Ziemlich beste Freundinnen

Kino Céline Sciamma erzählt in ihrem neuen Film „Petite Maman“ davon, wie es wohl wäre, der eigenen Mutter als gleichaltriges Mädchen zu begegnen

Wie sehr die Geschichte des Kinos von männlichem Begehren geprägt ist, hat die feministische Filmtheoretikerin Laura Mulvey 1973 in ihrem berühmten Aufsatz Visuelle Lust und narratives Kino beschrieben. Das klassische Hollywood-Kino, so Mulvey, sei bestimmt von einem „male gaze“: dem voyeuristischen Blick männlicher Regisseure, der Frauen wie Marlene Dietrich oder Greta Garbo auf der Leinwand zu Objekten der Begierde gemacht habe.

Die Idee von einem „female gaze“ als emanzipatorischem Gegenstück dazu spielt in den Filmen der französischen Regisseurin Céline Sciamma eine zentrale Rolle. 2019 erlebte sie mit ihrem Film Porträt einer jungen Frau in Flammen den internationalen Durchbruch. Darin erzählt sie von der Porträtmalerin Marianne (Noémie Merlant), die im späten 18. Jahrhundert von einer Gräfin beauftragt wird, deren Tochter Héloïse (Adèle Haenel) zu malen, um mit dem Gemälde einem mailändischen Adeligen eine Hochzeit schmackhaft zu machen. Doch Marianne und Héloïse beginnen eine Affäre. In kunstvollen Bildern entfaltet Sciamma dabei eine Geschichte von Begehren und gegenseitiger Inspiration, die an die Stelle von Konkurrenz und Dominanz tritt.

Nach dem Tod der Oma

Auch Sciammas neuer Film Petite Maman dreht sich um weibliche Freundschaft und Intimität. Die achtjährige Nelly (Joséphine Sanz) fährt zusammen mit ihrer Mutter Marion (Nina Meurisse) in das Landhaus der Familie, das nach dem Tod der Großmutter leer geräumt werden muss. Während Möbel weggetragen und Kisten gepackt werden, ringen beide auf ihre Weise mit dem Verlust: Nelly belastet der Gedanke, sich nicht richtig von der Großmutter verabschiedet zu haben. Marion wiederum findet beim Aufräumen alte Tagebücher und Zeichnungen, die lange vergessene Emotionen wieder aufleben lassen. Am nächsten Tag verlässt sie frühmorgens das Haus, Nelly und ihr Vater (Stéphane Varupenne) bleiben alleine zurück.

Um der angespannten Atmosphäre im Haus zu entfliehen, erkundet Nelly den umliegenden Wald. Bei einem ihrer Spaziergänge trifft sie die gleichaltrige Marion (Gabrielle Sanz), die ihr verblüffend ähnlich sieht. Zwischen den beiden entsteht schnell eine intuitive Freundschaft, die Sciamma ebenso feinfühlig wie humorvoll einfängt. Als Marion Nelly mit zu sich nach Hause nimmt und von ihrem Leben erzählt, realisiert Nelly, dass sie ihrer eigenen Mutter als Kind gegenübersteht.

Ähnlich wie David Lowerys Film A Ghost Story, in dem ein verunglückter junger Mann als Geist in sein ehemaliges Haus zurückkehrt und dort im Laufe der Zeit Zeuge von Trauer, Zerstörung, Hoffnung und Neuanfängen wird, bemüht sich Sciamma nicht um eine Erklärung für ihren Kunstgriff. Petite Maman geht es nicht um Spezialeffekte, sondern um die Erkundung von etwas, das sonst nur in der eigenen Vorstellung stattfindet: Wer die eigenen Eltern als Kinder waren. Einmal beklagt sich Nelly bei ihrem Vater, dass er ihr immer nur davon erzähle, welche Weihnachtsgeschenke er als Kind bekommen habe, aber nie von wirklich interessanten Sachen. „Wovor hattest du Angst?“, fragt sie ihn schließlich.

Petite Maman dauert nur etwas über 70 Minuten und zeigt doch vollkommen zeitvergessen Nellys kindliches Entdecken. In langen Einstellungen sehen wir, wie sie im Wald spaziert, mit Ästen spielt oder Pfeifen übt. Die herbstlichen Farben der Bäume und Wiesen fängt die Kamerafrau Claire Mathon in warmen Bildern ein, die ohne künstliches Licht auskommen. Es sind Momente ohne dramatische Pointe, die gerade wegen ihrer alltäglichen Schlichtheit so faszinierend sind. Wie in ihren früheren Filmen zeigt Sciamma hier, wie man die Intensität eines Augenblicks gerade durch die Reduktion von Sinneseindrücken steigern kann.

Obwohl Petite Maman zunächst im Zeichen von Trauer steht, lebt der Film nicht zuletzt von seiner Leichtigkeit. An einer Stelle machen Nelly und Marion zusammen Pfannkuchen und haben dabei großen Spaß an zersplitterten Eiern und überlaufenden Milchbehältern. Mit dem Teig malen sie sich erst mal gegenseitig Schnurrbärte auf. Als das Ganze fertig ist, nimmt Nelly die Pfanne und schleudert unter großem Gelächter den Pfannkuchen kopfüber in die Spüle. In einer anderen Szene fahren die beiden zu flirrendem Synthie-Pop mit dem Kanu über einen See. Selten hat man im Kino solch tolle und ungefilterte Momente kindlicher Freude gesehen.

Wer sorgt für wen

Sciamma spricht in Interviews oft von ihrer Bewunderung für die Schriftstellerin Virginia Woolf, die in ihren experimentellen Romanen die Geschlechterrollen des 19. Jahrhunderts hinter sich gelassen hat. Auch in Petite Maman werden immer wieder auf subtile Art Rollenbilder aufgebrochen. Während der Rückfahrt aus dem Pflegeheim, in dem die Großmutter zuletzt gelebt hat, füttert Nelly ihre am Steuer sitzende Mutter vom Rücksitz aus mit Erdnussflips. Die Kamera bleibt starr auf dem Gesicht der Mutter, von hinten reichen immer wieder die kleinen Hände nach vorne. Es ist eine ebenso witzige wie beiläufige Szene, die gleichzeitig traditionelle Vorstellungen davon verwischt, wer wem Fürsorge und emotionalen Halt bietet.

An einer anderen Stelle sprechen Tochter und Mutter als Gleichaltrige zueinander. Nelly gesteht Marion, dass sie Angst habe, dass diese als erwachsene Frau nicht wieder zurück zu ihr und ihrem Vater komme. „Du bist oft unglücklich und ich frage mich manchmal, ob es meine Schuld ist“, sagt die Tochter, bevor die Mutter sie beruhigt. Es ist ein schlicht inszenierter und doch nahezu magischer Augenblick, in dem alles zusammenkommt, was Petite Maman zu einem so einzigartigen Film macht.

Info

Petite Maman Céline Sciamma Frankreich 2021, 72 Minuten

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