„Fliesentisch liebe ich. Und Palmentapeten“

Porträt Finch Asozial entwirft als Rapper eine Welt aus Dorffest, Broiler, Pfefferminzlikör. Das soll der Osten sein – es funktioniert. Seine Videos werden geklickt wie blöd
„Fliesentisch liebe ich. Und Palmentapeten“
Finch Asozial isst Kassler aus Wärmeboxen, mag neu erfundene Wörter und sieht sich gern als ostdeutscher Hasselhoff

Foto: Hannah Herzberg für der Freitag

Im Video zu seinem Rapsong „Ledersklave Frederik“ fährt Finch Asozial auf einer Schwalbe durch eine von Plattenbauten umrahmte Straße im Lichtenberger Weitlingsviertel. Er posiert vor dem sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow, lächelt, schenkt Pfefferminzlikör in Gläser, die auf einer Mauer postiert sind. Auf dem schwarzen Anglerhut steht „Ostdeutschland“ in Frakturschrift, auf dem schwarzen Basecap, das er auch manchmal trägt, „Ordnungsamt“. Er rappt darüber, dass er aus dem Osten kommt und Tom Astor hört. Es geht ums Saufen, Vögeln, um deine Mutter, und Wessis, die die kleineren Penisse haben.

Die Videos haben auf Youtube mittlerweile bis zu mehr als 500.000 Klicks pro Stück, auf Instagram folgen ihm zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes über 33.000 Nutzer, mehr als 17.000 haben seinen Youtube Kanal abonniert. Bekannt geworden ist er durch Battleraps. Hier treten zwei Rapper live gegeneinander an und überziehen sich gegenseitig mit Beleidigungen. Danach gibt man sich die Hand und es gewinnt der Fiesere, Schnellere, Bessere, der die besseren Lines bringt. Finch Asozial war oft der Bessere. Auch weil er nicht nur für sich steht, sondern für eine Region. Den Osten. Der Rapper hat seine Gegner gezwungen, sich mit seiner Welt zu befassen. Die Eckdaten: Vokuhila, Fliesentisch, FC Union, Hartz IV, Saufen, Schwalbe fahren, Trabant fahren, Sex mit Ostfrauen. Zuspitzung: Ostfrauen sind heißer als Westfrauen, Ostschwänze härter als Westschwänze. So vulgärsexistisch das klingt, es kommt an.

Backstage in Bernburg

Finch Asozial ist vor kurzem 28 Jahre alt geworden, er ist in Frankfurt Oder geboren und in Brandenburg aufgewachsen, auf dem Land, in Fürstenwalde. Er hat die DDR gar nicht mehr erlebt, aber ist mit all dem aufgewachsen. Auf dem Lande hat sich der Osten länger erhalten. Seit fünf Jahren lebt er in Berlin- Lichtenberg und studiert Elektrotechnik. Im Sommer wird er fertig sein.

Mit dem Regionalexpress nach Bernburg, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, kurz hinter Magdeburg. Man fährt drei Stunden mit der Bahn. Ganz Bernburg ist mit Finch Asozial Plakaten tapeziert. Berlin ist weit weg. In der „Schorre“, einer Diskothek, findet der Release seiner ersten EP (Extendend Player, ein Minialbum) statt. Das Album heißt Fliesentischromantik. Es ist der erste Auftritt mit eigenen Tracks. Das Konzert geht erst um ein Uhr nachts los und jetzt ist es noch vor Mitternacht. Die Stimmung ist ausgelassen, manche Fans sind aus Cottbus, Halle, Rostock, Chemnitz und Magdeburg angereist.

Finch Asozial empfängt backstage, in einem fensterlosen Raum mit Neonlicht. Asozial ist groß, kräftiger Händedruck, klarer Blick, tiefe Stimme. Weißes T- Shirt, rotes Basecap, Jogginghose. In Wärmeboxen steht sein Lieblingsessen bereit. Wer ihm auf Instagram folgt, kennt es: Kassler, Sauerkraut und Kartoffeln. Später werden aus der Küche noch zwei riesige Portionen Mett, frisch aufgeschnittene Zwiebeln und Brot gebracht.

