Tschebykin, über den Vorteil der Treue zur akademischen Tradition

Mein Gespräch mit dem Rektor der Kiewer Akademie der Künste, Andrej Tschebykin, war kein gewöhnliches Interview, sondern das besorgte Nachfragen eines Vaters, dessen 18-jähriger Sohn eine seiner Meinung nach unüberlegte, wenn nicht sogar falsche Entscheidung getroffen hatte. Er lehnte es nämlich kategorisch ab, Kunst in Deutschland zu studieren, und wollte unbedingt an die Kiewer Akademie. Auf Gegenargumente hörte er nicht - dass das Studium dort immer noch vom archaischen Konzept des sozialistischen Realismus geprägt sei, dass es keinen richtigen Kunstmarkt in der Ukraine und keine Perspektive nach dem Studium gebe. So wendete ich mich mit all meinen Zweifeln an den Akademierektor - entweder kann mich Andrej Tschebykin überzeugen, oder ich überzeuge endlich meinen Sohn.

FREITAG: Die meisten Absolventen Ihrer Akademie - genauso wie die der anderen Kunstakademien im postsowjetischen Raum - erleben einen Schock, wenn sie die Alma Mater verlassen. Die moderne Kunst, besonders im Westen, spricht eine ganz andere Sprache als die, die sie bei Ihnen lernen.
ANDREJ TCHEBYKIN: Der Begriff Schock ist übertrieben. Während des Studiums haben unsere Studenten genug Möglichkeiten, die moderne westliche Kunst kennen zu lernen, und wenn nicht, sind sie selbst schuld. Andererseits gebe ich Ihnen recht: Unsere Ausbildung unterscheidet sich tatsächlich von der im Westen. In sowjetischer Zeit stand in der Satzung der Akademie, dass der Unterricht auf den Grundsätzen des sozialistischen Realismus aufbaut. Später haben wir das Wort "sozialistisch" abgeschafft, es blieb der "Realismus". Doch dieses Wort sagt nicht viel aus; ich würde zum Beispiel bezweifeln, dass Rembrandt zu seiner Lebenszeit als "Realist" bezeichnet wurde, von Bosch ganz zu schweigen. Wir bewahren die Tradition der akademischen Künstler-Ausbildung, die im 19. Jahrhundert in Europa entstand und in der UdSSR weiter entwickelt wurde. Und Treue zur Tradition sehe ich nicht als Nach-, sondern als Vorteil unseres Studiums. Wenn wir andere europäische Kunstakademien kontaktieren, stellen wir immer wieder fest, dass es absolut richtig war, bei der alten Tradition zu bleiben. Oft bedanken sich selbst die deutschen oder französischen Kollegen bei uns dafür, dass wir diese Tradition retten.

An den meisten Schulen lernen die Studenten kein Handwerk mehr. Das Zeichnen, die plastische Anatomie - im Westen gibt es kaum mehr genügend Professoren, die diese Fächer überhaupt unterrichten können. An den meisten europäischen Akademien sieht man nur noch Videokunst, Computergrafik, Installationen, die zwar zeitgemäß erscheinen, doch ich finde, es fehlt dort an einer soliden Basis, dem Handwerk eben. Nach der Akademie kann ein ausgebildeter Künstler machen, was er will, auch die klassische Tradition ablehnen, aber er sollte wissen, was er ablehnt. Die großen Experimentatoren des 20. Jahrhunderts - Malevitsch, Kandinsky, Picasso - sind aus der akademischen Schule hervorgegangen.

Das Kunststudium in Kiew scheint mir von den modernen Entwicklungen ganz abgeschirmt zu sein. Selten kommen bedeutende Künstler aus dem Westen als Gastprofessoren, noch seltener bekommen Ihre Studenten die Möglichkeit für ein Praktikum in Europa oder in den USA.
Einladungen von Professoren aus dem Ausland und Studenten-Praktika sind immer eine Geld-Frage. Und da können wir uns leider nicht viel leisten. Aber es bedeutet ja nicht automatisch, dass wir hinter dem eisernen Vorhang bleiben oder bleiben wollen. Wir sind offen für verschiedenste Kunstströmungen, wie es schon am Anfang unserer Geschichte war: Unsere Akademie wurde 1917 von sehr kosmopolitischen Künstlern gegründet: Wasil Kritschewskij hatte in Petersburg studiert, Michajlo Bojtschuk - gemeinsam mit Siqueiros - in Paris. Aus Prag kam Kasjan. Abram Manewitsch hat sowohl in Russland wie auch im Westen studiert. Das war eine spannende Zeit! In den zwanziger Jahren war sie an der Spitze der sowjetischen Avantgarde: Malewitsch, Tatlin, Rodtschenko haben bei uns als Gastprofessoren "Formtech" unterrichtet, also "formale Techniken". In der Stalin-Ära wurde diese experimentelle Richtung wie überall in der Sowjetunion zerschlagen, einige unserer Professoren wurden verhaftet. Von den dreißiger Jahren an hat sich der sozialistische Realismus etabliert, neben der Moskauer und Petersburger gehörten wir zu den drei besten Akademien der UdSSR.

