Faule Schweine

Essay Warum fahren die Leute eigentlich Taxi? Unser Autor erkundet eine verdammt schöne, alte Kulturtechnik
Frédéric Valin | Ausgabe 06/2017
Faule Schweine
Wenn nicht Milla Jovovich mit roten Haaren einsteigt, bleibt die Lage überschaubar
Fotos: iStock (5), Fotolia, Imago

Im Innern des Wagens wird die Welt egal. Kaum dass Zazie in das Taxi eingestiegen ist, verschwimmt Paris zu einer undefinierten Ansammlung von Fassaden. Draußen ziehen Gebäude vorbei, und keiner der Insassen weiß, was sie bedeuten. War das das Panthéon oder der Gare de Lyon? Der Invalidendom oder die Caserne de Reuilly? Man diskutiert, bis man vorübergefahren ist, dann wendet man sich der nächsten Kuppel zu, es ist im Grunde nämlich völlig unwichtig.

So beginnt Raymond Queneaus Roman Zazie in der Metro von 1959 über die kleine, altkluge Provinzgöre Zazie, die ihren Onkel in der großen Stadt besucht. Eigentlich will sie viel lieber Metro fahren, aber die streikt. „Am Arsch“, sagt Zazie, trinkt „Cacocalo“ und organisiert sich „Bludschins“.

In Frankreich ist der Mythos des Taxifahrers präsenter als hierzulande. Die Taxifahrer sind Teil einer großen nationalen Erzählung; sie waren es, die, als die Deutschen 1914 nach Paris durchzubrechen drohten, die Soldaten an die Marne brachten, wo der Vormarsch aufgehalten werden konnte. Sie sind die Retter der Französischen Republik, und über die Jahre hat die französische Popkultur dem Taxi immer wieder kleine Denkmäler gesetzt. Vanessa Paradis startete ihre Karriere mit Joe le taxi, Luc Besson lässt mit seiner Taxi-Slapstick-Reihe aus den Jahren 1998 bis 2007 den Frankoalgerier Samy Naceri der notorisch unfähigen Polizei regelmäßig den Arsch retten.

Mein Freund Klaus fährt Taxi seit 28 Jahren, aber Taxifahrer ist er nicht. Er ist Musiker. Taxi fahren tut er, weil auch Musiker Miete zahlen müssen und einen Kühlschrank haben, in den Milch muss. Und weil das eine leichte Art des Geldverdienens ist. „Es ist ein Schlenzjob“, sagt Klaus. „Ich kenne sonst keinen Beruf, in dem deine Schicht mit einer Pause beginnt.“

Er sagt auch, dass es im Grunde gar keine Taxifahrer gibt. Hauptsächlich sind sie alle etwas anderes, Künstler oder Handwerker, aber sie verkaufen ihre Bilder nicht, schreiben ihre Bücher nicht fertig, oder ihre ehemaligen Betriebe haben Pleite gemacht. Sie sind wie Bruce Willis in Das fünfte Element: Sie waren einst etwas ganz anderes, jetzt sitzen sie im Auto und warten auf den nächsten Auftrag. Und wenn nicht etwas völlig Unvorhergesehenes passiert, zum Beispiel, dass Milla Jovovich mit roten Haaren und in Klebeband eingewickelt auf ihren Rücksitz plumpst, werden sie es auch die nächsten Jahre so halten.

In Tegel, hinter dem Karstadt, ist ein Taxistand. Am Abend stehen hier nur ein oder zwei Wagen; das reicht für die paar Leute, die nachts noch raus in den Wald müssen. Tagsüber ist hier mehr los: Ältere Herrschaften, die zum Einkaufen wollen und anschließend noch ein Stück Kuchen im Café Röttgen essen gehen, Leute, die zu ihrem Arzt fahren, oder sie müssen zum Hauptbahnhof. „Wir sind“, sagt der Taxifahrer am Stand, „hier schon ziemlich unter uns. Es gibt Schichten, da fahr ich nicht ein Mal in die Stadt hinein.“ In die Stadt hinein. Es gibt Ecken in Berlin, von denen aus fährt man also noch in die Stadt hinein.