Finch Asozial und seine Jungs wirken aufgeregt, und euphorisch. Es ist der erste Auftritt mit eigenen Tracks. Vor dem Interview spielt er auf dem Plasmabildschirm, der hier extra für ihn aufgebaut wurde, noch eine Runde Tekken. Ein Kampfspiel. Er tritt gegen einen stiernackigen Security Mann an. Finch Asozial gewinnt. Dann ist er bereit, Fragen zu beantworten. Was hat er eigentlich gegen Wessis? „Nichts.“ Er hat Fans, die kommen aus Hamburg und aus Köln und aus Frankfurt Main, die kommen aus dem ganzen Land. Aber es gehe darum, den Osten wieder nach vorne zu bringen. Der Osten, Dunkeldeutschland. Das in den Medien schlechtgemacht wird. Wo die Leute schlechter als im Westen bezahlt werden. Wo angeblich alle weg wollen. Die Leute sollen wieder stolz darauf sein, woher sie kommen. In seiner Hymne Ostdeutschland heißt es:

„Im ganzen Land gehasst, von den Medien verpönt, doch ihr kriegt uns nicht klein, das Leben ist schön/ Väter fahrn mit ihren Söhnen nicht auf Segelyachttrips/ weil Vater lieber hacke vorm Rewe- Markt sitzt/ Die Art wie wir reden/ zu hart und zu streng/ trägt das Herz auf der Zunge/ ja man sagt was man denkt/ Frankfurt Oder, Berlin, Fürstenwalde/ Vaterliebe wird ersetzt durch eine Gürtelschnalle.“

Man muss das erstmal sacken lassen. Aber so ist es im Rap, so ist es in der Kunst. Gegensätze werden ineinander verschränkt und etwas Neues entsteht daraus.

Auf dem Schlachtfeld

Wie im Boxring stehen sich im Battlerap zwei Rapper gegenüber und bekämpfen (dissen) sich abwechselnd mit Worten. Konflikte werden hier mit Sprache ausgetragen und nicht mit Fäusten. Der Gegner soll diffamiert werden, die Waffen: Fantasie, Ironie und gute Reime. Man versucht dem Gegner mangelnde Potenz oder schlechte Rap-fähigkeiten (Skills) zu unterstellen, ihn sprachlich zu vernichten und sich selbst zu überhöhen. Es gibt Fairnessregeln: Rassistische Beleidigungen sind eigentlich tabu, was aber zunehmend unterlaufen wird. Battleraps finden live vor Publikum statt und werden seit ungefähr zehn Jahren auch im Internet übertragen. Dies kann Rappern schnell eine große Reichweite ermöglichen.

Finch Asozial hat sich hier seine Fangemeinde aufgebaut. In Deutschland findet Battlerap in verschiedenen Ligen und Formaten statt, die größte war „Rap am Mittwoch“ mit mehr als 250.000 Abonnenten und bis zu 2 Millionen Klicks pro Sendung auf Youtube. Hier sammelten unter anderem Sido, B-Tight und Frauenarzt ihre ersten Liveerfahrungen. Der Gründer, Produzent und Moderator der Veranstaltung, der israelischstämmige Berliner Rapper Ben Salomo, gab am 19. April 2018 bekannt, dass er das Format in der bisherigen Form einstellt. Begründung: „Drecksjude” sei im Deutschrap eine gängigere Beleidigung als „Hurensohn“ geworden.
Ist Antisemitismus mittlerweile ein offizielles Verkaufsargument im deutschen Rap? Ist der deutsche Rap einfach ein Spiegel unserer zunehmend aggressiveren Gesellschaft? Die Debatte wird weiterhin geführt werden müssen.

