Farmer im Slum

Südafrika Immer mehr Menschen drängen in die Metropolen. Agrocitys wie in der Region Kapstadt sollen die ländliche Kultur erhalten
Pit Wuhrer | Ausgabe 27/2017

Stolz ist der schlaksige Mittdreißiger mit dem breitkrempigen Hut, sehr stolz sogar. Hier in Green Point, einem der ärmsten Quartiere in der Township Khayelitsha („Neue Heimat“), hat Sweet Boy Mdani etwas erreicht, um das ihn viele beneiden. Er steht vor seiner Hütte, um ihn herum nur Blech- und Holzbuden, dazwischen staubige Wege und hohe Zäune, alle hundert Meter eine Wasserstelle.

Grau ist das Viertel und staubig. Nur bei Mdani vor den beiden Zimmern mit dem uralten Fernseher und dem zerschlissenen Sessel ist alles grün. „Hier habe ich Spinat gepflanzt“, erklärt der Tagelöhner, „dort drüben wächst der Brokkoli, die Rote Bete gedeiht, die Ackerbohnen versprechen eine gute Ernte. Und den Sellerie kann ich sicher bald verkaufen.“ Ein Großteil der Beete wird auf Kopfhöhe der brennenden Sonne wegen von Sackleinen überspannt.

Mdanis Gemüsegarten ist mehr als nur eine grüne Oase in einem Asyl der Trostlosigkeit wie Khayelitsha, der am schnellsten wachsenden Township Südafrikas. Seine Hausfarm ist ein Beispiel für wachsende Selbstachtung in diesem Slum rund 30 Kilometer östlich vom Zentrum Kapstadts. Die Bewohner können zeigen, was in ihnen steckt, wenn sie die Mittel erhalten, um für sich selbst sorgen zu können.

Früher, erzählt Mdani, habe er auch schon einmal gegärtnert, das sei in der Provinz Eastern Cape gewesen. „Aber da hatte ich von Pflanzen eigentlich keine Ahnung. Jetzt aber weiß ich, wie tief so ein Beet in den Boden reichen muss, dass Fruchtwechsel wichtig ist, und es auch ohne Kunstdünger geht.“ Mit dem Gemüse, das bei ihm wächst, kann er sich selbst, seine Frau und drei Kinder ernähren. „Oft kommen auch Leute vorbei, denen ich was verkaufen kann.“

Neue Ökosysteme schaffen

In Mdanis Township Khayelitsha versucht die Organisation Soil for Life (www.soilforlife.co.za) mit Sitz im vorwiegend weißen und wohlhabenden Weinbauviertel Constantia bei Kapstadt, die Idee von einer Agrocity umzusetzen. Das Konzept hatte der kürzlich verstorbene Theologe, Entwicklungssoziologe und Journalist Al Imfeld in seinem Essayband Agrocity – die Stadt für Afrika skizziert. Ausgehend von der Überlegung, dass die Landflucht nicht mehr rückgängig zu machen ist – mittlerweile leben 60 Prozent der afrikanischen Bevölkerung in Städten –, entwirft Imfeld die Grundzüge einer lebenswerten und lebensfähigen Urbanität: polyzentrisch angelegte Metropolen, die auf einer Mischökonomie von städtischen Produktionsweisen, Landwirtschaft und (Tausch-) Handel basieren, die gemeinschaftlich organisiert sind und neue Ökosysteme wie eine vertikale Begrünung und Wasserrecycling fördern.

