„Wilhelm Tell“ von Milo Rau in Zürich: Völlig daneben

Theater Milo Raus „Wilhelm Tell“ am Schauspielhaus Zürich missrät zur Plattitüden-Revue
Schlingensief verstörte, aber hier sind alle die Guten
Schlingensief verstörte, aber hier sind alle die Guten

Foto: Falvio Karrer

Auch gefeierte Regisseure greifen mal daneben. Um die angekündigte Wilhelm-Tell-Inszenierung des politischen Aktivisten, Filme- und Theatermachers Milo Rau am Züricher Schauspielhaus hatte es schon im Vorfeld Tamtam gegeben. Ein Castingaufruf forderte die Schweizer*innen zum Mitmachen auf; alle Orte des Tell-Mythos in der Schweiz wurden vom Team abgeklappert. Dort fragte es die Menschen: „Was ist Tell für dich heute? Was bedeutet Freiheit für dich?“

Ein paar Tage vor der Premiere bestellte Rau einen Schamanen in den Neuanbau des Züricher Kunsthauses. Der Anbau gegenüber dem Theater ist seit seiner Eröffnung 2021 sehr umstritten, weil er die Kunstsammlung des Waffenfabrikanten Emil G. Bührle beherbergt. Der Schamane reinigte den Bau von dessen „negativer Energie“; also der „Energie“ eines Profiteurs des Nationalsozialismus, der die Bilder für seine Sammlung nicht selten von jüdischen Flüchtenden kaufte. Zur Premiere hingen in Tell’scher Revolutionsmanier Banner über den Eingängen zum Saal, auf denen der Aufruf „Hängt den Bührle an ein Schnürle“ prangte. Außerdem war im Vorfeld eine symbolische Hochzeit zweier Laiendarsteller abgehalten worden, von denen sich einer illegal in der Schweiz aufhält. Damit sollte auf die Lage der geflüchteten Menschen ohne Pässe hingewiesen werden, der Sans-Papiers.

Auftritt im SS-Kostüm

Bei diesem Vorlauf an politischen Aktionen und medialen Events konnte man durchaus hohe Erwartungen an diese Tell-Interpretation haben. Und das Thema des Stoffs – Freiheit – bot sich ja an: Gerade während der Pandemie gingen so viele Menschen wie lange nicht auf die Straße, um ihr jeweiliges Recht auf Freiheit einzufordern, mit unterschiedlichster Motivation.

Aber denkste.

Vor dem roten Vorhang geht der Abend mit ein paar Hockern und zu Klängen von E-Gitarre und Kontrabass betont tiefenentspannt los. Und weil es um den jeweils persönlichen Freiheitsbegriff geht, darf sich jeder erst mal ausführlich vorstellen. Karin erzählt von der Dorftheatergruppe ihrer Jugendzeit und dass die deutsche Kollegin Maja jeden Berg in der Schweiz für das Wallis hält. Gelächter. Michael sagt, er habe schon mal im Fernsehen beim Tell mitgespielt und dabei eine Lederkappe aufgehabt. Sebastian Rudolph tritt im SS-Kostüm auf und erinnert sich an seine Hamlet-Zeit vor zwanzig Jahren auf ebendieser Bühne, die Inszenierung von Christoph Schlingensief, bei der ausgestiegene Neonazis mitgespielt hatten. Mit dem einen, Jürgen, habe er sich sogar angefreundet, obwohl sie doch so unterschiedlich gewesen seien. Schlingensief sei auf der Bühne im SS-Kostüm mit einer Kamera rumgerannt und habe immer gerufen: „Stopp, was ist hier los?“

Ja, eben: Was ist hier eigentlich los? Das fragt man sich als Zuschauerin auch nach den anfänglichen Minuten, die mit diesem banalen Geplänkel vergehen. Und in diesem Stil geht es weiter. Das Konzept hinter der Inszenierung wird erläutert (siehe oben) und dass man Menschen gecastet und getroffen habe, gleich würden sie kommen. Dann lernen wir diese Menschen kennen, die entweder in Erzählungen oder in Dialogen, wo spontanes Kennenlernen gespielt wird, von sich berichten. Denn „wenn man nur genau zuhört“, heißt es im Singsang, „dann ist jeder von uns die ganze Welt und in allen steckt die Schweiz“.

Die Schweiz ist zum Beispiel Jäger Cyrill, der vom Jagen erzählt, und die Schweizer Soldatin Sarah, die im Syrienkrieg war, oder Hermon aus Eritrea, der keinen gültigen Pass besitzt. Doch diese Berichte sind streckenweise so dermaßen unkonkret und allgemein, dass ein wirklicher Kontakt zu den Erlebnissen dieser kuratierten Schicksalsauswahl nicht zustande kommt. Nur bei Irmas Geschichte scheint die Verflechtung von politisch geduldeter, struktureller Gewalt und persönlicher Geschichte auf, wie es auch bei Schillers Tell Thema ist: Der Staat entriss sie der alleinerziehenden Mutter, steckte sie in ein Heim und stellte sie später als Zwangsarbeiterin einer Weberei zur Verfügung, die wiederum dem Waffenfabrikanten Bührle gehörte.

Als wäre man verblödet

Ansonsten schreitet der Abend von einer Plattitüde zur nächsten. Das alles in einer Art Healing-Gestus – ständig wird gesummt (wirklich!), erklingt die Gitarre und nach ihren Geschichten werden die Erzählenden tröstend umarmt. Die Stimmung sakral, andächtig: Als würde man gemeinsam eine Gruppentherapie machen. Irgendwann fängt man dann aber an, sich richtig zu ärgern, wie einem hier so ganz plakativ die Gegenwartsprobleme erzählt werden – als wäre man irgendwie verblödet und hätte im Leben noch nichts von Polizeigewalt, Rassismus, Benachteiligung von Menschen mit Einschränkungen und kapitalistischer Ausbeutung gehört. Am befremdlichsten ist jedoch die bizarre Art, mit der sich Milo Rau hier zum Nachfolger von Christoph Schlingensief stilisiert, worauf auch im Programmheft mächtig herumgeritten wird. Weil dessen Hamlet ein Re-Enactment einer historischen Inszenierung mit Gustaf Gründgens war, wird auch hier eine Tell-Inszenierung von 1939 zur Vorlage für einige Szenen, die das Ensemble zu historischen Tonaufnahmen vom Band nachspielt. Warum auch nicht, nur: Dass viele Christoph Schlingensief so schmerzlich vermissen, liegt daran, dass er eben völlig zu verstören wusste. Bei ihm wusste man nie, was los war, ganz im Gegenteil. Und darin lag die große Kunst: radikal neue Perspektiven auf die Gegenwart, auf die man selbst nie gekommen wäre. Schlingensief war gegen das Umarmen und für den Widerspruch. Bei Rau sind sich alle einig, sind alle auf derselben Seite, alle sind die Guten. Doch worüber wollen wir dann überhaupt noch reden, streiten, diskutieren?

Wilhelm Tell Milo Rau, nach Friedrich Schiller, Schauspielhaus Zürich

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