Finch Asozial nennt wieder die üblichen Koordinaten: Simson, Trabant, Broiler, FC Union, Fliesentisch. Und in gewisser Weise sind sie Teil seiner Geschichte. Er hat sich diese Kunstfigur erschaffen, die Vokuhila trägt und behauptet, sie hört Schlager. Er spitzt da eine Haltung zu, er erfindet ein Lebensgefühl. Gleichzeitig trifft er eines. Er fühlt sich seiner Heimat verbunden, legt auch manchmal noch als DJ Heiko auf Dorffesten auf. Und zwar 90er Musik und Schlager. Die hört er noch immer. Das hat ihn geprägt. Zuallererst Wolfgang Petry, aber auch die Puhdys und Karat. Zum Rappen kam er, weil es für ihn ein gutes Ventil ist, seine Erlebnisse zu verarbeiten und Aggressionen abzubauen. Wenn man seine Texte hört, hat er wohl eine Menge Aggressionen. Wenn man ihm begegnet, merkt man, dass er sie gut abgebaut hat. Fliesentischromantik. Was bedeutet ihm dieses Wort?

„Ich liebe den Fliesentisch und dann diese komischen Vorhänge. Wenn du in die Küche gehst, diese Perlenketten die da runter hängen und dann diese Palmentapeten oder wo die Karibik drauf ist. Das ist so diese Kombination.“ Der Fliesentisch habe was Kultiges, Schönes, „das ist nicht so ein Plastikscheiß, so eine Ikeapisse. Der ist rustikal, schön schwer, da stellst du einen Teller drauf, das ist so, als würdest du draußen in der Wildnis auf einem Stein essen. Der strahlt für mich einen gewissen Charme aus. Und Fliesentischromantik: Ich kauf mir alle zwei Wochen, wenn ich mal zu Rewe gehe, zwei Kerzen, so Geruchskerzen. Und die stell ich mir auf meinen Fliesentisch rechts und links hin. Dann zünd ich die halt an, das leuchtet voll schön, dann kuck ich Fernsehen, dann steht mein Bierchen da und das find ich halt romantisch. Fliesentisch steht ja eigentlich für verrufen, assi, alt, oll, aber die Kombination mit Romantik gibt dem Ganzen so einen gewissen Charme. Wenn du den abwischst, wenn du über die kalten Fliesen rüberfährst, weißt du, was das für ein schönes Gefühl ist? Wenn du den Teller schon hinstellst und der kratzt so leicht über die Fliesen, das ist so ein schönes Geräusch.“

Hier in unserer Straße sind wir fröhlich und entspannt: Finch-Freunde in Bernburg

Foto: Hannah Herzberg für der Freitag

Der Fliesentisch soll fürs Echte stehen. Was hat er mit dem Osten zu tun? Es gibt ihn ja im ganzen Land. Und auf RTL. Als „heimlicher Hauptdarsteller im Unterschichtenfernsehen“ wurde er im Vice-Magazin bezeichnet. Wer Finch Asozial länger zuhört, versteht, was er meinen könnte. Da ist etwas, das über diese Identifikation mit Ostdeutschland hinausgeht: etwas cool finden, was man offiziell nicht cool finden darf. Arm sein, Schlager hören und Fliesentische benutzen. Ist schon okay. Und es geht um gute Reime und Spaß. Um Gewalt, Alkoholmissbrauch und Vernachlässigung. Er erfinde gern, sagt Finch Asozial. „Wortschöpfungen liebe ich total. Leute assoziieren das dann immer mit dir. Wie zum Beispiel: ‚Ostdeutscher Hasselhoff.‘ Das hörst du einmal, siehst das bei Youtube und klickst das an. Oder ‚Ledersklave Frederik‘. Oder ‚Thekenkrieger‘. Oder ‚Nougatschleuse‘.“ Dann erklärt er, was er mit „Nougatschleuse“ meint. Nahe liegend, aber nicht druckbar. Es hat was mit Verdauung zu tun. „Wortschöpfungen sind schön. Damit kann man auch neue Reime kreieren, die vorher keiner hatte, denn das Wort hatte ja vorher noch keiner.“

