Europa muss die Wasserstoffdebatte forcieren

Technologie Jeremy Rifkin ruft die Wasserstoffrevolution aus, fordert die Europäische Union heraus und plaudert über seinen anstrengenden Beruf als Weltverbesserer

Der Mann weiß, wie man erfolgreiches Lobbying betreibt: Bei Jeremy Rifkins Werbetourneen für sein neues Buch durften es in Berlin, Wien, Rom oder Zürich auch schon einmal zehn Interviews pro Tag sein. Doch der Bestsellerautor pflegt auch seine guten Kontakte zur Politik, der er sich durchaus mit Erfolg als Berater andient: So hat es der 57-jährige Ökonom und Trendforscher geschafft, den Präsidenten der EU-Kommission davon zu überzeugen, dass die Zukunft der Energieversorgung "Wasserstoff" heißt. Mitte Oktober hat Romano Prodi - auch nach Beratungen durch Rifkin - eine hochrangig besetzte Expertengruppe eingesetzt und dafür gesorgt, dass die EU für die Erforschung erneuerbarer Energie und insbesondere der Brennstoffzellentechnik in den nächsten vier Jahren 2,12 Milliarden Euro flüssig macht, 18 Mal mehr als noch zwischen 1999 und 2002. Der US-Amerikaner Rifkin, der die Hälfte seiner Zeit in Europa verbringt, engagiert sich seit Ende der sechziger Jahre für eine sozial gerechtere und ökologisch nachhaltige Zukunft. Bislang hat er sich dabei vor allem als Technikkritiker einen Namen gemacht. In seinen 16 Büchern schrieb der Dozent an der renommierten Wharton Business School unter anderem gegen die Fleischindustrie oder gegen die Gefahren der Biotechnologie an. In seinem jüngsten Buch setzt sich Rifkin, der sein Engagement mit einer tüchtigen Portion Geschäftssinn verbindet, erstmals für eine neue Technologie ein: die Wasserstoff-Brennstoffzelle.

FREITAG: Mr. Rifkin, Sie haben in den letzten Jahren das Ende der Arbeit behauptet, vor den Gefahren einer kommerzialisierten Gentechnik gewarnt und zuletzt das Ende des Eigentums ausgerufen. Was steht diesmal an?
Jeremy Rifkin: Ich denke, dass es drei große Krisen gibt, die die Menschheit in der nächsten Zukunft bedrohen. Die erste Krise ist die globale Erwärmung: Wir hatten in Mitteleuropa Rekordüberflutungen, in den USA eine Rekorddürre und Waldbrände in unglaublichen Dimensionen. Die zweite globale Krise ist die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Das dritte Problem ist kurzfristiger und betrifft den Nahen und Mittleren Osten. Und was bislang übersehen wurde: Diese drei Krisen hängen zusammen. Über das Erdöl. Denken Sie nur an den Irak.

Aber da geht es doch um die Massenvernichtungswaffen, die dort hergestellt werden und die Frage der Kontrolle.
Das ist nur der offizielle Grund. Verschwiegen wird natürlich, dass der Irak nach Saudi Arabien die zweitgrößten Erdölreserven der Welt hat. Auch die Armut in der Dritten Welt hat mit dem Öl zu tun: Der Ölpreis stieg in den siebziger Jahren und wurde nie wieder billiger, was die Entwicklungsländer in die Schuldenfalle stürzte. Klar ist aber auch, dass sich das Ölproblem weiter dramatisiert. Zum einen befinden sich zwei Drittel der Öl- und Gasreserven im Mittleren Osten. Zum anderen ist absehbar, dass der Höhepunkt der Förderung demnächst überschritten wird.

Übertreiben Sie da nicht ein wenig?
Die Pessimisten unter den Geologen sagen, dass der "Peak", also das Fördermaximum, bereits 2010 erreicht wird; die Optimisten meinen, dass es noch bis 2030 dauern wird. Über kurz oder lang nähern wir uns dem Ende der fossilen Treibstoff-Ära. Es braucht also heute eine tiefgreifende Diskussion darüber, was der nächste Energieträger sein soll und wie wir diese Umstellung schaffen wollen.

