Falsche Propheten

Kritik Wer Trump mit Romanen von Roth oder Sinclair erklären will, wird nur bedingt fündig

Was Trump und seine Bande angeht, hat die seriöse Presse inzwischen einen sicheren Effekt erzielt: Das Kabarett aus Hüh und Hott ödet ebenso an wie das Zweieinhalb-Grimassen-Repertoire. Anekelnder Alltag tritt ein. Die Rhetorik von Endzeitsekten-Führern, Politik als Snake-Oil-Selling und eine Ästhetik der Imitation saudischer Ölprinzen nerven wie Kindergeschrei. Allmählich zeigt sich obendrein, dass diese Truppe nicht nur aus Verachtung so aggressiv an Wahrheit desinteressiert ist, sondern zugleich auch aus Feigheit lügt. Enervierend und erbärmlich.

Und doch noch nicht begriffen. Nach welchem Muster wird hier Herrschaft ausgeübt? Ein beliebtes, aber wenig probates Mittel ist der historische Vergleich. Und wenn man nicht gleich den Hammer Hitler schwingt, dann fällt den Auguren mindest Mussolini ein, Nero oder Bokassa. Aparter: Gargantua, Ubu Roi oder Citizen Kane. Hilflose Suche nach Vor-Gängern, zwischen Beschwörung und Wappnung. So, wie man seinerzeit Hitler erschrocken mit Nero, Napoleon (wahlweise I oder III) und Tamerlan verglich oder als Anstreicher oder Vorstadtfriseur abmeierte. Geholfen hat es bekanntlich gar nichts. Im Gegenteil führte es auf falsche Spuren.

Windige Figuren

Ein komplexere Mustersuche führt zu den Prophetien in der Literatur. Orwells 1984 ist ja nun wieder zum Bestseller geworden. Totale Überwachung, Umschreibung, ja, Ausmerzung der Vergangenheit, „alternative Fakten“ als Big Brothers „Neusprech“ und „Zwiedenken“ – es geht alles das hinten und vorn nicht auf, wie Christian Geyer in der FAZ gezeigt hat. Aber dieser Rückgriff indiziert eine Stimmung: Ohnmacht, Auslöschungsangst. Unter der Apokalypse wollen es auch die Gegner der Apokalyptiker nicht haben. Wesentlich interessanter ist da die Erinnerung an Philip Roths Plot against America, zu deutsch: Verschwörung gegen Amerika. Als der kontrafaktische Roman 2004 erschien, wurde er in den USA zwiespältig aufgenommen. Nicht wenigen erschien es allzu konstruiert, dass statt Roosevelt seinerzeit der legendäre Fliegerheld Charles Lindbergh zum Präsidenten gewählt wurde und die USA flugs auf der schiefen Bahn in Chauvinismus, Kriegslüsternheit und antisemitischen Terror rutschten.

Anlässlich von Trumps Wahl erinnerte man sich plötzlich wieder lebhaft daran. Philip Roth bestand jedoch darauf, dass er das mögliche Schicksal von Juden anhand von seinerzeitig nicht Unwahrscheinlichem durchspielen, aber keinen prophetischen Schlüsselroman liefern wollte. Vor allem bestand er darauf, dass es sich bei Lindbergh zwar um einen Nazisympathisanten und Rassisten gehandelt habe; der habe immerhin jedoch etwas geleistet und weltweit Achtung gefunden, während der „killer capitalist“ Trump nichts als ein geschichts- wie regierungsignoranter Bauernfänger und Gaukler sei.

Roth empfahl, lieber in Herman Melvilles Roman von 1857 The Confindence-Man, deutsch: Maskeraden (1999), nachzulesen. Der ist, anders als Roths Roman, deutlich satirisch. Melville schickt am 1. April den Mississippi-Dampfer Fidele los, ein Narrenschiff voll erbärmlicher und windiger Figuren – Selbstillusionisten, Lügner, Betrüger. Unter ihnen einer, der in ständig wechselnden Maskeraden, mal philanthropischer Musterchrist, mal kalter Zyniker, die Mitreisenden völlig verwirrt. In seinen Masken hält er ihnen immer neue Spiegel vor, in denen sie selbst als nichts denn Täuschung erscheinen. Das hat mehr vom mittelalterlichen Sebastian Brant als von distinkter amerikanischer Wirklichkeit. Aber vielleicht meinte Roth, Trump sei so ein Maskenmann, der die amerikanische Gesellschaft zur Selbstprüfung zwingt?

Es lohnt sich eher, noch einmal bei der Handlungszeit von Roths Roman zu bleiben. Lindberghs Wahl 1940 ist bei Roth ein Katalysator für die damals wie heute ohnehin vorhandene bornierte Aggressivität eines Teils der „weißen“ USA. Tatsächlich war die Nation ja zutiefst gespalten zwischen Isolationisten – „America first“ hieß die entsprechende Bewegung, der der reale Lindbergh vorstand – und Interventionisten, die von den Isolationalisten mit Antisemitsmus belegt wurden, wie umgekehrt nicht nur deutschstämmige Amerikaner durchaus naziaffin waren. Insofern ist erstaunlich, dass Roth nicht ein anderes Buch empfahl, dem das seine durchaus ähnelte. Auch dies eine heftige Satire. Sinclair Lewis’ It Can’t Happen Here, 1935, auf Deutsch 1936 in Amsterdam erschienen. Recht früh hat man im Zusammenhang mit Trump dieses Buch hevorgeholt, nicht zuletzt im November Magda, in der Freitag-Community.