„Südafrika“, schreibt Imfeld, „hätte die beste Ausgangslage, um eine Agrocity zu planen.“ Die Kapregion sei dafür besonders prädestiniert, da hier der Boden weniger vergiftet ist als unter den 250 Minen-Townships des Landes, die für die Bergarbeiter und ihre Familien auf verseuchtem Abraum errichtet wurden. Eine vielfältige agrarische Nutzung der großen und kleinen Flächen sowie die diversen Traditionen der indischen und südostasiatischen Einwanderer – der San und Khoi (die ursprünglich in der Kapregion siedelten) –, dazu die Binnenmigration könnten den Townships eine eigene Identität verleihen. In dieser Urbanität – so argumentierte Al Imfeld – liege ein erhebliches Potenzial an Wissen brach, das Architekten und Planer, aber auch Hilfswerke viel besser nutzen könnten als bisher.

Kaffeesatz und Knochen

Zwei Kilometer von Mdanis Garten entfernt lebt Cynthia Joko in einem etwas besseren Quartier. Ihr kleines Haus hat gemauerte Außenwände, ein schmiedeeisernes Gitter schützt den Eingang, die Fenster haben eine stabilen Rahmen. An der Wand stapeln sich Plastikflaschen. „Wasser ist unser Hauptproblem“, meint sie auf dem Weg zur kleinen Plantage hinter dem Haus, „also halte ich mir einen Vorrat.“ Den braucht die 52-Jährige mit dem Strohhut und der rosaroten Schürze für die vielen Nutzpflanzen, die hinter dem Haus aus Beeten, Eimern und einer ehemaligen Tiefkühltruhe sprießen. An der schrägen Betonwand zum Nachbarn lehnen alte Autoreifen, die für eine Umrandung der Beete gedacht sind. Wie Mdani ist Joko jeden Tag Stunden in ihrem Garten. Wie Mdani ernährt sie fünf Menschen durch eigene Ernte. Und wie Mdani verdankt sie ihre Kenntnisse der Initiative Soil for Life. „Früher kannten wir viele Kräuter nicht und wussten nichts von deren Wirkung“, sagt ihre Nichte Amanada, die an der University of Cape Town studiert und bei Joko regelmäßig aushilft.

In Mdani und Jokos Township Khayelitsha leben zwischen 600.000 und 1,5 Millionen Menschen, genau weiß das niemand. Über die Hälfte der Erwerbsfähigen ist ohne feste Beschäftigung, was für die anderen Townships in dieser Gegend ebenso gilt. Neben Khayelitsha erstreckt sich am Indischen Ozean Mitchells Plain (rund 400.000 Einwohner), weiter nördlich, beim Flughafen, liegt Delft (300.000), westlich davon folgen Gugulethu (100.000) und Bonteheuwel (50.000). Die Siedlungen sind während der vergangenen 50 Jahre entstanden, als das Apartheid-Regime die Menschen zu segregieren begann, um die schwarze Bevölkerung aus der Innenstadt zu verbannen oder vor den Bezirken im Zentrum aufzufangen. Sämtliche Townships sind heute keine amorphe Ansammlung von Elendshütten mehr, sondern urbane Gemeinschaften mit Geschäftsbezirken, öffentlichen Einrichtungen, besseren Quartieren, Macht- und Ausbeutungsstrukturen. Und sie sind in Bewegung.

Dafür haben vor über 15 Jahren nicht zuletzt Pat Featherstone und die Non-Profit-Organisation Soil for Life gesorgt. Hier entstand die Idee zu einem Urban-Farming-Projekt, das einer entwurzelten Bevölkerung Halt geben sollte. „Wenn man weiß, wie es geht, ist auch mit bescheidenen Mitteln viel zu erreichen“, sagt Featherstone. „Die Menschen können sich mit gesundem Essen versorgen, ihre Umgebung aufwerten und ihr Potenzial entdecken.“ Featherstone steht im großen Schulungsgarten von Soil for Life und demonstriert, wie wenig es in der Agrocity für einen guten Bio-Kompost braucht (Küchenabfälle, alte Blumen, Kaffeesatz, Knochen, Erdwürmer). Es kann praktisch alles recycelt und verwendet werden. Mit ausgedienten Blechkanistern und Eimern lassen sich auch vertikale Gärten anlegen. Und was das alles kostet? Praktisch nichts.

