Europa wittert Morgenluft

Währungsunion Für 2014 wird der Eurozone ein bescheidenes Wachstum prophezeit. Es könnte zu schwach sein, um den Arbeitsmarkt zu beleben. Derweil zeichnet sich eine neue Finanzkrise ab
Michael Krätke | Ausgabe 06/2014 103
Europa wittert Morgenluft

Foto: Ingo Wagner / AFP / getty

Beim Wirtschaftsforum in Davos fühlten sich die Eliten durch den Eindruck vereint: Es geht wieder aufwärts mit der Weltökonomie, die Krise in Europa flaut ab, regionale Wachstumslokomotiven stehen unter Dampf – Finanzminister Wolfgang Schäuble rechnet Deutschland mit seinem atemberaubenden 0,4-Prozent-Plus im Vorjahr zu diesen Zugmaschinen. Von der EU-Kommission werden Irland und Spanien als Beweis dafür gepriesen, dass sich das Euro-Krisen-Management bewährt hat.

Schließlich die US-Amerikaner – sie halten sich zugute, als einzige die richtigen Schlüsse gezogen und die peinliche Sanierung ihrer mit Schrottpapieren überladenen Banken hinter sich zu haben. Japans Premier Shinzo Abe übertönt alle: Nach über zwei Jahrzehnten der Stagnation und Deflation nehme sein Land wieder Fahrt auf – dank seiner Rezeptur eines rücksichtslosen Flutens der Geldmärkte und jener Konjunkturprogramme, mit denen die nationale Infrastruktur bis 2020 überholt werde. Das klingt fast wie eine Provokation, gemünzt auf die deutschen Stabilitätsfreunde mit ihren Spardogmen. Sie müssen es hinnehmen, nichts ist nun einmal erfolgreicher als der Erfolg.

Nach 18 Monaten der Rezession rechnet die Eurozone für das zweite Quartal mit einem Wachstum von 0,3 Prozent, eine Marke von eher mäßigem Niveau. Gut möglich, dass es am Ende auch für 2014 wieder zur Schrumpfung kommt. Krisenstaaten wie Spanien, Portugal und Irland konnten Ende 2013 nach vielen Minuswerten wieder Wachstumsraten von 0,3 bis 0,6 Prozent verzeichnen. Zugleich muss die EU-Kommission einräumen, dass auch in diesem Jahr die Arbeitslosigkeit in Euroland beachtlich, weil bei durchschnittlich zwölf Prozent bleiben wird. Das zu erwartende Wachstum wird zu schwach sein, um den Arbeitsmarkt in Südeuropa zu beleben. Dennoch traut der Internationale Währungsfonds (IWF) dem gesamten Euroraum einen Zuwachs bei der Wirtschaftsleistung von einem Prozent im laufenden Jahr und 1,4 Prozent 2015 zu.

Freilich kamen Anfang 2013 aus dem Pariser OECD-Hauptquartier ähnliche Töne. Es hieß, die Konjunktur in den wichtigsten EU-Wirtschaftsnationen werde in der zweiten Jahreshälfte anziehen. Für Deutschland erwartete man einen Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt von 0,7 Prozent und bei Großbritannien gar von 1,5 – in beiden Fällen übertriebene Erwartungen. Gibt es diesmal wirklich Grund für mehr Zuversicht?

Erst Irland, dann Spanien

In gewisser Weise schon, nach Irland will auch Spanien aus dem Schatten des Euro-Rettungsschirmes treten. Portugal könnte im Laufe des Jahres folgen. Die irische Republik darf sich bereits wieder auf eigene Faust und Rechnung an den Geldmärkten refinanzieren, da die Zinsen für ihre Staatspapiere auf erträgliche vier bis fünf Prozent gesunken sind. Schwerer reparabel als der Status im Kapitalhandel sind Schäden, die aus dem enormen Sparzwang vergangener Jahre resultieren. Es wird erneut Jahre dauern, wenn nicht Jahrzehnte, sie zu reparieren.

