Flüchtige Gesten, leise Zärtlichkeit

Die Brüder haben eine Schwester bekommen Lone Scherfigs "Italienisch für Anfänger" ist ein "Dogma"-Film, der das ideologische Regelwerk auf seine technischen Grundlagen beschränkt

Der umstrittene "katholische Marxismus" Lars von Triers hat das Dogma-Konzept von Anfang an geprägt. Mit den zehn Geboten des Keuschheitsgelübdes hat von Trier eine moderne Sekte begründet und gleichzeitig eine Protest-Filmbewegung ins Leben gerufen. Das Dogma-Konzept und die Idee zu dem Film Idioten sind nicht zufällig gleichzeitig entstanden - wenn das Manifest die Sprache des Films erklärt, so erklärt der Film die Vision, die hinter dem Dogma-Konzept stand: Eine Gruppe von Menschen, der ein charismatischer Führer vorsteht, bricht mit den gesellschaftlichen Konventionen, um eine neue Glaubensgemeinschaft zu gründen. Ob die Sekten-Gebote stimmig sind, ist weniger wichtig als deren Überzeugungen konsequent zu folgen.

Von Anfang an wollten die "Dogma-Brüder" auch eine Frau mit dabei haben. Die Regisseurin Anne Wievel wurde von ihnen angesprochen, doch sie lehnte ab. So blieb es zunächst eine reine Brüderschaft, bis Lone Scherfig mit Italienisch für Anfänger den Vorschlag annahm - ihr Film wurde zum "Dogma # 12". Der Film der ersten "Dogma-Schwester" markiert einen Wendepunkt in der Dogma-Geschichte: Man könnte ihr Ende postulieren, aber genauso auch von einem Neuanfang der Bewegung sprechen - so weit entfernt hat sich das neue Produkt von seinen Vorgängern.

Die Regisseurin selbst versucht, das polemische Moment an ihrem Film herunterzuspielen: "Ich glaube", sagt sie, "dass sich unsere Filme mehr ähneln, als wir vermuten". Scherfig spricht alle wichtigen Dogma-Themen an - Familie, Einsamkeit, Glauben - und setzt dabei ganz andere Akzente als ihre "Brüder". Die Einsamkeit ist nicht in einer modernen Sekte zu bewältigen (Idioten), man entgeht ihr auch nicht durch Flucht aus der Zivilisation (Mifune), man braucht sein Elternhaus nicht zu zerstören, um innere Ruhe und Liebe zu finden (Das Fest). Überhaupt geht es Lone Scherfig nicht - wie den Autoren der drei genannten Filme - um die Dekonstruktion der bürgerlichen Familie, sondern um die Suche nach dem einfachen menschlichen Glück - und dabei erweist sich die Wärme der Familie als die einzige Medizin gegen Einsamkeit.

Ein generelles Harmoniebedürfnis bewegt diese sehr symmetrisch aufgebaute Geschichte von sechs Menschen, in der nicht nur drei Liebespaare zueinander finden, sondern auch zwei erwachsene Schwestern, die nie voneinander wussten. Die tyrannischen Eltern in Scherfigs Film sind zwar nicht viel sympathischer als die bei Thomas Vinterberg, doch sie haben mindestens nach dem Tod verdient, von ihren Kinder beweint zu werden und in der Kirche eine würdige Trauerfeier zu bekommen. Italienisch für Anfänger ist ein Liebesfilm, doch im Gegensatz zu Lovers (Dogma # 5) versucht er nicht, die Unmöglichkeit von Liebe und Familie im heutigen Europa zu beweisen, das durch wirtschaftliche Ungleichheit und Kriege gespalten ist. Die Erzählung aus der dänischen Provinz geht zwar sehr präzise mit den sozialen Hintergründen ihrer Figuren um (einem Pastor und einer Bäckereiverkäuferin, einem Hotelportier und einer Kellnerin, einem Kneiper und einer Friseuse) - doch Politik als solche spielt im Film überhaupt keine Rolle.

Italienisch für Anfänger lebt von der Poesie kleiner flüchtiger Gesten, von leiser Zärtlichkeit, von der erotischen Spannung, die zwischen Frauen und Männern immer wieder entsteht und sich wieder verflüchtigt. Die Friseuse Karen wäscht Halfinn die Haare, sie kennt ihn kaum, aber streichelt beim Waschen leicht seine Wange, er nimmt für einen kurzen Moment ihre Hand - doch dann werden sie durch einen Telefonanruf gestört ... Ein paar Tage später sitzt Halfinn wieder in Karens Salon. Karen versucht wieder seine Haare zu waschen, aber sie fängt an zu weinen - ihre Mutter ist inzwischen gestorben - die Tränen fallen auf Halfinns Gesicht. Karen entschuldigt sich und trocknet sie ab ... - so fängt eine Liebesgeschichte an. Eine andere Liebe zeigt sich ebenfalls in beiläufigen, unauffälligen Körperkontakten: Olympia trinkt mit dem jungen Pastor Andreas Cappuccino, ihre Lippen sind weiß vom Milch-Schaum. Andreas lächelt, streckt seine Hand über den Tisch und wischt ihre Lippen mit einer Serviette ab. Später steht Olympia auf - ihr Rock hat sich hoch geschoben, Andreas versucht ihr zu helfen, plötzlich bemerken beide die Peinlichkeit der Situation - Olympia bringt schnell ihre Kleidung in Ordnung und verabschiedet sich.

