Fiddler

Warschauer Abende Morgendämmerung. Ich schaue aus dem Hotelfenster in eine fremde Stadt. Das kommt öfter vor, als mir lieb ist. Doch in Warschau ist es etwas ...

Morgendämmerung. Ich schaue aus dem Hotelfenster in eine fremde Stadt. Das kommt öfter vor, als mir lieb ist. Doch in Warschau ist es etwas Besonderes. Jeden Morgen versuche ich, mir das Unbegreifbare klar zu machen, dass diese Stadt lebt. Drei Monate haben die Nazis gebraucht, um sie in Schutt und Asche zu legen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Und hier steht sie nun vor meinen Augen. Eine komplette Stadt, in der vor 60 Jahren nichts mehr war. Noch ist sie leer. Doch ihr fein verästelter Organismus beginnt sich zu regen. In dem kleinen Schulgebäude gegenüber trudeln die ersten Pennäler ein. Den Horizont umgrenzen uniforme Kästen aus den fünfziger Jahren. Ich muss an Andrzejs Witz gestern denken, wo ein Deutscher nach Polen kommt und darüber schimpft, dass man in Warschau keine schönen Altbauwohnungen mieten kann.

Der Prunkpalast des Hotels Grand atmet mit seinen blätternden Fassaden den Charme der Berliner Stalin-Allee. Das Erste, was ich vom elften Stock morgens immer sehe, ist das gelbe Logo der Raiffeisenbank auf dem Hochhaus gegenüber. Bin ich in Berlin oder in Warschau? Überall in der Stadt begleitet mich dieses seltsame Zwittergefühl. Der Sozialismus ist nur noch Form und Erinnerung. Überall krönen ihn die Zeichen des Kapitalismus. Das unaufhörliche Blinken der Neonreklamen ist die neue Melodie der Stadt. Spiel mir das Lied vom Markt! Den Schwarzmarkt kennt man nur vom Hörensagen.

Unten am Bus steht schon Janusz und raucht. Der Literaturwissenschaftler ist ein Mann von unerschütterlichem Optimismus. Dass er im Moment nicht als Literaturwissenschaftler arbeiten kann, stört ihn nicht. Jetzt schlägt er sich halt erst einmal als Dolmetscher durch. Irgendwann will er noch Jura studieren. Das könnte für die kleine Hauseigentümergemeinschaft nützlich sein, die er mit Freunden gegründet hat. Auf Polen-Klischees reagiert er allergisch. "Wieso arm?" wehrt er Marias Frage ab, die wissen will, ob auf dem Schwarzmarkt "die armen Polen" kaufen: "Ich würde sagen: die Sparsamen". Nicht jeder kann sich die Produkte aus den Nobelläden leisten, die die Einkaufsmeile der Nowy Swiat säumen. Das allmorgendliche Spektakel im Sportstadion auf der anderen, schmuddeligeren Weichselseite ist für Janusz kein Zeichen des rückständigen Ostens, sondern eines der Hoffnung. "Der Schwarzmarkt ist nicht nur ein Schwarzmarkt. Der ist ein Zeichen, dass sich die Gesellschaft selbst versorgen kann". Der Busfahrer hat deutlich weniger Ambitionen als Theoretiker der postsozialistischen Zivilgesellschaft. "Alles Schlitzaugen aus Ostasien" sagt er und schiebt die Zeigefinger unter die Augenlider, als er uns warnt, nur ja alle Wertgegenstände im Bus zu lassen.

Heute ist ein schlechter Tag. Die Händler sind sauer. Alles versinkt im Regen und Schlamm. Nach einer Stunde haben wir aber trotzdem etwas Praktisches aufgetrieben: Janusz billige Kugelschreiberminen, Rasierklingen und Malerhandschuhe, ich nach siebzehn Ständen ein paar Gläser russischen Kaviars, die aussehen, als sei tatsächlich echter darin und keine Schuhcreme. Zum Schluss lege ich mir noch eine CD mit polnischen Hits zu. "Hast du die Leute am Stand gesehen?" stößt mich Janusz in die Seite und grinst: "Der Stand gehört einem Armenier. Seine Freundin war aus der Ukraine. Und der Verkäufer war ein Farbiger". "Berlin sehr schöne Stadt", ruft mir der nach, als ich am Nebenstand die leere Plastikhülle für die selbstgebrannte CD kaufen will. Er hat drei Jahre in Berlin gelebt: "Drei Jahre Schoneberg gewohnt", echot er.

Neue Vielfalt und alte Leere stehen in Warschau frappierend nah nebeneinander. Um das Denkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto, vor dem Willy Brandt auf die Knie ging, stehen monotone Mietskasernen. An das jüdische Leben von einst erinnert hier nichts mehr. Hier und da pflegt man ein paar nostalgische Relikte. In Warschaus einzigem jüdischen Teatr Zydowski wird heute abend ein gnadenlos konventioneller Fiddler on the Roof gegeben. Milchmann Tevye zieht seinen Karren wie Mutter Courage. Wir warten draußen und rauchen. Hinter dem Theater steht eine kleine Synagoge. Jüdische Touristen aus Amerika mit Kippa betreten das Gebäude. Unauffällig sichert Polizei das Gelände. Janusz erzählt von New York, wohin es ihn ein paar Jahre verschlagen hat. Eines Tages ist er nach Brooklyn gezogen. In der East-Side war es ihm zu gefährlich geworden. "In Brooklyn war ich dann sicher", lacht er. "Es waren so viele Juden da, wie ich sie hier nie gesehen habe".

Vom Novotel gegenüber blinkt eine gleißend blaue Leuchtreklame. Vor dem Theater ziehen ein paar betrunkene Rucksacktouristen grölend in die Warschauer Altstadt. Drinnen schrammt der Fiedler seine Melodie. Spiel mir das Lied vom Überleben!


00:00 07.05.2004

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