Warum fahren die Leute Taxi, Klaus? „Weil sie faule Schweine sind.“ Ruhrpöttler Klaus hat sich diese klassische Berliner Unfreundlichkeit antrainiert, aus der heraus er sprechen kann, ohne zu viel von sich zu verraten. Manchmal kommen mir die Gespräche mit ihm wie komplizierte Schachpartien vor, und immer spielt er Schwarz.

Ich stelle meine Fragen; jene Fragen, von denen ich glaube, dass man sie als Taxifahrer die Woche über dutzendfach hört. Gewalt? Einmal ist er überfallen worden. Betrug? Einmal im halben Jahr versucht einer nachts, in die Dunkelheit der Hasenheide zu entkommen, statt seinen Tarif zu bezahlen. Aber die meisten kriegt er. Sex? Klaus seufzt: Schon seit Jahren nicht mehr. Und wann hat er all diese Fragen das letzte Mal gehört? Klaus sieht mich überrascht an. Das ist Wochen, vielleicht Monate her.

Wir fahren eine Runde. Die U-Bahn hat aus meiner Vorstellung von der Stadt einen Flickenteppich gemacht. Einzelne Stationen sind Zentren bestimmter Beziehungen und Möglichkeiten, hier ein Restaurant, in das ich gern gehe, dort eine Bar, die ich schon öfter besucht habe. Bei der nächtlichen Taxifahrt fließt die Stadt wieder zu einer Einheit zusammen. In Berlin, dieser breitgetretenen Stadt, ist das Auto die einzige Möglichkeit des Flanierens; nur befahren ist diese Stadt ganz erfahrbar. Sie bleibt auch im Wagen ein Labyrinth, aber eines, das räumlich zusammenhängt.

Der Geist der Großmutter

„Klaus, willst du noch einmal was anderes machen?“ Nein, will er nicht. Er denkt auch nicht daran. Woran er denkt, ist, dass er sich morgen einen neuen Verstärker kaufen wird, für seinen Bass. 500 Euro. Klingt aber Bombe. Dafür lohnt es sich, noch ein paar Schichten extra zu fahren. „Muss sein“, sagt Klaus, und ich weiß nicht, ob er die Extraschichten meint oder den Verstärker. „Der Job ist mies, doch ich brauch den Kies“, sage ich, und vermutlich weiß nicht mehr jeder, dass ich hier auf den Taxisong der Band Jawoll vom Anfang der 80er anspiele. Klaus aber schon, er lacht. „Jawoll“, sagt er, und dann: „Ich dachte, du wärst zu jung für den Scheiß.“

Lesetipp

Jochen Rausch hat irgendwann angefangen, Taxigeschichten aufzuschreiben, 120 sind es geworden, jede eine kurze Seite lang. Die Miniaturen sind in ihrer Szenenhaftigkeit ganz dem Alltag entrissen. Es geht um Liebe auf dem Rücksitz und all die Dinge, die man machen wollte, ehe man sich hinter das Lenkrad klemmte. Nicht immer sind die Chauffeure sympathisch, trotzdem haftet all den Storys etwas Rührendes an, das entsteht, wenn man auf Offenherzigkeit trifft. Im Taxi: Eine Deutschlandreise (Berlin Verlag) ist ein Hohelied auf den dahingebummelten Smalltalk und die Neugierde. Es gibt viele Themen, über die sich sprechen lässt, nur über Politik besser nicht. Neulich hat Cem Özdemir berichtet, er sehe sich Anfeindungen von türkisch-nationalistischen Taxifahrern ausgesetzt. Auch der Journalist Can Dündar erzählte von ähnlich feindseligen Erlebnissen.

In Neukölln, hinter dem Rathaus, stehen fünf, sechs, sieben Wagen. Es ist Montagabend, es ist kurz vor neun. Ich habe hier jahrelang gewohnt, und bin auch oft mit dem Taxi nach Hause gefahren. Klaus hat recht: weil ich ein faules Schwein bin. Von Paul Virilio stammt die These, das moderne Auto habe mit einem Sessel mehr zu tun als mit einer Pferdekutsche. Im Grunde sind Autos mobile Möbelstücke.