Sie fordern nun, dass wir uns auf ein Wasserstoffzeitalter vorbereiten sollen. Warum ausgerechnet Wasserstoff und nicht andere erneuerbare Energiequellen wie Wasserkraft, Sonnenenergie oder Biomasse?
Das Problem ist, dass sich Strom nicht speichern lässt. Wenn also keine Sonne scheint, kein Wasser fließt und kein Wind weht, dann gibt es auch keinen Strom - so wie letztes Jahr in Brasilien, das überwiegend auf Wasserkraft vertraut. Man kann also keine Gesellschaft mit erneuerbarer Energie haben, wenn man nicht einen Energiespeicher hat. Diese Aufgabe kann in Zukunft Wasserstoff übernehmen, weil er in beliebiger Größenordnung verfügbar ist. Der Nachteil ist nur, dass man Wasserstoff verfügbar machen muss - entweder aus fossilen Brennstoffen, aus Gas oder aus Wasser. Ich plädiere für Wasser. Man elektrifiziert das Wasser, wodurch Wasserstoff von Sauerstoff getrennt wird. Den dadurch erhaltenen Wasserstoff kann man speichern und aus ihm Energie machen, wann immer man sie braucht. Das hat drei große Vorteile: Energiezellen sind effizient, die Energie wird lokal erzeugt, und alles, was bei solchen Brennstoffzellen übrigbleibt, ist Wasser und Hitze. Die Nachteile sind, dass man dafür zwei Mal Elektrizität braucht und dass solche Wasserstoff-Brennstoffzellen heute noch sehr teuer sind.

Das klingt, als ob wir von einer effizienten Nutzung noch sehr weit entfernt wären.
Nicht unbedingt. Zur Zeit gibt es weltweit 850 Firmen, die in irgendeiner Form auf Wasserstoff setzen. Die Wasserstofftechnologie steht heute da, wo die Computerindustrie in den Achtzigerjahren war.

Wie stehen die großen Ölgesellschaften zu Wasserstoff? Die sind bei diesen 850 Firmen wohl nicht dabei?
BP und Shell haben sich längst auch erneuerbarer Energie zugewandt. Der neue Slogan von BP heißt: Jenseits von Erdöl. Diese Firmen haben eigene Forschungsabteilungen für Wasserstoff, sie melden Patente an und lizenzieren neue Verfahren. Andere Multis wie Mobile und Exxon machen da nicht mit und konzentrieren sich auf ihr Kerngeschäft, also Erdöl und Erdgas. In der Automobilindustrie sieht es anders aus. Da sind alle Firmen bei Wasserstoff dabei. Einige Unternehmen bemühen sich ehrlich um Nachhaltigkeit, viele machen aber natürlich nur PR. Unsinn ist jedenfalls die Behauptung, dass im Kapitalismus keine Nachhaltigkeit möglich sei.

Nehmen wir einmal an, Brennstoffzellen sind die Lösung des Energieproblems. Ist es nicht absehbar, dass diese großen Unternehmen sich das Konzept unter den Nagel reißen und den künftigen Energie- und Strommarkt genauso kontrollieren wie bisher?
Die Wirtschaft hat natürlich ihre eigenen Pläne: Sie will Energiezellen produzieren und dann auch an der Wartung und am Betrieb verdienen. Wir erhalten dann nur Zugang, für den wir aber teuer zahlen müssen, so wie ich das in meinem vorletzten Buch Access für andere Lebensbereiche beschrieben habe. Hier sollten wir aus der Erfahrung mit dem Internet lernen. Beide Technologien haben das Versprechen völliger Demokratisierung, aber es ist eine Frage der Kontrolle. Darum habe ich dieses neue Buch geschrieben. Es ist nicht das erste Buch über die Wasserstofftechnologie. Aber es ist das erste, das sagt, wie wir diese neue Technologie praktisch organisieren: Man stellt sich einfach seine Wasserstoff-Brennstoffzelle in seine Wohnung oder in seine Firma und produziert seinen eigenen Strom. Und wenn das genügend Verbraucher tun, dann können sie auch selbst Strom in die Netze einspeisen und sich gegenseitig versorgen.