Von Triers Interesse am Marxismus ist sehr persönlicher Natur: Er kommt aus einer linken Familie - seine Mutter war Kommunistin, der Vater Sozialdemokrat, auch er selbst gehörte früher der Jugendorganisation der dänischen KP an. Die erste Präsentation des "Dogmas" hat er zur politischen Show stilisiert. Sie fand im Odéon-Theater in Paris statt, dem Theater, das 1968 von den Studenten besetzt worden war. Von Trier warf die leuchtend roten Dogma-Flugblätter, deren einfaches Design an die Zeiten der Revolte erinnerte, während einer Filmkonferenz in den Saal. Vor der Galavorstellung von Idioten und Fest in Cannes 1998 ließen die Regisseure die Internationale spielen. Im Manifest selbst, das von einigen Kritikern durchaus mit dem Kommunistischen Manifest verglichen wurde, greift von Trier die Nouvelle Vague mit ihrem Begriff des auteur und ihrer bürgerlichen Romantik an: "Der antibürgerliche Film wurde selbst bürgerlich, weil die Grundlagen seiner Theorien auf einem bürgerlichen Kunstverständnis beruhten." Als moderner Künstler ist von Trier natürlich auch ein ironischer Provokateur, jede seiner künstlerischen Gesten enthält ein starkes Element von Selbstironie. Aber Ironie zerstört bei ihm nie das echte Pathos, eher verbirgt sie die Ernsthaftigkeit seiner Absichten und seiner sozial-politischen oder moralistischen Aussagen - sie liefert ihm das beste Alibi.

Dem "katholischen Marxismus" von Triers stellt Scherfig so etwas wie einen "kleinbürgerlichen Protestantismus" gegenüber, der sich mit dem menschlichen Alltag beschäftigt und frei von religiösem Pathos ist. Von Triers Vision von Religion scheint manchmal archaischer als der Katholizismus selbst zu sein, zu dem er vor einigen Jahren konvertierte: "Wenn in der katholischen Kirche das Heilige Abendmahl gefeiert wird, isst man nicht Brot, sondern wirklich Fleisch, das Fleisch Jesu. Es ist kein Symbol wie im protestantischen Abendmahl."

Scherfigs Religions-Bild ist da prinzipiell anders: Der Film beginnt in der Kirche, der alte Pastor Wredmann verlässt die Toilette und knöpft seine Hose zu. Immer wieder genießt der junge Pastor Andreas das Wasser im Schwimmbad. Die beiden Geistlichen haben vor kurzem ihre Frauen verloren, Wredmann dadurch auch seinen Glauben. Nun versucht er Andreas´ religiöse Überzeugung anzugreifen: Gott sei nur eine Abstraktion. Allein im Hotelzimmer bekennt sich Andreas zu seinen Zweifeln, doch dann findet er die Formel seines Glaubens: "Wo ist Gott? Im Mitgefühl. In der Freundschaft. In der Liebe. In jedem einzelnen Moment." Der Geist macht sich in kleinen Gesten sichtbar, genau wie die Liebe.

Die italienische Kellnerin und Katholikin Julia gleicht noch am ehesten von Triers Protagonistinnen. Wie Bess aus Breaking the Waves hat sie eine direkte Beziehung zu Gott, mit dem sie immer wieder laut spricht. Doch Julias Gebete bleiben sehr irdisch: "Heilige Jungfrau Maria, öffne Jorgen Mortensen die Augen, mache bitte, dass er mich entdeckt!"

Was Dogma fehlte, war eine Frau - eine wie Karen, die Hauptfigur von Idioten, die Gläubige, die alle Grenzen überschreitet, die Märtyrerin, die ihre Zweifel überwindet (Bess in Breaking the waves), die Heilige, die etwas Wichtigeres als ihr eigenes Leben gefunden hat, (Selma aus Dancer in the dark). Der "katholische Marxismus" Lars von Triers kann sich nur durch solch gläubige Frauen mit ihrer "Sehnsucht nach Reinheit und Schmerz" (Georg Seeßlen) verkörpern. Aber wenn die Dogma-Brüder in Scherfig eine Bess, Karen oder Selma gesucht haben, so lagen sie völlig falsch. Lone Scherfigs Frauenbild hat nichts von der Opfervision, genauso wenig wie ihr Dogma-Begriff irgendetwas Sektiererisches hat. Italienisch für Anfänger ist eine leise Hymne auf das Alltägliche, das Wunder der menschlichen Liebe. Für ihre Protagonistinnen ist Gott nicht im Opfer, sondern - wie es Pastor Andreas formuliert - in der nächtlichen Umarmung des Liebenden.

Und "Dogma" ist für die Regisseurin nicht mehr und nicht weniger als zehn konkrete, überwiegend technische Gebote, die eine Filmsprache definieren. Opus # 12 beweist, dass damit auch schöne, poetische Liebesgeschichten erzählt werden können.

Die Internetseite von Dogma () zählt inzwischen schon 25 offiziell anerkannte Filme: 9 aus den USA, 7 aus Dänemark, jeweils ein Film aus Frankreich, Korea, Argentinien, Schweden, Italien, der Schweiz, Norwegen, Belgien und Spanien. Die Sekte scheint zu einer Weltreligion zu werden. Der Preis dafür ist die Reinheit der Lehre. Der antibürgerliche Film wird eben zwangsläufig bürgerlich.


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00:00 18.01.2002

Ausgabe 39/2020

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