Die New York Times nannte ihn denn auch direkt „den klassischen Roman, der Trump vorhersagte“. Ist das so? Man kann es nun auf Deutsch nachlesen. Die Übersetzung von Hans Meisel im Exil 1936 ist nun in einer Neuausgabe bei Aufbau erschienen, angekündigt als der Roman, der „Trumps Wahlsieg voraussagte“. Das ist natürlich Quatsch. Angeregt von einem Interview seiner Frau Dorothy Thompson mit Hitler und dem populistischen demokratischen (!) Senator von Louisiana, Huey Long, sowie vom Radioprediger Charles Coughlin, hat Lewis die Karriere des Berzelius Windrip imaginiert. Dieser Windrip kommt pseudosozialistisch daher, und verspricht den wahren amerikanischen Familien finanzielle Subvention, als Präsident entmachtet er dann den Kongress, entrechtet Frauen und Minderheiten, baut flächendeckend eine neuartige Verwaltung („Korpos“), führt Milizen und Sondergerichte ein und zettelt 1939 einen Krieg gegen Mexiko an.

Das alles orientierte sich am zeitgenössischen Faschismus und steht konträr zur destruktiven Entregelung und Entinstitutionalisierung, zum chaotischen Jenachdem des Trumpismus. Der Roman zeigt aber zugleich einen Weg, der auch in Roths Roman gegangen wird, einen in Widerstand und Bürgerkrieg. Der eigentliche Held des Romans, Doremus Jessup, ein Provinzjournalist und Bequemlichkeitssozialist, der eingangs die Entwicklung kommen sieht, von der seine Freunde meinen, sie könne niemals geschehen, wird am Ende zum bewaffneten Widerstandskämpfer. Was den durchaus packenden Roman wirklich aktuell und lesenswert macht, ist sein Blick auf die amerikanische Gesellschaft, vor allem auf jenen Großteil der Bevölkerung, der stolz seine Ignoranz und Illiberalität pflegt.

In „Amerika, so sehr gepriesen für seine umfassende, volkstümliche und freie Erziehung, hatte es in Wirklichkeit so wenig Erziehung – umfassend, volkstümlich, frei – (…) gegeben, dass die meisten Leute keine Ahnung hatten, was sie wollten – so wenig über die Dinge Bescheid wussten, die sie wollten“, heißt es gegen Ende. Zuvor hatte Doremus berichtet, wie das Studium neu organisiert wurde: „Die Studenten sollten keine Zeit mit der sogenannten ‚Literatur‘ vergeuden; als Lehrstoff dienten die neuesten ausländischen Zeitungen. Was das Englische betraf, so war ein gewisses Literaturstudium erlaubt, um Zitate für politische Reden bereitzustellen, doch die Hauptkurse lagen auf dem Gebiet von Werbung, Parteien-Journalismus und Handelskorrespondenz, und kein Autor vor 1800 durfte erwähnt werden, bis auf Shakespeare und Milton.“

Jenseits der Mauer

Bei den Büchern geht es dann doch auch um Bücher und was man ihnen alles so zutraut. Dabei hatte Doremus schon früh erfahren, „dass die Bücher überhaupt versagten“. Romane sind nun einmal weder Orakel noch Handlungsanweisungen. Wenn sie, und gerade die orakelnden, satirischen oder kontrafaktischen, etwas sind, dann Mittel zur Differenzschärfung und nicht zur Deckungssuche.

Aber es geht in Trumps Welt eben gar nicht mehr um die Bücher. Diejenigen, die jetzt wieder in Romanen nach Vorausbildern suchen, vertrauen der Kraft der Literatur, wie ja diese Romane selbst es taten; die Welt des Trumpismus aber liegt diesseits, durch eine dichtere Mauer von ihnen getrennt, als Trump sie gegen Mexiko errichten könnte. Denn während Nero noch Verse verfasste, sogar Stalin, Gaddafi immerhin Erzählungen, vergnügt sich Trump mit Twittern – von nichts zu erreichen, das mehr als 140 Zeichen oder ein Argument hat.

Info

Das ist bei uns nicht möglich Sinclair Lewis Hans Meisel (Übers.), Aufbau Verlag, 448 S., 24, 00 €

Verschwörung gegen Amerika Philip Roth Werner Schmitz (Übers.), Rowohlt Taschenbuch Verlag 2007, 544 S., 9,99 €

Maskeraden oder Vertrauen gegen Vertrauen Herman Melville Christa Schuenke (Übers.), btb Verlag 2001, 22,43 €

06:00 26.04.2017

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