Rap sei Wortwitz, Frieden. Man trage seine Konflikte durch Sprache aus, nicht durch Gewalt. Würde man zum Beispiel sagen, ein Chinese könne nur 16:9 Filme gucken, dann sei das witzig, nicht rassistisch. Er hätte nichts gegen Frauen, nichts gegen existierende, dann müsste er auch gegen seine Mutter sein. Aber gegen imaginäre Frauen, da könnte man Witze machen, oder imaginäre Schwule, das sei im Rap immer so gewesen.

Bei Kollegah hätte sich auch nie jemand aufgeregt, wenn er was gegen Frauen oder Schwule gesagt hätte, aber jetzt auf einmal würde man ihm Antisemitismus vorwerfen. Finch Asozial sagt, es müsse gegen alle gehen dürfen, oder gegen niemanden. Es dürfe im Battlerap (siehe Kasten) keine Tabus geben. Es ist wenig überraschend, das sagen viele andere auch. Er ärgere sich vor allem über Campino, er nehme ihm den Protest nicht ab. Dessen Statement beim Echo sei scheinheilig. Nach dem Interview stellt sich heraus, dass Ben Salomo, der Veranstalter der Reihe „Rap am Mittwoch“, der mit richtigem Namen Jonathan Kalmanovich heißt, damit aufhört. Weil er als Jude den Antisemitismus im deutschen Rap satt hat. Es ist das Format, durch das Finch Asozial bekannt wurde. Er wolle sich dazu aber lieber nicht äußern, sagt Finch Asozial. Das ende nie gut.

Pop ist out

Backstage in Bernburg scheint alles nur Spaß zu sein. Alkohol, Playstation, leckeres Essen, lustige Jungs. Später kommt einem die kranke Maschinerie, der kaputte Kapitalismus in den Sinn. Provokation. Aufmerksamkeit. Klickzahlen. Verkaufszahlen. Für Finch Asozial ist die Echodebatte auch Verteilungskampf, Pop gegen Rap. Westernhagen, Campino, Maffay, sie alle würden nicht verhindern können, dass Hiphop immer wichtiger werden wird.

Die Eckdaten: Vokuhila, Union Berlin, Hartz IV, Schwalbe und Saufen

Foto: Hannah Herzberg für der Freitag

Um die 700 Leute sind es schließlich beim Konzert in der „Schorre“. Finch Asozial bringt alle Tracks des Albums, das Konzert läuft grandios für ihn. Die Leute vor der Bühne können jede Textzeile mitsingen. „Ostdeutschland!” rufen sie und strecken die Arme in die Luft. Beim Eröffnungslied Fick mich Finch singen vor allem (heterosexuelle) Männer mit: „Ah Finch, es tut so weh, bitte steck ihn nur zur Hälfte rein, fick mich Finch.“ Danach stehen sie Schlange, um mit Finch Asozial fotografiert zu werden. Er legt seine Arme um Männer, um Frauen, Gruppen. Es ist mittlerweile halb drei, die „Schorre“ leert sich. Im Backstage ist der Wodka alle. Fragt man Finch Asozial, wo er sich in zehn Jahren sieht, sagt er, dass er da noch Musik machen und davon leben können will. Im Moment sieht es aus, als ob ihm das gelingen könnte.

Der erste Zug nach Berlin geht kurz vor fünf. Drei Mal umsteigen. Die Leute in der Straßenbahn nach Hause wirken weniger entspannt als im Zug nach Bernburg. Es kann schön sein, das Leben in Ostdeutschland. Und wo bekommt man Fliesentische?

06:00 06.06.2018

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