Noch erstaunlicher als die Rückkehr Irlands zu mehr haushälterischer Souveränität ist der Aufschwung in Großbritannien, das zu Beginn des Krisenzyklus 2009 schlechter dastand als die meisten Euroländer. Die Arbeitslosigkeit liegt mit sieben Prozent inzwischen weit unter dem Durchschnitt der Eurozone. Der Immobiliensektor lebt auf wie der Einzelhandel. Offenbar haben britische Verbraucher genug vom Sparen und leben wieder fröhlich auf Pump. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Zahl der zugelassenen Neuwagen im Dezember ebenso einen neuen Höchststand erreicht hat wie die Privatverschuldung? Wir sind Urheber dieses Erfolgs, tönt die liberal-konservative Regierung von Premier Cameron. Umso mehr müsse es nun einen Schub geben für das angelsächsische Modell, drei Prozent Wachstum in den USA und auf der Insel gerade ein Prozent. Und noch weniger bei den Losern der Euro-Zone, klagt John Redwood, wirtschaftspolitischer Sprecher der Tories. Nur was will man tun, um mehr Wachstum zu generieren? Großbritannien reindustrialisieren? Bislang ist vom Aufkommen einer neuen Exportökonomie wenig zu sehen.

In einem Punkt hat der ehrenwerte John Redwood Recht: Die Briten haben die Bank of England, die Amerikaner die Fed, die Euroländer müssen sich stattdessen mit der EZB zufrieden geben. Die britische Zentralbank hat die Zinsen gesenkt und ihre Bilanzsumme verdreifacht, indem sie ohne Rücksicht auf Verluste Staatsanleihen erwarb; die US-Notenbank hat nach dem gleichen Muster die Geldmenge um gut drei Billionen Dollar aufgebläht. Die EZB hat zwar ebenfalls ihre Bilanzsumme verdoppelt, aber zu wirksamen Interventionen an den Anleihemärkten kam es nicht. Ihr Erfolg beruht bis heute auf der Absichtserklärung von EZB-Präsident Mario Draghis Mitte 2012, alles zu tun, was notwendig sei, um den Euro zu verteidigen. Die Finanzmärkte haben ihn bisher noch nicht beim Wort genommen.

Asien und die Exportsuppe

Jedermann weiß, dass die blassen EU-Wachstumsprognosen für 2014 bei weitem nicht ausreichen, um langfristige Krisenfolgen zu kompensieren. Was kann die EZB tun, dies zu ändern? Nicht sonderlich viel, weitere Zinssenkungen und noch mehr frisches Geld für den Kapitalmarkt werden verpuffen, wenn die Bank den Empfängern keine Auflagen in Sachen Kreditvergabe machen kann. Um Staatsanleihen aufzukaufen und damit die langfristigen Zinsen zu senken, fehlt der EZB bislang das Mandat. Mit anderen Wort, nicht Europas Leitbank vermag die Krisenfolgen eindämmen, sondern allein die europäische Politik. Nur sie kann Blockaden auflösen, die eine wirksame Bankenunion und damit die unvermeidliche Abschreibung von Schrottpapieren in den Bankbilanzen verhindern.

Im Übrigen zeichnet sich eine nächste Phase der Weltfinanzkrise ab. Sie beginnt gerade in den Schwellenländern. Mit Ausnahme von Russland und China mit ihren gewaltigen Leistungsbilanzüberschüssen sind fast alle Staaten dieser Kategorie betroffen: die Türkei, Indien, Brasilien, Chile, Indonesien, Südafrika, Thailand und Vietnam. Als die US-Notenbank und die Bank of England die Zinsen gegen Null drückten, konnten diese Länder davon profitieren. Zu ihnen kam, wer als Investor den Niedrigzinsen entkommen und auf kurzfristige Anleihen setzen wollte. Seit die US-Fed abgekündigt hat, die Politik der quantitativen Lockerung zurückzufahren, fließen diese Gelder in Milliarden-Schüben retour ins Gelobte Land, in Erwartung bald steigender Zinsen. Dieser Kapitalstrom lässt die Währungen in der Türkei oder in Thailand abschmieren. Die nächste Asienkrise braut sich zusammen und wird den Deutschen die Exportsuppe versalzen.

06:00 10.02.2014

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