Ralf Klausnitzer
Ausgabe 3913 | 09.10.2013 | 06:00 2

Forscher, wo wirst du gedruckt?

Branche Die Wissenschaftsverlage sind im Umbruch. De Gruyter wird zum Giganten, Kleinverleger suchen nach Geschäftsmodellen und das Internet ist für alle eine Herausforderung

Forscher, wo wirst du  gedruckt?

Foto: imago / PPFotodesign

Jetzt Teil von De Gruyter“ steht groß auf dem Herbstkatalog des Oldenbourg Verlags. Zusammen mit dem renommierten Akademie Verlag sind damit nun zwei weitere Häuser in den Besitz einer Unternehmensgruppe gekommen, die immer schon von Zukäufen und Fusionen gelebt hat. Das ist der vorerst letzte Beweis, wie sehr sich die Wissenschaftsverlage im Umbruch befinden.

Die Gründe sind dabei immer dieselben: Überall will man Kosten durch die Koordination von Herstellung und Vertrieb senken. Der Verleger Walter de Gruyter, er lebte von 1862 bis 1923, war noch ein Philologe durch und durch. Er wollte nur anspruchsvolle Werke verlegen, nannte die Bücher „Fleisch von seinem Fleisch“.

Seine Nachfolger dachten ähnlich. Aus dem Berliner Verlag kamen nicht nur Standardwerke wie das Klinische Wörterbuch der Medizin oder Kluges Etymologisches Wörterbuch, sondern auch renommierte Periodika und Buchreihen. Und es war De Gruyter, der den Mut aufbrachte, seit 1967 die kritische Gesamtausgabe der Werke Friedrich Nietzsches zu veröffentlichen.

Damit war der Verlag lange auf Erfolgskurs und kaufte immer neue Häuser hinzu: 1977 den linguistischen Verlag Mouton Publishers, 2006 den Wissenschaftsverlag Max Niemeyer sowie den K. G. Saur Verlag und gliederte deren Programme ein. Im April 2012 kam noch der insolvente Birkhäuser Verlag aus Basel hinzu.

Ins digitale Zeitalter

Diese Expansion blieb nicht ohne Folgen für die Mitarbeiter. So wurde der Tübinger Sitz des 1870 gegründeten Niemeyer Verlags aufgelöst. 250 Mitarbeiter hat der Supertanker der Wissenschaftsverlage heute. Die Anzahl der veröffentlichten Titel stieg auf über 800 neue Titel und mehr als 120 Fachzeitschriften, die Herausforderung durch den Medienwandel und die Globalisierung ebenso. De Gruyter betreibt seit August 2011 ein Büro in Peking und versucht, den gigantischen chinesischen Markt zu erobern; angesichts der dortigen Umgangsformen mit copyright-geschützten Hochpreis-Produkten schaut der Beobachter gebannt zu. Sprachpolitische Entscheidungen sind dabei so wichtig wie die Wahl von Partnern. Während etwa der Publikumsverlag Bastei Lübbe seinen digitalen Serienroman Apocalypsis auf Mandarin veröffentlicht und ohne Lizenznehmer auftritt, will De Gruyter den Asien-Pazifik-Raum mit englischsprachigen Inhalten und in Zusammenarbeit mit einheimischen Institutionen aufmischen.

Einen „Buchverlag“ freilich kann man De Gruyter nicht mehr uneingeschränkt nennen: Neben Papier-Büchern und eBooks vertreibt die Gruppe im Netz zunehmend Datenbanken sowie Open-Access-Angebote, die freilich kostenfrei sein sollen und dem Verlagsgedanken diametral gegenüberstehen.

Die aufwendigen Datenbanken wiederum haben ihren Preis – und werden primär von Bibliotheken gekauft. Aber sie haben auch unbestreitbare Vorteile. Wer beispielsweise die von Paul Raabe initiierte Textsammlung Der literarische Expressionismus online nutzt und augenblicklich Gottfried Benns Gedichte in ihrer typografischen Originalgestalt am Ort ihrer ersten Veröffentlichung wahrnehmen kann, wird eine solche Plattform nur loben können. Kommentierbare Zeitschriften (Blog Journals) und Open Peer Review, bei der wissenschaftliche Texte auf der Online-Plattform des Verlags zur Diskussion gestellt werden, komplettieren das Angebot.

Es ist nicht leicht, in dieser Situation zu bestehen oder gar einen neuen Verlag zu gründen. Zumal wenn es sich um einen Verlag für Geistes- und Kulturwissenschaften handeln soll, die nicht an verlegerischer Unterversorgung leiden. Man denke an C. H. Beck in München, J. B. Metzler in Stuttgart oder Böhlau in Wien, Köln, Weimar. Oder an Familienunternehmen wie Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen oder Felix Meiner in Hamburg. Daneben haben sich in den letzten Jahrzehnten viele inhabergeführte Verlage etabliert, die von einer blühenden Wissenschaftslandschaft mit publikationshungrigen Forschern und willigen Spendern für Druckkostenzuschüsse leben.

Die Geschäftsmodelle sind unterschiedlich. Seit 1979 drucken Johannes Königshausen und Thomas Neumann in Würzburg wissenschaftliche Qualifikationsschriften. Das rechnet sich. Wer einen Doktortitel in Deutschland führen will, muss seine Dissertation veröffentlichen. An Verlage zahlen sie dafür in der Regel entsprechende Zuschüsse, die sie sich von Stiftungen oder der Verwertungsgesellschaft Wort oder von hilfreichen Familienangehörigen besorgen können.