Mein Fahrer heißt Murat, und seine Schicht hat gerade erst begonnen. Er fährt zehn Stunden, erzählt er, jede Nacht. Er braucht das Geld, er hat zwei kleine Töchter; man verdient nicht sehr viel als Taxifahrer. Morgens kommt er nach Hause und frühstückt mit den Kindern, dann geht er schlafen. Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule zurückkommen, steht er auf. Dann hat er family time bis acht. Und dann setzt er sich wieder ins Taxi. Jeden Tag, außer am Wochenende. Ich habe diese Art Geschichte schon oft gehört, trotzdem beeindruckt sie mich jedes Mal aufs Neue. Es liegt eine Selbstaufgabe darin, die ich nicht verstehe. Und immer bei diesen Fahrten kommt die Frage, ob ich denn Kinder habe. Und immer kommt auch ein ungläubiges Kopfschütteln, wenn ich verneine. Aber warum denn nicht? Kinder sind doch das Allerschönste! In türkischen Taxifahrern lebt der Geist meiner bayrischen Großmutter weiter.

Das deutsche Taxi fristet ein popkulturelles Nischendasein: Ob nach Paris oder Leipzig, seine Mobilität steht im Vordergrund, es ist Mittel zum Zweck. Das New Yorker Taxi hingegen ist ein Symbol für Integration und Inklusion. Acht Prozent der Fahrer sind in den USA geboren, 1980 waren es noch über 60 Prozent. Gelegenheitsfahrer gibt es kaum mehr welche, die Standardschicht sind zwölf Stunden, ansonsten lohnt sich die Arbeit nicht, schreibt die New York Times. Mit der wachsenden Konkurrenz, mit Uber und Car-Sharing, wird sich die Situation weiter verschärfen.

Eine solche multikulturelle Erzählung gibt es über Berliner Taxis nicht, und doch stimmt sie auch hier. Der Job ist voraussetzungsarm, Führerschein und Prüfung reichen; er ist schlecht genug bezahlt, dass ihn nicht jeder machen will. Man kann sehr schnell selbstständig werden, aber man bleibt doch in seiner monde à part, in seiner eigenen Welt. Ranjit, der Fahrer in der Serie How I Met Your Mother, fährt irgendwann eine Limousine: Höher kann er nicht mehr aufsteigen.

In Steglitz, mittags um vier, sitzt ein älterer Mann in seinem Mercedes und liest BZ. Als ich anklopfe, seufzt er kurz, bevor er die Zeitung zusammenrollt. Früher war er bei der BVG, erzählt er mir später, aber na ja. Das ist seine Lieblingsformel: na ja. Er ist Rentner, er müsste nicht mehr fahren, er tut es trotzdem hin und wieder, für den Urlaub. „Meine Frau fährt gern weg“, sagt er. „Und Sie nicht?“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich bin ganz gern da, wo meine Frau ist.“ Er hat keine Miene verzogen, noch nicht einmal kurz nachgedacht. Der Satz kam ihm mit einer Selbstverständlichkeit über die Lippen, die die Schönheit unverrückbarer Empfindungen ausmacht. Wann er denn Feierabend mache, frage ich, er zuckt mit den Schultern. Vielleicht um sechs. Er fährt nur tagsüber, er schläft sonst schlecht.

Ich frage Klaus, welche ihm die liebsten Fahrgäste sind. „Chinesische Geschäftsmänner“, sagt er, „die reden nicht sehr viel und sind sehr freundlich.“ Außerdem sei es immer ein Abenteuer, herauszufinden, wohin sie jetzt genau wollten. „Wie Kreuzworträtsel, aber live.“ Und die unliebsten? „Alles, was zur Fashion Week durch Mitte spaziert. Da machste die ganze Nacht nur Drei-Meter-Fahrten, weil die Damen und Herren sich zu fein sind, in die Cocktailbar zwei Straßen weiter zu spazieren.“

Dann drückt er mir einen Flyer in die Hand: Übermorgen hat er ein Konzert, mit der neuen Band. Er wird zum ersten Mal singen, sagt er. Demnächst produziert er eine Platte, wenn ich wolle, könne ich ihm ja einen Song dafür schreiben. Klar, sage ich, vielleicht über Milla Jovovich, aber die kennt er nicht. Und vielleicht wäre das auch zu pathetisch.

Frédéric Valin veröffentlichte zuletzt im Verbrecher-Verlag Zidane schweigt, einen Essay über das Scheitern des Multikulturalismus in Frankreich und den Aufstieg des Front National

06:00 22.02.2017

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