Zurzeit bauen wir sehr intensiv unsere internationale Kontakte aus, sowohl zu unseren alten Freunden in Russland, Polen, der Slowakei wie auch zu den neuen. So sind wir momentan am stärksten mit China verbunden, es gibt bei uns viele Studenten aus der Volksrepublik, während unsere Professoren an unterschiedlichen chinesischen Kunstakademien unterrichten.

In sowjetischen Zeiten lebten die Künstler von Staatsaufträgen, das Kulturministerium war nahezu der einzige Käufer ihrer Werke. Inzwischen müssen sie auf dem freien Markt handeln, doch es braucht Zeit, bis sich ein richtiger Kunstmarkt entwickelt. Wer kauft heute Bilder zeitgenössischer ukrainischer Künstler? Gibt es Mäzene, engagierte Sammler?
Der Kunstmarkt in der Ukraine ist noch ziemlich wild und vom Geschmack der Neureichen bestimmt. Mäzene sollten in die Entwicklung investieren, junge Künstler unterstützen, ihnen die Möglichkeit geben sich zu entfalten; solche kenne ich leider noch nicht. Den Geschmack der Neureichen bekommen vor allem die Bildhauer zu spüren: Riesige Gräber in Schlafzimmern, ägyptische Pyramiden in Wohnzimmern, Löwen aus Marmor in der Diele - so etwa sehen die Aufträge aus. Mein Sohn, selbst Absolvent der Akademie, hat mit seinen Freunden eine Gruppe gegründet - Bildhauer, Grafiker, Architekten - und sie bekommen oft solche Aufträge. Immer wieder kämpfen sie gegen den schlechten Geschmack ihrer Kunden, versuchen sie von Gegenkonzepten zu überzeugen, manchmal schaffen sie es, manchmal nicht. Sie machen sich lustig, führen ihre Arbeit aber professionell durch. Professionalität finde ich wichtig, auch bei fragwürdigen Aufträgen. Und die haben sie von der Akademie

Investieren die ukrainischen Banken in die Kunst?
Schon. Aber auch da gibt es immer wieder Enttäuschungen. Die Grado-Bank zum Beispiel hat einen guten Kunsthistoriker damit beauftragt, eine Kunstsammlung aufzubauen. Ein paar Jahre hat er Kunstwerke angekauft, Ausstellungen in Paris und in Deutschland organisiert, einige neue Namen entdeckt und etabliert. Doch dann ging die Grado-Bank pleite. Die Sammlung gehört nun der ukrainischen Zentralbank, es wird gerade diskutiert, ob sie der staatlichen Nationalen Galerie überreicht werden soll.

Interessieren sich ausländische Galeristen für junge ukrainische Kunst?
In der Perestrojka-Zeit, also vor 15 Jahren, interessierten sie sich sehr, damals haben wir mehrere Ausstellungen in Europa organisiert. Doch dieses Interesse hat stark nachgelassen. Ich erinnere mich an ein Schild im Schaufenster einer Hamburger Galerie: "Russen interessieren uns nicht mehr" - so ungefähr.

In den letzten Jahren sind tausende Ukrainer in den Westen ausgewandert. Auch ihre Absolventen?
Mehrere leben in Frankreich, andere in den USA oder in Deutschland. Einige von ihnen haben es geschafft, sich einen Namen zu machen; einzelne, wie Oksana Medwed in München, eröffnen sogar eigene Kunstschulen. Ich bin mir sicher, dass hinter diesen Erfolgen auch das Konzept unserer Kunstakademie steht. Unsere Absolventen haben etwas, das im Westen fehlt.

Das Gespräch führte Dmitri Popov

00:00 04.07.2003

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