Hybride Modelle

Was aber bedeutet es, wenn die promotionsrechtliche Verpflichtung auf Bekanntmachung der Forschungsergebnisse auch durch Online-Publikationen auf den Servern der Hochschulen erfüllt werden kann? Was geschieht mit den Printverlagen, wenn Wissenschaftler ihre Dissertationen und Habilitationsschriften im Netz publizieren? Nahezu alle deutschen Universitäten haben die Bedingungen dafür geschaffen. Noch aber halten Geistes- und Kulturwissenschaftler am gedruckten Buch fest. So finanzieren sie Dissertationsdruckhäuser, die gesellschaftlich geförderte Forschungen privatwirtschaftlich verwerten – und dabei an weiteren Subventionen des Wissenschaftsbetriebs partizipieren. Man kann sich vorstellen, dass gewaltige Probleme auf diese Verlage zukommen, wenn man es nicht mehr für so nötig hält, wissenschaftliche Arbeiten auf Papier zu drucken, und online an Prestige gewinnt.

Hybride Modelle werden an Bedeutung gewinnen. Mit einer erfolgreichen Mischfinanzierung veröffentlicht der Göttinger Wallstein Verlag seit den Neunzigern schöne Bücher, mit den Erinnerungen von Ruth Klüger sowie Ausgaben von Briefwechseln (Bachmann-Celan, Benn-Zierbarth) fand er verdiente Aufmerksamkeit. Das macht es möglich, wissenschaftliche Projekte auf hohem Niveau zu realisieren. Neben Kooperationen, so mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, nutzt aber auch Wallstein die Druckkostenzuschüsse, um das verlegerische Risiko zu senken. Aufschlussreich ist schließlich der in Heidelberg ansässige Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren: Deren Gesellschafter sind international renommierte Wissenschaftler, die zugleich als hauseigene Autoren, Herausgeber und Lektoren tätig werden. Einen Wettbewerbsvorteil verspricht man sich von Produktionsstrukturen, die auf „synchrone“ und also zeitnahe Herstellung zielen; die erforderlichen Zuschüsse werden so berechnet, dass das Risiko der Erstauflage gedeckt ist. Zugleich haben Autoren die Möglichkeit, die benötigten Summen durch Eigenleistungen zu reduzieren.

Aus Liebe zum Buch

Die Bindung dieser Wissenschaftsverlage an Universitätsstädte ist sicher kein Zufall. So gibt es in Bielefeld nicht nur den Aisthesis Verlag, sondern auch den 2009 gegründeten transcript Verlag, der kulturwissenschaftliche Titel offeriert. In Hannover engagiert sich der Verleger Matthias Wehrhahn mit Neuausgaben von Texten aus dem 17. bis 19. Jahrhundert sowie mit gediegenen geistes- und kulturwissenschaftlichen Publikationen. Wer etwa den Band über den Buchillustrator Johann Heinrich Ramberg in die Hand nimmt, kann staunen: Hier wird dem königlichen Hofmaler aus Hannover, der zu den bedeutendsten Illustratoren der Goethezeit zählte, ein reich bebilderter und schön gestalteter Band gewidmet, dessen Einzelverkaufspreis wohl kaum den Einsatz aufwiegen wird.

Das ist ein grundlegendes Problem: Viele neue Wissenschaftsverlage sind Kleinunternehmen, die die Liebe zu Büchern mit den Gesetzen eines bedrängten Marktes vereinbaren müssen. Wenn sie nicht von der Unterstützung einer „Elite-Universität“ mit entsprechend ausgestatteten „Exzellenz-Clustern“ profitieren können, leben sie mit hohem Risiko. Besserung nicht in Sicht.

Zwei neue Wissenschaftsverlage

Nicht alle lassen sich entmutigen. In Berlin hat jetzt Ripperger & Kremers seine ersten Titel vorgestellt. Verleger Mirko Gemmel will Bücher produzieren, die qualitativ überzeugen und von Lesern gekauft werden können. Wer die Preise seiner Bücher studiert, versteht rasch, dass diese Herausforderung nur durch freiwillige Selbstausbeutung bewältigt werden kann. Sein Kapital stammt aus einem Kredit und von privaten Geldgebern. Schon das erste Produkt des jungen Verlags, das im März 2013 erschien, zeigt diese Zuwendung: Die Reisetagebücher und Briefe Jean Pauls, zum Teil neu aus den Hand-schriften transkribiert und selbst gesetzt, sind in blaues Leinen gebunden.

Das Programm umfasst wissenschaftliche Monografien, so über die Literaturforscherin Käte Hamburger. Es gibt Sammelbände, etwa einen Band zum Motiv der Bibliothek, der auf ausgewähltem Papier gedruckt werden musste. Der Satz wird im Verlag selbst angefertigt und nicht wie bei vergleichbaren Verlagen den Autoren überlassen. Für die Zukunft ist eine Reihe eBooks geplant.

Das eBook für den Wissenschaftsbetrieb erschließen will auch die Literaturwissenschaftlerin Christiane Froh- mann. In ihrem Frohmann Verlag, der sich auf elektronische Bücher spezialisiert hat, erscheint neu eine von Stephan Porombka konzipierte Reihe. Der für Oktober angekündigte zweite Band
ist sinnigerweise ein Buch über Twitterliteratur.

 

Ralf Klausnitzer lehrt Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 39/13.

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