Das klingt reichlich utopisch. Dazu bedarf es doch sehr aufwändiger Strukturen, um das alles zu koordinieren. Wie soll denn das je funktionieren?
Am besten müsste das genossenschaftlich organisiert werden. Und deshalb setze ich in dieser Frage auf Europa. Hier gibt es jetzt schon lokal organisierte Stromkooperativen. In Zukunft sollen sie die Zellen besitzen und mit denen verhandeln, die das Stromnetz betreiben. So wäre eine gegenseitige Partnerschaft möglich, zum Vorteil aller: Die Wirtschaft kann die Technologie entwickeln und die Netze so konstruieren, dass sie dezentral verfügbar sind. Und die Endverbraucher verfügen über günstigen, lokalen und umweltverträglichen Strom.

In den letzten Jahrzehnten waren es immer die USA, die für technologischen Wandel gesorgt haben. Ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die von Ihnen ausgerufene Wasserstoffrevolution zuerst in Europa ereignen wird?
Ich wünsche, die USA würden sich der Sache annehmen. Aber ich fürchte, dass meine Landsleute das rein kommerziell durchziehen würden. Deshalb begrüße ich es, dass Europa in der Wasserstofffrage nun die Führung übernimmt. Die EU ist stärker auf gesellschaftlichen Konsens und Sozialverträglichkeit ausgerichtet. Hier ist eine große Gelegenheit, die Zivilgesellschaft und eine kommerzielle Gelegenheit zu verknüpfen, um eine nachhaltige Gesellschaft zu begründen. Das wäre dann tatsächlich die Verwirklichung von "power to the people", unserem Slogan der sechziger Jahre.

Als Politiker hätten Sie es womöglich leichter, Ihre Ideen umzusetzen. Haben Sie eigentlich nie daran gedacht, das Lager zu wechseln?
Ich war kein Politiker und werde auch nie einer sein. Meine Frau sagt immer: "Du könntest es nicht." Um aber ehrlich zu sein und ganz unter uns: Natürlich habe ich wie viele andere auch mal davon geträumt, Präsident der USA werden. Aber die letzten Kandidaten waren ja schon alle jünger als ich. Nein, Politiker, das bin ich nicht. Ich bin seit 1966 Aktivist. Und ich liebe es, Bücher zu schreiben.

Das ist schwer zu glauben. Sie lieben es doch zu kommunizieren.
Aber ich will es auf meine Weise machen. Außerdem liebe ich Ideen und die Zeiten des Nachdenkens.

Wie viel Zeit nehmen Sie sich dafür? Ein "Ende der Arbeit", wie Sie das in einem Ihrer letzten Bücher voraussahen, ist bei Ihnen wohl nicht abzusehen?
Meine Frau sagt immer, dass ich selbst auf dem Sterbebett jede Stunde bereuen werde, die ich nicht noch im Büro verbringe. Sie hat wahrscheinlich Recht. Ich bin jetzt 57 und arbeite mehr als in meinen Vierzigern. Damals konnte mich in Ruhe mit Kollegen unterhalten und Mittagessen gehen. Um fünf verließ ich das Büro, nahm ein Dampfbad oder ging Schwimmen. Das habe ich seit zwölf Jahren nicht mehr getan.

Das Gespräch führten Stefan Löffler und Klaus Taschwer

Jeremy Rifkin: Die H2-Revolution. Mit neuer Energie für eine gerechte Weltwirtschaft. Aus dem Englischen von Brigitte Kleidt. Frankfurt/New York: Campus. 304 Seiten.

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00:00 22.11.2002

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