„Beginne, wo du bist. Nutze, was du hast. Tu, was du kannst. Und tu es jetzt“ – Featherstones Motto hat sich auch Fram Fredericks zu eigen gemacht. Die 58-Jährige arbeitete lange Jahre für die Drogen-, Obdachlosen- und HIV-Beratung, bevor sie sich bei Soil for Life engagierte. Jetzt ist sie als Programmleiterin zuständig für die Ausbildung. „Unsere Trainer informieren die freiwilligen Teilnehmer über die Grundlagen des Gemüseanbaus, unterrichten sie über organische Düngemittel, jäten mit ihnen und besuchen mit der Gruppe jeweils die Gärten der anderen.“ In den zurückliegenden fünf Jahren legten rund 3.000 Township-Bewohner einen Garten an. „Die meisten sind Frauen“, sagt Fredericks, „und nur ein Bruchteil von ihnen hat wieder aufgegeben.“

In Mitchells Plain, so heißt die Township neben Khayelitsha, hat Avril Isaacs ihren kleinen Vorgarten zu einem Schaustück ausgebaut, das sie gern zeigt. Früher habe es hier so ausgesehen wie beim Nachbarn, sagt sie und zeigt über die Mauer: „Alles war öde und grau.“ Aber jetzt verweisen handgeschriebene Zettel auf eine neue Ordnung. „Water Bank“ steht auf dem Schild, das auf einem Stapel Plastikflaschen liegt. Den Hinweis „Succulants“ hat sie neben ausgediente Schuhe und hängende Blumentöpfe geheftet, aus denen Aloe Vera sprießt. „Wir ernten jeden Tag und essen kaum noch Fleisch“, erläutert Isaacs. „Das Beste aber ist, dass der Garten unser Leben völlig verändert hat.“ Bis zur Begrünung habe ihr Mann jeden Tag getrunken, meist billigen Fusel – wie viele Township-Bewohner. „Dann aber begann er sich wieder für das Leben zu interessieren. Jetzt geht er einer bezahlten Arbeit nach und kauft statt billigem Whisky neue Solarleuchten für den Garten.“

Auch Magda Campbell hat einen dramatischen Wandel hinter sich. 17 Jahre lang war sie Produktionsleiterin in einer großen Firma, bis ihr „der Job zu langweilig“ wurde. Sie nahm ein Studium der Agrarwirtschaft auf und blieb gewissermaßen im ersten Praktikum hängen: dem großen Nutzgarten der Sonderschule Beaconvale. Schon in der ersten Woche habe sie sich mit Schülern unterhalten, sie nach ihren Zukunftsplänen befragt und zu ihrer Verblüffung gemerkt, „dass sie vor dem Nichts stehen“. Also habe sie beschlossen, diesen Jugendlichen „die Welt ein bisschen zu öffnen“. Mittlerweile bietet sie wöchentlich Lernnachmittage an, zwei Schüler gehen ihr regelmäßig zur Hand, die Nachbarschaft wird zu Tagen des offenen Gartens eingeladen, die biologisch angebauten Salate des gut 1.500 Quadratmeter großen Grundstücks stehen auf dem Speiseplan der Schulkantine. „Ich wurde schon gefragt, ob ich das nicht auch für andere Schulen aufziehen könnte.“

Aber das sei dann doch ein bisschen viel verlangt. Die 55-Jährige mit der Baseballkappe arbeitet ohnehin schon oft von morgens bis abends hier. Geld dafür bekommt sie nicht. Selbst die dringend benötigten Beschattungsnetze wird sie selber besorgen müssen. „Irgendwie bekomme ich das schon hin“, lächelt sie. Woher ihr Engagement? „Ich habe das Gefühl, dass längst die Zeit gekommen ist, der Gesellschaft etwas zu geben.“

Al Imfeld hätte das gewiss gefreut.

06:00 02.08.2017

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